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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren: hygiene
Eingestellt am 27. 03. 2001 14:20


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flammarion
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Hygiene

Ich war etwa vier Jahre alt, als Irma einmal zuf├Ąllig beobachtete, wie ich "bettfein" gemacht wurde. Ida hatte mich bis auf das Unterhemd entkleidet, mir Gesicht und H├Ąnde gewaschen und zog mir nun das Nachthemd ├╝ber. Irma sagte: "Aba Oma, so kannst de det doch nich machn! Da zieht ja der janze Nacht-schwei├č in det Tachhemd! Du willst doch woll nich, det uff de Schdra├če keena mit Christa schpielt, weil se schdinkt?" Ida antwortete unwirsch: "Die hat janischt uff de Schdra├če zu schpieln!" Aber sie zog mir in Zukunft das Unterhemd aus, wenn sie mich zu Bett brachte.
Wenn wir Kinder gebadet werden sollten, kochte Ida mehrere Kessel Wasser und sch├╝ttete sie in eine Wanne, in die sie uns anfangs beide zusammen hineinsetzte. Waltraud sollte zuerst mich und dann sich waschen. Das tat sie. Die Wanne war nicht besonders gro├č, Waltraud mu├čte sich nicht viel bewegen, um mich ├╝berall waschen zu k├Ânnen. Nur die Ohren wusch Ida uns. Dazu wickelte sie den Seiflappen um ein abgebranntes Streichholz und fuhr damit in alle Ausbuchtungen bis tief ins Ohrinnere. Das war sehr unan-genehm. Als letztes wurden die Haare gewaschen, wobei Ida uns zum Schlu├č eine Sch├╝ssel warmes Was-ser, das mit Essig angereichert war, ├╝ber die K├Âpfe go├č. Davon sollten die Haare Glanz und Geschmei-digkeit erhalten. Als wir nicht mehr zusammen in die Wanne pa├čten, badete zuerst Waltraud, dann stieg ich in das benutzte Wasser. Nun mu├čte ich mich selber waschen. Es versteht sich, da├č ich sehr schnell damit fertig war, denn erstens war es nicht gerade angenehm, zwischen Schmutzflocken zu sitzen und zweitens hatte das Wasser nicht mehr die angenehme Temperatur. Das Haarewaschen wurde jetzt von Ida ├╝bernommen, wobei ihr durch einen Unfall steif und gef├╝hllos gewordener kleiner Finger heftig meine Kopfhaut kratzte. In den Genu├č dieser B├Ąder kamen wir einmal im Monat, ├Âfter hielt Ida sie nicht f├╝r n├Âtig. An Sonnabenden stellte sie eine gro├če Sch├╝ssel warmes Wasser zur Verf├╝gung. Es war jene Sch├╝ssel, in welcher wir uns im Sommer die F├╝├če wuschen vor dem Schlafengehen, im Sommer liefen wir barfu├č. In ebendieser Sch├╝ssel wurde auch der Kuchen anger├╝hrt und der Kartoffelsalat angerichtet. Ich konnte kaum lachen, als die Freundin meiner Mutter einen altberliner Kinderwitz kund tat: "Erwin, komm oben, F├╝├če waschen, Mama brauch die Sch├╝ssel f├╝r Salat!" Ida mokierte sich dar├╝ber, da├č bei Familie L. die Kartoffeln im Ausgu├č gewaschen wurden: "Erst pinkeln se rin un denn waschn se die Ka-toffiln!"
Als Waltraud nicht mehr bei uns wohnte, gab Ida die Wanne zum Altstoffhandel. Ich sehe ja ein, da├č es ihr zu beschwerlich war, das Bad f├╝r mich zu richten, aber h├Ątte ich das unter ihrer Anweisung nicht selbst tun k├Ânnen? Namentlich das Aussch├Âpfen der Wanne mit Sch├╝sseln, was ja wohl das schwerste f├╝r sie war. Sie war der Meinung, da├č ich f├╝r alles zu bl├Âd sei, so fielen die B├Ąder weg.
