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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren: besuche teil 1
Eingestellt am 16. 02. 2001 07:19


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flammarion
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Old Icke macht Besuche

Als ich das 1. Schuljahr absolvierte, erreichte einer unserer Lehrer das Rentenalter. Er verabschiedete sich von uns mit den Worten: "Ich w├╝rde mich sehr freuen, wenn Ihr mich mal besuchen w├╝rdet, ich wohne in der Tasso-Stra├če." Diese Stra├če kannte ich, da waren wir k├╝rzlich vorbeigekommen, als Ida ein Amt in der Parkstra├če aufzusuchen hatte.
An einem herrlichen Feriensommersonntag fa├čte ich den Entschlu├č, bei dem strahlenden Sonnen-schein nicht in die dustere Kirche zu gehen, sondern einen Spaziergang zum Wei├čen See zu machen (das war die Grundsteinlegung zu meinen sp├Ąteren Wanderungen). Am Wei├čen See gab es mehrere Wiesen, auf denen viele verwilderte Gartenblumen bl├╝hten. Ich pfl├╝ckte hier eine und dort zwei, und immer so weiter, bis ich einen gro├čen Strau├č zusammen hatte, der mir sehr gut gefiel. Ich stellte mir vor, wie ich ihn der Ida ├╝berreichte und h├Ârte sie sagen: "Wat soll ick denn mit det Unkraut, du dummet Polk?" Ich war schon im Begriff, den Strau├č am Wegesrand abzulegen in der Hoffnung, da├č er einem Vor├╝bergehenden gefallen w├╝rde, da fiel mir die Einladung des Lehrers ein. Die Tasso-Stra├če war ja hier ganz in der N├Ąhe, und vielleicht gefiel dem netten alten Herrn der Strau├č! Gedacht, getan. Sein mit S├Ąulen reich verziertes Wohn-haus erschien mir wie ein Schlo├č. Z├Âgernd dr├╝ckte ich den Klingelknopf. Das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf. Ich war schon drauf und dran, hasenf├╝├čig davonzulaufen, als die T├╝r aufging und eine freund-liche Dame von unbestimmbarem Alter mich anl├Ąchelte und fragte: "Na, du Kleine, was f├╝hrt dich zu uns?"
Sie hatte ein unauff├Ąlliges Make-up und eine tadellose Frisur und sie trug ein geradegeschnittenes helles Leinenkleid mit dezenter Folklorestickerei. Ich hatte nie zuvor eine so elegante Erscheinung gesehen. Endlich fand ich die Sprache wieder und sagte hastig: "Ick wollte den Leera besuchen, er hat ja unse janze Klasse injeladn, aba ick jloobe, die annan wern nich komm." Ihr L├Ącheln wurde noch freundlicher: "In welche Schule gehst du denn?" - "Ick jeh in der siehmten Schule, un da in der erstn Klasse, det hee├čt, ick komm in der zweeten, wenn die Schule wieda losf├Ąngt." - "Na, dann komm mal rein, meine Kleine. Mein Mann ist zwar nicht zu Hause, aber du wirst sicher gern ein paar Kekse essen wollen." Diese Aussicht entz├╝ckte mich. Kekse gab es bei uns bestenfalls zu Weihnachten. Ich rief: "Au ja! Au jaa! Keekse e├č ick f├╝r mein Lehm jern!" Ich begann unwillk├╝rlich zu gestikulieren, wobei mir endlich auch der Grund meines Besuches in die Augen fiel. "Ick ha ooch Bluhm mitjebracht. Is ja man allet blo├č Unkraut, aba