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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren: kirche
Eingestellt am 28. 03. 2001 13:08


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flammarion
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Old Icke und die Kirche

Vor dem Krieg ging Ida in die Kirche am Mirbachplatz (der Mirbachplatz befindet sich in der Pistoriusstra├če, etwa 400 m von unserem Wohnhaus entfernt). Aber diese Kirche wurde im Krieg so stark besch├Ądigt, da├č die Gl├Ąubigen sich ein anderes Gotteshaus suchen mu├čten. Ida ging nun in die Kapelle der Baptisten Gemeinde in der Friesickestra├če. Sonntagvormittags gab es hier auch einen Kinder-Gottesdienst, den Waltraud und ich regelm├Ą├čig besuchten.
Ich ging sehr gern in die Kirche. Erstens, weil es ein besonderer Ort mit eigenen Regeln war, zweitens wegen der sch├Ânen Geschichten, drittens weil hier nur das von mir verlangt wurde, was ich schon gut konnte, n├Ąmlich stillsitzen, leise sein und nach Aufforderung mitsingen, und viertens wegen der Orgel und den harmonischen Ges├Ąngen, die so voller Menschenliebe waren. Es machte mich sehr gl├╝cklich, zu erfahren, da├č es einen g├╝tigen Gott gibt, der alle Menschen liebt und versteht und der die Menschen dazu anh├Ąlt, es ihm gleich zu tun durch das Gebot: "Liebe Deinen N├Ąchsten wie Dich selbst!" Die Vorstellung, nach meinem Tode im Chor der Engel mitsingen zu d├╝rfen, hielt mich eher als alle Strafen und Verbote dazu an, stets brav und gehorsam zu sein. "Der liebe Gott sieht alles!", dieser Spruch hielt mich viele Jahre lang davon ab, ein eigenes Leben zu f├╝hren. Ich wollte gehorsam und gottesf├╝rchtig sein. Ich wu├čte: Die Christen f├╝rchten Gott, jedenfalls seine Strafe. Ich wollte niemals gestraft werden, nachdem ich Idas Hiebe empfangen hatte!
Die Baptisten-Kirche ist ein fast quadratischer Bau, damals dunkelgrau verputzt. Der einzige Zierrat waren die hohen bunten Glasfenster, auf denen Szenen aus der biblischen Geschichte dargestellt waren. Durch diese Fenster drang wenig Licht in das Kircheninnere. Um 1960 wurden die bleigefa├čten Fenster entfernt und wei├če, geriffelte Glasscheiben eingesetzt.
Mir Dreij├Ąhrige schien der Kirchenraum riesig, obwohl er nur 15 Sitzreihen hatte. Waltraud sa├č neben mir, aber wenn Doris mit uns kam, setzten sich die beiden M├Ądchen nach hinten zu den Jungs. Ich war sehr eifrig und lernte die Ges├Ąnge und Gebete rasch, obwohl ich h├Ąufig den Inhalt nicht v├Âllig verstand.
Nach erstem Anh├Âren der Bergpredigt sagte Waltraud zu mir: "Du bist eene von die Seelijen, du bist ja arm am Jeiste!" Ich freute mich riesig, selig zu sein und ├╝berh├Ârte die Gemeinheit.
Zu Hause beteten wir stets vor den Mahlzeiten: "Lieber Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast." Vor dem Einschlafen beteten wir: "Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein." Oder: "M├╝de bin ich, geh zur Ruh, schlie├če beide ├äuglein zu. Vater, la├č die Augen Dein ├╝ber meinem Bette sein." Als ich dieses Gebet lernen sollte, verstand ich es zuerst einmal falsch, ich meinte, der Vater soll es unterlassen, mir beim Schlafen zuzusehen, damit er selbst ruhen kann. Ich fragte Ida, ob vielleicht MEIN Vater gemeint sei? (Ich konnte nicht glauben, da├č der Herrgott, dem doch soviel an Keuschheit gelegen war, ein Vater sein konnte.) Sie lachte ver├Ąchtlich: "Nee, Mensch, dein Vata lebt doch noch!" Nachdem ich mir viele Tage den Kopf dar├╝ber zerbrochen hatte, warum mein Vater mich nicht besucht, richtete ich die Frage an Ida. Sie antwortete: Er ist zu alt. Da war ich zum zweitenmal geschockt - ich wu├čte, da├č Ida viel ├Ąlter als mein Vater war!
