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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren: mama
Eingestellt am 25. 03. 2001 13:50


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flammarion
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Mama

Meine Mutter begegnete mir zun├Ąchst nur in Gespr├Ąchen ├╝ber sie, wobei ich fast nur negatives registrieren durfte. Sie taugte u.a. schon deshalb nichts, weil sie 25 Jahre j├╝nger war als mein Vater. Eine Frau, die einen derartigen Altersunterschied in Kauf nahm, konnte nur ein verworfenes Subjekt sein. Und dann stammte sie auch noch aus Bayern! Weil sie nicht zum evangelischen Glauben kon-vertierte, konnte die Ehe nur standesamtlich geschlossen werden, somit existierte sie laut Ida nicht. Eine Ehe ohne Kirchensegen war keine Ehe in ihren Augen.
Mir wurde h├Ąufig vorgeworfen, ein Trampel wie meine Mutter zu sein. Ich bemitleidete sie sehr, denn ich war damals tats├Ąchlich so ungeschickt, wie kleine Kinder eben sind. Die arme Frau, so un-geschickt! Ich h├Ątte sie gerne kennengelernt, vielleicht h├Ątten wir uns gegenseitig aus dem Dilemma helfen k├Ânnen. Aber leider wohnte sie in einer anderen Stra├če - ich ahnte nicht, wie nahe!
1949 unterhielten sich Ida und Grete L. dar├╝ber, wie meine Eltern verhaftet wurden. Da f├╝r Bunt-metall in den westlichen Annahmestellen besser bezahlt wurde als bei der DDR-Aufkaufzentrale, schafften meine Eltern einmal den gesammelten Schrott ├╝ber die Grenze. Mama hatte nur eine Hand-tasche voll und wurde nicht kontrolliert, Papa hatte das Buntmetall auf seinem Handwagen unter Lumpen gut verborgen. Er wurde kontrolliert. Als Mama sah, da├č Papa verhaftet wurde, bekannte sie sich zu ihm. "Saubl├Âd", befand Grete L., "se h├Ątte machn solln, det se wechkommt!" Meine Mutter wu├čte nicht, wie sie den Broterwerb allein weiterf├╝hren k├Ânnte. Sie hatte bisher nur Hilfsdienste ge-leistet und nicht viel Ahnung vom Produktenhandel. Sie erhoffte Menschlichkeit in den Beh├Ârden und ergab sich ihnen. Meine Eltern wurden zu langj├Ąhrigen Haftstrafen verurteilt. Mein Vater wurde aus Alters- und Gesundheitsgr├╝nden wegen Haftunf├Ąhigkeit vorzeitig entlassen, meine Mutter wegen gu-ter F├╝hrung. "Wie kann man sich int Jef├Ąngnis jut f├╝an? " ├╝berlegte Grete L.. "Na, wahscheinlich hat se ihre Mitjefangn bei die Uffseha anjeschw├Ąrzt!" argumentierte sie. Da├č Arbeitswille, Folgsamkeit und Demut - was bei meiner Mutter in unendlichem Ma├če vorhanden war - letztendlich strafmildernd wirkten, w├Ąre ihr nie in den Sinn gekommen.
Meine Mutter schrieb aus dem Gef├Ąngnis einen Brief, in welchem sie um ein gewisses gr├╝nes Kleid bat. Ida und Grete L. befanden: "Die brauch int Jef├Ąngnis keen Kleid!" und so bekam sie es nicht. Sie hatte es herrichten wollen, da sie in der N├Ąhstube arbeitete und es am Entlassungstag tragen wollte.
Ich durfte meine Mutter "Tante Elly" nennen, "Tante", wie jede x-beliebige Frau. Ich sagte brav "Tante Elly" zu ihr, wenn wir einander begegneten. Jahre sp├Ąter habe ich meine Tochter ob meiner Schichtt├Ątigkeit in einer Wochenkrippe untergebracht. Eines Tages begl├╝ckte sie mich nach dem Auf-wachen mit der Bezeichnung "Tante" und ich korrigierte: "Mama, ich bin deinen Mama!" und erfuhr am eigenen Leibe, wie das ist, wenn man von der geliebten Tochter "Tante" genannt wird.
Nachdem meiner Mutter der Umgang mit mir untersagt war, begegneten wir einander oft auf der Stra├če. Wenn sie von der Fr├╝hschicht kam, ging sie durch die Friesicke-Str. zu ihrer Freundin und ich nahm diese Stra├če als Heimweg von der Schule. Da sie mir bei unserer ersten Begegnung 50 Pfennig gegeben hatte, bettelte ich sie zuk├╝nftig st├Ąndig um diese Summe an. Daf├╝r konnte ich mir ein sehr gro├čes St├╝ck Melone kaufen oder mir zwei Kinderfilmvorstellungen ansehen oder mir zwei Eiswaf-feln kaufen. Eines Tages sagte sie: "Willst du nur Geld? Komm mich doch mal besuchen!" Sie nannte mir ihre Hausnummer, doch meist traf ich dort nur meinen Bruder Manfred an, den ich allerdings sehr gerne sah.
