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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
aus meinen memoiren: onkel alfred
Eingestellt am 22. 02. 2001 07:17


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flammarion
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Onkel Alfred

1948 heiratete Gerda einen gewissen Alfred G.. Nun hie├č sie nicht mehr Gerda S., sondern Gerda G.. Er versprach, Waltraud zu adoptieren, aber das kostete Geld und die M├╝he, die Adoption bei den ├ämtern zu beantragen und durchzusetzen. Das waren die tats├Ąchlichen Gr├╝nde f├╝r die Nichteinhaltung des vor der Hochzeit gegebenen Versprechens. Alfred schob die Unstimmigkeiten zwischen ihm und dem M├Ądchen vor.
Waltraud durchschaute mit dem raschen Verstand des Kindes das Wesen dieses Mannes. Ihr Widerstand gegen ihn resultierte nicht nur daraus, da├č sie mit ihm die Mutter teilen mu├čte, die ohnehin kaum Zeit f├╝r sie hatte. Sie hat ihn zeitlebens nie als Vater angesehen. Er gab das Bem├╝hen, die Kleine f├╝r sich zu gewinnen, bald auf und sie bekam schon nach kurzer Zeit nur b├Âse Worte und harte Strafen. Sie blieb bei ihrer Oma, obwohl die Familie G. l├Ąngst eine sch├Âne gro├če Wohnung in Pankow hatte. Erst, als sie schon zw├Âlf Jahre alt war, gestattete Alfred, da├č sie zur Mutter zur├╝ckkehrte. Weil Waltraud nun n├Ąmlich weibliche Rundungen annahm, an denen er sich gern erfreut h├Ątte. Da Wal-traud ihm keine Ann├Ąherung gestattete, mu├čte sie zwei Jahre sp├Ąter wieder zu Ida zur├╝ck.
Ich sah Alfred bei unserer ersten Begegnung ebenfalls sehr skeptisch an. Er erschien mir irgendwie d├╝ster, irgendwie schleimig, etwa so wie der negative Held eines M├Ąrchenfilms. Er l├Ąchelte mich an, d.h., er setzte eine freundlich scheinende Miene auf, kniff mir in die Wange (was ich noch nie leiden konnte; ich halte diese Form des Umgangs mit einem Kind f├╝r eine Mi├čachtung der kindlichen Pers├Ânlichkeit) und hob mich auf seinen Arm. Daf├╝r verzieh ich ihm das Kneifen; ich liebte es sehr, wenn mich jemand auf seinen Arm hob, ganz gleich, wer es war.
Nachdem der Br├Ąutigam der Familie - einschlie├člich Grete L. - vorgestellt worden war, fragte anderntags Ida: "Wo haste denn deen kennjelernt?"
Gerda (gl├╝cklich l├Ąchelnd): "Uff n Danzbohn."
Ida und Grete L. (emp├Ârt): "Wat, uff n Danzbohn?! Aba sowat heirat man doch nich!"
Gerda (verteidigend): "Der is nich so eena, der schpielt in die Danzkapelle!"
Ida (heftig gestikulierend): "Na, det is ja noch schlimma! Eena von de brotlose Kunst! Von wat soll der dir denn aneean, Mensch? Wi├čte denn dein Leehm lang drockne Brotrindn futtan?"
Gerda (weinerlich): "Der schpielt doch man blo├č aahms un am Wochnende in die Kapelle, der aabeit doch in ne Zijarettnfabrik int B├╝ro!"
Ida: (vollkommen bes├Ąnftigt) "Ach sooo . . ."
Grete L. (gierig): "Denn kricht a doch beschdimmt ooch ma n paa Zijarettn umsonst, wa?"
Gerda (erfreut): "Det is m├Â├Âchlich. Danach ha ick noch ja nich jefraacht. Na, sowat fraacht man ja ooch nich jleich uff n erstn Tach, wat soll n der Mensch sonst von mir denkn!"
Trotz der Aussicht auf kostenlose Zigaretten redeten alle auf Gerda ein: "Meechen, ├╝baleech dir det, ob de deen heiratst, det scheint jetz allet eitel Sonnnschein, aba in n paa Jahre sieht det allet andas aus, denn wi├čte det villeicht be-reun, det de ausjerechnet deen jeheirat hast!" Gerda verteidigte ihre Eroberung mit der Blindheit der Frischverliebten. Ida sagte letztendlich mit einem tiefen Seufzer: "N Reisndn soll man nich uffhaltn. Jerda, det is dein Leem. Mach, wat de willst, aba komm mir nich nachher an un saare, det wir dir nich jewarnt h├Ąttn!" Ich h├Ârte bei alldem zu und war ge-spannt, was dabei herauskommen w├╝rde.