Als Waltraud und Doris ins Flegelalter kamen, erfanden sie neue Gebete: "Lieba Jott, ick bete, mein Arsch, der is aus Kneete, mein Kopp, der is aus Holz, und dadruff bin ick schtolz!" oder: "Vata unsa, der du bist, unsre janzen Schrippn fri├čt, meine hast de ooch jefressn, det werd ick dir nie vajessen!" F├╝r mich war es ein Spa├č, aber ich wu├čte, da├č Doris einen Vater hatte, der tats├Ąchlich ihre Schrippen fra├č.
Eines der zehn Gebote h├Ârte sich bei Doris so an: "Vata un Mutta sollst de ehrn, wenn se dir schlaaren, denn sollste dir wehrn, un wenn se sich denn noch mucken, denn sollst de se in de Fresse spucken!" Nie h├Ątte sie derartiges auch nur andeutungsweise gewagt, aber es war eine leichte Art, sich den Unmut ├╝ber ihre h├Ąuslichen Verh├Ąltnisse von der Seele zu reden. Ich wu├čte, da├č das alles nicht gar so ernst gemeint war und konnte auch mit ihr dar├╝ber lachen; aber wenn Grete L. sagte: "Wer Jott vatraut un Bretta klaut, hat bald ne billje Laube!", hatte ich das Gef├╝hl, da├č sie das durchaus ernst meinte und auch bef├╝rwortete. Auch hielt sie es f├╝r einen guten Witz, bei Regenwetter zu sagen: "Die Engel pinkeln."
Als Dreij├Ąhrige erlebte ich mit Ida einen Ostergottesdienst. Der Geistliche mu├čte entsetzlich lavieren, um nach der Trauer um Jesu Tod noch ein Halleluja anbringen zu k├Ânnen. Dann sagte er: ÔÇ×La├čt uns diesen Gottesdienst feiern. Innerlich dachte ich: ÔÇ×Prima, jetzt gibt es was zu trinken! und freute mich auf Limonade, w├Ąhrend ich Ida gern den Genu├č von Alkohol g├Ânnte, der zu einer Feier geh├Ârt wie das Amen in der Kirche. Ich war v├Âllig aus dem Wind, als ich sah, da├č es f├╝r Ida nur einen winzigen Schluck Wein aus einem Pokal - aus welchem (Pfui!) alle tranken und einem trockenen, geschmacklosen Keks (den ich mir lieber selber in den Mund steckte, als ihn von den gnubbeligen Pfarrersfingern hineingesteckt zu bekommen) - nichts weiter gab. Auf dem Heimweg fragte ich Ida, warum der Pfarrer das eine Feier nannte? Die Antwort war unbefriedigend.
Wer w├Ąhrend des Kindergottesdienstes brav war, bekam von der Aufsicht einen Zettel mit einem Bibelspruch. Ich sammelte meine Zettel und hatte bald einen ganzen Stapel. Da kam mir in den Sinn, ein gutes christliches Werk zu tun und verteilte die Spr├╝che an jene Kinder, von denen ich wu├čte, da├č sie nicht zur Kirche gingen. Ich bekniete sie mit frommen Worten, wie ich sie in der Kirche geh├Ârt hatte und machte ihnen klar, da├č sie nach ihrem Tode nicht in den Himmel kommen, sondern im Fegefeuer schmoren werden, wenn sie sich nicht bald besinnen, in die Kirche gehen und gute Diener Gottes werden. Es war ein tolles Gef├╝hl, in einer Schar aufmerksamer Lauscher im Mittelpunkt zu stehen. Meine Wangen r├Âteten sich vor Eifer. Doch beim Erl├Ąutern der zehn Gebote wurde mir bewu├čt, wie sehr mir diese Aufmerksamkeit schmeichelte. Das Wort Gottes ist nicht da zu da, da├č sich eine dumme G├Âre schmeicheln l├Ą├čt! Ich brach mit hochrotem Kopf meine Rede ab. Die von mir angesprochenen Kinder kamen auch weiterhin nicht zum Gottesdienst. Ich war damals sieben Jahre alt.
