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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren-kleinkunst
Eingestellt am 06. 02. 2001 18:05


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flammarion
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Old Icke begegnet der Kleinkunst

Im Sommer 47 stand auf einem ber├Ąumten Ruinengrundst├╝ck in unserer Stra├če ein kleiner Rummel, zu dem auch ein Puppentheater geh├Ârte, d.h. ein Puppenspieler hatte sich den Fahrgesch├Ąften und Buden mit seinem Wohnzelt angeschlossen. Er gab selten eine Vorstellung. F├╝r uns, die wir ja noch gar nicht wu├čten, was ein Puppentheater ist, waren die Karussels und Buden viel interessanter. Wir hatten zwar kein Geld f├╝r Lose oder Wurfspiele, aber das Zusehen machte auch Spa├č. Eines der Karussels hatte sogar eine Schallplatte, die den ganzen Tag dudelte: "Fahr mit mir nach Tahiti, mit mir nach Tahiti, mit mir . . ."
Eines Tages klebten viele bunte Plakate an allen Z├Ąunen der n├Ąheren Umgebung, wo zu lesen war, da├č der Puppenspieler am kommenden Sonntag eine gro├če Kindervorstellung geben werde. Da alle Kin-der aus der Nachbarschaft die Vorstellung ansehen wollten, bekamen auch wir die Erlaubnis dazu. Ich erinnere mich nat├╝rlich nicht mehr an den Inhalt des St├╝ckes, ich wei├č nur noch, da├č wir alle stark er-griffen waren und dem St├╝ck mit gro├čer Ger├Ąuschkulisse folgten. Jeder Satz und jede Bewegung des Puppenspielers wurde von uns mit entsprechender Laut├Ąu├čerung bedacht. Ich wei├č auch nicht mehr, wel-cher Art die Puppen waren, ob Marionetten oder Handpuppen uns ein zauberhaftes M├Ąrchen vorf├╝hrten. Ich wei├č nur, da├č die Prinzessin blond und blau├Ąugig war und ein Kleid aus wei├čer Spitze trug, der K├Â-nig trug einen dunkelblauen Samtmantel mit Pelzkragen, der Zauberer einen schwarzen Mantel und einen hohen, spitzen Hut, der Teufel aber war ganz in leuchtend rote Seide gekleidet. Der Kaspar war mit ei-nem Anzug aus bunten Rauten angetan, er hatte kleine goldene Schellen an seiner langen Zipfelm├╝tze sowie an seinen H├Ąnden und F├╝├čen. Seine Pritsche war spiegelblank lackiert, wes-halb er sie auch nicht benutzte, sondern nur spazieren trug. Das Ganze war f├╝r mich ├╝beraus fantastisch. Ich war ganz der Welt entr├╝ckt und begriff es zuerst gar nicht, da├č das St├╝ck zu Ende und alles nur ein M├Ąrchen war. Die Leute begannen zu klatschen und der Puppenspieler trat vor den Vorhang, um sich zu verbeugen. Pl├Âtzlich war es unheimlich ruhig, dann brach ein Pfeifkonzert los. Der Puppenspieler war n├Ąmlich ein gro├čer Mann mit langen schwarzen Lok-ken, er hatte einen dichten schwarzen Vollbart, der ihm bis auf die Brust reichte und er hatte tiefschwarze Augen. Er war nicht nur genau der Typ, der dem deutschen Volk bis vor kur-zem noch als Untermensch hingestellt wurde, sondern er sah auch noch dem b├Âsen Puppenspieler Bara-bas aus dem russischen M├Ąrchenfilm "Das goldene Schl├╝sselchen", den wir Kinder k├╝rzlich im Kino gese-hen hatten, sprechend ├Ąhnlich. Der Mensch, der uns eben noch mit seinem Spiel so restlos begeistert hat-te, wurde nun ausgepfiffen und Barabas geschimpft. Waltraud bef├╝rchtete schlimmere ├ťbergriffe und ging rasch mit mir nach Hause, wie immer, wenn es irgendwo brenzlig wurde. Zu unserer Kindergemeinschaft geh├Ârte ein etwa zw├Âlfj├Ąhriger Junge, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe (ich hatte zuwenig mit ihm zu tun), der behauptete, mit dem Puppenspieler n├Ąher bekannt zu sein, auf sein Zelt aufpassen zu d├╝rfen und auch manchmal die Puppen f├╝hren zu d├╝rfen. Als wir alle nun diesen "Barabas" gesehen hatten, beschlossen die gr├Â├čeren Kinder unserer Gemeinschaft, dem "b├Â-sen Mann" die Puppen zu stehlen. Wir wu├čten, da├č das Zelt dicht verschlossen war und niemand einfach so hineingehen konnte. Kindern, die die Puppen nur mal anschauen wollten, erkl├Ąrte der Puppenspieler, da├č die Puppen seit mehreren Generationen im Besitz seiner Familie w├Ąren und einen gro├čen historischen Wert besitzen, da├č er sie daher nur mit gr├Â├čter Vorsicht und nur zu den Vorstellungen benutzt. In dem k├╝rzlich beendeten Krieg waren so viele Werte den Bach hinuntergegangen, da├č wir Kinder absolut nicht begriffen, warum Puppen jetzt nicht von Kindern angefa├čt werden sollen. Puppen sind Kinderspielzeug. Jeder einzelne von uns h├Ątte mit den Puppen spielen k├Ânnen, nicht nur dieser B├Ąrtige! - so dachten wir. Der Junge wurde beauftragt, uns die Puppen zu bringen. Er wehrte sich heftigst: "Nein, das tue ich nicht! Ich bringe euch die Puppen nicht! Niemals!" Blutend aus Gesicht und H├Ąnden verlie├č er die geheime St├Ątte unserer Zusammenkunft. In den n├Ąchsten Tagen wurde das Zelt observiert. Die F├╝hrer unserer Gemeinschaft wollten die Puppen haben. Der eine den K├Ânig, der n├Ąchste den Teufel, der andere die Prinzessin, der vierte den Zauberer. Der, der die Prinzessin wollte, wurde weniger heftig verlacht als der, der den Kaspar begehrte. Der Kaspar war eine Figur, die zum Auslachen und Verh├Âhnen da war.
Endlich war ein passender Zeitpunkt gefunden. Der Puppenspieler war mit Freunden in einer Kneipe - wir wu├čten, da├č ein Mann eine Kneipe nur als Volltrunkener verl├Ą├čt und hofften, da├č der Puppenspieler wenigstens darin ein "Mann" war; sein jugendlicher "Aufpasser" war von uns abserviert worden, er lie├č sich gewi├č nicht mehr blicken - die Gelegenheit war g├╝nstig. Aber keines der Kinder pa├čte unter der dichtverschlossenen Zeltplane hindurch. So begannen sie auf mich einzureden, da├č ich kleiner Murkel f├╝r sie in das Zelt kriechen soll und die Puppen herausholen, wenn es geht, alle, aber zumindest den Teufel. Ich sch├╝ttelte den Kopf. Mit dem Teufel wollte ich nichts zu tun haben. Es gab in dem St├╝ck keine Figur, mit der ich mich identifizieren konnte. F├╝r keine der vorgef├╝hrten Puppen h├Ątte ich mein Seelenheil ris-kiert. Sie versprachen mir alles M├Âgliche, wenn ich nur irgendeine Puppe stehlen w├╝rde. Ich hatte die Worte unseres Pfarrers aber noch im Ohr, der da sagte: "Du sollst nicht stehlen! So spricht der Herr, dein Gott!" Ich grinste meine Verf├╝hrer an und sch├╝ttelte weiter standhaft den Kopf. Da sagte Waltraud be-dauernd: "Wirklich schade! Du bist die eenzichste, die da rinjehn k├Ânnte! Vielleicht hat diesa Barabas doch wieda die Fee mit den blauen Haaarn jefang; die mu├č denn jetz uff eeewich bei ihm bleim!" Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, wie er die Fee wieder in seine Gewalt bekommen haben k├Ânnte, aber im M├Ąrchen ist schlie├člich alles m├Âglich, und dieser Mann mit seinem langen schwarzen Vollbart kam ein-deutig aus dem M├Ąrchenreich, soviel stand f├╝r mich fest. Die blauhaarige Fee durfte auf gar keinen Fall in seiner Gewalt bleiben! Tapfer ging ich auf das Zelt zu und schob mich vorsichtig unter die Plane. Es war stockfinster in dem Zelt, aber ich wu├čte, da├č sich meine Augen binnen kurzem an die Dunkelheit gew├Âh-nen w├╝rden, und dann wollte ich solange suchen, bis ich entweder genau wu├čte, da├č die Fee nicht hier war und ich sie also nicht retten konnte, oder ich w├╝rde auftragsgem├Ą├č den Teufel unserem Anf├╝hrer bringen, die Prinzessin und den Zauberer denen, die nach ihnen verlangten, und den Kaspar h├Ątte ich ger-ne mit seinem zuk├╝nftigen Besitzer geteilt. Ich wollte nicht, da├č so zauberhafte Puppen unter einem b├Â-sen Mann leiden m├╝ssen.