Ich dachte so bei mir: "Wat, der komische kleene d├╝nne Mann soll meine h├╝bsche Tante Jerda heiratn? Der - mit seinn unanjenehm birnf├Ârmijen Kopp un die ├Âlijen, d├╝nnn kurzn Haare dadruff? Der - mit seine d├╝nnn schiefn Lippn un den d├╝nnn kurzn Hals mit den schpitzn Kehlkopp? Der - mit die niedrije Schtirn un die Haknneese? Der - mit seine d├╝rren Spinnnfinga? Mensch, der sieht ja eem Tier eehnlicha als eem Menschen! Der is janz beschdimmt nich so lieb wie Onkl Bruno!"
Ich wunderte mich, da├č die Eheschlie├čung nicht untersagt wurde, nachdem alle dagegen waren. Aber ich dachte nicht weiter dar├╝ber nach, mir war eingepr├Ągt worden, da├č alles seine Richtigkeit hat, was Erwachsene tun, und wenn es noch so sehr der Logik widerspricht.
Kurz nachdem Alfred der Ida vorgestellt worden war, hatte er Gerda noch einmal zu einem Tanzvergn├╝gen mitgenommen. Sp├Ąt in der Nacht kamen sie mit gro├čem Trara in unsere Wohnung. Gerda war so betrunken, da├č sie ihm nicht die Adresse ihrer kleinen Wohnung angeben konnte. Er brachte sie also zu uns nach Hause. Da Gerda einen Schl├╝ssel hatte, mu├čten sie nicht klingeln. Aber dann begannen die Schwierigkeiten - Alfed sah, da├č alle Betten belegt waren und wu├čte nicht, wohin mit Gerda. Da er von ihr nur ein trunkenes Kichern zur Antwort bekam, zog er die Pa-piertute und die Knarre aus der Tasche, die f├╝r uns Kinder als Geschenke mitgebracht worden waren und weckte uns alle auf mit den disharmonischen T├Ânen. Ida schimpfte, ich weinte ├╝berlaut, und Waltraud hockte ver├Ąngstigt auf dem Bett. Endlich kam Irma - die ebenfalls von dem mittern├Ąchtlichen L├Ąrm aufgeweckt worden war - aus ihrem Zimmer, nahm Waltraud und mich in ihre Arme, tr├Âstete uns, und Ida ging mit Alfred in die K├╝che (nachdem er uns die L├Ąrminstrumente zugesteckt hatte), wo sie ihn ob der Ruhest├Ârung harsch zurechtwies und ihm erkl├Ąrte, da├č Gerda eine eigene Wohnung hat und wo sich selbige befindet. Gerda bekam unterdessen den zu einem Bes├Ąufnis geh├Ârenden "Moralischen" und Irma bem├╝hte sich nun um sie. Ich betrachtete das alles mit gro├čem Staunen und hoffte, da├č der "b├Âse Onkel" sich nie wieder bei uns blicken lassen w├╝rde. Meine diesbez├╝gliche Bemerkung am anderen Tag wurde von Ida emp├Ârt abgewiesen: "Der Alfred wird die Jerda HEIRATEN, du dummet J├Âr, der WIRD wiedakomm, un du wirst jef├Ąllichst janz lieb un nett un freundlich zu ihm sein, merk dir det een for allemal!"
Er kam wieder, und er stellte sich weiterhin freundlich. Da ich freundlich, lieb und nett zu ihm sein sollte, kletterte ich auf seinen Scho├č. Er machte mit mir "Hoppe Reiter", was ich sehr geno├č. So sehr, da├č ich nicht genug bekommen konnte, denn nie zuvor hatte mich jemand so hoch h├╝pfen lassen und danach so tief hinuntergebeugt. Er hatte bald genug von diesem Spiel, war aber nicht f├Ąhig, mir das klarzumachen. So verfiel er auf ein neues Spiel. Es ging genauso wie "Hoppe Reiter", hatte aber einen anderen Text: "Eine kleine Dickmadam fuhr mit der Eisenbahn, Eisenbahne krachte, Dickmadame lachte, lachte, bis der Schaffner kam und se mit zur Wache nahm. Uff de Wache war se frech, batsch, da hat se eene wech!" Und bei "batsch" verpa├čte er mir eine derartige Ohrfeige, da├č ich von seinen Knien ab-st├╝rzte. Auf mein emp├Ârtes Heulen sagte er k├╝hl: "So is det, wenn man nich jenuch kriejen kann!" Von nun an war ich nicht mehr freiwillig bereit, lieb und nett und freundlich zu Alfred zu sein. Das kam erst Jahre sp├Ąter wieder in Frage, als es niemanden mehr gab, der zu mir lieb und nett und freundlich war, also in meinem sechsten Lebensjahr.