h├╝bsch, nich?" - "Oh ja, das ist ein wundervoller Sommerstrau├č. Wo hast du den denn gekauft?" - "Ach nee! Nee, nee, Mensch, f├╝r koofn ha ick doch keen Jeld nich. So ne Bluhm wachsn am Wei├čn See uffe Wiese, da ha k se her." - "Ach, wie lieb! Ein selbstgepfl├╝ckter Strau├č! Und so h├╝bsch zusammengestellt!" - "Nee, nee, ick ha blo├č een Stiel zun annern jeleecht." Sie blickte mich irritiert an, sah aber sofort, da├č da keine Bosheit, sondern nur kindlicher Unverstand sprach. Sie f├╝hrte mich in ihre kleine K├╝che, die ich als h├╝bsch und reinlich empfand, tat die Blumen in eine passende Vase (die Art, wie sie mit dem Strau├č umging, verschaffte mir ein wahres Gl├╝cksgef├╝hl - hier wurde etwas geachtet, das ich nach meinem Geschmack geschaffen hatte!) und gab mir ein duftendes St├╝ck Seife, damit ich mir vor dem Essen die H├Ąnde waschen konnte, denn ich hatte ja w├Ąhrend des Blumenpfl├╝ckens auf der Pr├Ąrie mit B├Ąren und W├Âlfen gerungen, mit Indianern Blutsbr├╝derschaft geschlossen und B├╝ffel gejagt, war durch tiefe W├Ąlder und S├╝mpfe gezogen und sah nun auch ganz danach aus. Als ich sauber war, war auch der Kakao warm (Kakao, noch so etwas, das ich sonst nur zu Weihnachten bekam!) und die Kekse wurden in die Stube getragen, wo wir uns an einen kleinen runden Lacktisch setzten, der mit reicher Intarsienarbeit verziert war. Der Tisch war so sch├Ân, da├č ich es kaum fassen konnte, da├č Teller und Tassen darauf gestellt wurden! W├Ąhrend die Lehrersfrau den Kakao eingo├č, gab ich meiner Verwunderung Ausdruck: "Ick d├╝rf inne Schtube? Bei Oma kommt der Besuch nur inne K├╝che." - "Ja, warum das denn?" - "Weil wir inne Schtube blo├č een Stuhl ham, un da leje ick imma ahms meine Sachen ruff, wenn ick im Bett jehe." Sie verkniff sich m├╝hselig das Lachen und fragte: "Ja, wird denn der Stuhl dadurch unbenutzbar?" Ich merkte, da├č ich mich falsch ausgedr├╝ckt hatte und z├Ąhlte nun das gesamte Mobiliar nebst Standort auf. Sie bremste mich bald: "Ist ja gut, Kleine, das brauchst du mir doch gar nicht alles zu erz├Ąhlen." Hastig fiel ich ein: "Nee, nee, ick will ja man blo├č, det Sie mir richtich vaschteehn." Sie seufzte: "Es ist tats├Ąchlich nicht ganz einfach, Dich zu verstehen. Du sagtest vorhin, Du gehst in der siebenten Schule und in der ersten Klasse; aber es ist doch nicht so, da├č Du da den ganzen Tag hin- und herl├Ąufst. Du gehst in DIE Schule und in DIE Klasse. Ebenso verh├Ąlt es sich mit Deinem Bett. Ich kann mir nicht vorstellen, da├č Deine Oma Dir erlaubt, im Bett herumzulaufen. Es mu├č also hei├čen: Ich gehe ins Bett, nicht im." Stark beeindruckt, sagte ich nun: "Det wer ick ma merkn. Det is ja doll, ej, det so n pa Buchschtahm jleich n janz annern Sinn jehm!" (Genaugenommen weckte diese Frau meinen Intellekt und pflanzte eine innige Liebe zur deutschen Sprache in mich, die sp├Ąter durch die Freundin meiner Mutter weiter entwickelt wurde. Ich lernte an jenem Tag mehr als in einer Schulwoche.)
