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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren: irma
Eingestellt am 23. 03. 2001 13:35


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flammarion
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Tante Irma

Weihnachten 49 erlauschte ich, da├č Ida seinerzeit Irma beauftragt hatte, mich spazieren zu fahren. Irma war auch begeistert mit mir losgezogen, aber die Nachbarn fragten: "Nanu, Irma, so jung und schon Mutti?" Die Vermutung der Nachbarn, eine ledige Mutter wie Gerda zu sein, war ihr so pein-lich, da├č sie nie wieder mit mir spazieren fuhr.
Als ich sie bewu├čt wahrnahm, war sie fast zwanzig Jahre alt und springlebendig. Oft h├Ârte ich sie Lieder pfeifen, was Ida mit saurer Miene folgenderma├čen kommentierte: "Bei Meedschn, die feifn, un H├╝hnan, die kreehn, da soll man beizeitn den Hals umdreehn!"
Irma trug ihr dunkelblondes, leicht gewelltes Haar stets kurzgeschnitten, und sie bevorzugte Ho-sen als Bekleidung (das wurde ebenfalls von Ida nicht gutgehei├čen). Auch ihre Blusen und Pullover hatten einen leicht m├Ąnnlichen Akzent.
Sie lernte nach Schulabschlu├č Schl├Ąchtermamsell und arbeitete, solange es m├Âglich war, bei einem Schl├Ąchter. Dann kehrte der Krieg zu seinem Ursprung zur├╝ck, der Schl├Ąchter mu├čte schlie├čen, und Irma wurde Flakhelferin, wo sie sich als sehr t├╝chtig und mutig erwies. Sie hat viele Brandbomben unsch├Ądlich gemacht und betrachtete den Krieg in jugendlichem Leichtsinn gewisserma├čen als ein Abenteuer. Von den m├Ąnnlichen Flakhelfern lernte sie das Rauchen und wie man sich die Zigaretten selber dreht. Noch Ende der F├╝nfziger Jahre drehte sie sich ihre Zigaretten selbst, anfangs aus aufge-lesenen Kippen (auch ich habe ihr viele Kippen gebracht, wof├╝r ich von Ida gescholten wurde), sp├Ąter aus gekauftem Tabak. Sie meinte: "Wenn man den Tabak selbst in die Hand nimmt, wei├č man, da├č man kein Unkraut raucht." Sie besa├č bald au├čer dem ledernen Tabaksbeutel auch eine kleine "Ziga-rettenmaschine", wo man den Tabak nur noch lose auf das Bl├Ąttchen streute und alles andere ging wie von selbst.
Irma wu├čte - genau wie Gerda - um ihrer beider Herkunft, nannte Gerda dennoch oft z├Ąrtlich "Schwesterchen". Irma war - obwohl die J├╝ngere von den beiden - Gerdas Besch├╝tzerin. Vielleicht, weil sie so gro├č und kr├Ąftig, burschikos und draufg├Ąngerisch war; sie konnte es durchaus mit einem Jungen aufnehmen. Und weil sie Gerda wirklich sehr gern hatte.
DEGUFA war nach dem Krieg mit eine der ersten Fabriken in Berlin, in der die Arbeit wieder auf-genommen wurde, und Gerda und Irma wechselten nach ihrer schlecht bezahlten Arbeit in der G├Ąrt-nerei zu dieser Firma ├╝ber. Hier bekamen sie au├čer gutem Lohn auch noch die Schwerstarbeiter-Le-bensmittelkarte; und wenn man clever genug war, konnte man auch Kohlen f├╝r den Winter beiseite schaffen. Ganz zu schweigen von Einzieh-Gummi und Einweckringen. Das waren gefragte Dinge auf dem Schwarzmarkt. So litt Familie Seele ein klein wenig weniger Not als viele andere berliner Familien.
Einmal brachte Irma eine Gummiblase mit - ca 30cm im Durchmesser. Ich F├╝nfj├Ąh-rige durfte damit spielen. Ich hatte schon gesehen, wie Kinder mit B├Ąllen spielen, nun versuchte ich, die Blase auftippen zu lassen. Sie tat es, und ich schlug kr├Ąftiger zu, um zu sehen, wie hoch die Blase wohl springen w├╝rde. Aber sie platzte und sauste mit lau-tem Pfeifen in unserer K├╝che herum - gl├╝cklicherweise, ohne Schaden anzurichten. Ich br├╝llte und weinte vor Schreck, und hoffte, da├č nichts entzwei ging. Auch f├╝rchtete ich, da├č ich bestraft werden w├╝rde, weil die Blase kaputt war. Aber ich wurde nur ausge-lacht, weil ich mich so erschrocken hatte.
Ein andermal brachte sie "Gummi-Seifenblasen" mit, eine Gummi-L├Âsung, aus der man mit Hilfe eines Strohhalms Ballons produzieren konnte, die wie Seifenblasen schwebten, aber wesentlich haltbarer waren. Man konnte sie mehrmals antippen, ohne da├č sie platzten.
In den Nachkriegsjahren war Irma heiter und guten Mutes. ├ťber viele ihrer lockeren Spr├╝che kann ich heute noch schmunzeln, auch wenn manches davon wahrscheinlich Nazi-Jargon war. Sie benutzte die Spr├╝che in den unglaublichsten Situationen, die hier wiederzugeben zu weit f├╝hren w├╝rde: "Wenn du denkst, du hastn, huppt er aus m Kastn!" - "Gl├╝cklich ist, wer verfri├čt, was nicht zu versaufen ist!" - "Det jeht einm durch Mark und Pfennich! (statt durch Mark und Bein)" - "Hasche Haschisch in de Ta-schen, hasche immer waschu naschen!" - "Da stehst de sprachlos vis a vis, m├Âchte blo├č mal wissen, wer dieser Sawie war?" - "Hilfe! Mord! Im W├Ąschekorb! Rettung is nich n├Âtich." - "Hunde, wollt ihr ewich leben?" - "So wird s jemacht, wer nich schterm will, der wird jeschlacht!" - "Auf, auf, schprach der Fuchs zum Hasn, h├Ârst de nich die Jeeja blasn?" - "Wer frisch den Schtier bei n H├Ârnan packt, bekommt wat Festet inne Hand." - "Lieba arm dran als Arm ab." - "Wo sich Herz und Magen laben, will die Nase auch was haben!" - "Bei Frost und Regenwetter kann man die Faulen nicht von den Flei├čigen unterscheiden, da rennen sie alle!"
Wenn Waltraud vor dem Spiegel stand und sich umsah, ob die Strumpfn├Ąhte richtig sitzen - 1950 waren Str├╝mpfe mit Naht obligatorisch - sagte Irma lachend: "Du kannst dir drehn, wie de willst, der Arsch bleibt hinten!" Und wenn jemand sehr lange mit dem Frisieren vor dem Spiegel zubrachte, dann sagte sie: "Jib dir keene M├╝he, Kleene, aus ner Eule wird doch keen Paradiesvogel!" Begegnete sie auf der Stra├če einer alten Be-kannten, mit der sie sich verzankt hatte, begr├╝├čte sie sie freudestrahlend: "Jut siehste aus, wie lange bist n schon tot?"
Wenn sie mich dabei erwischte, da├č ich in der Nase bohrte, pflegte sie freundlich zu sagen: "Brich den Bohrer nich ab, dein Papa macht dir keen neuen." Das hielt mich eher zu gutem Benehmen an, als wenn Ida mir in der selben Situation auf die Finger schlug. Von Irma lernte ich auch, da├č und wie man mit Messer und Gabel i├čt, und erst durch sie akzeptierte ich, da├č man den Ellenbogen nicht auf die Tischplatte st├╝tzt.