Nach einem seiner Besuche bei uns, der so lange dauerte, da├č ich schon l├Ąngst im Bett lag, zog ich ihn beim Abschiedsk├╝├čchen fest an mich. Er steckte seine Hand unter meine Zudecke und streichlte mich auf nie gekannte Art. Staunend lie├č ich es mir gefallen und das Abschiedsk├╝├čchen wurde immer l├Ąnger. Gerda fragte aus dem Korridor: "Wat machste denn da so lange, Coco?" Alfred antwortete begeistert: "Det Kind hier braucht Vataliebe!" Ich verachtete ihn daf├╝r, denn ich wu├čte sehr wohl, da├č das, was er mit mir tat, nicht das Geringste mit Vaterliebe zu tun hatte, obwohl ich nie Vaterliebe empfangen hatte. Ich begehrte seine Z├Ąrtlichkeit jedoch immer wieder, bis zu jenem Tag, wo er es mit mir wie mit einer richtigen Frau tun wollte. Erst von da an suchte nicht ich seine N├Ąhe, sondern er die meine, und ich wu├čte nicht, wie ich mich dem entziehen k├Ânnte. Ich war in der gr├Â├čten Verlegenheit und wagte nicht, mit ir-gendjemandem dar├╝ber zu reden, denn den Intimbereich zu ber├╝hren oder gar ber├╝hren zu lassen, galt als die gr├Â├čte Sauerei auf Erden.
Doch zur├╝ck zu 1948. Alfred hatte sich bald in Idas Herz geschmeichelt durch Geschenke und gutes Benehmen. Auch lud er uns mitunter zu einem Ausflug ein. Ich erinnere mich u.a. an eine "Herrentagsfahrt" auf einem mit Birkengr├╝n und Wiesenblumen geschm├╝ckten Kremser, der von zwei auf Hochglanz gestriegelten Reitpferden gezogen worden war. Mir fiel sofort auf, da├č sie viel ansehnlicher waren als die Brauerei-Pferde. Walter L. sagte mi├čbilligend: "So-wat macht nur n Kriech m├Âchlich - der Kremsa wird von zwee Reitpferde jezooren!" In der Zeit, wo wir auf die Nachz├╝gler warteten, streichelte er die majest├Ątischen Tiere und fl├╝sterte ihnen Koseworte zu. Alfred sagte obenhin: "Na und? Die bring uns ooch hin, wo wir wolln!" Walter L. brummte: "Jaja, Kunst jeht nach Brot!" und vergewisserte sich beim Gespannlenker, ob die Rassepferde noch Rennen liefen. Der Z├╝gelhalter erwiderte: "Wo denn, M├Ąnneken? Die jro├čen Rennpl├Ątze sin kaputt, die M├Ąn├Ątscha hat der Kriech jefressn, ick kann jetz mit die Pferde nur noch Kremsa fahn, bin schon froh, det se den Kriech ├╝balebt ham so wie ick. Aba . . ." Er trat n├Ąher zu Walter L. und senkte die Stimme zu einem geheim-nisvollen Fl├╝stern. Ich wu├čte, da├č ich mich aus den Geheimnissen der Erwachsenen herauszuhalten hatte, weil ich kleines Kind sie ja nicht verstehen kann. Ich ging ein paar Schritte zur Seite, um nicht den Anschein des Horchens zu erwecken, vernahm aber doch, da├č die Stute ein Fohlen geworfen hatte, das durchaus Chancen auf einen Sieg h├Ątte, wenn nur ein Rennen stattfinden w├╝rde.