In der Zwischenzeit hatte ich mit gutem Appetit die k├Âstlichen Kekse restlos verzehrt. Die Lehrersfrau ging in die K├╝che, um Nachschub zu holen. W├Ąhrenddessen blickte ich mich im Zimmer um. Nie zuvor hatte ich soviel fremdartigen Zierrat gesehen wie hier. Als die Frau wieder hereinkam, sagte ich (ganz Ida): "Na, Sie ham aba ne Menge Schtaubf├Ąnga." Erschrocken fragte sie: "Wo siehst du Staub, Kind?" - "Nee, nee, det is schon allet prima sauba hier, aber hier stehn ├╝baall ne Menge Schtaubf├Ąnga." - "Ja, was ist denn das? Zeig mir doch mal einen!" - "Na, ditte da!" sagte ich ├╝berlegen und wies auf die Figuren und ausgestopften Tiere auf dem Schrank, auf die afrikanischen Schilde und die japanischen Schwerter an der Wand, das aus Elfenbein geschnitzte indische Schachspiel auf dem Nebentisch und die chinesische Deckelvase in der Zimmerecke. W├Ąhrend ich gen├╝├člich Kekse knabberte, erkl├Ąrte sie mir Herkunft und Bedeutung jedes Gegenstandes. Sie erkl├Ąrte so viel, da├č ich am Ende nur begriff, da├č es sich bei all den Gegenst├Ąnden um Reiseandenken von ihr und ihrem Mann handelte, und ich erz├Ąhlte ihr von der Brockenhexe, die Gerda k├╝rzlich der Ida von einer Harzreise mitgebracht hatte (dieser Staubf├Ąnger wanderte in der folgenden Heiz-periode in den Ofen). Ich wollte zum Schlu├č noch etwas Nettes sagen: "Det is ja janz irre schnafte, det Sie so ville sch├Âne Kinkerlitzchen hahm!" Sie erwiderte ernst: "Ich wundere mich immer wieder, wie du mit unserer sch├Ânen deutschen Sprache umgehst. Sie hat es nicht verdient, so verschandelt zu werden." Ich sp├╝rte, es w├Ąre ihr lieb gewesen, wenn ich nun bald den Heimweg antreten w├╝rde, aber ich konnte mich nicht trennen von dieser Frau, die so grundverschieden von allen mir bekannten war. Ich wollte ihre ruhige, angenehme Stimme noch mehr vornehme und gebildete Worte sagen h├Âren. Ich geno├č es au├čerordentlich, einmal als Mensch behandelt zu werden und nicht als "dummet Polk". So stellte ich mich dumm und fragte mit schiefgelegtem Kopf: "Die deutsche Schprache is sch├Ân? Ja, jibts denn noch andre?" - "Aber gewi├č doch, Kind, es gibt noch sehr viele andere Sprachen. Du hast mir doch vorhin erz├Ąhlt, da├č du einen Film gesehen hast, der in Afrika spielte ("Der 15 j├Ąhrige Kapit├Ąn" nach Jules Verne)." Schnell fiel ich ihr in die Rede: "Ja, aba da ham ooch die Neejas deutsch jeschprochn!" - "Oh nein, der Film wurde synchronisiert, d.h. es wurde alles ins Deutsche ├╝bersetzt, damit du es verstehst." - "Aha. Un wie schprechn nu die Neejas?" Nachdem sie mir einiges ├╝ber Negerst├Ąmme und ihre Dialekte (unter Hinweis darauf, da├č ich einen f├╝rchterlichen berliner Dialekt sprach) sowie ├╝ber Kolonialismus erz├Ąhlt hatte, kam der Lehrer nach Hause. Er begr├╝├čte mich h├Âflich, freute sich ├╝ber den Strau├č (oder tat zumindest so) und fragte: "Wie lange darfst du denn bleiben?" Ich sp├╝rte, da├č seine Einladung, ihn zu besuchen, nur eine Floskel gewesen war und da├č seine Heimkunft f├╝r seine Frau die Erl├Âsung von mir bedeutete. Ich antwortete ├╝bertrieben munter: "Wenn die Jlockn bimmeln, mu├č ick zu Hause." Er berichtigte gewohnheitsm├Ą├čig: "Nach Hause." Dann sah er auf seine Armbanduhr und konstatierte: "Die Glocken werden in einer halben Stunde l├Ąuten. Da du einen weiten Weg hast, schlage ich vor, da├č du dich jetzt verabschiedest. Weil wir uns aber kaum miteinander unterhalten konnten, schenke ich dir etwas, woran du hoffentlich viel Freude hast." Er holte aus der untersten Schublade eines Rokkokoschrankes ein kleines Segelschiff hervor, einen Dreimaster. Ich h├Ątte vor Freude am liebsten einen hohen Luftsprung gemacht, aber ich wu├čte, da├č ich mich in dieser Wohnung schon oft genug f├╝r einen Tag danebenbenommen hatte. So l├Ąchelte ich mein allergr├Â├čtes Dankesch├Ân: "Oh, det d├╝rf ick behalten?" - "Ja, das darfst du behalten, und wenn du magst, dann besuch uns bald wieder." Diese Einladung schmeichelte mir, und ich jubelte: "Det mach ick!" Gleichzeitig war ich mir gewi├č, da├č ich meinen Fu├č nie wieder auf ihre Schwelle setzen w├╝rde, denn die heimlichen Blicke, die sie miteinander tauschten, offenbarten mir, da├č ich f├╝r sie ebenso exotisch war wie ihre Andenken aus aller Welt.