Wenn Waltraud und ich burschikos irgendetwas forderten, dann sagte sie zu uns: "Zwei Schl├╝sselchen ├Âffnen T├╝r und Tor, zwei kleine, niedliche, blanke, sie kommen in jeder Sprache vor und hei├čen "Ich bitt" und "Ich danke!" Waltraud mokierte sich: "Det hei├čt doch bittE un nich so abjehackt bitt!" Ich entgegnete: "So kann man t sich aba bessa merkn!", denn ich war als Siebenj├Ąhrige noch nicht in der Lage, ihr zu erkl├Ąren, da├č der Reim durch die von der Rechtschreibung abweichende Formulierung einen be-sonderen Rhythmus bekam. Nun war ich wieder "die Doofe", weil ich mir das Richtige anhand vonetwasFalschembesermerkenkonnte
Wir Kinder sagten normalerweise: "Ick nimm . . ." Irma korrigierte dann energisch: "Det hee├čt ick nehme! Ick nehme, du nimmst, er, sie, es nimmt, wir nehmen, ihr nehmt, sie nehmen! Nehmen is jenauso wichtich wie jeben, und darum hei├čt et ooch nich ick jib, sondern ick jebe!" Da hatte sie aber gegen Idas Sprechweise geredet. Erst, als ich in der Schule die Best├Ątigung f├╝r Irmas Behauptung erfuhr, nahm ich ihre Lehre an; und wenn ich sonst noch an ein schwieriges Wort geriet, fragte ich sie nach der Bedeutung oder Schreibweise. So auch nach dem Wort "uralt". Es begegnete mir auf einem Plakat in dem Spirituosengesch├Ąft, in welches mich Irma oft nach einer Flasche "Halb und halb Schimmelgespann" schickte. Auf dem Plakat stand: "Wenn einem Gutes wider-f├Ąhrt, das ist schon einen Asbach uralt wert". Von "Ural" wu├čte ich, da├č es eine weit entfernte Gegend ist. "Asbach" definierte ich eindeutig als ein Getr├Ąnk - weil es das Wort "Bach" enthielt - das uralt. Aber wie ist uralen? Krabbelt es im Hals wie Himbeer-brause? Oder war es eiskalt auf der Zunge? Gleich hinter dem Ural begann doch dieses furchtbar kalte Sibierjen! (So hatte Waltraud gesagt.) Es dauerte eine Weile, ehe Irma begriff, was gemeint war, dann lachte sie schallend und kl├Ąrte mich auf. Das Wort "uralt" wurde zwar benutzt in unserer Familie, aber man lie├č mich in dem Glauben, da├č es von "Uhr" hergeleitet wurde, was ich gern glaubte, denn unsere Uhr war "uralt". Und als ich lesen lernte, sagte die Lehrerin, da├č wir die Buchstaben im Zusammenhang aussprechen sollen; das Wort "abartig" z.B. h├Ątte ich "a bartig" gelesen und ├╝berlegt, was f├╝r eine Sorte Bart gemeint ist.
Irma war mein gesuchter Ratgeber, bis ich die Freundin meiner Mutter kennenlernte. Von ihr wird sp├Ąter noch ausf├╝hrlich die Rede sein.
Ich freute mich immer, wenn ich Irma nach Hause kommen h├Ârte. Dann lief ich zur Wohnungst├╝r, nahm sie bei der Hand und zerrte sie in die K├╝che, wo sie mir die Witze aus der von Ida abonnierten "Berliner Zeitung" vorlesen mu├čte. Und als ich selber lesen konnte, mu├čte sie mir erkl├Ąren, was an manchen Witzen lustig sein sollte. Da gab es z.B. die Rubrik: "Die Anekdote". Da war zuoberst ein Pelikan abgezeichnet, der scheinbar lachte. Ich kannte dieses Tier nicht und war der Meinung, da├č es Anekdote genannt wird. (Das Tier hatte einen gewaltigen, halboffenen Schnabel, der war fast so gro├č wie das gesamte Tier, es erschien mir daher sehr gespenstisch; und weil die ├ťberschrift in zwei H├Ąlften geteilt war, glaubte ich, da├č das Tier nicht richtig lebt und auch nicht richtig tot ist, nur anek - tot.) Diese Anekdoten verstand ich nur selten, weil man zu ihrem Verst├Ąndnis gewisse Vorkenntnisse ben├Âtigte. Woher sollte ich sie haben, wo doch weder Ida, noch Gerda, von Familie L. ganz zu schweigen, jemals ├╝ber berliner Ber├╝hmtheiten aus Kunst und Wissenschaft redeten?
Irma behauptete immer, nicht viel Zeit zu haben, doch sie beantwortete meine Fragen so ausf├╝hrlich und wahrheitsgetreu sie konnte und schob mich nicht zur Seite. Sie war auch imstande, auf eine Frage mit einem klaren: "Das wei├č ich nicht!" zu antworten. Dieses Eingest├Ąndnis gab mir mehr Kraft und Mut, als wenn auch sie mich an meine Schullehrer oder gar auf "sp├Ąter" verwiesen h├Ątte.
Sie zeigte mir, wie man mit Abziehbildern umgeht, wie man aus Kastanien kleine K├Ârbchen und Puppenwagen schnitzt und wie man aus Eicheln Tabakspfeifen und kleine M├Ąnnlein bastelt. Sie schenkte mir so nebenbei, also nicht, weil ich Geburtstag hatte oder sonst irgendein Feiertag war, Flaschenteufelchen und ein Kaleidoskop, an beidem hatte ich sehr viel Spa├č. Als ich in Grete L.s Anwesenheit in das Kaleidoskop blickte, l├Ąsterte sie: "Siehst aus wie ne Bl├Âde! Wat jibt et denn in det Ding zu seehn? Det sind doch man blo├č bunte Papierkr├╝mel und andra Dreck, du Dussel! Blo├č die Kr├╝mel schpiejeln sich da! Du selba kannst nich in den Schpiejel kieken, dafor is et zu dusta in det Ding." Ich versuchte nicht, ihr die m├Ąrchenhafte Sch├Ânheit dieser Spiegelungen zu erkl├Ąren. Sie sah mich an, als w├Ąre ich ein ekliger K├Ąfer.
Im Winter 49 zeigte Irma Waltraud und mir, wie man Schattenspiele gestaltet. Bald konnten wir kleine und gro├če Hunde, Schw├Ąne, Pferde, H├╝hner und H├Ąhne und sogar Affen und Giraffen an der Wand erscheinen lassen, woran wir sehr viel Spa├č hatten.
Als sie 21 Jahre alt war, hatte sie einen sehr hartn├Ąckigen Verehrer aus dem Westteil der Stadt. Er hie├č Heinz und war etwa 10 Jahre ├Ąlter als sie. Sie sagte ihm immer wieder, da├č sie sich nicht an ihn binden w├╝rde. Er ignorierte jede Abweisung und machte ihr viele Geschenke, Blumen, Perlonstr├╝mpfe (die sie sogleich an Gerda weiterreichte), Parf├╝m und vieles andere, auch einen gro├čen Radioapparat. Irma lud mich sonntags h├Ąufig ein, den RIAS-Kinderfunk zu h├Âren, aber diese Sendung entsprach nicht meinem Geschmack. Es erschien mir alles so gek├╝nstelt und unnat├╝rlich, besonders die hochdeutsch sprechenden Kinder. Kein mir bekannter Mensch sprach Hochdeutsch! (Ich ging damals noch nicht zur Schule.) Der RIAS-Kinderfunk war daher f├╝r mich nur ein Auswuchs der "Brotlosen Kunst". Aber es begl├╝ckte mich, zu wissen, da├č man sich die M├╝he machte, Sendungen eigens f├╝r Kinder zu gestalten.