Ich wei├č nicht, wohin die Fahrt ging, aber ich wei├č, da├č sie sehr lange dauerte, da├č au├čer uns und der Familie L. noch andere Leute auf dem Wagen sa├čen, da├č alle sehr fr├Âhlich waren und das Bier und den Schnaps gleich aus der Flasche tranken. Das einzige f├╝r mich Erfreuliche auf diesem total ├╝berf├╝llten Fahr-zeug war, da├č die Leute (die sich zumeist hier erst kennenlernten) alle die selben Lieder sangen. Am Zielort angekommen (ein Ausflugslokal am Stadtrand), machten wir es uns an einem der wackeligen Gartentische bequem und a├čen unsere Bouletten und W├╝rstchen; das war billiger, als wenn wir dort etwas zu Essen be-stellt h├Ątten. Der Kellner monierte unser mitgebrachtes Essen, Alfred verwies auf das Schild am Eingang: "Hier k├Ânnen Familien Kaffee kochen" und gab unsere Getr├Ąnkebestellung auf. Es dauerte eine Weile, ehe der Kellner wieder an unseren Tisch trat. Das Lokal war sehr gut besucht, die drei Kellner hatten alle H├Ąnde voll zu tun. Nachdem Alfred "Prosit!" gesagt hatte, setzte jeder an unserem Tisch das vor ihm stehende Glas an die Lippen. Ich lernte: In einer Gastst├Ątte wird kein Tischgebet gesprochen, "Prosit" gen├╝gt. Irma trank ihr Bierglas in einem Zuge leer. Ida sprach tadelnd: "Ej, ej, vaji├č deinn Nahm nich!" Irma wischte den Schaum von den Lippen und fragte heiter (in der Annahme, da├č es jetzt einen Witz zu h├Âren gibt): "Wieso? Wie hei├č ick denn?" Ida wiegte bedenklich den Kopf: "Haste also schon vajessn. Haste denn wenichstns dein Au├čwei├č mit?" Irma fragte aufs├Ąssig: "Zu wat brauch ick hier n Ausweis?" Ida nun: "Haste nich mit? Na, denn bleib ma jetze sch├Ân bei uns, wir bring dir denn zu Hause, da kannste dein Nahm denn an de Woh-nungsd├╝re lesn." Irma begriff endlich, da├č der Witz auf ihre Kosten ging. Sie stand auf und sagte obenhin: "Ick jeh jetz in n Wald, Pilze schie├čn." Man machte sie darauf aufmerksam, da├č es so fr├╝h im Jahr noch kei-ne Pilze gibt, da├č sie auch kein "Gewehr" bei sich hat u.v.a.m. Sie winkte l├Ąchelnd ab und entschwand.
F├╝r Waltraud und mich war je ein riesiges Glas "Berliner Wei├če mit Schu├č" bestellt worden. Ich konnte das schwere Glas kaum zu Munde f├╝hren. Waltraud sagte nach dem Kosten: "Ih, is det bitta!" darauf lie├č Alfred den Kellner noch einmal mit dem Himbeersaft kommen. Auch ich meldete lautstark meinen Anspruch an, trank das Glas aber nur zur H├Ąlfte leer, dann wurde mir schwummrig. Ich ging mir die n├Ąhere Umgebung anschauen, w├Ąhrend die Erwachsenen heiter plauderten. Ich blieb in Sichtweite, damit ich nicht etwa den Abmarsch verpasse. Gerda hatte vor Fahrtantritt gesagt: "Wenn de nich aatich bist, lassn wa dir im Wald, denn fressn dir die Hexn uff!" Endlich fuhren wir heim. Es war so sp├Ąt geworden, da├č ich auf dem Wagen einschlief. Daf├╝r wurde ich nat├╝rlich ausgelacht. Damals war ich vier Jahre alt.
