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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren: die moabiter
Eingestellt am 26. 03. 2001 11:00


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flammarion
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Die Moabiter

Idas Ziehsohn und Neffe, Bruno S., war im Krieg ausgebombt worden. Die Familie fand Unter-kunft in sogenannten Nissenh├╝tten in Berlin-Moabit, daher wurden sie von da an "die Moabiter" ge-nannt. Regelm├Ą├čig fuhr Ida dorthin zu Besuch. Diese Besuche waren f├╝r mich eine gesuchte Ab-wechslung, aber nicht gerade die reinste Freude.
Wir fuhren mit der Stra├čenbahnlinie 3 bis zur Endstation "Bornholmer Stra├če", wo wir eilends ├╝ber die "Millionenbr├╝cke" liefen, um die Anschlu├čbahn im Westen zu erreichen. Das war f├╝r mich eine ziemliche Strapaze. Auf der Br├╝cke war es so eng, da├č kaum drei Menschen nebeneinander ge-hen konnten. Ida kam mit mir an der Hand nicht so schnell vorw├Ąrts, wie manch ein r├╝cksichtsloser J├╝ngerer es gerne gehabt h├Ątte, so wurden wir oft unsanft angesto├čen, zumal wir auch stets umfang-reiches Gep├Ąck mit uns f├╝hrten (Geschenke f├╝r "die Moabiter" sowie Kocht├Âpfe und andere Dinge, die Bruno reparieren sollte). Dann fuhren wir noch eine ganze Weile mit der Stra├čenbahn, bis wir am Ziel waren. Die Stra├čenbahnfahrt wurde f├╝r mich bald langweilig; immer nur auf Ruinen zu gucken ist nicht gerade erbaulich f├╝r ein kleines Kind. Ich fragte mehrmals ungeduldig: "Wenn sinn wa denn nu endlich da?" Ida antwortete: "Bald." Ich wurde richtiggehend w├╝tend, wenn sich herausstellte, da├č "bald" erst nach zehn Stationen war! Konnte sie denn nicht die Wahrheit sagen? F├╝r mich war "bald" schlimm-stenfalls die dritte Station, eine Fahrt ├╝ber zehn Stationen, auf ihrem Scho├č sitzend, ohne von ihr unterhalten zu werden, war eine Zumutung f├╝r mich. Ich sollte stillsitzen und abwarten, w├Ąh-rend drau├čen die Stadt an mir vorbeizog, ohne da├č ich jemals erfragen durfte: "Warum ist dieses Haus h├Âher? Warum hat jenes Haus breitere Fenster? Warum sind in dieser Stra├če alle H├Ąuser ganz geblieben? Wohnen hier andere Menschen, als wir es sind?"
Ich war drei Jahre alt, als wir einmal einen schweren Sturm in Moabit erlebten. Er k├╝ndigte sich mit Blitz und Donner an, der Himmel verd├╝sterte sich, und Tante Lotte sagte: "Schnell, helft ma alle mit, die W├Ąsche und die Jartenm├Âbel rinzuholn!" Ich brauchte dabei nat├╝rlich nicht mitzutun, ich war ja noch viel zu klein und allen nur im Wege. Als alles Brauchbare im Haus war, blieb die T├╝r noch einen Moment offen, denn der Letzte, der hereinkam, hatte keine Hand frei, um sie zu schlie├čen. Ich stand auf der Schwelle, hielt mich am T├╝rrahmen fest und beobachtete das niegekannte Unwetter. Pl├Âtzlich warf der Wind die T├╝r zu und klemmte meine Finger ein. Ich war so erschrocken, da├č ich nicht einmal schreien konnte. Ich trug die schmerzende Hand zu Onkel Bruno, der sofort sah, was geschehen war. Er pustete auf meine geschwollenen Finger und verband sie mit weichem Mull. Seine F├╝rsorge war unerh├Ârt wohltuend f├╝r mich. Die Hand blieb tagelang im Verband. Danach konnte ich beobachten, wie sich von drei Fingern die N├Ągel l├Âsten. Der Nagel des Ringfingers wuchs in zwei H├Ąlften nach, aber auch dagegen hatte unser Hausarzt ein Mittel parat. Erst seit 1991, wo wir das "min-derwertige" DDR-Essen nicht mehr bekommen und daf├╝r das "gute" Westessen haben, spaltet sich der Nagel wieder . . .