Besagter Heinz jedenfalls lie├č von seinen Bem├╝hungen um Irma erst im Jahre 1952 ab, als sie ihm ausgangs eines seiner Besuche vor unserer Haust├╝r klipp und klar sagte, da├č sie sich nur zu Frauen hingezogen f├╝hlte und er schon aus diesem Grund keine Chance bei ihr hatte. Er entgegnete, da├č er sie gerade deshalb so reizend findet. Irma nannte ihn daraufhin einen fiesen, perversen Spanner, ohrfeigte ihn und lie├č ihn auf der Stra├če stehen. Ida schlug nach diesem Bericht die H├Ąnde in echter Verzweiflung ├╝ber dem Kopf zusammen und jammerte: "Den Dussel h├Ąttest du heiratn k├Ânn, denn weerste doch een for allemal vasorcht jewesen, du deemlijet Kamel!" Irma entgegnete stolz: "Ick vasorch ma alleene, det is so sicha wie jewi├č! Au├čadem mu├č heutzudaare ne Frau nich unbedingt heiratn. Die Gleichberechtigung erm├Âglicht jedem n jesichertet Auskomm, det is jetz Sozjalismus!" Diese Worte machten mir den Sozialismus sehr sympathisch. Auch ich wollte sp├Ąter nicht - ├Ąhnlich wie Grete L. - angewiesen sein, darauf zu warten, da├č mir mein Ehemann gn├Ądig das Wirtschaftsgeld gibt, mit dem ich dann auf Biegen und Brechen die Familie zu ern├Ąhren h├Ątte. Mit Blick auf das L.sche Familienleben empfand ich die Ehe als eine allseits bef├╝rwortete moderne Form der Sklaverei. Ich war - achtj├Ąhrig - fest entschlossen, niemals zu heiraten.
Ich hatte diesen Heinz auch kennengelernt. In meiner Erinnerung sehe ich einen eher unscheinbaren jungen Mann vor mir. Er war so zierlich, da├č er nahezu feminin wirkte. Ich halte es f├╝r m├Âglich, da├č er Irma wirklich geliebt hat, wie w├Ąre sonst seine jahrelange Anh├Ąnglichkeit zu erkl├Ąren? Es gibt M├Ąnner, die sich nur in Lesben verlieben, ebenso wie es Frauen gibt, die sich nur in Schwule verlieben (sie sind bereits mehrfach literarisch belegt). Doch ehe diese Randgruppen gesellschaftlich anerkannt werden, mu├č noch sehr viel Toleranz unter den Menschen wachsen.
F├╝r l├Ąngere Zeit hatte Irma eine Freundin namens Rita. Das war eine energiegeladene Person mit leuchtend blauen Augen und reichem schwarzem Haar. Sie wohnte ein paar Monate bei Irma. Sie war sehr resolut und unternehmungslustig. Sie ern├Ąhrte sich vom Verkauf eines von ihr produzierten B├╝gelfaltenfestigers. Sie hatte sich diese Erfindung patentieren lassen. Sie bestand aus einem Stift, der einem Radiergummi ├Ąhnlich sah, mit dem man - - - "sachte ├╝ber die B├╝gelfalte streicht, danach das B├╝geleisen wie gewohnt benutzt, und schon sitzt die B├╝gelfalte wie gen├Ąht! ├äu├čerst strapazierf├Ąhig! Nie wieder zerknitterte Hosen! Sie k├Ânnen jede Arbeit verrichten, sich noch so oft b├╝cken, mit der Freundin in der Wiese liegen und wer wei├č was f├╝r Dummheiten machen, Ihre Hose bleibt der Stolz des Besitzers, knitterfrei bis zur n├Ąchsten W├Ąsche! Und dann wieder: Sachte mit dem Stift ├╝ber die Falte . . ." So offerierte sie ihren Artikel. Sie stand auf den Wochenm├Ąrkten und schrie sich die Lunge aus dem Leib. An jedem Tag verkaufte sie einige Stifte, denn ihre heitere Art sprach die Leute an.
Einmal nahm sie mich mit, um die Ingredenzien f├╝r ihre Stifte einzukaufen. Sie brauchte dazu ein ganz bestimmtes Paraffin, das es nicht ├╝berall gab. Wir klapperten die einschl├Ągigen Gesch├Ąfte ab und hatten ├╝berall Pech, nirgendwo hatte man diesen Artikel noch vorr├Ątig. Endlich sagte uns eine Ladenbesitzerin: "Der det Zeuch produziert hat, is doot. Det Zeuch kriejen Se nirrjens mehr, Sie m├╝ssen sich schon an een anderet Zeuch jew├Âhn!" Aber das hatte Rita schon versucht. Jedes andere Paraffin lie├č die Masse kraus werden und die Stifte zerbr├Âselten. Sie probierte in unserer K├╝che etliche Tage andere Zusammensetzungen der Masse aus, bis sie eine gute Mischung gefunden hatte. Gerade zur rechten Zeit, denn Ida sagte unvermittelt: "Nu is det aba ma jenuch mit den Jeschdank in meine K├╝che!" und Rita beeilte sich, alles aufzur├Ąumen und zu s├Ąubern.
Im selben Jahr nahm sie mich mit auf den Weihnachtsmarkt. Dort war ich nie zuvor, und ich hatte ihn mir so richtig m├Ąrchenhaft vorgestellt. Weihnachten treffen alle M├Ąrchen zusammen. M├Ąrchen sind Tr├Ąume, Weihnachten ist ein allj├Ąhrlich wiederkehrendes Wunder. Ich hoffte, da├č uns auf dem Weihnachtsmarkt irgendein Wunder begegnen w├╝rde, dem ich dann zurufen k├Ânnte: "Hier bin ich, was darf ich zu Deiner Vollendung tun?" Stattdessen traf ich auf das jedem bekannte heillose Gedr├Ąnge. Rita sch├╝tzte mich mit ihrem K├Ârper vor Anrempelungen und f├╝hrte mich zu einem Karussel, wo ich eine Runde mitfahren durfte. Sie setzte mich zu ein paar Kindern in die Gondel, was mir sehr unbehaglich war, denn jene waren gut bekannt miteinander und f├╝hlten sich durch mich gest├Ârt, was sie mich durch "unabsichtliche" Tritte und P├╝ffe sp├╝ren lie├čen. Ich war froh, als die Fahrt zu Ende war. Rita wunderte sich, da├č ich nicht noch einmal fahren wollte und freute sich, auf diese Weise Geld zu sparen.
Angeregt durch die vielen Wohlger├╝che des Weihnachtsmarktes bekam ich Appetit. Ich fragte, ob sie etwas zu Essen kaufen w├╝rde? Sie kaufte einen kandierten Apfel. Derartiges hat-te ich nie zuvor gegessen. Es war ein gro├čer Apfel. So gro├č, da├č ich ihn nicht anbei├čen konnte. Da machte Rita mir den Anfang. Der Apfel war essigsauer, mir zieht sich heute noch alles zusammen, wenn ich an diesen Apfel denke! Die rote Glasur war messerscharf und schnitt mir in den Gaumen. Ich konnte nicht verstehen, da├č das eine beliebte Leckerei sein sollte, wie konnte man nur so etwas essen? Obendrein bekam man ganz klebrige Finger davon, klebrige Lippen und Nase! Namentlich letztere fing gar arg an zu frieren, nachdem sich der Zucker nicht abwischen lie├č. Wir gingen also v├Âllig unam├╝siert nach Hause, denn auch Rita hatte nicht das gesuchte ganz besondere Weihnachtsgeschenk f├╝r ihre Eltern finden k├Ânnen. (zwanzig Jahre sp├Ąter habe ich noch einmal einen kandierten Apfel probiert und endg├╝ltig befunden: Bonbon geh├Ârt nicht auf einen Apfel, er i├čt sich besser ohne Bonbon und Bonbon lutscht sich besser ohne Apfel. Ich habe meinen Kindern nie einen kandierten Apfel gekauft.)