Als ich mich nach Idas Tod entschlo├č, bei meiner Mutter zu leben, kam sie zu einem vereinbarten Termin in die Pistoriusstr., um mit Gerda und Irma alles Weitere zu besprechen (diese Besprechung fand aus Piet├Ątsgr├╝nden in Irmas Stube statt; da Ida die Elly niemals zu sehen w├╝nschte, sollte ihr der Zugang zu ihrer Stube verschlossen bleiben). Nachdem meine Mutter meine Papiere in H├Ąnden hielt, fragte sie nach dem Kindergeld, das war das mindeste, was man ihr - da es ja erst Anfang des Monats war und sie nicht die Reichste - geben sollte, damit sie mich ern├Ąhren kann. Alle waren baff. Das hatte ihr niemand zugetraut. Gerda ├Âffnete widerwillig ihr Portemonnaie und ├╝berreich-te die geforderte Summe (├╝brigens hatte Gerda meine geringen Ersparnisse vom Konto abgehoben, angeblich, um Idas Begr├Ąbnis zu bezahlen. Sie versprach, mir das Geld sp├Ą-ter zur├╝ckzuzahlen. Darauf warte ich heute noch!)
Meine Mutter war ganz anders als Ida. Sie kommandierte nicht, sie h├Ârte sich meine Mei-nung an, sie unterst├╝tzte mich, wo sie konnte, und sie lobte mich sogar! Ich hatte z.B. einmal einen Scherenschnitt aus transparentem Papier angefertigt, der tanzende M├Ądchen darstellte. F├╝r mich war es nur eine Spielerei, sie aber fand mein Produkt zau-berhaft. Das machte mich sehr gl├╝cklich.
Am sch├Ânsten war es, da├č sie mit mir sang. Die meisten Lieder, die ich kannte, kannte sie auch, und manchmal sangen wir sogar zweistimmig, wobei sie die zweite Stimme ├╝bernahm. Ich lernte viele neue Lieder von ihr, den sie sang gew├Âhnlich bei der K├╝chenarbeit. Einmal war sie gerade beim W├Ąschewaschen und hatte dabei etliches Wasser auf dem Boden verplanscht. Nichtsdestotrotz sang sie ein K├╝chenlied. Als sie gerade bei der Zeile: "Das glaubt das Herze . . ." angelangt war, kam ich zur T├╝r herein. Sie unterbrach das Lied und sagte zu mir: "Hier mu├č jewischt werden." und sang unbe-irrt weiter: "und an diesem Glauben bricht es." Sie konnte mein Lachen zun├Ąchst nicht einordnen, aber dann lachten wir beide ├╝ber die unfreiwillige Komik.
Einer der Lieblingswitze meiner Mutter war folgender: An der deutsch-franz├Âsi-schen Grenze patrouillierten in vorgeschriebenem Abstand zwei Spldaten, der eine ein Bayer, der andere ein Franzose. Dem Franzosen wurde langweilig, er beschlo├č den Deutschen zu ├Ąrgern und ruft hin├╝ber: "Filou! Filou!" Der Bayer schaut auf die Uhr und gibt Auskunft: "Halber vieri!", denn er hatte das Schimpfwort als eine Frage nach der Uhrzeit verstanden.
Anfangs verga├č ich manchmal, meinen Wohnungsschl├╝ssel mitzunehmen, ich war es nicht gew├Âhnt, einen Schl├╝ssel zu besitzen. So stand ich vor unserer Wohnungst├╝r und wartete auf die Heimkunft eines Familienmitgliedes. Die Hausbesitzerin, welche schr├Ąg ├╝ber uns wohnte, erlebte einmal, da├č ich vergeblich klingelte und fragte: "Na, kommste nich rin?" Ich erwiderte bedr├╝ckt: "Meine Mutter scheint nicht zu Hause zu sein." Sie grinste: "Wo die sich blo├č rumtreibt?" Ich war nicht mehr gewillt, abf├Ąllige Bemerkun-gen ├╝ber meine Mutter hinzunehmen und verkannte den Ann├Ąherungsversuch. Ich er-widerte scharf: "Meine Mutter treibt sich nich rum, det k├Ânn Se sich eenforallemal mer-ken!"