Das einzig Wichtige in Moabit war f├╝r mich Onkel Bruno. Er war lange Zeit der einzige Mann, den ich kannte, und entsprechend liebte ich ihn. Sobald ich seiner ansich-tig wurde, flog ich ihm an den Hals und konnte nicht genug davon bekommen, von sei-nen kr├Ąftigen Armen hochgeworfen und wieder aufgefangen zu werden. Ich jauchzte dabei und k├╝├čte und herzte ihn, wie ich nur irgend konnte und k├╝mmerte mich nicht im geringsten darum, da├č seine Kinder mit langen Gesichtern zusahen. Er war MEIN ON-KEL. Er war nach meiner Meinung dazu verpflichtet, mich lieb zu haben. Und seine Kinder hatten ihn ja t├Ąglich, aber ich hatte ihn nur ein paar Minuten. Dennoch waren sie arg b├Âse mit mir, da├č ich mir erlaubte, ihren Vater so zu ├╝berfallen. Versteht sich, da├č sie mir alles zuflei├č taten, was sich unauff├Ąllig tun lie├č. Auch seine Frau r├╝gte mein Be-nehmen. Sie war eine ernste, resolute Person, h├Ąufig sehr streng mit ihren Kindern. So streng, da├č ich zu der ├ťberzegung kam, da├č es ganz bestimmt besser ist, von einer OMA erzogen zu werden, als von einer Mutter.
An einem warmen Fr├╝hlingstag im Jahre 1948 - ich war also gerade vier Jahre alt - ging Ida mit mir und Grete L. zum Friedhof, das Grab ihres Mannes zu gie├čen. Grete L. hatte sich erboten, gegen ein geringes Entgeld diese Pflicht f├╝r den Sommer zu ├╝ber-nehmen und sollte nun erfahren, wo es sich befindet. Zwischen den alten verwilderten Gr├Ąbern hatten Singv├Âgel ihre kleinen Nester gebaut, und immer wieder h├╝pfte solch ein V├Âglein vor uns her, um uns von seinem Nest abzulenken. Ich lief den V├Âgeln nach, um sie zu betrachten. Ida sagte: "Die V├Âjel sin ville zu schnelle, die krichste nich!" und ehe ich noch sagen konnte, da├č ich sie gar nicht fangen will, erkl├Ąrte Grete L.: "Du mu├čt wartn, bis eena janz schdille sitzt, denn kannste ihm Salz uff n Schwanz schtreun, un denn kannstn fang!" Ich blickte fragend zu Ida. Sie verkniff sich das Lachen und nickte. Die Vorstellung, einen Vogel auf der Hand sitzen zu haben und ihn ganz in Ru-he betrachten zu k├Ânnen, reizte mich sehr. Doch ich gab zu bedenken: "So n Vorel sitzt janz beschdimmt nich schdille!" Grete L. hatte inzwischen ihren Gedankengang weiter-gesponnen und sagte: "Det is bei die M├Ąnna ooch so, wenn de deen Salz uff n Schwanz schdreust, denn haste se for alle Zeit jefang un kannst mit se machn, wat de willst." Nun lachte ich: "M├Ąnna ham doch keene Schw├Ąnze!" Die beiden Frauen runzelten die Stir-nen: "Un wat for welche! Det wirste schpeeta schon noch sehn!"