Auf dem Heimweg wurden wir von einer dunkelh├Ąutigen Frau unbestimmbaren Alters angesprochen. Einige L├Âckchen ihres tiefschwarzen Haares lugten unter ihrem riesigen, mit dichten, langen Seidenfransen verzierten, verwegen gebundenen Kopftuchs hervor, das auch den Blick auf gro├če goldene Ohrringe freigab. Diese Ohrringe geh├Âren zu dem Erstaunlichsten, das ich in meinen fr├╝hen Kindertagen sah. Da waren nicht nur die halbmondf├Ârmigen Kreolen, sondern auch feine Kettchen, an denen blaue, gr├╝ne und rote Prismen selbst den geringsten Sonnenstrahl in vielfarbige Blitze verwandelten. Die Frau vermutete in uns Mutter und Tochter. Sie hatte Kleider unter ihrem weiten Mantel verborgen und zeigte uns eines, das mir gepa├čt h├Ątte. Es war ein Trachtenkost├╝m aus schwarzem Tuch, aufwendig in s├╝deurop├Ąischer Art mit Perlen und Goldstickerei verziert. Es gefiel mir sehr gut, besondes die blendendwei├če Bluse mit dem zarten Spitzenkragen. Sie klagte uns ihr Leid, da├č der Verkauf der Kleider ihrer verstorbenen Tochter ihr einziger Broterwerb sei. Schon deshalb h├Ątte ich ihr das Kleid abgekauft. Aber Rita war sich nicht sicher, ob sie die vierzig Mark von Ida wiederbe-kommen w├╝rde, und ich best├Ątigte ebenso lauthals wie wahrheitsgetreu: "Oma hat keen Jeld!" Obwohl Rita klarstellte, da├č sie nicht meine Mutter ist, folgte uns die Frau noch eine ganze Weile in der Hoffnung, da├č ich Rita doch noch zu dem Kauf ├╝berrede und ging im Preis sogar auf f├╝nfundzwanzig Mark hinunter. Letztendlich verfluchte sie uns in einem sonderbaren Kauderwelsch und gipfelte in der Behauptung, da├č ich zeitlebens niemals ein so sch├Ânes Kleid auch nur ber├╝hren werde, geschweige denn tragen, denn so ein sch├Ânes Kleid w├╝rde ich nie wieder bekommen, das k├Ânne sie als Zigeunerin garantieren. Als wir sie endlich los waren, knurrte Rita: "Sowat! Vakooft die die Kleider ihrer verstormnen Tochter! Wer s gloobt, wird seelich! Davon kann se doch nich leehm! Die wollte uns blo├č det Jeld aus de Tasche locken!" Diese Ansicht wurde von Ida und Grete L. geteilt. Auch lobten sie mich, da├č ich auf das Kleid verzichtete, denn Ida hatte wirklich kein Geld f├╝r Kleider, und wenn sie noch so preiswert und gut waren und von mir noch so sehr begehrt wurden. Einzig der Fluch der Zigeunerin, da├č ich nie ein so sch├Ânes besticktes Kost├╝m besitzen werde, wurde von Ida und Grete L. ernstgenommen. Aber ich wu├čte schon, da├č Grete L. Luftblasen redete, wenn sie die Augen auf eine bestimmte Weise aufri├č, und lachte innerlich ├╝ber ihre Auffassung. Sieben Jahre sp├Ąter schenkte mir der geschiedene Mann der Freundin meiner Mutter (sp├Ąter Onkel Erich genannt) ein russisches Folklore-Kost├╝m. Es war zwar nicht wie das Zigeunerkost├╝m mit Gold und Perlen bestickt, aber es hat mir genausogut gefallen.
Heute - wo ich diese Erinnerungen aufrufe - wei├č ich, da├č mir in dieser Zigeunerin tats├Ąchlich ein Wunder begegnet war. Sie war ├ťberlebende des Holocaust, von welchem ich damals nichts ahnte. Und ich habe nichts f├╝r sie getan. Und ich wurde daf├╝r gelobt. Unglaublich.
Das Weihnachtsfest 49 wurde mit Familie L. gemeinsam gefeiert. Damals war gerade ein Schlager in Mode, der lautete: "Rita war 18 und jung, Rita war 18 und sch├Ân, nie hatte sie einem Mann tief in die Augen gesehn . . ." Dies sang man nun lautstark mit h├Ąmischen Seitenblicken auf Irmas Freundin Rita. Ich wu├čte inzwischen (durch den Blick in Herrn L.s und Alfreds Augen), da├č es gar nicht so erhebend ist, "einem Mann tief in die Augen zu sehn" und war der Meinung, da├č Rita ├╝berhaupt nichts verpa├čte, und sagte leise zu ihr: "Mensch, sind diiie doof!" Irma und Rita sahen sich verdutzt an, dann lachten sie, und mich beschlich das Gef├╝hl, mich selbst ins Abseits gestellt zu haben. Doch ich stand dazu. Irma und Rita waren mir wesentlich lieber als Herr L. oder Alfred. Und ich urteile heute noch genauso.
Danach hatte Irma eine Freundin, die gewi├č zehn Jahre ├Ąlter war als sie. Sie hatte kurze, strubbelige, mittelblonde Locken, die ihr wirr vom Kopf abstanden, und sie war meistens grell geschminkt. Sie besa├č einen ebenso strubbeligen kleinen Hund unbestimmbarer Rasse, dem sie gern den Bauch in seiner vollen L├Ąnge streichelte. Der Hund war das so gew├Âhnt, da├č er sich vor jedem, der ihn streicheln wollte, sofort auf den R├╝cken warf. Mir war es unangenehm, ihn zwischen den Hinterbeinen zu streicheln, aber sein Frauchen sagte auffordernd zu mir: "Mach et man ruhich, det hat der jenau so jerne wie jeda andre, ob Mensch oda Tier, alle wolln se jenau DA jeschtreichelt werdn!" Ich teilte ihre Meinung nicht. Es traf auf mich nicht zu. Ich lie├č mich zwar von Alfred "genau DA" streicheln, aber es war mir unangenehm. Das Begehren der Erwachsenen erstaunte mich. Ich lie├č es ebenso ├╝ber mich ergehen, wie Ida und andere Erwachsene "die neue Zeit" hinnahmen.
Bis zu meinem zehnten Lebensjahr war ich der festen ├ťberzeugung, da├č Irmas Be-kanntschaften ganz normale Freundinnen waren, Freundinnen, wie sie jede Frau hat. So w├Ąre es auch geblieben, wenn mich Waltraud nicht aufgekl├Ąrt h├Ątte: "Die Irma is schwul." Nun d├Ąmmerte es mir, da├č die Freundinnen einander liebten, da├č sie z├Ąrtlich zu einander waren, da├č sie genau die sexuelle Erf├╝llung miteinander fanden, die Alfred bei mir suchte. Ich dachte: "Wat det nich allet so jibt!" und freute mich, da├č Irma immer Freundinnen hatte, die heitere, lebenslustige Menschen waren, soda├č auch sie stets heiter und energiegeladen war.
Ein beliebter selbsterfundener Filmtitel von Gerda lautete: Der rasende Pfortz auf der Gardinenstange". Weil ich allzugern die Kinokindervorstellungen besuchte, wollte ich oft schon vorher wissen, wie der Film hei├čt. Irma wu├čte mehr als alle, also fragte ich sie an einem Sonntagmorgen, wie der heutige Film hei├čt. Sie sagte, sie wisse es nicht. Ich glaubte ihr nicht, sondern unterstellte, da├č sie mich ver├Ąppelt. Zwischendurch reichte Ida uns Kindern das Fr├╝hst├╝ck. Es bestand aus Schmalzstullen, wobei auch zwei Kanten vakant waren. Waltraud erschien nach dem ersten Bissen der mir zugedachte als schmackhafter, weil er tiefer eingeschnitten war. Wir tauschten. Dann stellte sie fest, da├č mein Brot viel h├Ąrter war als ihres, und sie wollte ihren Kanten zur├╝ck. Nun sagte Irma ernst: Der heutige Film hei├čt "Die Jagd nach dem Schmalzkanten". Ich betrachtete das als Antwort auf meine Frage. Auf dem Filmplakat stand: "Anna Ith". Ich ging noch nicht zur Schule. Fragte jemand nach dem Titel des heutigen Films, sagte ich strahlend: Es gibt heute "Die Jagd nach dem Schmalzkanten" und hielt alle f├╝r doof, die sagten, da├č der Film "Anna Iht" hei├čt. Dieser Film ├╝ber eine Heldenjungfrau besch├Ąftigte mich sehr lange. Ich war froh, da├č es nicht um einen Schmalzkanten ging. Waltraud hatte mir nicht Einhalt geboten. Sie grinste nur. Sie konnte lesen, sie h├Ątte mir den wahren Filmtitel nennen k├Ânnen!