In der Sonntagsschule gab es eine kleine Hymne, die stets zu Beginn oder am Schlu├č des Gottesdien-stes gesungen wurde: "Sonntagsschule, du sollst leben, wachsen, bl├╝hen und gedeihn, steter Jubel, stetes Leben soll in deinen Mauern sein . . ." (nach der Melodie des Weihnachtsliedes "Morgen, Kinder, wird s was geben")
An einem Sonntag verlief der Kindergottesdienst ganz anders als sonst. Es war ein sehr hei├čer Som-mertag, wir gingen nach dem "Vaterunser" in den Kirchgarten, von dessen Existenz die meisten von uns bis dahin gar nichts wu├čten. Der Pfarrer und das Aufsichtspersonal spielten mit uns die Kreisspiele, die wir Kinder sonst auf der Stra├če spielten: "Laurentia", "25 Bauernjungfern", "Stolzer K├Ânig, was suchst du hier", "Ziehet durch die goldne Br├╝cke", "Der Plumpsack", "Rote Kirschen e├č ich gern", "Der Sand-mann ist da", "Es geht ein Bi-ba-butzemann", "Br├╝derchen, tanz mit mir" usw. Es war wundersch├Ân und wiederholte sich nie.
Kurz darauf erz├Ąhlte uns der Pfarrer eine Geschichte, mit der ich nicht einverstanden war. Sie handelte vom "J├╝ngsten Tag", wo sich herausstellen sollte, wer in den Himmel kommt und wer der ewigen Ver-dammnis anheimf├Ąllt. Der Pfarrer sprach: "Und da sie wandelten in der Finsternis, ging einigen das ├ľl aus in ihrer Glaubenslampe, und sie baten diejenigen, die mit ihnen gingen, ihnen etwas abzugeben von ihrem Glaubens├Âl. Doch niemand gab ihnen ├ľl, denn sie hatten im Leben genug Zeit, Glaubens├Âl zu sammeln, da es bei ihnen nun nicht reichte, fielen sie der ewigen Verdammnis anheim. Viele Tr├Ąnen flossen bei ihren Angeh├Ârigen, aber es war zu sp├Ąt." Wo war denn in diesem Moment das Gebot geblieben "Liebe Deinen N├Ąchsten wie Dich selbst"? War dies nicht die h├Âchste Stunde der Not, wo jeder ein Schuft war, der nicht half? Ich h├Ątte von meinem ├ľl abgegeben. Sollte doch dann der Allwissende ├╝ber mich richten! (Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, ist man dann auch handlungsf├Ąhig, so verstand ich es. Sollte man nicht handlungsf├Ąhig sein, ist ein Leben nach dem Tode v├Âllig unn├╝tz. Und solange man handeln kann, sollte man - gerade im Angesicht der endg├╝ltigen Entscheidung! - wie ein guter Christ handeln.und hel-fen, wo man kann.)
Ida hatte auch Grete L. dazu angeregt, in die Kirche zu gehen. Oft gingen sie beide untergehakt zum Gottesdienst, etwa ein halbes Jahr lang. Dann erfand Grete L. Ausreden, denn der Kirchgang war f├╝r sie nichts weiter als verlorene Zeit. Auch am Sonntag hatte sie f├╝r ihre vielk├Âpfige Familie zu sorgen.