Wenige Tage danach fuhren wir wieder nach Moabit. Kaum da├č ich meinen gelieb-ten Onkel Bruno sah, fragte ich ihn: "Du hast doch keen Schwanz, wa, Onkel Bruno, du bist doch keen Teufl oda irjend n Tier, du kannst doch ja keen Schwanz ham, wa?" Er blickte mich irritiert an, gab keine Antwort und lie├č mich stehen. Nun fiel die ganze Familie ├╝ber mich her, was ich mir einbilde, so ein bl├Âdes Zeug zu reden und ob ich wohl den Verstand verloren h├Ątte? Es gelang mir nicht, die Sachlage zu erkl├Ąren. Ich glaube, an jenem Tag hatte ich mir einf├╝rallemal s├Ąmtliche Sympathie verscherzt.
Einmal war ich, ich wei├č nicht mehr aus welchem Grund, f├╝r mindestens zwei Tage zu Besuch bei Tante Lotte in ihrer neuen Wohnung. Wenige Meter von ihrem Wohn-haus entfernt befand sich ein Park mit einem Kinderspielplatz, der mir wie ein kleines Paradies erschien. Tante Lotte verlie├č mit mir am anderen Tag die Wohnung, um ein-kaufen zu gehen. Aber sie hatte irgendetwas in der Wohnung vergessen. Sie befahl mir, vor der Haust├╝r stehenzubleiben und auf sie zu warten. Ich wartete lange. Eine "halbe Ewigkeit". Und genau gegen├╝ber wu├čte ich einen Buddelkasten und einen blanken Kletterbaum (ein irgendwo gef├Ąllter Baum mit vielen starken ├ästen war entrindet und fest in der Erde verankert worden). Einer meiner Gro├čcousins kam an mir vor├╝ber. Ich fragte: "D├╝rf ick uff den Spielplatz? Findt Deine Mutter mir denn da?" - "Jewi├č", ant-wortete er, "da kannste ruhich hinjehn, det is n Kindaschpielplatz, da schpieln wa alle!" So folgte ich ruhigen Gewissens meinem Drange und spielte einige Zeit in dem riesigen Buddelkasten, bis Tante Lotte mich sehr zornig aufgriff. In ihrer Wohnung bekam ich Pr├╝gel f├╝r meinen Ungehorsam. Ich wei├č nicht, wie lange ich auf sie gewartet hatte. Wie lange kann man ein kleines Kind vor der Haust├╝r warten lassen, wenn gegen├╝ber ein Spielplatz lockt? Die Sonne lachte mich an, es war das allerbeste Buddelkastenwet-ter, und weshalb sollte ich Tante Lotte zum Einkaufen begleiten? Sie kam ohne mich unn├╝tzes Ding gewi├č besser zurecht!
Ich liebte Onkel Brunos nervige, geschickte H├Ąnde. Es war ein Spa├č, ihm bei der Arbeit zuzuschauen, namentlich, wenn er aus meinen alten Halbschuhen Sandalen f├╝r mich schnitt (derartiges wurde 1943 - 50 von fast allen Kindern getragen, und wenn ich solches Schuhwerk an anderen Kinderf├╝├čen sah, dachte ich gl├╝cklich: "Da jibts noch andre Onkels!"). Am liebsten w├Ąre ich den ganzen Tag nicht von seiner Seite gewichen, aber daf├╝r hatte er nat├╝rlich kein Verst├Ąndnis. Er schickte mich hinaus zu seinen Kin-dern spielen. Nur - sie spielten nicht gern mit mir, denn ich kannte viele ihrer Spiele nicht und pa├čte altersm├Ą├čig auch nicht zu ihnen. So spielten wir Verstecken. Ich wurde immer sehr schnell gefunden, hatte selber aber kaum eine Chance, die anderen zu fin-den, weil ich mich an das Verbot hielt, die Gartenwege zu verlassen.