Pl├Âtzlich ersch├╝tterten schwere Schritte den Boden hinter mir. Au├čerdem h├Ârte ich die Kinder, die in geh├Âriger Entfernung auf meine R├╝ckkunft warteten, schreiend davonlaufen. Eine gro├če Hand packte meinen Fu├č, der sich noch au├čerhalb des Zeltes befand, und ich wurde mit einem Ruck aus dem Zelt ge-rissen. Eine schwere M├Ąnnerhand klatschte so gewaltig auf meine Rundungen, da├č mir auch Brust und Bauch wehtaten. Dann ri├č der Puppenspieler mich in die H├Âhe, sch├╝ttelte mich und schrie: "Was tust du hier, du neugieriges G├Âr? Wag das nicht noch einmal!" Er stellte mich auf den Boden und verpa├čte mir zum Abschied noch einen Fu├čtritt, der mich aber nicht voll erreichte, denn durch den unfreiwilligen Spa-gat, den ich ausf├╝hrte, als er mich aus seinem Zelt ri├č, waren meine Beine noch nicht voll funktionsf├Ąhig. Ich fiel hin und sein Fu├č sauste durch die Luft. Ich war stumm vor Entsetzen. Auf allen Vieren lief ich nach Hause, so schnell es irgend ging. An der Ecke wurde ich von den anderen erwartet, die das Ganze aus sicherer Entfernung beobachtet hatten. Sie tr├Âsteten mich mit einem Bonbon, den eins der Kinder zuf├Ąllig in der Tasche hatte. Ich war der Held des Tages, obwohl meine Mission gescheitert war.
Ich hatte mehrere Sch├╝rfwunden und blaue Flecken davongetragen. Ida wollte nat├╝rlich wissen, wo-her sie r├╝hrten und ich erz├Ąhlte alles wahrheitsgem├Ą├č. Ida winkte Traute und Doris zu sich und sagte: "So n Bl├Âdsinn la├čt a jef├Ąllichst! Wenn Puppenschpiela ooch keen van├╝nftja Beruf is for n ausjewachsnen Mann, ihr k├Ânnt det nich beurteiln, ob det n b├Âsa Mann is! Un ihm bei seine brotlose Kunst ooch noch die Puppn, also sein Werkzeuch zu klaun, det is, also ick wee├č nich, wat ick zu so ne Jemeinheit saaren soll!" Da├č sie diesmal so zur├╝ckhaltend war mit ihrem Tadel und nicht die ├╝blichen ├╝blen Beschimpfun-gen auf uns ausgo├č, beeindruckte mich zutiefst. Ida fragte: "Wat wolltet ihr denn man blo├č mit die Puppn?" - "Na, schpieln!" meinte Doris keck. W├Ąhrend Traute sich hinter mir versteckte, sagte Ida ta-delnd: "Det sin doch keene Puppn for eich zen schpieln, ihr Dusseltiere! Treibt eich ja nich wieda uff den Rummelplatz rum!" Traute und Doris versprachen es, froh, ungestraft davongekommen zu sein. Zu mir sagte Ida: "Du mu├čt nich imma ALLES machen, wat Traute un Doris saaren! Siehst ja, wat da manchma for n Bl├Âdsinn bei rauskommt!" - "Aba ick wollte doch die Pr├╝nzessin befrein!" versuchte ich mich zu verteidigen. Ida sah mich gro├č an: "Sowat jibt s doch nur im Meerchen, du dummet Polk! Pr├╝nzessin be-frein! Bist du etwa n Pr├╝nz? Du wee├čt doch, wer die Pr├╝nzessin befreit, der mu├č se ooch heiratn!" Trau-te und Doris wollten sich aussch├╝tten vor Lachen. So endete dieser ruhmreiche Tag f├╝r mich doch noch mit Schimpf und Schande. Wenn ich mich recht erinnere, w├╝nschte ich an jenem Tag erstmalig, lieber als Junge auf die Welt gekommen zu sein. W├Ąre ich ein Junge gewesen, h├Ątte man mich zwar ver├Ąppelt, aber doch meinen Heldenmut anerkannt. M├Ądchen ist das Heldentum f├╝r gew├Âhnlich verwehrt.