Der Heimweg f├╝hrte mich am Wei├čen See vorbei, wo ich auf die Idee kam, sehen zu wollen, wie das Schiff schwimmt. Ich setzte es aufs Wasser. Es schwamm leicht kr├Ąngend ein St├╝ck am Ufer entlang, bis eine Welle es aus meiner Reichweite f├╝hrte. Ich versuchte, es mit einem Stock zu mir zu ziehen, aber der Stock war zu kurz. Mit gro├čer Trauer sah ich zu, wie das Schiff mehr und mehr zur Seemitte hintrieb. Ich gab es verloren und trottete heim.
Erst nach 20 Uhr war ich zu Hause. Ich erz├Ąhlte zu meiner Entschuldigung wahrheitsgem├Ą├č, wo ich war und was ich erlebt hatte. Ida sagte: "Na jut, sattjejessn biste also, da kann ick mir det Ahmdbrot sparn." Dann fragte sie: "Warum haste denn det Schiff nicht einfach erstma mit nach Hause jebracht, du dummet Polk?" - "Weil so n Seejelschiff Jungsschpielzeuch is un du det beschtimmt wieda an irrjend een Jung vakooft oda vaschenkt h├Ąttst!" - "Richtich," konstatierte sie, "un nu ab int Bette."

Ein paar Monate sp├Ąter:

Eine Klassenkameradin namens Helga hatte mich nach Schulschlu├č zu sich eingeladen, damit wir zusammen spielen k├Ânnten. Es war meine erste Einladung, so h├╝pfte ich munter ne-ben ihr her. Sie sagte: "Bei mir zu Hause darfste aber nich so springen!" - "Nee, nee", tr├Âstete ich sie, "ick wee├č schon, det man inne Wohnung schtille is!" Wir spielten in ihrem Zimmer Karten und "Mensch ├Ąrgere dich nicht". Sie lehrte mich Halma und M├╝hle. Dann kam ihre Mutter nach Hause und es gab Kaffee und Kuchen. Mitten in der Woche! Ich lie├č es mir schmecken und verspr├╝hte meine Originalit├Ąt in der st├Ąndigen Wiederholung erstaunter Ausrufe: "Ach, du jr├╝ne Neune! Ach, du jr├╝net Ei! Ach, du jr├╝ne Tinte! Ach, du jr├╝ner Himmel!" Ich ignorierte ganz einfach, da├č ich allen auf die Nerven ging. Es gefiel mir hier. Hier wurde weder geschimpft, noch ├╝ber Abwesende hergezogen, hier wurde ich nicht bevormundet. Wir spielten, bis die Mutter fragte, wann ich nach Hause mu├č. Ich wollte den Fehler nicht wiederholen, zu sagen, da├č ich beim Glockenl├Ąuten erwartet wurde. Ich sagte: "Ne Weile kann ick schon noch bleim, uff mir wartet keena." Dann gab es Abendbrot mit Wurst- und K├Ąsesorten, die mir unbekannt waren. Aber es stand auch Schmalz auf dem Tisch. Das schmeckte gut! Ich a├č vier Stullen und ignorierte die Bemerkung der Mutter ├╝ber meinen undamenhaften Appetit. Nach dem Abendbrot fragte sie: "Wird sich denn deine Oma auch keine Sorgen machen, wenn du so lange wegbleibst?" Die Sorgen g├Ânnte ich ihr, denn sie hatte mir am Vortag wegen einer Nichtigkeit eine saftige Maulschelle verpa├čt. Ich sagte also: "Nee, um mir macht sich keena Sorjen." Helga machte mich nun darauf aufmerksam, da├č es Zeit zum Schlafengehen war. Ich h├Ątte gern bei ihr ├╝bernachtet, ja, ich w├Ąre am liebsten ├╝berhaupt nicht mehr nach Hause gegangen. Aber ihre Mutter sagte, da├č sie an einem Kind mehr als genug hat. So trat ich den Heimweg an. Nat├╝rlich hatte Ida sich Sorgen gemacht. Im ersten Moment war diese Erkenntnis sehr wohltuend f├╝r mich, aber die dazugeh├Â-renden Beschimpfungen und Schl├Ąge lehrten mich, nie wieder derartige Sorgen zu verursachen.