Bruno hatte "goldene H├Ąnde", wie Ida immer sagte. Schnell und geschickt reparierte er Kocht├Âpfe mit Aluminiumpfropfen, ganz gleich, wie gro├č der Topf war oder an wel-cher Stelle er das Loch hatte, rasch war ein Pfropfen eingesetzt und der Topf hielt wie-der "hundert Jahre".
Ich habe das Talent, alles zu verdr├Ąngen, was mir Kummer macht. So habe ich mir nicht gemerkt, wieviele Kinder Onkel Bruno hatte, wieviele davon Jungen oder M├Ąd-chen waren oder wie sie hie├čen. Bei mir ist nur h├Ąngengeblieben, da├č einer seiner S├Âh-ne genau wie mein gro├čer Bruder Manfred hie├č und eine seiner T├Âchter genau wie ich Christa. Sie wurde nicht "Krille" gerufen, bestenfalls "Christel" und sie war furchtbar sauer dar├╝ber, da├č wir beide den selben Namen hatten. Das war - glaube ich - der Hauptgrund, weshalb sie mich nicht leiden konnte. Was konnte ich daf├╝r, da├č ich so hie├č? Sie ├Ąrgerte mich jedenfalls, wo sie nur konnte. Aber m├Âglicherweise habe ich das auch nur schief in Erinnerung. Die Wahrheit ist, da├č ich mich - gerade ob der Namens-gleichheit - an sie klammerte und sie mit all den unbeantworteten Fragen ├╝bersch├╝ttete. Ich hatte inzwischen beobachtet, da├č Kinder sich ihre Fragen manchmal untereinander selbst beantworten und im stillen Einvernehmen handeln k├Ânnen und ich wollte gern dazugeh├Âren. Christa S. aus Moabit war in einen festen Familienkreis eingeschlossen. Ihr Vater war Idas Ziehsohn. Ida war somit gewisserma├čen ihre Gro├čmutter. Waltraud war Idas Enkelin durch Adoption. Die beiden waren sich gleich. Durch "Familienban-de". Ich war nur die Tochter des Bruders von Ida. Obendrein aus zweiter Ehe. Ich bin bei Christa total abgestunken. Sie hatte etwas gegen unsere Namensgleichheit und ganz gewi├č war sie dagegen, nun auch noch Verantwortung f├╝r eine "Cousine" zu ├╝berneh-men, wo ihr doch so oft ihre Geschwister anvertraut wurden. In langen Diskussionen wurde unser Verwandtschaftsgrad "gekl├Ąrt". Ich wu├čte, da├č Christa mehrere Geschwi-ster hatte, da├č diese Familie bei Ida den Vorrang hatte und f├╝hlte mich unendlich hilf-los.
Ida liebte Bruno sehr, doch ich erinnere mich an keine seiner Geburtstagsfeiern. Das kann daran liegen, da├č die Nachkriegsjahre nicht unbedingt zum Feiern einluden, und ich daher die Besuche in Moabit als jedem dem anderen gleich einstufte. Vielleicht wa-ren wir auch zu den Geburtstagen seiner Frau und seiner Kinder anwesend. Ich wei├č es nicht, ich war zu jung. Es gab auch eine Feier, als Bruno gestorben war. Dessen bin ich mir sicher. Aber ich habe alles vergessen, was damit zusammenhing. Ich hatte einen Freund verloren und meine Trauer war unendlich. Nun gab es niemanden mehr, der mich in die Luft warf und mich "W├╝rstchen" nannte, niemanden, der mich an seine M├Ąnnerbrust dr├╝ckte und mir z├Ąrtlich ├╝bers Haar strich.
Die einzige Familienfeier bei "den Moabitern", an welche ich mich lebhaft erinnere, war Lottes Hochzeit. Tante Lotte heiratete wieder. Einen "wildfremden" Mann. Sie hatte meinen geliebten Onkel Bruno vergessen und heiratete wieder.