Um 1952 lernte sie eine Frau kennen, die den "Zeugen Jehovas" angeh├Ârte. Diese Rich-tung gefiel ihr besser, auch weil die Sekte in der DDR verboten war. Grete L. lie├č auch Ida (meiner Gegenwart nicht achtend) an ihrem neuen Wissen teilhaben und erz├Ąhlte z.B., da├č in einem selten gedruckten Buch der Bibel steht, da├č die gesamte Menschheit eines Tages unter den Schatten einer Eiche passen wird. Also haben wir noch mindestens einen schrecklichen Krieg zu gew├Ąrtigen oder (hier machte sie eine Kunstpause und ein sensationsl├╝sternes Gesicht) der Herrgott schickt uns noch einmal eine "S├╝ndflut" (sie hatte sich nicht die M├╝he gemacht, in der Bibel zu lesen und wu├čte nicht, da├č es "Sintflut" hei├čt). Da├č das Ende der Menschheit auch v├Âllig gewaltlos durch die st├Ąndig zunehmende Umweltverschmut-zung oder in Form einer Krankheit wie AIDS auf uns zu kommen k├Ânnte, der Gedanke lag ihr fern. Denn Gott der Herr hat den Menschen die Erde ├╝bergeben, damit sie etwas daraus machen, und gegen Krankheiten gibt es ├ärzte, auch wenn sie alle nur Kurpfuscher sind (sie hielt nicht viel von ├ärzten und anderen Studierten. Solche Klugschei├čer waren ihrer Gegenwart nicht w├╝rdig. M├Âglicherweise reagierte sie so ihren Frust dar├╝ber ab, da├č ihr hochintelligenter Sohn Karlheinz nicht studiert hatte.).
Wenn ein Kind ungezogen war, sch├╝ttelte sie die Faust und keifte: "Dir werd ick schon noch Moses lern!" Durch die Freundin meiner Mutter erfuhr ich, da├č hierbei nicht der Bibelmann gemeint war, son-dern "mores", das lateinische Wort f├╝r Benehmen.
Ida las oft in der Bibel und hatte etliche Begriffe aus der biblischen Geschichte im t├Ąglichen Sprachgebrauch. Wenn es z.B. irgendwo unordentlich war, sagte sie: "Det sieht hier aus wie Sodom und Jemorra!" Wenn jemand erschrak, dann wurde er "zur Salzs├Ąule wie Lots Weib". Wenn jemand von einem Gang zu einem Amt unverrichteter Dinge heimkehrte, war er "von Pontius zu Pilatus geschickt worden" (dadurch war ich der festen ├ťberzeugung, da├č es sich um zwei Personen handelt). Wenn jemand sehr bek├╝mmert oder schwer krank war, sah er aus wie "das Leiden Christi". Oft "wusch sie ihre H├Ąnde in Unschuld", und oft beschuldigte sie mich, wie "die sieben Plagen" zu sein.
Sehr gern h├Ârte ich die Geschichte, wie aus dem Saulus ein Paulus wurde, die von Johannes dem T├Ąufer und die von David und Goliath. Diese Geschichten lernten wir auch im Religionsunterricht in der Schule. Einmal im Monat sollten wir eine Mark mitbringen. Daf├╝r bekamen wir eine schmale rote Marke, ├Ąhnlich einer Briefmarke. Die wurde auf eine Karte geklebt, auf welche eine brennende Kerze abgebildet war. Wenn man die Marken ordentlich untereinander klebte, bekam die Kerze einen roten Stamm und sah recht h├╝bsch aus. Diese Mark hatte Ida immer ├╝brig, um 25 Pfennig f├╝r eine Kinderfilmvorstellung bat ich meist vergeblich.