Zwei Jahre sp├Ąter hatte ich die n├Ąchste Begegnung mit der Kunst. Die Familie G. besuchte mit mir eine Zirkusvorstellung. Wir M├Ądchen hatten unsere wei├čen Sonntagskleider an und mir war eingesch├Ąrft worden, mich EINMAL anst├Ąndig zu benehmen und halbwegs sauber zu bleiben. Um das zu gew├Ąhrlei-sten, wollte ich bei einem der anderen an der Hand gehen. Aber das junge Paar wollte unterwegs ein we-nig turteln, und so sagten sie: "Du bist schon gro├č, du kannst alleine laufen." Diesen Standpunkt vertrat auch Waltraud, und so kam es, wie es kommen mu├čte: Anstatt auf den Weg zu achten, sah ich mir die bunten Plakate an, die Wohnwagen, die Gitter und das riesige Zelt und fiel nat├╝rlich irgendwann in den Schmutz. Nachdem abgelehnt wurde, mich an der Hand zu f├╝hren, glitten die Beschimpfungen wirkungs-los an mir ab. Auch, da├č ich keine Zuckerwatte bekam, war mir keine Strafe. Ich wu├čte, da├č Waltraut ihre Riesenportion nicht aufi├čt und so doch etwas f├╝r mich zum Kosten bleibt. Nachdem ich ihren Zuc-kerwattestiel leergeknabbert hatte, ├╝berlegte ich, was an dieser unappetitlichen klebrigen Substanz ei-gentlich dran sein sollte? Also von mir aus brauchte es dieses Zeug nicht zu geben! Die K├Ąfige im Hinter-grund waren viel interessanter. Aber Alfred sagte: "Inne Tierschau jehn wa nich, die Viecha sehn wa ja denn inne Vorschtellung. Die w├Ąrn ja nich hier, wenn se nich ooch inne Maneesche jezeicht wern w├╝rn." Ich schmollte, zeigte es aber nicht. Ich wollte mir nicht noch weitere Nachteile einhandeln.
Endlich betraten wir das Zelt und gingen zu unseren Pl├Ątzen auf einer der hintersten Sitzreihen. Gerda maulte: "Mann, von hier aus sieht man ja janischt!" Alfred antwortete: "Wird schon reichn! Die annern Pl├Ątze sin zu deuer." Der Zirkus war nur m├Ą├čig besucht, so wechselten wir zu Beginn der Vorstellung auf bessere Pl├Ątze. Ich wunderte mich dar├╝ber, da├č wir nicht vom Kartenabrei├čer daran gehindert wurden. Alfred sagte: "Der hat jetz wat anderet zu duhn, hier is jetz keena mehr, der uffpassen kann!" Ich blickte mich um und richtig - die Kartenabrei├čer waren in der Manege mit anderen Dingen besch├Ąftigt. W├Ąhrend der Vorstellung erkannte ich gar einen von ihnen als Kunstreiter wieder.
Ich fand alles wundersch├Ân. Die Clowns! Die Pferde! Die Perche-Nummer! Die Elefanten! Die Trapez-Nummer! Die L├Âwen! Die Jongleure! Die Tiger! Nochmal Clowns! Die gemischte Tierdressur! Die Musik, die so exakt zu jedem Auftritt passend gespielt wurde! Der Zauberer! Und die Hochseilarti-sten! Ich spendete ├╝berschwenglichen Beifall.