Ich war inzwischen neun Jahre alt, und "wu├čte", da├č das Leben weitergeht, da├č "ei-ne Frau nicht ohne Mann auskommt", da├č Kinder einen Vater brauchen (das wagte ich in Frage zu stellen ÔÇô wozu brauchen Kinder einen Vater, ich lebte doch auch ohne, und Waltraud hatte den Stiefvater erfolgreich abgesto├čen! - aber es war f├╝r Ida der Haupt-grund der Eheschlie├čung, also akzeptierte ich es).
Auf dieser Hochzeitsfeier wurde das frischgebackene Ehepaar u.a. durch Darbietun-gen der Kinder geehrt. Der ├älteste brachte den damaligen Tagesschlager "Eins, zwei, drei, vier, f├╝nf, sechs sieben, wo ist meine Braut geblieben" mit mimischen Einlagen dar (das gefiel mir sehr gut), danach kam ein von Christa und einem ihrer Br├╝der dargebo-tenes Couplet: "Oma, hops mal . . ." Ich lachte herzhaft dar├╝ber, es war ein Scherz, aber eine halbe Stunde sp├Ąter kamen sie auf mich zu: "Wehe, wenn du deine Oma hop-sen l├Ą├čt, du altet Stinktier, du!" Ich wu├čte nicht, was sie von mir wollten. Niemals w├Ąre mir in den Sinn gekommen, Ida hopsen zu lassen, ich wu├čte, da├č sie das nicht konnte, ich f├╝hrte sie sicher um alle Pf├╝tzen und sonstige Unwegsamkeitem herum und machte auch andere Leute auf Gefahrenquellen aufmerksam. Wer will schon seinen n├Ąchsten und liebsten Angeh├Ârigen im Schlamassel sitzen sehen? Ich verga├č den Liedtext sehr schnell, da ich ihn als anst├Â├čig empfand.
Sp├Ąter wurde auf dieser Hochzeit Tanzmusik gespielt. Wenn ich mich recht erinne-re, zu Anfang von der Combo, in der Alfred mitwirkte, danach von Radio und Platten-spieler. Alle tanzten. Mit mir wollte keiner tanzen. Ich wurde letztendlich an einen um f├╝nf Jahre j├╝ngeren Knaben delegiert, den ich im Nachhinein um Verzeihung bitte f├╝r meine schroffe Abweisung. Ich war so ver├Ąrgert, da├č ich mir nicht merkte, um wen es sich handelte.
Einige Zeit kamen "die Moabiter" mit Freunden und Bekannten zu uns, damit Ida sie zu den HO-L├Ąden f├╝hrte. Dort konnten sie billig einkaufen. Die Mark stand eins zu vier, manchmal gar eins zu sechs, so konnten Westberliner im Osten sehr billig einkau-fen. Aber Ida gefiel es nicht, da├č fremde Menschen durch sie einen Vorteil bekommen sollten. Sie verbat sich nach einigen Monaten diese "Bettelbesuche". Sie war der Mei-nung, da├č es den "Westlern" ohnehin schon viel besser ging als uns. Nun wurden die Besuche aus dem Westen sehr selten.
Einmal besuchte uns einer der gr├Â├čeren S├Âhne von Onkel Bruno mit einem ausgewach-senen Sch├Ąferhund. Ich war schon zehn oder elf Jahre alt, hatte also schon lange keine Angst mehr vor gro├čen Hunden, aber wie dieser "Rex" nun pl├Âtzlich in un-serer K├╝che vor mir stand, mir die Vorderpfoten auf die Schultern legte und mich "k├╝├č-te", war ich doch sehr erschrocken. Die Bekanntschaft kam zu unvermittelt! W├Ąhrend Ida h├Ąmisch lachte ├╝ber meinen Schrek-kensschrei, "erkl├Ąrte" mein Gro├čcousin seinem Hunde, da├č er nicht jedes Kind zu knutschen hat. Sp├Ąter habe ich das sch├Âne Tier gern gestreichelt, verhinderte jedoch den Begr├╝├čungsku├č.