Einmal sagte der Pfarrer (ein bereits recht ergrauter Herr) beim Kindergottesdienst: "Das Gute ist oft langweilig und man hat keinen Spa├č daran, aber das B├Âse schillert und ist interessant! Es ist nicht recht, am Vormittag in der Kirche zu Gott zu beten und am fr├╝hen Nachmittag im Kino Teufelswerk anzusehen!" Wenn die gr├Â├čeren Kinder nicht sofort gekichert h├Ątten, h├Ątte ich sicher auch das f├╝r bare M├╝nze genommen und lange Zeit dem Kinospa├č entsagt, denn das Wort des Pfarrers war f├╝r mich Gesetz. Aber wo gekichert wird, da ist eine L├╝cke im Gesetz! Und au├čerdem waren die meisten der damaligen Kinderfilme fast ebenso moralisierend wie ein Kirchgang.
Eines meiner sch├Ânsten Erlebnisse in der Kirche war das Erntedankfest. Hier sah ich erstmalig das Korn, woraus "unser t├Ąglich Brot" gebacken wurde (und ich war bereit, es anzubeten) und auch die sch├Ânen Bl├╝ten der Kornblume; ich akzeptierte sie als Sch├Ądling und h├Ątte dennoch heftig gegen ihre endg├╝ltige Ausrottung protestiert.
In einem von Idas Gebeten war die Zeile enthalten: "Gebenedeiet seist du, Maria". Ich fragte, was das bedeutet? Sie antwortete: "Det is jenauso wie jesejenet." Nun wollte ich wissen, warum es dann durch gebenedeiet ersetzt wurde? Ida verzog das Gesicht und knurrte: "Woher soll ick denn det wissn, Mensch?" Ich h├Ątte gern noch gewu├čt, ob die Formulierung etwas mit dem Heiligen Benedikt (er war mir achtj├Ąhrigen in einem Roman begegnet) zu tun hatte, aber ich war mir nicht sicher, ob Ida ihn kennt und wollte auch nicht riskieren, da├č sie ob meiner d├Ąmlichen Fragen in Rage geriet.
1951 wurde der Religionsunterricht an den DDR-Schulen abgeschafft. Das machte mir nichts aus, ich ging ja jeden Sonntag zum Kindergottesdienst. Doch am n├Ąchsten Reformationstag f├╝hrte uns unsere Lehrerin (um den Heimatkunde-Unterricht anschaulicher zu gestalten) in die (leider) n├Ąchstgelegene Kirche der Baptisten-Gemeinde, wo ich den Fehler beging, meinen Mitsch├╝lern (mit einigem Stolz!) den Platz zu zeigen, wo ich sonntags immer sa├č. Ich ignorierte, da├č Kirche "out" war, ich war in meinem Element. Wenn die Lehrerin uns hier herf├╝hrte, wollte ich auch Leistung zeigen!
Spott und Schande gew├Âhnt, ertrug ich wochenlang die Behauptung meiner Klassenkameraden, da├č es der gr├Â├čte Bl├Âdsinn sei, an Gott zu glauben und auch die Bezeichnung "doofe Betschwester".
Ich w├╝├čte heute gern, in welche Kirche diejenigen meiner Klassenkameraden gegangen waren, die gleich mir den Religionsunterricht besucht hatten. Es war gewi├č die H├Ąlfte aller Sch├╝ler. Jedenfalls war keiner unter ihnen, der den Mut gehabt h├Ątte, mir beizustehen. Ich ertrug Beschimpfungen und Schl├Ąge in der Gewi├čheit, da├č auch all diese mir negativ gesinnten Kinder - Kinder Gottes sind und irgendwann zur Besinnung kommen werden. In dieser Meinung verharrte ich jahrzehntelang (niemand will Krieg, jeder will leben und niemandem Schaden zuf├╝gen! Niemandem! So hatte ich Erwachsene reden h├Âren, und so w├╝nschte ich mir die Welt).