Nachdem Gerda gesagt hatte: "Unsa kleenet doowet Landei Krille is ja so leicht zu bejeistan! Die je-f├Ąllt allet, un wenn t der jr├Â├čte Mist is!" hielt Traute sich sehr zur├╝ck mit ihrem Beifall. Auch die Erwach-senen bewegten ihre H├Ąnde oft nur andeutungsweise. Ich verstand das nicht. Was die Artisten hier zeig-ten, konnte doch mit Sicherheit nicht jeder zweite! Meine diesbez├╝gliche Bemerkung auf dem Heimweg wurde abgetan: "Dafor sin det Aatistn, damit se det k├Ânn! For Aatistn is det nischt besonderet. Wat de in den Z├Âkus jesehn hast, siehste in jeen annan ooch." Meine Begeisterung war indessen nicht zu bremsen. Auf dem ganzen Heimweg sprach ich voller Entz├╝cken ├╝ber jede Darbietung. Endlich st├Âhnte Tante Ger-da: "Men - schens - kind, halt endlich die Klappe! Det kannste nachher allet Oman azeeln!" Abschlie├čend bemerkte ich noch: "Wenn ick jro├č bin, wer ick ooch Klohn!" Alfred lachte: "Det biste doch schon, du krist det man blo├č nich mit!" In meiner Begeisterung hatte ich v├Âllig vergessen, da├č "Klohn" als Schimpf-wort galt. Ida hatte weder Zeit noch Geduld, sich meine begeisterte Schilderung des Zirkusgeschehens anzuh├Âren. Sie wies mich ab: "Du f├Ąllst ma uff n Wecka, Meedel!"
Auch in den "Berliner Prater" ging Alfred mit uns, weil dort ein Kinderfest stattfand. An jenem Tag ging es folgenderma├čen zu: Waltraud freute sich genauso wie ich auf das Kinderfest. Sie w├Ąre gern mit ihren Eltern allein dorthin gegangen. Sie maulte: "Mu├č denn die Krille ├╝baall mit?!" Ihre Mutter erkl├Ąrte, da├č ich genausoviel Anrecht auf ein Kinderfest habe wie sie. Nun wurden wir h├╝bsch angezogen. Wal-traud murrte: "Kricht die Christa wieda eens von meine Kleida an? Ick kann det nich leidn!" Gerda lach-te: "Mensch, nu hab dir nich so alban! Det Kleid is dir doch schon lange ville zu kleene! Wo willste denn det jetz noch hinziehn?!" Waltraud sah es widerwillig ein. Nun wollte sie nur noch besser frisiert sein als ich. Das gestand ich ihr neidlos zu. Sie war die ├ältere von uns beiden, sie war die H├╝bschere von uns beiden, sie war blond, sie hatte eine Mutter und neuerdings auch einen Vater. Ich konnte froh sein, von ihnen mitgenommen zu werden. Und ich war froh. Und dankbar.