Ich blickte sehr gern in seine bernsteingelben Augen, sie schienen mir die wahre De-mut auszudr├╝cken, und mir wurde der Sinn eines an der Leitertschen Wand h├Ąngenden Spruches klar: "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere". Dennoch h├Ątte ich nicht einmal im Traum daran gedacht, mir ein eigenes Haustier zu w├╝nschen. So ein Tier will n├Ąmlich auch fressen. Und daf├╝r war bei uns das Geld zu knapp. Der Kater von Gerda hatte zu fressen, "was die Kelle klickt". Genau wie ich.
Idas letzter Besuch in Westberlin fand zu Christas Einsegnungsfeier statt. Als es den Kindern auf dieser Feier langweilig wurde, beschlossen sie, ein paar Comik-Hefte bei einem Kumpel abzuholen. Waltraud und ich durften mitgehen. Ich fand meinen Mantel nicht gleich an der ├╝berladenen Flurgarderobe und konnte ihn nur fl├╝chtig ├╝berstreifen. Als wir zur├╝ckkehrten, sah ich auf dem Hof ein Chiffontuch liegen. Ich rief: "Det sieht aus wie meins! Wer det wohl valoorn hat?" Ich wollte mich danach b├╝cken, aber C-hrista sagte: "La├č den Dreck liejen! Wir ham t eilich!" Nach ein paar Schritten sagte sie: "Jeht ma schon vor, ick hab wat vajessn!" Als wir am anderen Morgen nach Hause fuhren, fand ich mein Chif-fontuch nicht mehr in meinem Mantel├Ąrmel. Mir wurde klar, da├č jenes Tuch, welches ich im Hof liegen sah, meines war. Ich lief hinunter - es war weg. Keine Frage, wer es ÔÇ×gefundenÔÇť hatte! Das macht mich jetzt aber sehr nachdenklich ÔÇô wie kam ich ÔÇ×TrampelÔÇť zu so einem Luxusgegenstand? Die Zeiten, da Waltraud und ich stets das Gleiche bekamen, waren lange vorbei! Ich bekam das Tuch wahrscheinlich, damit ich die Schnauze halte ├╝ber das, was Alfred mit mir gemacht hatte . . .
Nach Idas Tod habe ich jahrzehntelang nichts mehr von den Moabitern geh├Ârt. Erst 1994, als auch ich einen Telefonanschlu├č hatte, habe ich Christa angerufen, um mit ihr zu schwatzen. Ich hoffte, da├č sie mir irgendetwas von meiner Mutter erz├Ąhlen konnte, was mir zu ihren Lebzeiten entgangen war. Sie sagte so abf├Ąllig ÔÇ×Ick kenne deine MuttaÔÇť, da├č ich schon gar nicht weiter fragen wollte. Aber sie setzte nach: ÔÇ×Deine Mutta wa die jr├Â├čte Drecksau von Berlin!ÔÇť Also ÔÇô auf die Verwandtschaft kann ich gut verzichten!


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Old Icke

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Bernd
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Liebe Flammarion,

das gef├Ąllt mir sehr, und ich habe es gerade f├╝r meine Frau ausgedruckt. Christiane hat selber eine Familienchronik geschrieben und interessiert sich sehr f├╝r solche Erlebnisse.

ich finde auch sehr gut, wie der Dialekt in der Geschichte untergebracht ist.

Liebe Gr├╝├če von Bernd

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Copy-Left, samisdada

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flammarion
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dank, lieber bernd. ja, eine familienchronik h├Ątt es werden k├Ânnen, wenn ich nicht als fremdk├Ârper behandelt geworden w├Ąre. nach dem tod meiner erziehungsberechtigten tante hab ich die lieben verwandten nur noch ein paarmal gesehen. heute erinnern sie sich an vieles nicht mehr . . . lg
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Old Icke

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