Am anderen Tag sagte Helga zu mir, da├č ihr verboten wurde, mit mir zu spielen. Ich bellte: ÔÇ×Ick darf mit dir ooch nich mehr spielen.ÔÇť drehte mich um und lief weg.

Im darauffolgenden Sommer:

Da ich von meinen Klassenkameraden f├╝r meinen sonnt├Ąglichen Kirchgang geh├Ąnselt wurde, beschlo├č ich, nicht mehr in die Kirche zu gehen. Ich ging nun an den Sonntagen spa-zieren. M├Âglichst dort, wo es gr├╝n war, also durch die G├Ąrten. So kommt man - ob man will oder nicht - von Wei├čensee ├╝ber Heinersdorf nach Pankow. Kaum festgestellt, war ich auch schon auf dem Weg zu Gerdas Haus. Ich freute mich darauf, sie au├čer der Reihe zu sehen.
Vor der Haust├╝r kontrollierte ich, ob meine H├Ąnde sauber waren. Diesmal waren sie es - ich konnte sie unbesorgt der Tante zur Begr├╝├čung reichen. Rasch strich ich noch das Kleid und die Haare zurecht, dann zog ich die Klingel. Es dauerte einen Moment, ehe die T├╝r ge├Âffnet wurde. Ich wurde vor Freude schon zapplig - was wird Tante Gerda zu dieser ├ťberraschung sagen? Sie wird sich freuen, ganz bestimmt wird sie sich freuen, denn ich bin doch wohl ein lieber Besuch! Sie wird mir eine Tasse Milch warm machen oder vielleicht hat sie sogar rote oder gelbe Brause (Limonade) da? Ich strahlte ├╝ber das ganze Gesicht, als sie endlich die T├╝r ├Âffnete. Mich erkennend, erbleichte sie. Sie fragte angstvoll: "Is wat passiert mit Oma?" Ich sch├╝ttelte den Kopf und wunderte mich, da├č sie meine Gru├čhand ├╝bersah. "Ja, warum kommst de denn her? Is wat mit Irma?" Ich verneinte und sagte: "Ick wollte Euch besuchn komm, nur mal so, weil ick jrade in de N├Ąhe wa." - "Wieso waast du hier jrade inne N├Ąhe? Wat suchst du in Panko?" Ich sagte, da├č ich sonntags immer spazieren gehe. "Soso, schpatziern jehn un Besuche machn. For sowat biste doch noch ville zu kleene, Mensch!" Sie zog ihre Kittelsch├╝rze aus, schl├╝pfte in Kleid und Schuhe, setzte ihr H├╝tchen auf, schrieb ihrem Mann, der auf dem Fu├čballplatz war, einen Zettel, nahm mich bei der Hand und fuhr mit mir nach Hause zu Ida, wo sie mich wie ein Fundst├╝ck abgab. So war ich gr├╝ndlich und f├╝r alle Zeiten davor gewarnt, irgendwo unangemeldet als Besuch zu erscheinen.