Um 1950 fragte Irma Waltraud und mich: "Ihr e├čt doch jerne B├╝cklinge, wa? K├Ânnt a habn. Wieviele wollt ihr?" Ich erwiderte begeistert: "Eeen schaff ick janz beschtimmt!", ohne lange dar├╝ber nachzudenken, wie sie wohl an den raren Artikel herangekommen war; sie besa├č ja ├Âfter mal etwas Besonderes. Irma sagte: "Ihr k├Ânnt soo viele haben, wie ihr nur wollt!" Nun sagte ich: "Denn will ick dreie!", denn dann h├Ątte ich noch einen f├╝r morgen und k├Ânnte auch noch der Oma einen abgeben. Irma verneigte sich dreimal vor mir, wobei sie feierlich sagte: "Ein B├╝ckling, zwei B├╝cklinge, drei B├╝cklinge, bitte sch├Ân!" Ich erkannte erheitert, da├č Worte mitunter eine doppelte Bedeutung haben, und lachte herzaft. Waltraud war auf das Spiel nicht eingegangen, f├╝r sie war es ganz einfach nur "Bl├Âdsinn".
Dann hielt Irma ihre Zeigefinger steil in die H├Âhe und fragte: "Wi├čt ihr, was das ist? Das sind Mohr├╝ben. Und was sind Mohr├╝ben? Polizeifinger. Und was machen Polizeifinger? Das!" Und dann kitzelte sie uns an den Rippen, da├č wir vor Wonne kreischten.
Damals versuchte sie sogar, mir auf meine Bitte hin das Pfeifen und Mundharmonikaspielen beizubringen, aber ich begriff nach ihren Erkl├Ąrungen und selbst nach ihrem Eingriff in meinen Mund noch immer nicht die Stellung der Zunge bei diesen Unternehmungen. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren konnte ich dann pl├Âtzlich wie von selbst Melodien pfeifen, aber eine Mundharmonika habe ich nie wieder angefa├čt.
Eine ihrer Freundinnen hatte ihr einen kleinen eingerahmten Spruch geschenkt, er war dargestellt wie ein kleines Zimmer, d.h. es standen richtige kleine M├Âbel an den Seiten und auf der Wand stand: "Wer nie sein Brot im Bette a├č, wei├č nicht, wie Kr├╝mel pieken!" ├ťber diesen Spruch habe ich jahrelang philosophiert: "Ist es etwa angenehm, wenn die Kr├╝mel im Bett pieken? Oder ist der Spruch eine Warnung?" Ich kam zu keinem Ende. Irma erkl├Ąrte mir diesen Spruch als Scherz und ich fand mal wieder nicht die Stelle zum Lachen. Genauso ging es mir auch mit einem Lieblingsspielzeug von ihr. Es handelte sich dabei um zwei kleine Hunde aus Plaste, die einen Magnetkern enthielten, soda├č sich bei Ann├Ąherung der Tiere aneinander die Schnauze des einen am Hinterteil des anderen festklebte. Die Tiere rasten f├Ârmlich aufeinander zu, der eine vorw├Ąrts, der andere r├╝ckw├Ąrts. Dar├╝ber konnte Irma mit ihren Freundinnen stundenlang kichern. Ich hatte auf der Stra├če gesehen, da├č alle Hunde sich so verhalten, jeder Hund schnuppert am Hinterteil des anderen. Ich wei├č noch heute nicht, was es dar├╝ber zu lachen gibt. Damals unterhielt ich mich mit Onkel Erich dar├╝ber, und er erz├Ąhlte mir eine Sage zu diesem Thema, da├č n├Ąmlich nach einem Kongre├č der Tiere der Hund mit einem Brief zum K├Ânig geschickt wurde. Er trug ihn in der Schnauze, damit er schnell laufen konnte. Dann mu├čte er ein Gew├Ąsser ├╝berqueren, und er klemmte sich den Brief unter den Schwanz, damit er beim Schwimmen besser atmen konnte. Er dachte nicht daran, da├č sein Schwanz beim Schwimmen steil in die Luft ragt, so ging der Brief verloren. Seit jenem Tag beschnuppern sich die Hunde auf diese Weise, um herauszufinden, wo der Brief geblieben ist.
├ťbrigens bezeichnete Irma sich selbst gern als "Intelligenzbestie".
1952 hatte sie eine Freundin, die englisch sprach. Wenn Irma angetrunken war, lie├č sie uns an ihrem neuen Wissen teilhaben; das war lustig, denn sie ├╝bermittelte uns das Englische anhand der ├ähnlichkeit mit dem Deutschen. Viele Worte kommen im Englischen und im Deutschen vor, jedoch h├Ąufig mit ganz anderem Sinn. So lernte ich von ihr den Buchtitel "The poor People of London" in der fehlerhaften ├ťbersetzung "Alle Londoner sind nur Piepels". Nat├╝rlich sagte sie uns auch, wie die richtige ├ťbersetzung hei├čt. Abschlie├čend bemerkte sie: "Seht a, det sind so typische Eselsbr├╝cken. Wenn man sich irrjendwat nich richtich merken kann, baut man sich ne Eselsbr├╝cke. Jeda Esel braucht ne Br├╝cke!"
Jene Freundin hatte ihrerseits eine Engl├Ąnderin zur Freundin, die nur wenig deutsch sprach. Einmal berichtete Irma uns ├╝ber eine Unterhaltung in der Wohnung dieser Freundin. Irma hatte recht schwungvoll ihre Meinung ├╝ber ein aktuelles Thema verlauten lassen und theatralisch mit den Worten geschlossen: "Irr ick ma oda irr ick ma nich? Ick irr ma nich!" worauf die Engl├Ąnderin leise, aber fest in das allgemeine nachdenkliche Schweigen hinein sagte: "Du doch Irma!" Ein liebenswerter Irrtum.
Wenn Irma sich in unserer K├╝che mit Waltraud und mir auf eine l├Ąngere Unterhaltung eingelassen hatte, drehte sie sich h├Ąufig mitten im Satz um mit der scherzhaften Bemerkung: "Ihr haltet mich blo├č von der Arbeit ab!", dabei war sie doch diejenige, die das Gespr├Ąch begonnen hatte! Wir lachten und wandten uns anderen Dingen zu.
1950 wechselte Irma von DEGUFA zur BVG ├╝ber. Hier hatte sie den Vorteil der Dienstkleidung, die ihrem Modegeschmack sehr entgegenkam. Und hier war es auch m├Âglich, den Verdienst durch nicht abgerechnete Fahrscheine etwas aufzubessern. Die leeren Fahrscheinbl├Âcke schenkte sie uns Kindern. Wir bastelten daraus M├Âbel f├╝r unsere Puppenstuben. Wenn der Neid der Familie L. nicht gewesen w├Ąre, h├Ątte ich nie geglaubt, da├č Irma Diebstahl begangen hatte. Denn laut Ida war alles richtig, was Erwachsene tun.
Auf all ihren Arbeitsstellen war sie anstellig und flei├čig. Da sie auch sehr sparsam war, konnte sie sich bald ein Fahrrad kaufen, um nicht mehr auf die ├Âffentlichen Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Anfangs stellte sie ihr Fahrrad in den Korridor, aber das pa├čte der Ida nicht, Irma mu├čte es in ihre Stube stellen, wo es ihr arg im Wege war. 1951 wurde von Alfred und Herrn L. der defekte Badeofen nebst Wanne aus unserem Badezimmer entfernt; und dort konnte Irmas Fahrrad nun stehen, ohne jemanden zu st├Âren. Jedesmal, wenn ich daran vor├╝ber kam, am├╝sierte es mich, da├č das Fahrrad die Aufschrift "Diamant" trug. Irma pflegte das Rad so, da├č es auch wirklich wie ein Diamant blitzte.