W├Ąhrend man bei Ida "vom Fu├čboden essen" konnte, war es bei meiner Mutter nicht ganz so reinlich. Ich machte mich in meiner Freizeit daran, aufzur├Ąumen und zu s├Ąubern. Ich begann mit der W├Ąsche. Mama hatte die Schmutzw├Ąsche in eine K├╝che-necke gesteckt, wo sie nicht trocken lag. In einigen St├╝cken waren L├Âcher, hervorgeru-fen durch F├Ąulnis. Die W├Ąscheleine durfte ich von unserem Fensterkreuz bis zum Zaun des Hausgartens spannen. Als ich eines Tages gl├╝cklich mehrere T├Âpfe Kochw├Ąsche aufgehangen hatte, spielte auf dem Hof ein etwa siebenj├Ąhriger Junge. Er bewarf meine W├Ąsche, die noch feucht war, mit Sand. Ich sprang aus dem Fenster und gab ihm eine saftige Maulschelle unter dem Hinweis, da├č er die W├Ąsche schmutzig gemacht hat und ich alles noch mal waschen mu├č. Er zog heulend und uneinsichtig ab. Am anderen Tag lag ein riesiger Kothaufen unter unserem Fenster. Ich brachte das in Zusammenhang, aber es war nicht beweisbar, so lie├č ich es auf sich beruhen. Den Jungen sah ich nie wieder und konnte mich nicht mit ihm auss├Âhnen.
Als n├Ąchstes scheuerte ich den K├╝chenfu├čboden. Er war ungestrichen und l├Ąngst schwarz getreten. Ich freute mich, das hellgelbe Holz zu sehen. Danach hatte ich noch Zeit, den K├╝chenschrank abzuseifen. Da wurde aus braun hellgelb, lindgr├╝n und rosa. Als Mama nach Hause kam, sagte sie: "Jut, da├č du da bist. Ick dachte schon, ich bin in einer fremden Wohnung!"
Am n├Ąchsten Wochenende r├Ąumte ich den Kleider- und den W├Ąscheschrank aus. Bei jedem St├╝ck fragte ich Mama: "Tr├Ągst du das noch?" und sie antwortete oft mit "Nein". So kamen vier dicke Lumpens├Ącke zusammen. Mama hatte auch ein paar Anz├╝ge von Papa aufbewahrt in dem Glauben, da├č Manfred oder Paul sie einmal tragen w├╝rden. Ich hatte inzwischen einiges ├╝ber Mode gelernt und t├Ânte: "Eh die da rinjewacksen sind, sind die sowat von unmodern, det Manne oder Paule die Dinger janz beschtimmt nich anziehn!" Die Anz├╝ge waren bestimmt einmal sehr teuer, jedenfalls aus gutem Stoff. Als ich Jahre sp├Ąter mit meinen Br├╝dern ├╝ber diese Anz├╝ge sprach, wurde mir Gewi├čheit, da├č sie die Anz├╝ge ihres Vaters um keinen Preis getragen h├Ątten.
Ich war so heftig beim Entr├╝mpeln, da├č ich auch Papas B├╝cher zum Altsoffhandel brachte. Es waren ein paar Landserromane und drei "Arztb├╝cher", die wir uns als Kinder sehr oft heimlich angesehen hatten. Es gab darin n├Ąmlich Aufklapp-Bilder, die nackte K├Ârper zeigten. Wenn man sie aufklappte, wurden die inneren Organe sichtbar. Die Frau konnte noch ein weiteresmal aufgeklappt werden, damit man das Baby sah. Manfred r├╝gte mich sp├Ąter daf├╝r, da├č ich diese B├╝cher weggebracht hatte, weil ich sie f├╝r v├Âllig ├╝berholt hielt. Es kam mir nicht in den Sinn, da├č sie historisch wertvoll sein k├Ânnten. Ich war von Ida erzogen: Staubf├Ąnger m├╝ssen weg!


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Old Icke

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Ralph Ronneberger
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Sch├Ân,

jetzt habe ich wieder einen Mosaikstein mehr. Langsam wird tats├Ąchlich ein Bild daraus.
├ťbrigens, die Mail wird kommen. Kann nur etwas dauern, weil ich immer viel zu viel schreibe.

Gru├č Ralph
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flammarion
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prima.

herzlichen dank im voraus. lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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Rainer Hei├č
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Herrlich, wie die pers├Ânlichen Erfahrungen und allgemeinen Zeitzeugnisse sich abwechseln. Wichtig beim Schreiben sind meiner Meinung nach zwei Punkte: genaue Schilderung der Umst├Ąnde und wie der Mensch in diesen Situationen handelt. Und das ist hier gelungen. Auch wenn du wenig gelesen wirst - mir gef├Ąllt`s!
Gr├╝├če, Rainer

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die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst

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flammarion
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vielen

dank, lieber rainer! das macht mir mut, auch die restlichen kapitel zu posten. wenn ich nur nicht so feige w├Ąr, sie einem verlag anzubieten . . . lg
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Old Icke

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