Endlich gingen wir los. Auf dem Weg wurden wir noch einmal ermahnt: "Jenade euch Jott, wenn ihr euch mi├čtich macht!" (bei Waltraud war da keine Gefahr, die Ermahnung galt im Wesentlichen mir), dann waren wir nach kurzer Stra├čenbahnfahrt im Prater. Ich war entt├Ąuscht, denn er sah aus wie ein gro├čes Gartenlokal, und die Erwachsenen benahmen sich auch so, als w├Ąren sie in einer Kneipe. Ich konnte mir nicht vorstellen, da├č hier ein Kinderfest stattfinden sollte. Auf meine diesbez├╝gliche Frage lenkte Alfred meinen Blick zu einem riesigen Gestell aus Holz und Metall: "Daaa is die B├╝hne, und da wird ooch wat sein!" Nun lie├č ich die B├╝hne keine Sekunde mehr aus den Augen. Endlich formierte sich auf ihr ein Kin-derchor. Der Dirigent sagte mit weicher Stimme: "Zuerst singen wir nicht nur f├╝r alle anwesenden Kin-der, sondern auch mit ihnen. Alle, die mitsingen m├Âchten, kommen jetzt zu uns auf die B├╝hne. So ent-steht ein riesengro├čer, neuer Prater-Kinderchor, und wir singen all die Lieder, die jedes Kind kennt." Ich wollte sofort losst├╝rmen, aber Gerda hielt mich am ├ärmel zur├╝ck: "Bist du doof? Du kannst doch da nich mitsing, du kennst doch die Lieda janich!" Ich erwiderte jammernd und heftig gestikulierend: "In de Sonntachsschule bei n Kindajottesdienst kenn ick die Lieda ooch nich, un da mu├č ick mitsing, warum d├╝rf ick denn nu jetz hier nich?" Alfred setzte mich energisch auf meinen Stuhl hinter mein gro├čes Glas "Berliner Wei├če mit Schu├č". Das kostete damals ebensoviel wie ein halbes Pfund Wurst und ein halbes Brot. Von hier aus durfte ich zuh├Âren, wie die allgemein bekannten Kinderlieder gesungen wurden, und ich bedauerte lebhaft, nicht auf die B├╝hne zu d├╝rfen. Waltraud hatte sich inzwischen vom Tisch weg auf die B├╝hne begeben. Ich schrie: "Walle singt da vorne!" Gerda "beruhigte" mich: "Die is n bi├čchen ├Ąlta als du, die kennt die Lieda. Un kiek dir ma um! Da sin noch andre Kinda, die atich am Tisch sitzn bleim." Aber diese artigen Kinder konnten nicht freih├Ąndig laufen, teils, weil sie zu jung waren, teils, weil sie be-hindert waren. Und ich kannte alle Lieder, die auf der B├╝hne gesungen wurden! Jedes einzelne konnte ich im vollen Wortlaut mitsingen! Ich sang also leise an unserem Tisch, wodurch ich Alfred und Gerda beim Schmusen st├Ârte. Wenn ich bemerkte, da├č ich st├Ârte, trank ich mein Bier. Nachdem es so teuer war, soll-te es mir auch schmecken.
Als der Gesang auf der B├╝hne beendet war, kehrte Waltraud an unseren Tisch zur├╝ck. Alfred und Gerda lobten sie f├╝r ihren Auftritt (in der Art, wie man einen Hund lobt; deshalb war ich einen Moment froh, nicht auf die B├╝hne gegangen zu sein). W├Ąhrend Alfred kurz darauf f├╝r uns alle Bratw├╝rste bestell-te, streckte Waltraud mir die Zunge heraus: "├ä├Ą├Ątsch, ick hab doch mitjesung!" Tja, das hatte ich be-merkt. Mich bewegte nur noch die Frage: Warum wurde ich am Mitsingen gehindert? Warum durfte ich nicht auf die B├╝hne? Bin ich wirklich zu bl├Âd, um die mir bekannten Lieder zu singen?
Eine Stunde sp├Ąter kam der Kinderchor (diesmal in farbenfrohe Trachten gekleidet) wieder auf die B├╝hne zur├╝ck. Und sie sangen Lieder, zu denen sie auch tanzten. Keine Macht der Welt h├Ątte mich jetzt noch am Tisch halten k├Ânnen! Ich erklomm auf allen Vieren den gl├╝cklicherweise r├╝ckw├Ąrtigen B├╝hnen-aufgang (so konnte niemand meine Tapsigkeit sehen; ich war als Vierj├Ąhrige noch nicht f├Ąhig, eine Trep-pe anders als auf allen Vieren zu erklimmen) und mischte mich unter den Chor. Aber jetzt waren die Zu-schauerkinder nicht zum Mitsingen aufgefordert. Ich war ein st├Ârender Fremdk├Ârper und wurde rasch von der B├╝hne gedr├Ąngt: "Du jeh├Ârst nich zu uns!" sagten sie zu mir. Ich hatte nicht begriffen, da├č die B├╝hne nun nicht mehr f├╝r Jedermann frei war und wurde obendrein von meiner Verwandtschaft ausge-lacht. Zum Abschlu├č der Veranstaltung gab es einen ABonbonregen@. Alfred nannte kopfsch├╝ttelnd die Kilozahl. Als es Bonbons hagelte, sa├čen Waltraud und ich brav am Tisch. Nun sprangen wir auf, um et-was zu erhaschen. Waltraud hatte nicht nur l├Ąngere Arme, sondern auch Argumente: Was an der Erde liegt, i├čt man nicht! So bekam sie alle Bonbons. ( zehnj├Ąhrig erlebte ich ein Kinderfest im Nachbarhof. Auch hier war der Bonbonregen eine Attraktion. Ich stie├č ein j├╝ngeres Kind zur Seite, um einen Bonbon zu greifen. Es sah mich vorwurfsvoll an und ich gab ihm das Bonbon. Wir hatten uns zur gleichen Zeit geb├╝ckt, nur meine Arml├Ąnge verschaffte mir den Vorteil. Ich sch├Ąmte mich sehr und nahm nie wieder an einem Bonbonregen teil.)