Ida war nach meinem achten Geburtstag der Meinung, mich auf den rechten Weg gebracht zu haben und lie├č in ihrer Aufsichtspflicht in jeder Beziehung nach. Da ich mit ihr nicht mehr reden konnte - sie wies alle meine Fragen ab - schlo├č ich mich der Schulmeinung an: "Kirche ist die Vergangenheit, Sozia-lismus ist die Gegenwart". Auch ohne den Spott meiner Klassenkameraden war ich gewillt, der Kirche "Lebewohl" zu sagen, denn mir kamen allm├Ąhlich selber einige Zweifel. Wenn der Herrgott n├Ąmlich als erstes Adam und Eva erschuf (Eva aus Adams Rippe), und sie waren beide wei├č, woher kamen dann die Neger und die Chinesen? Au├čerdem hatten Adam und Eva dann nur zwei S├ľHNE, Kain und Abel. Kain erschlug Abel, zog in ein anderes Land und nahm dort eine Frau. Ja, woher kam DIE denn? Wenn sie von einem anderen Gott erschaffen wurde, dann war der doch wohl genauso m├Ąchtig wie der Christengott und also ebenso anbetungsw├╝rdig!
Au├čerdem sah ich bei Ida, da├č man durchaus ein eifriger Kirchg├Ąnger und Bibelleser sein konnte, ohne sich stracks an die zehn Gebote halten zu m├╝ssen. Und dann noch das Unglaublichste - in den zehn Ge-boten steht: "Du sollst nicht t├Âten", aber wenn ein Land mit einem anderen Krieg f├╝hrt, werden auf beiden Seiten die Waffen gesegnet!
All diese Ungereimtheiten entfremdeten mich der Kirche. So war es leicht f├╝r mich, zu lachen, wenn die Freundin meiner Mutter den Sto├čseufzer aussandte: "Jott sei s jedankt, jelobt, jetrommelt und jepfiffen!" oder: "Ach du jro├čer Jott aus Holz!"
Sie lehrte uns Geschwister auch ein frommes Gebet, welches sie auf einem Grabstein gelesen hatte: "Ich bin ein rechtes Rabenaas, ein alter S├╝ndenkn├╝ppel, der seine S├╝nden in sich fra├č als wie der Russ die Zwibbel. O, Jesus, nimm mich Hund beim Ohr, wirf mir den Gnadenknochen vor und f├╝hr mich S├╝ndenl├╝mmel in deinen Gnadenhimmel."
Den Weihnachtsbaum nannte sie ├╝brigens respektlos "Hallelujastaude". Doch als ich eines Tages - 14j├Ąhrig - scherzhaft einen Zusammenhang zwischen "Monstranz" und "monstr├Âs" zu finden suchte, wies sie ihn emp├Ârt zur├╝ck: "Da is jenausoviel Zusammenhang wie zwischen konkav und konkret, Komplex und Komplott oder Pettenkofer und Patentkoffer! W├Ąhrend einer unserer Unterhaltungen ├Ąu├čerte sie die Meinung: "Das Mittelalter ist noch lange nicht zu Ende, selbst hier in Europa nicht, das sich f├╝r so aufgekl├Ąrt h├Ąlt. Solange es noch Menschen gibt, die einen Gott brauchen, um mit sich und der Natur in Frieden leben zu k├Ânnen, solange ist auch noch Raum in den K├Âpfen f├╝r Demagogie und Massenhysterie. Was die Nazis vollbracht haben, ist jederzeit wiederholbar, es werden sich immer gen├╝gend Glaubenswillige finden. Wie sagte Karl Marx? Ein Gedanke wird zur Macht, wenn er die Massen ergreift. Das wurde auf den Sozialismus gem├╝nzt, ist aber auch im negativen Sinne wahr."
Ich konnte auch herzlich mit meinem Bruder lachen, wenn er sang: "Jott im Himmel hat keen Pimmel, dadrum ham wir jetz det Jebimmel. Da hilft nur - halt die Ohrn zu, Menschenskind, halt die Ohrn zu!" (nach der Melodie des Liedes "Wei├čt du, wieviel Sternlein stehen", welches ich ├╝brigens sehr liebte.)