Da├č und wie man sich morgens und abends waschen sollte, erl├Ąuterte eine Lehrerin im Geschichtsunterricht des siebenten Schuljahres, wo das Mittelalter auf dem Lehrplan stand. Ich hatte keine Angst vor der Pest, die war ja l├Ąngst besiegt, aber die Lehrerin sagte, da├č man sich viel wohler f├╝hlt, wenn man seinen K├Ârper pflegt und da├č man dadurch auch h├╝bscher wirkt. So wusch ich mich nun t├Ąglich. Ida sagte dazu: "Na, nu ├╝batreibst de aba!"
Irma bemerkte, da├č ich (vierj├Ąhrig) stark aus dem Mund roch. Sie bewegte Ida dazu, auch f├╝r mich Zahnputzzeug anzuschaffen. Waltraud mu├čte mich das Z├Ąhneptzen lehren. Sie fuhrwerkte derart in meinem Mund herum, da├č mir alles wehtat. Da an den weiteren Tagen nicht auf meine Zahnpflege geachtet wurde, putzte ich sie immer seltener und h├Ârte bald ganz damit auf. Erst, nachdem ich im zweiten Schuljahr eine Gro├čveranstaltung der "Jungen Pioniere" erlebte, wo in einem kleinen Theaterst├╝ck aufgezeigt wurde, was mit den Z├Ąhnen geschieht, wenn sie nicht regelm├Ą├čig geputzt werden, griff ich t├Ąglich zur Zahnb├╝rste.
Wenn meine Haare zu lang geworden waren (wenn sie hinten auf die Schultern fielen und vorn meine Sicht behinderten), stutzte Ida sie auf die gewohnte L├Ąnge (gerade noch die Ohren bedeckend) zur├╝ck. Bis in mein zehntes Lebensjahr verpa├čte mir Ida an jedem Morgen die "Hahnekamm"-Frisur. Weil sie den Kamm, der die Haare festhalten sollte, stets heftig ├╝ber meine Kopfhaut kratzen lie├č, br├╝llte ich beim Frisieren oftmals "wie am Spie├č". Ich bin auch heute noch ├Ąu├čerst empfindlich auf der oberen Kopfpartie und gehe ungern zum Friseur. Ida mokierte sich bei Grete L. ├╝ber mein "albernes Benehmen". Grete L. riet, mir vom Friseur die neue Kinder-Modefrisur machen zu lassen, einen "Korea-Schnitt". Ida erschrak: "Wat forn Ding? Korea-Schnitt? Wie soll denn det aussehn?" - "Na, det is so n Rundschnitt. Da brauchen sich die J├Ârn blo├č zu sch├╝tteln, und schon sind se jek├Ąmmt." Sie zeigte ihr ein Klassenfoto ihrer j├╝ngsten Tochter und Ida konnte sehen: Kein Kind trug mehr den "Hahnekamm", alle hatten kurzanliegende Haare. "Mensch, da kann man ja die Jungs nich mehr von die Meechns untascheidn!" rief Ida. "Doch, kiek ma richtich hin, bei die Jungs sin die Haare noch k├╝rza!" entgegnete Grete L. So ging Ida mit mir zum Friseur und sah zu, wie der neue Schnitt gemacht wird. Sie hat ihn dann auch noch einige Zeit nachgemacht. Als sie es nicht mehr konnte (da sie auf die achtzig zuging, wollten die Augen nicht mehr so recht), bekam ich regelm├Ą├čig Geld f├╝r den Friseurbesuch. Als Dreizehnj├Ąhrige erlaubte ich mir die Extravaganz, die Stirnlocke wachsen zu lassen. Ida tobte: "Det is doch keene Frisur nich! Det sch├Âne Jeld zum Fensta rausjeschmissn!" Aber ich fand mich "cool" und es gab niemanden au├čer Ida, der meine Frisur beanstandete. Zur Jugendweihe mu├čte ich mir eine Dauerwelle machen lassen: "Du wirst jetzt erwachsen, du mu├čt ooch danach aussehn!" Die vielen Stunden tatenlosen Herumsitzens beim Friseur! Grete L. hatte zwar vorsorglich geraten: "Nehm dir n Buch mit!", doch es war gelesen, bevor die Frisur fertig war. Die ├Ątzenden Fl├╝ssigkeiten, die die Frisur auf Dauer erhalten sollten! Die Hitze unter der Trockenhaube! Das Ziepen beim Zurechtk├Ąmmen! Obendrein sah ich nun viel ├Ąlter aus. Es hie├č ja, da├č man bei der Jugendweihe in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wird, also l├Ąchelte ich ├╝ber die krasse Ver├Ąnderung meines ├äu├čeren.