Die n├Ąchste Begegnung mit der Kunst hatte ich weitere zwei Jahre sp├Ąter. Wir gingen mit der Schul-klasse in ein - - - Puppentheater. Was wir dort sahen, war kein durchg├Ąngiges St├╝ck, sondern ein Num-mernprogramm, und es traten unterschiedliche Arten von Puppen auf; von der Stabpuppe bis zur kunst-vollen Marionette war alles vertreten, was gemeinhin von Pup-penspielern bewegt wird. F├╝r jede Num-mer wurde die B├╝hne v├Âllig neu dekoriert. In den Um-bauphasen wurde das Publikum teils von Woll-w├╝rmern, teils vom Kasperle unterhalten. Was da im einzelnen vorgef├╝hrt wurde, wei├č ich nicht mehr, mir ist von dem ganzen Puppentheater nur eine einzige Szene im Ged├Ąchtnis haften geblieben. Zum ei-nen, weil sie mir wirklich sehr gut gefallen hatte und zum zweiten, weil ich ihretwegen ├ärger bekam, denn wir sollten ├╝ber den Theaterbesuch einen Aufsatz schreiben und schildern, was uns sehr gut bzw. gar nicht gefallen hat. Als "nicht gefallen" schilderte ich das Benehmen meiner Klassenkameraden. Sie hatten sich auf dem Hin- und R├╝ckweg sowie w├Ąhrend der Vorstellung reichlich ungeh├Ârig be-nommen. Wenn ich in Idas Gegenwart auch nur ein Zehntel all dieser Ungeh├Ârigkeiten began-gen h├Ątte, h├Ątte ich eine gewaltige Tracht Pr├╝gel bekommen. Als "sehr gut gefallen" schilderte ich wahrheitsgem├Ą├č jene Sze-ne, die in Venedig spielte. Da fuhr eine Gondel anmutig durch den Canale Grande, und in der Gondel sa├č eine Puppendame mit hoher Frisur und weitem Kleid, einen Sonnenschirm in der Hand. Der Gondoliere trug einen weiten Mantel mit hohem Kragen, er stakte die Gondel sachte vorw├Ąrts und sang mit angeneh-mer Stimme die "Barkarole" aus "Hoffmanns Erz├Ąhlungen". Damals kannte ich diese Barkarole noch nicht, aber es war die erste Melodie, die ohne Text bei mir haften blieb. Daher konnte mir f├╝nf Jahre sp├Ą-ter die Freundin meiner Mutter den Titel nennen. Ich begriff nicht, warum der Gondoliere sich beim Sin-gen so komisch verrenkte, da├č alle ├╝ber ihn lachten. Wie kann man sich zu so herrlicher Musik komisch bewegen! Aber ich lie├č mir durch diese Frage den Genu├č nicht beeintr├Ąchtigen.