Als einziges Kind der Familie L. wurde Doris konfirmiert. Man mu├čte dazu regelm├Ą├čig am Konfirma-tionsunterricht teilnehmen. Einmal war Doris aber ausgerechnet an solch einem Unterrichtstag mit einem Jungen verabredet und bat mich, mir die Stunde anzuh├Âren und ihr alles zu erz├Ąhlen, damit sie keine Bildungsl├╝cke hat. Der Pfarrer sah sofort, da├č ich nicht zur Gruppe geh├Ârte - ich war ja viel j├╝nger als die anderen Kinder - und fragte mich freundlich nach meinem Begehr. Ich war nicht imstande, in dieses abgekl├Ąrte Pfarrersgesicht hineinzul├╝gen und gestand alles so, wie es war. Der Pfarrer schickte mich heim und nahm sich in der n├Ąchsten Woche die Doris vor. Er stauchte sie t├╝chtig zusammen, ohne sie bei ihren Eltern zu verraten, womit er sich ihre gr├Â├čte Hochachtung verdiente.
Obwohl Doris und Waltraud konfirmiert wurden, sangen sie doch auf der Stra├če: "Hallelulja" und glaubten mir nicht, da├č das vierte "l" in diesem Wort ├╝berz├Ąhlig ist.
Als ich vierzehn Jahre alt war, schickte Ida mich zur Pfarrei, damit ich mich zum Konfirmationsunter-richt anmelde. Der Pfarrer stammte aus S├╝ddeutschland, bei ihm wurden die Kinder nicht eingesegnet, sondern "eingeseechnet". Ich wollte dem Spott meiner Klassenkameraden nicht noch mehr Nahrung bieten, sie sollten nicht sagen k├Ânnen: "Die Seechern wird einjeseechnet und wohnt in de Pi├č - toriusstra├če!"
Ich ging also an jenem Tage zweimal um die Kirche am Mirbachplatz herum (gegen├╝ber ihrem Ein-gangsportal steht das Wohnhaus des Pfarrers, eine kleine Villa von au├čergew├Âhnlichem Baustil), und ├╝berlegte hin und her, wie ich der Ida beibringen sollte, da├č ich mich nicht einsegnen lassen wollte. Mir fiel das D├╝mmste ein: Ich sagte, da├č der Pfarrer nicht zu Hause gewesen sei. Sie vergewisserte sich arg-w├Âhnisch, ob ich wirklich an der richtigen T├╝r geklingelt hatte und schickte mich am n├Ąchsten Tag wieder los. Nun sagte ich ihr auf den Kopf zu - die Chance eines Sonderspaziergangs vertuend - da├č ich Ju-gendweihe haben m├Âchte. Nach gro├čem Gezeter und Geschimpfe gab sie dem statt. Auch, weil Grete L. best├Ątigte, da├č es nur sehr wenige Kinder gab, die noch eingesegnet wurden.
Die Jugendweihestunden fand ich auch viel interessanter. Beim Konfirmationsunterricht w├Ąren wir doch bestimmt nicht mehrmals ins Theater gegangen oder h├Ątten einer Gerichtsverhandlung beigewohnt oder eine Betriebsbesichtigung gemacht!
Ich w├Ąre ganz gewi├č nicht zum Konfirmationsunterricht gegangen, denn zu jenem Zeitpunkt hielt ich die Bibel f├╝r nichts weiter als ein sch├Ânes altes M├Ąrchenbuch. Aber ich h├Ątte mir niemals angema├čt, einen Menschen wegen seines Glaubens zu verachten. Auch h├Ątte ich niemals dem Abri├č einer Kirche zugestimmt, denn Kirchen wurden nur von den hervorragendsten Baumeistern errichtet, sind also Kulturdenkm├Ąler und als solche zu achten und zu sch├╝tzen.