Waltraud mu├čte mir stets die N├Ągel schneiden. Ich durfte erst als Zehnj├Ąhrige eine Schere in die Hand nehmen, als der Mathematiklehrer die Nachbildung eines W├╝rfels zur Hausaufgabe machte. Von da an wu├čte ich, wo die Schere liegt und benutzte sie zum Basteln und um mir selber die N├Ągel zu schneiden, das tat weniger weh.
Als ich etwa elf Jahre alt war, wollte Waltraud mir zeigen, wie eine Dame ihre Fingern├Ągel pflegt. Sie schnitt mir die N├Ągel spitz, eine Dame hat n├Ąmlich spitze N├Ągel, und r├Ąumte allen Fingernagelschmutz hinfort, bis sie nur noch Wei├čes zu Tage f├Ârderte. Tags darauf waren meine Fingern├Ągel blutunterlaufen. Ida sah es und fragte, warum ich so unerh├Ârt dreckig sei. Ich hatte mir nicht zwischen Abendbrot, Schlafengehen und Aufwachen Schmutz unter die N├Ągel ziehen k├Ânnen, der "Dreck" war auf Waltrauds Nagelpflege zur├╝ckzuf├╝hren. Ich erz├Ąhlte Ida davon und sie verbot Waltraud, irgendetwas an mir "herumzufummeln".
Nachdem Ida einer Pedik├╝re bedurfte, bat sie mich (eineinhalb Jahre vor ihrem Tod), ihr die Zehenn├Ągel zu schneiden. Alle ihre Zehen waren normal gewachsen, nur die beiden gro├čen und die beiden kleinen Zehenn├Ągel waren wie aufgesch├Ąumt, ganz dick und mit vielen Zwischenr├Ąumen versetzt. Die Pedik├╝rdame hatte mir gezeigt, wie man diese Problemn├Ągel schneidet und ich kam meiner Aufgabe gewissentlich nach. Endlich konnte und durfte ich etwas. Ida zuckte und keifte zwar gelegentlich, aber ich hatte sie nicht verletzt, sondern nur ihre Zehenn├Ągel geschnitten.
1995 war die mir zun├Ąchstgelegene Arztpraxis ausgerechnet jene, in der meine "Nichte" eine Anstellung bekommen hatte. Sie hatte Di├Ątk├Âchin gelernt und war jahrelang in einem Krankenhaus besch├Ąftigt. Das qualifizierte sie nun zur Sprechstundenhilfe. Ich hatte Schwierigkeiten mit meinem linken Fu├č, er ist kleiner als der rechte und hatte daher einen Sporn entwickelt. Manuela durfte ihn mit Bestrahlung behandeln. Als sie mein Bein an die Anlage anschlo├č, sagte sie: "Du solltest dir mal wieder deine F├╝├če machen." Ich blieb ratlos zur├╝ck - wie "macht" man sich die F├╝├če? Ist waschen und N├Ągelbeschneiden nicht genug?
Ida schneuzte sich ├╝brigens in den Unterrock, obwohl wir viele Taschent├╝cher besa├čen.


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Old Icke

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