Als wir die Aufs├Ątze zur├╝ckbekamen, kl├Ąrte mich die Lehrerin dahingehend auf, da├č das Benehmen meiner Klassenkameraden zwar tats├Ąchlich unsch├Ân war, aber keineswegs zum St├╝ck geh├Ârte, da├č auf der B├╝hne kein Wasser war, sondern nur gl├Ąnzendes Papier und da├č die Puppen nicht gesungen hatten, sondern da├č ein Tonband abgespielt wurde und da├č die ge-samte Szene absoluter Kitsch (hier verzog sie angewidert das Gesicht) gewesen sei. Ich wu├čte, da├č auf der B├╝hne kein Wasser war. Ich wu├čte, da├č die Puppen nicht selbst gesungen hatten. Aber es war alles so perfekt gemacht, da├č meine Begeisterung kei-ne anderen Worte gefunden hatte. Was Kitsch ist, wu├čte ich damals noch nicht. Ich mu├čte nur schmerz-lich zur Kenntnis nehmen, da├č das, was mir gefiel, minderwertig ist. Und in der Pause bekam ich Klas-senkeile. Von nun an zeigte ich nicht mehr offen, was ich dachte und f├╝hlte, und lernte auch bald, in gewissen Situationen zu l├╝gen.
Vierzehnj├Ąhrig sah ich erneut lebende Menschen auf einer B├╝hne. Zu den Jugendwei-hestunden geh├Ârte n├Ąmlich auch ein Theaterbesuch. Wir sahen "Ein Sommernachtstraum" in der "Komischen Oper". Der Titel schien mir ├╝beraus romantisch, aber ich war vorgewarnt, das St├╝ck wurde in der Komischen Oper aufgef├╝hrt. Romantik w├╝rde hier also persifliert werden. Ich staunte ├╝ber die festlich gekleideten Besucher. Nie hatten meine Augen so viel Eleganz er-blickt! Auch meine Klassenkameraden trugen Kleider, die ich nie zuvor an ihnen sah. Bei mir zu Hause hatte vor dem Theaterbesuch ein heilloses Durcheinander geherrscht: "Die J├Âre jeht int Tiata! Wat die Schule sich denkt! Woher solln wa denn jetze so schnell n Tiatakleid for die J├Âre hernehm?" Ich bekam ein Kleid von Waltraud, aus welchem sie l├Ąngst herausgewachsen war. Ich war ├╝berzeugt davon, da├č ich anla├čgerecht gekleidet war und gab mich dem Thea-tererlebnis mit ganzer Seele hin. Ich versuchte krampfhaft, dem Geschehen zu folgen, wu├čte nicht, welcher handelnden Person ich mehr Sympathie zukommen lassen sollte, f├╝r mich war das Ganze ein unerh├Ârtes Vorkommnis, soviel Licht, soviel Sch├Ânheit, soviel Musik, soviel Glimmer auf den Kost├╝men - namentlich Titania hatte sehr viele Stra├čsteine in ihrem Kleid, bei jeder Bewegung warfen sie feurige vielfarbige Blitze, kein Weihnachtsbaum konnte so sch├Ân sein wie dieses Kost├╝m! - die Darsteller konnten nicht von dieser Welt sein. Wer jemals eine wohlklingende Melodie an mein Ohr brachte, war nach meinem Daf├╝rhalten schon ein besserer Mensch. Wer jedoch so herrlich singen konnte wie die Akteure jener Operette, war zumindest in der Vorstufe zum Engel. Jeden B├╝hnenk├╝nstler stellte ich in Zukunft den Engeln gleich. Wenn nicht, noch h├Âher. Total verzaubert kehrte ich nach Hause zur├╝ck, wo meine Be-geisterung auf taube Ohren stie├č.




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Old Icke

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robie
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sch├Ân eben...wie alle deine Sachen, wollt per mail
antworten..ging leider nicht....aus der Kindheit gibt es noch mehr....nur die Zeit fehlt.....schade
gru├č nach Berlin rainer

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flammarion
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danke, rainer!

du bist der 2., der mir auf meine memoiren antwortet. der 1. sagte nur, es sei keine erz├Ąhlung . . . ich werde weiterhin kapitel meiner memoiren hier hineinstellen, nicht, weil ich sie als erz├Ąhlungen ansehe, sondern weil ich eben hier angefangen habe anstatt unter "sonstiges", wo es vielleicht hingeh├Ârt. danke f├╝r dein interesse und versuche, dir die zeit zunehmen. es bringt was, sich zu erinnern!lieben gru├č
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Old Icke

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