Etliche Jahre sp├Ąter - ich war gerade Mutter geworden - fa├čte ich dann doch noch einmal den Entschlu├č, Gerda unangemeldet zu besuchen. Ich wollte das nach Idas Tod zwischen uns zerrissene Band neu kn├╝pfen, meine Tochter der Familie vorstellen und nach M├Âglichkeit Gerda zur Oma meiner Tochter deklarieren. Wieder stand ich erwartungsfroh vor ihrer T├╝r, fest davon ├╝berzeugt, da├č das kleine B├╝ndel Mensch in meinem Arm l├Ąngst verklungene Saiten wieder zum Klingen bringen w├╝rde. Es war wie damals. Ich wunderte mich nicht dar├╝ber, da├č es eine Weile dauerte, ehe die T├╝r ge├Âffnet wurde, das kannte ich ja noch. Alfred ├Âffnete. Oh Wunder, er war nicht auf dem Fu├čballplatz! Er blickte mich giftig an und sage: "DU??? Wat willst du denn hier uff n Sonntachnachmittach?" Er drehte sich um und lie├č die T├╝r offen. Ich war von diesem Empfang durchaus nicht entmutigt. Ich trat ein und fragte: "Is Tante Gerda zu Hause?" Da h├Ârte ich schon ihre Stimme: "Wer isset denn, Pappa?" Er brummte irgendetwas, lie├č sich in den Sessel fallen und steckte sich eine Zigarette an. Gerda war im Nachthemd. Ich hatte nicht im geringsten geahnt, da├č ich das alte Ehepaar beim Mittagsschlaf st├Âren k├Ânnte. Sie kicherte: "Ach, du bist det?! Nach so ville Jahre! Wat haste denn da uff n Arm, Mensch? Ach, is der s├╝├č! Is doch n Junge, wa? Biste vaheirat? Na, nu setz dir ma hin, ick koch uns n Kaffe." Ich folgte ihr in die K├╝che. Erstens wollte ich nicht mit Alfred alleine sein und meine kleine Tochter seinem Zigarettenqualm aussetzen, zweitens kam mir Gerda ein bi├čchen wacklig auf den Beinen vor und drittens wollte ich ihr beim Tischdecken helfen. Ich erz├Ąhlte ihr rasch alles Wissenswerte. Sie kicherte immer wieder. So kannte ich sie gar nicht! Erst am Kaffeetisch beruhigte sie sich langsam. Alfred hatte inzwischen den Fernseher eingeschaltet. Damals hatten noch nicht viele Leute einen Fehsehapparat. Ich fand es toll, ein Kino in der Wohnung zu haben, wo man sich gleich an Ort und Stelle mitten im Film ├╝ber das Geschehen unterhalten konnte. Ich wunderte mich, da├č man mir nicht antwortete. Pl├Âtzlich sagte Alfred zornig: "Wenn de nich gleich de Klappe h├Ąltst, fliechste! Is sowieso ne Unvascheemtheit, hier ufft Wochende unanjemeldt uffzukreuzn, unvaheirat mit m J├Âr!" F├╝r einen Moment blieb mir die Luft weg. Dann sagte ich schnoddrig: "Du hast damals die Zeit nich jenutzt, um mir Moral beizubring. Nu isset zu schpeet." Gerda sch├╝ttelte den Kopf: "Ihr werdt euch doch jetz hier nich zankn! Wat vorbei is, is vorbei, la├čt ma die Vajangheit ruhn!" Ohne es zu wollen, hatte sie mir mit diesen Worten klargemacht, da├č sie absolut nicht meinen Vorstellungen von der Oma meiner Tochter entsprach. Ich stand auf, um mich zu verabschieden. Sie brachte mich zur T├╝r und sagte: "Ick hab mir sehr jefreut, det du dir ma hast blickn lassn. Komm ruhich ma wieder mit det Kleene, wenn Pappa nich da ist." Ich nickte und war mir dessen sicher, da├č ich sie nicht besuchen werde. Es widerte mich an, da├č sie einen Mann, der als Vater v├Âllig ungeeignet war und auch keine Kinder hatte, "Papa" nannte.
Drei├čig Jahre sp├Ąter fiel mir ihr sonderbares Verhalten wieder ein. So reagiert man nicht, wenn man aus dem Schlaf gerissen wurde! Dieses Taumeln, dieses Kichern! Sie im Hemd und er komplett bekleidet! Bleibt nur die Vermutung, da├č er ihr etwas eingegeben hatte, damit sie sein s├╝├čes, kleines M├Ądchen ist! Na, immer noch besser, als wenn er die kleinen M├Ądchen auf der Stra├če ansprechen w├╝rde!


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Old Icke

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flammarion
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steht dr├╝ber, weil ich f├╝rchtete, nicht alles posten zu k├Ânnen. sorry, das kapitel ist komplett! liebe gr├╝├če an alle
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Old Icke

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