Als die Motorroller auf den Markt kamen, kaufte sie einen "Sperber". Damit kam sie schneller zu ihren Ausflugszielen und konnte jemanden auf dem R├╝cksitz transportieren. Der "Sperber" wurde anfangs im Hausflur abgestellt, das duldete nun wieder die Hausverwaltung nicht. So stellte sie ihr Gef├Ąhrt auf den Hof, dort war gen├╝gend Platz.
Kurz nach meinem achten Geburtstag bemerkte ich, da├č Irma eine Zigarettenschachtel in der K├╝che vergessen hatte. Ich war wieder einmal ganz allein in der Wohnung und hatte Langeweile, so steckte ich mir eine Zigarette an. Ich hatte oft genug beobachtet, wie es gemacht wird und hatte keine Schwierigkeit damit. Der hei├če Rauch bi├č mir in Zunge und Hals. Ich bem├╝hte mich, das zu genie├čen, denn ich wu├čte durch die Reden der Erwachsenen, da├č Tabak ein Genu├čmittel ist. Ich konnte den Genu├č nicht nachvollziehen, rauchte die Zigarette aber g├Ąnzlich auf. Nun wu├čte ich, wie es schmeckt und konnte zeitlebens darauf verzichten.
Manchmal neckte Irma mich im Vor├╝bergehen mit kurzen Worten, die aber nie so verletzend waren, wie ich es von allen anderen gew├Âhnt war. Da sie keine Antwort abwartete, konnte ich nun schmollen oder vergessen. Oft tat ich beides. In jedem Fall aber verga├č ich es, denn Irma war eine lustige Person und hatte nur Spa├č gemacht. Nur eine negative Bemerkung hat mich nachdr├╝cklich beeinflu├čt: Ich stand vor dem Spiegel und probierte erstmals in meinem Leben aus eigenem Antrieb eine neue Frisur. Irma durchschritt den Flur und ich fragte sie: "Seh ick so bessa aus?" sie erwiderte ohne mich anzusehen: "Du mit deine Schweinelocken!" So war mir kurz und schmerzhaft jegliche Eitelkeit f├╝r alle Zeit vergangen.
Eine andere Freundin von Irma hie├č Helga. Sie war ein klein wenig gr├Â├čer als Irma, stets tadellos gekleidet und frisiert, eine richtige Dame mit dezentem Make-Up und ausgezupften Augenbrauen. Ich bat sie, mir einen Vers in mein Poesie-Album zu schreiben. Aber sie hat-te eine derartige "Doktorschrift", da├č ich sie nicht entziffern konnte. Ich bat sie, mir vorzu-lesen, was sie geschrieben hatte. Stattdessen schrieb sie auf die n├Ąchste Seite: "Da Christa das nicht lesen kann, fang ich noch mal von vorne an." und wiederholte den Text in derselben Krakelschrift. Nie habe ich erfahren, was sie mir f├╝r einen Spruch ins Album geschrieben hatte!
Wenn ich Irma bat, mir ein M├Ąrchen zu erz├Ąhlen, begann sie zu singen: "Rotk├Âppchen h├╝bsch und fein ging in den Wald allein, da kam der b├Âse Wolf und fra├č es auf!"
Sie erz├Ąhlte lieber Witze, z.B. diesen: Zur Jahrhundertwende lebte in Berlin eine Mut-ter mit drei T├Âchtern, die alle einen Sprachfehler hatten, sie konnten weder "g" noch "s" aussprechen. Jedes Jahr sch├Ąrfte sie ihren inzwischen erwachsenen T├Âchtern ein, den Mund zu halten, wenn sie beim Tanz einen jungen Mann kennenlernen, damit er nicht schon vor der Hochzeit merkt, was er sich einhandelt. Eines Tages beherzigten die M├Ądchen das und kehrten alle mit einem netten jungen Kavalier an den Tisch zur├╝ck. Aber die berliner Tanzs├Ąle waren auch damals nicht so richtig sauber, und eines der M├Ądchen erblickt eine Spinne an der Wand. Entsetzt schrie sie auf: "Eine Pinne! Eine Pinne!" Die zweite fl├╝sterte ihr ebenso entsetzt zu: "Bit du dille! Bit du dille! (Bist du stille)" Die dritte aber sagte sehr vergn├╝gt: "Na, ein D├╝ck, det it dit nit dedaat habe! (Na, ein Gl├╝ck, da├č ich das nicht gesagt habe)" Oder diesen: Klein-Erna fragt: "Mutti, was ist ein Roler?" - "Du meinst einen Roller, aber den kennst du doch!" - "Nein, ein Roler, Mama." Die Mutter schickt das Kind zum Vater. "Papa, was ist ein Roler?" - "Du meinst einen Roller, nicht wahr?" - "Nein, ein Roler." - "Ja, woher hast du denn das Wort? Vielleicht ergibt sich der Sinn ja aus dem Satzzusammenhang." - "Von den Kindern auf der Stra├če, die singen immer: "Tittiroler sind lustig . . ." Titti kenn ich, aber was ist ein Roler?"
Ida verbot mir, in Irmas Zimmer zu gehen, ganz gleich, ob sie zu Hause war oder nicht. Aber die wenigen Blicke, die ich in ihr Zimmer werfen konnte, lassen mich verk├╝nden, da├č es stets ordentlich und sauber war, ebenso wie ihre Kleidung und W├Ąsche. Selten sah ich, da├č sie W├Ąsche wusch, das erledigte wahrscheinlich ihre jeweilige Freundin f├╝r sie.
Auch sah ich sie selten eine Mahlzeit zubereiten. Sie a├č meist auf ihrer Arbeitsstelle zu Mittag. Was sie zum Abendbrot ben├Âtigte, hatte sie in ihrer Stube. Und wenn sie hin und wie-der ihre Freundinnen am Wochenende eingeladen hatte und f├╝r sie kochte, verlie├č Ida demonstrativ mit mir die K├╝che, um "die Sauerei nich mit ansehn zu m├╝ssn". Aber Irma beeilte sich mit der Kocherei und hinterlie├č die K├╝che nach M├Âglichkeit sauberer, als sie sie vorgefunden hatte. Einmal wollte sie zusammen mit einer Freundin Kohlrouladen kochen. Sie trugen heiter alles zum Tisch, was sie ben├Âtigten, und kamen dann in Schwierigkeiten: Kocht man zuerst die Kartoffeln oder den Kohl? Kocht man den Kohl ├╝berhaupt, oder wickelt man ihn roh um das Fleisch? Irma fragte mit tiefem Erstaunen in der Stimme: "Ja, hast du denn noch niemals Kohlrouladen gekocht?" - "Nein." entgegnete die Freundin tief besch├Ąmt. "Na, ick ooch nich!" lachte Irma tr├Âstend. Soviel ich wei├č, gelang ihnen die Mahlzeit dann doch.
Einmal stand ich neugierig in der K├╝che, um zu sehen, was Irma ihren Freundinnen wohl vorsetzen w├╝rde. Es sollte u.a. einen Obstsalat geben. Auf dem K├╝chentisch stand eine gro├če T├╝te mit ├äpfeln. Ich hatte schon mehrere Monate keinen Apfel mehr gegessen und fragte l├╝stern: "Tante Irma, bleibt da vielleicht n Appel ├╝brich?" Gutgelaunt antwortete sie: "Kannst dir jleich een neem." Ich griff in die T├╝te, ohne hineinzusehen und hatte ein Prachtst├╝ck von Apfel in der Hand, das ich mit gro├čer Lust sogleich herzhaft anbi├č. Aber so hatte Irma es nicht gemeint, sie hatte "gleich" gesagt und nicht "auf der Stelle". Sie sch├╝ttete die T├╝te aus und sah, da├č ich den einzigen gro├čen Apfel erwischt hatte, die anderen waren nicht halb so sch├Ân. Nun war sie b├Âse mit mir, ihre gute Laune war dahin. Jetzt sagte sie nicht mehr: "Du sollst nich leehm wie n Hund", sondern wies mich aus der K├╝che.