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Old Icke

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Rainer Hei├č
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wunderbar! Man ist sofort in die eigene Kindheit zur├╝ck versetzt, an den Willen, ein guter Christ zu sein, die zunehmenden Widerspr├╝che und letztlich die Erkenntnis, dass die Kirche den Bezug zum Leben verloren hat.
Ich kam mir bei diesen Erinnerungen vor wie einer der Neffen von K├Ąptn Blaub├Ąr, wie ich mit weit ge├Âffneten Augen den Berichten lausche. ├ťbrigens: die Sintflut kommt tats├Ąchlich von "S├╝ndflut" - auch hier also der strafende Gott, der im Widerspruch zu dem der Bergpredigt steht.

Gr├╝├če, Rainer


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dank, rainer, da├č dir meine geschichte gef├Ąllt. ich habe noch mehrere kapitel meiner memoiren hier gepostet, weil ich unsicher bin, ob das ├╝berhaupt jemanden interessiert. wenn ja, w├╝rde ich es einem verlag geben. leider mu├č ich beobachten, da├č ich kaum gelesen werde und erhalte auch nur ganz wenig reaktion.
mir hat mal jemand erkl├Ąrt, da├č "sintflut" von "springflut" hergeleitet ist und nichts mit s├╝nde zu tun hat. aber ja, in der bibel steht viel widerspr├╝chliches. lg
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Old Icke

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Rainer Hei├č
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Das mit der "Springflut" stimmt auf keinen Fall; wenn man ganz genau ist, kommt Sintflut von der gemeingermanischen Vorsilbe "sin-", die "immerw├Ąhrend, gewaltig" bedeutet. Aber auch die Herkunft "S├╝ndflut" ist sprachgeschichtlich verb├╝rgt; insgesamt gab es ├╝ber 250 antike Flutlegenden, die alle die Ausl├Âschung eines alten, schlechten Menschenschlages bedeuteten. Die Flut-Strafe ist also keine Erfindung der Christen; beruhigend? Naja...
Zur├╝ck zum Thema: Mir hat die Schilderung aus deiner Erinnerung sehr gefallen. Ich werde im Lauf der n├Ąchsten Stunden/Tage auch die anderen mal durchlesen. Vor allem auch, weil hier etwas berichtet wird, was mir teils unbekannt, teils auch wieder vertraut anmutet.

Gr├╝├če, Rainer
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sch├Ân,

da├č ich in dir einen intelligenten gespr├Ąchspartner ├╝ber meine erinnerungen gefunden habe.
das mit der s├╝ndflut l├Ą├čt mir keine ruhe - ich meine, wenn "S├╝ndflut" richtig ist, dann h├Ątte der Herr uns eine flut von s├╝nde geschickt und kein wasser. ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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Rainer Hei├č
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Hallo flammarion, bibelfest

bin ich zwar nicht, aber es war wohl eine Flut, die die S├╝nde ausgetilgt hat, bzw sie austilgen sollte, denn gelungen ist es ja nicht.
Es ehrt mich, wenn Du mich f├╝r intelligent h├Ąltst, nur bin ich`s (leider) nicht. Neugierig ist wahrscheinlich treffender, und da sind Deine Geschichten genau das Richtige f├╝r mich.
├ťbrigens hat ein (ebenso) Neugieriger (Axel) unsere Konversation von neulich gelesen und meine Vermutung mit der neuen Rechtschreibung best├Ątigt: Man KANN die Anrede (Du, Dich, Dein etc) noch gro├č schreiben, MUSS aber nicht mehr.
Gestern oder Vorgestern habe ich mit "Skat" angegfangen, war dann aber zu faul, au├čerdem spielt man in meinen Gefilden Schafkopf (Vierervariante mit ├Ąhnlichen Regeln). Jetzt werd` ich`s dann wohl doch noch einmal angreifen...
Gr├╝├če, Rainer
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