Selbst Irma, die so tolerant und gebildet war, stimmte eines Tages in den allgemeinen Chorus gegen meine Mutter ein mit der Bemerkung: "Deine Mutter kann keene Witze azeeln, die vasaut imma die Po├Ąnkte." Das hat mir sehr weh getan. Nach aller anderen ├╝blen Nachrede sollte ich nun auch noch hinnehmen, da├č meine Mutter keine Witze erz├Ąhlen konnte. Heute vermute ich, da├č Irma nicht akzeptierte, da├č es unterschiedliche Arten von Humor gibt, denn ich habe meine Mutter als sehr humorvollen Menschen kennengelernt und viel mit ihr gelacht.
W├Ąhrend Irmas T├Ątigkeit bei der BVG lie├č sie sich f├╝r den Dienst bei der Volkspolizei anwerben. Hier lebte sie f├Ârmlich auf. Sie war mit Leib und Seele dabei, die Arbeit machte ihr sichtlich Spa├č. Ihre Anstellung bei der Polizei war leider nur von kurzer Dauer. Sie verliebte sich sehr heftig in eine Kollegin und lernte von ihr nicht nur alle Gen├╝sse der lesbischen Liebe kennen, sondern auch den Alkoholmi├čbrauch. Es war nur eine Frage der Zeit, da├č man sie beide betrunken im Dienst erwischte. Das darauffolgende Disziplinarverfahren gipfelte darin, da├č Irma aus dem Polizeidienst entlassen wurde. Aber nicht das war das Schlimmste, sondern die Reaktion der geliebten Freundin. Sie gab Irma die Schuld an allem und wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Dieser Schicksalsschlag hat Irma sehr schwer getroffen. Sie trank eine ganze Flasche Schnaps leer, zog ihr h├╝bschestes Nachthemd an, legte sich auf ihr Bett, stellte eine Sch├╝ssel daneben und schnitt sich die Pulsadern auf. Das Gef├╝hl f├╝r Ordnung und Sauberkeit war ihr so in Fleisch und Blut ├╝bergegangen, da├č sie selbst in dieser tragischen Situation bestrebt war, keine h├Ą├čliche Pf├╝tze zu machen.
Irgendwie hatte Ida jedoch gesp├╝rt, da├č mit Irma etwas nicht stimmte. Sie wollte mit ihr reden, fand aber die T├╝r verschlossen. Es war das erstemal, da├č Irmas T├╝r verschlossen war. Ida schlug Krach. Anhand der Reaktion - absolute Stille - erkannte sie, da├č schnelle Hilfe geboten war. Sie holte Herrn L. herunter, damit er die Zimmert├╝r aufbricht. Als sie sah, was geschehen war, schickte sie rasch nach unserem Hausarzt, der auch sofort kam und die Blutung stoppte. Irma wurde gerettet - und sie war nicht froh dar├╝ber. Das wurde allgemein ignoriert. Das Leben geht weiter! Der Arzt ├╝bergab eine Packung Beruhigungstabletten. Ida schickte mich mit diesen Tabletten zu Irma und trug mir auf, ihr zu sagen, da├č sie nicht so bl├Âd sein soll, die Dinger alle auf einmal zu nehmen. Ich k├Ânnte mich heute noch daf├╝r ohrfeigen, da├č ich diesen Auftrag wortw├Ârtlich und in Idas Gestus erf├╝llte! Irma hatte mehr Mitgef├╝hl verdient; zumal Ida mit ihr auch nicht die bei M├Ądchen sonst ├╝blichen Scheerereien hatte. Irma hatte stets f├╝r die Familie mitgesorgt in den harten Kriegs- und Nachkriegsjahren. Das aber war nun alles vergessen. In Idas Augen war sie abartig und verabscheuungsw├╝rdig.
Seit jener Zeit war Irma verschlossen und in sich gekehrt. Ihr heiteres Wesen hatte sich g├Ąnzlich verloren. Sie trank jetzt regelm├Ą├čig und kam meist nur zum Schlafen nach Hause. Sie fand zwar immer wieder eine Freundin, aber keine Beziehung hielt f├╝r l├Ąngere Zeit.
Wenn sie auf ihre Trinkgewohnheiten angesprochen wurde, antwortete sie je nach Laune: "Prost, Pulle, wie s├╝├č ist dein Loch!" oder: "Doof fri├čt, Intelligenz s├Ąuft!" Diesen Satz wendete ich - dreizigj├Ąhrig - in erweiterter Form auf mich selber an: "Ick bin doof und versuche manchmal, intellijent zu sein."
Ich war etwa zehn Jahre alt, als Irma mich ein klitzekleines Gl├Ąschen Lik├Âr probieren lassen wollte. Ich warf den Kopf zur├╝ck und sagte stolz eines der zehn Gebote der "Jungen Pioniere" auf: "Junge Pioniere trinken keinen Alkohol!" und ging ihr aus dem Weg. Dar├╝ber war sie regelrecht erbost. Ich war nicht in der Lage, auf sie einzugehen. Sie war als "absonderlich" verschrien, und ich wollte "normal" sein.
H├Ąufig kam es vor, da├č sie an Tagen von Familienfeiern schon halb betrunken war, bevor Alkohol an die G├Ąste ausgeschenkt wurde. Dann sagte Ida giftig zu ihr: "Konnts de wieda nich de Zeit abwaaten, wa, hast de wieda vorjefeiat, wa?" Sie verlie├č dann das Haus und blieb der Feier fern. Sie wollte wahrscheinlich nicht zu einer Familie geh├Âren, die keine war.
Das Leben ging also weiter, Irma aber hatte sich merklich ver├Ąndert. Sie war nicht mehr so leicht ansprechbar f├╝r mich und auch hart anderen gegen├╝ber. Als auf einer Familienfeier einmal Japan als "Land des L├Ąchelns" bezeichnet wurde, sagte sie mit herabgezogenen Mundwinkeln: "Ja, ja, die Japse! Die haam den Booren raus, imma nur l├Ącheln!"
Immer wollte ich sie f├╝r ein Gespr├Ąch gewinnen. Als ich z.B. einmal einen leichten Husten hatte und auch sie hustete, sagte ich scherzhaft zu ihr: "Du hast ma anjeschdeckt!" Sie erwiderte unwirsch: "Ja, ja, du hast n Rauchahustn! Ick un dir anjeschdeckt!"
An einem Sonnabend sagte ich ├╝berm├╝tig zu ihr: "Morjen is Sonntach, da MUSS die Sonne scheinn! Det beschtimme ick!" Sie hatte wahrscheinlich wieder getrunken, jedenfalls erkannte sie den Widersinn dieser Bemerkung nicht und sagte fuchtig: "Du hast hier jarrnischt zu beschtimm, merk dir det!"
Da ich Irma als Kreuzwortr├Ątselfan kannte, ging ich - achtj├Ąhrig - einmal mit einem R├Ątsel aus meiner ABC-Zeitung zu ihr. Ich war sehr stolz dar├╝ber, schon einige L├Âsungen in das R├Ątsel eingetragen zu haben, aber die anderen wollten nicht mehr hineinpassen. Sie warf einen kurzen Blick auf das R├Ątsel und keifte: "Det haste ja allet janz falsch jemacht! Die Antwort uff "Vaterland" hei├čt "Heimat" und nich "Deutschland", du Dussel, denkste denn, da├č alle Menschen uff de Welt Deutsche sind? Jeda hat doch sein eijenet Vataland! Du hast det janze Reetsel vaschmiert! Man schreibt doch die W├Ârta blo├č in die wei├čn K├Ąstchn rin un nich dr├╝bawech!" (Ich hatte die hellblauen Blindfelder nicht als solche erkannt und erst jetzt erfahren, welche Funktion sie haben.) Ich hatte nun auf schmerzliche Weise etliches von Irma gelernt und ging nie wieder mit einem Kreuzwortr├Ątsel zu ihr.
Zwei Jahre sp├Ąter hatte sie in der K├╝che ein gro├čes R├Ątsel aus der Wochenendbeilage der "Berliner Zeitung" liegenlassen. Ich hatte ihr beim Raten zugesehen und bemerkt, da├č ihr mittendrin ein langes Wort fehlte. Es wurde nach dem "Erfinder" der Magdeburger Halbkugeln gefragt. ├ťber ihn hatte ich gerade etwas in einem Buch aus der Bibliothek gelesen, und ich schrieb rasch seinen Namen in das R├Ątsel. Irma entdeckte bei ihrer R├╝ckkunft sogleich meine krakeligen Buchstaben und wollte mir die Zeitung um die Ohren schlagen, weil sie nicht glauben wollte, da├č der Name richtig war. Ich hatte zwar nicht mehr mein Bibliotheksbuch zum Beweis, aber die nachfolgenden Begriffe pa├čten akkurat in das R├Ątsel. So erwarb ich mir kurzzeitig Irmas Achtung, worauf ich sehr stolz war.
1958 hatte ich von Onkel Erich ein russisches K├╝chenlied gelernt und sang es recht h├Ąufig. Es handelte von dem russischen Helden Stenka Rasin; und es kam in dem Lied eine Zeile vor, die mit den Worten: "Stenka h├Ârt es . . ." begann. Als ich wieder einmal das Lied lautstark in unserer K├╝che zu singen begann, kam Irma aus ihrer Stube und sagte verweisend: "Pa├č blo├č uff, eh, Schtenka h├Ârt det!"
Zu jener Zeit begann ich, mir eine politische Meinung zu bilden und redete eines Tages auch mit Irma dar├╝ber. Ich erkl├Ąrte in diesem Zusammenhang: "Wir alle, alle Menschen dieses Schtaates, sind kleine und gr├Â├čere R├Ądchen; jeda hat an seihm Platze seine Uffjabe zu erf├╝llen, niemand ist unwichtich!" Irma hatte mit schiefem Mund zugeh├Ârt und sagte nun: "Fang blo├č nich an zu eiern, du schubst sonst den janzen Schdaat aus n Angeln, un denn wirst de rausjeschmissn!" Ich ignorierte ihre Abwertung und best├Ątigte: "Jenauso is et!"
Manchmal fanden heitere Abende in ihrem Zimmer statt, dazu lud sie einen gewissen Freun-dinnenkreis ein. Zuerst gab es ein gutes Essen, danach diverse Getr├Ąnke und mehrstimmige Ges├Ąnge. Eine der Freundinnen spielte Gitarre, eine andere Mundharmonika. Da ich die Lieder durch die Wand hindurch h├Ârte, sind mir heute noch zwei davon gel├Ąufig: "Ich m├Âcht einmal mit dir allein wie Robinson auf einer Insel sein, eine Woche lang, einen Monat oder ein Jahr. Du brauchst kein Hutsalon und auch kein Abendkleid, dann w├Ąr der Weg zum Stan-desamt nicht mehr so weit! Ich m├Âcht einmal mit dir allein wie Robinson auf einer Insel sein, eine Woche lang, einen Monat oder ein Jahr!" Von dem anderen wei├č ich nur noch, da├č es aus mehreren Liedern zusammengesetzt war, die nahtlos ineinander ├╝bergingen, wodurch sich ein heiteres Kauderwelsch ergab. Es endete mit den Worten: "Dann hol ich mir einen - - - runter vom Holunderbaum - - - das Ganze war ja nur ein Traum." Jeder Absatz geh├Ârte zu einem anderen Lied, wie an der Melodie zu erkennen war.
Bei DEGUFA arbeitete auch ein Schwarzer; er war als Besatzungssoldat aus Amerika gekommen und hatte eine Berlinerin geheiratet. Er war 1954 ca. f├╝nfzig Jahre alt und wohnte ganz in unserer N├Ąhe, jedenfalls sahen wir ihn h├Ąufig, wenn er zur Nachmittagsschicht ging oder von der Fr├╝hschicht kam. Familie L. mokierte sich h├Ąufig ├╝ber sein gebrochenes Deutsch, und sie nannten ihn abf├Ąllig "det Mohrchen". Als Irma einmal zuf├Ąllig bei einem derartigen Kaffeeklatsch in unsere K├╝che kam, fuhr sie energisch dazwischen: "Der hei├čt nicht "Mohrchen", sondern Abdulla N Taguru!" worauf Grete L. h├Âhnisch erwiderte: "Du bist selba so n Guru!" Ich war stark beeindruckt, da├č Irma diesen Mann verteidigte, ohne einen Vorteil davon zu haben. Er hatte niemandem etwas getan. Grete L. hatte kein Recht, abf├Ąllig ├╝ber ihn zu reden.
Die letzte Freundin, mit der Irma l├Ąngere Zeit berfreundet war, hie├č Heidi. Sie war der Irma in gewisser Weise sehr ├Ąhnlich, trug fast immer Hosen, hatte ein h├╝bsches, ebenm├Ą├čiges Gesicht, dunkelblonde, kurze Locken und gro├če braune Augen. Sie hing wie eine Klette an Irma und war furchtbar eifers├╝chtig, sogar darauf, da├č Irma mit Waltraud und mir in einer Wohnung lebte. Dabei sprach Irma kaum noch mit uns. Die beiden zankten sich oft und lautstark miteinander, bis hin zu Handgreiflichkeiten. Aber immer wieder vertrugen sie sich miteinander, wobei Heidi in der Regel die Verzeihung Suchende war.
Meine Jugendweihe wurde in Irmas Zimmer gefeiert, weil dort alle G├Ąste an den Tisch pa├čten, ohne da├č viel umger├Ąumt werden mu├čte. Als G├Ąste erschienen Gerda, Waltraud, Onkel Erich, f├╝r einen kurzen Moment Grete L., besagte Heidi und nat├╝rlich Irma und Ida. Es gab Kaffee und Kuchen. Die Stimmung war miserabel. Es war keine Feier, sondern eine Qual f├╝r alle Anwesenden. Schweigend wurde der Kuchen vertilgt. Was h├Ątte ich Vierzehnj├Ąhrige unternehmen sollen? Als der Tisch abger├Ąumt wurde, sah ich, wie Irma Heidis Brust streichelte. Damit h├Ątte sie meiner Meinung nach warten k├Ânnen, bis sie allein waren. Solange hatte wenigstens ich noch meine Jugendweihe feiern wollen, jetzt war auch f├╝r mich der Tag gelaufen. Ich f├╝hlte mich durch dieses Streicheln verletzt und entw├╝rdigt.
Als Ida tot und beerdigt war und ich zu meiner Mutter zog, hat Irma mir meine gesamte Habe auf ihrem Motorroller transportiert, wof├╝r ich ihr sehr dankbar bin, denn so war alles an einem Vormittag zu bew├Ąltigen. Wir fuhren dreimal zwischen den Wohnungen hin und her; wenn ich alles h├Ątte tragen m├╝ssen, h├Ątte ich mindestens doppelt so oft gehen m├╝ssen, allein dreimal mit den vielen B├╝chern, die ich inzwischen besa├č.
Doch ich kam nie auf die Idee, sie zu besuchen; ja, ich ging nie in die N├Ąhe meines einstigen Heims, ich mied es wie die Pest. Irma besuchte auch mich nicht. Ich w├Ąre auch sehr erstaunt ├╝ber ihren Besuch gewesen und h├Ątte nichts mit ihr reden k├Ânnen. Aber ich h├Ątte mich gefreut. Mit einem Besuch bei mir h├Ątte sie auch meine Mutter anerkannt, es war ja ihre Wohnung, in der ich nun lebte. Irma hat jedenfalls Waltraud besucht, wie ich viele Jahre sp├Ąter erfuhr. Idas Familie waren ihre Adoptivkinder. Sie akzeptierten und mochten einander. Ida war meine Tante, ich ein Kind aus ihres Bruders zweiter Ehe, da h├Ârt Familie auf. Oder?
Ich traf Irma noch einmal zuf├Ąllig 1962 in der Kaufhalle. Sie war betrunken und wir gr├╝├čten uns nur im Vor├╝bergehen. Ein paar Monate sp├Ąter erfuhr ich, da├č sie verstorben war und ihrem Sarg nur Gerda und Grete L. gefolgt waren.
Irma war einer der wertvollsten Menschen in meiner Kindheit.




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