Ein andermal fuhren wir an einen gro├čen See (wahrscheinlich an den M├╝ggelsee), wobei wir auch eine Dampferfahrt unternahmen, die bei einem Gartenlokal endete. Wieder bekam ich ein gro├čes Glas "Wei├če mit Schu├č". Diesmal trank ich vorsichtiger; ich wu├čte, da├č mein Glas stehenbleiben w├╝rde, bis ich es leergetrunken hatte, auch wenn noch so viele Wespen darin ertrunken waren. Ich erinnerte mich an Irmas Freiheit (sie war diesmal nicht dabei) und sagte, da├č ich in dem zum Lokal geh├Ârigen Buddelkasten spielen gehe. Man sagte g├Ânnerhaft zu mir: "Ja, jeh du man buddeln!" Ich kehrte in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden an den Tisch zur├╝ck und beobachtete, da├č die Stimmung dort immer h├Âher stieg, da├č also noch lange nicht an die Heimfahrt gedacht wurde. Nach Einbruch der Dunkelheit stand nach meiner R├╝ckkehr vom Tisch ein Junge im Buddelkasten, der zu mir sagte: "Den Spielplatz hat mein Vata f├╝r die Urlauber uffjebaut, aba ick m├Âchte ooch mal hier spieln. Ihr fahrt sowieso mit dem neechstn Dampfa ab, det is neemlich der Letzte." Ich war tief beeindruckt von der Tatsache, da├č ein Junge, der mich um mehr als Hauptesl├Ąnge ├╝berragte, im Buddelkasten spielen wollte und stellte mir die Wunderwerke vor, die er errichten k├Ânnte: Eine Burg von Meterh├Âhe oder eine Stadt mit vielen Br├╝cken und Tunneln, den ganzen Buddelkasten ausf├╝llend. Ich beneidete ihn und bot meine Dienste an. Aber er sagte, da├č seine Freunde jeden Moment kommen und sich sehr wundern w├╝rden, ein kleines M├Ądchen vorzufinden. So entschlo├č ich mich, ans Ufer zu gehen, wo vorher die Kinder von den anderen Tischen standen. Ich sah den Wellen zu, wie sie an den Strand leckten, wie sie die Schwebstoffe im Wasser bewegten sowie Bl├Ątter und andere Pflanzenteile. Ich fand diese Bewegungen faszinierend. Ich h├Ątte stundenlang auf die Wellen schauen k├Ânnen. Sie regten meine Phantasie an und ich erdachte mir flugs mehre-re herrliche Seeabenteuer, vertiefte mich in meine Phantasiewelt und verga├č die Realit├Ąt. Der Einbruch der Dunkelheit versch├Ąrfte meine Phantasie noch. Ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen, spielten die gro├čen Jungs im Buddelkasten auch eine Rolle in meinen Seeabenteuern. Sie errichteten keine phantastischen Bauwerke, sondern bewarfen sich mit Sand. Ihre Schreie waren die meiner tapferen Matrosen.
Unter dem Dampferanlegesteg war ein langes St├╝ck fester Boden, hier konnte man praktisch in den See hineinlaufen. Schritt f├╝r Schritt ging ich langsam diese Landzunge entlang, und versank immer mehr ins Tr├Ąumen. Pl├Âtzlich f├╝hlte ich mich heftig an den Haaren gepackt. Es war Alfred, der mich anbr├╝llte: "Du bl├Âdet Kamel, wat f├Ąllt dir ein, so weit weg zu loofn, det wir dir nich mehr sehn? Wir dachtn schon, du bist asoffn!" Ich war zu erschrocken, um zu weinen, und ich f├╝hlte mich unendlich schuldig. An den Tisch zu-r├╝ckgekehrt, wurde er als der strahlende Held gefeiert, der das "verlorene Kalb" zur├╝ckbrachte und ich wur-de von allen Seiten beschimpft. Es wurde eine neue Runde bestellt. Wir verpa├čten den letzten Dampfer. Da noch einige Wanderer unser Schicksal teilten, telefonierte der Gastwirt nach einer F├Ąhre. Auf dem Weg machte ich mich so klein und unauff├Ąllig wie irgend m├Âglich. Ich sagte erst wieder am Anlegesteg etwas, und das kam so: Unter den Fahrg├Ąsten war ein Buckliger, der eine "Teufelsgeige" (ein Kr├╝ckstock war mit einer Saite bespannt und mit vielen Klingeln und Hupen best├╝ckt) mit sich f├╝hrte und zu unser aller Unterhaltung darauf spielte. Herzhaft wurde ├╝ber seine Grimassen und ├╝ber die schrillen T├Âne gelacht, und immer wieder verlangte man neue Melodien zu h├Âren und steckte ihm Geldscheine zu. Beim Absteigen vom Dampfer lie├č er das sonderbare Instrument in den See fallen. Erschrocken rief ich aus: "Nu is et wech!" Es tat mir sehr leid, da├č der Mann das Ger├Ąt seines Broterwerbs verloren hatte. Alfred tr├Âstete mich: "Det macht der jedet Jaah. Neechstet Jaah bastelt a sich n neuet." Nun sah auch ich die Sache heiter. Am n├Ąchsten Tag noch tobte Ida: "Dir nehm wa det neechstema nich mit uff de Dampfafaat!" Aber diese war die letzte.
In der n├Ąchsten Zeit erwies sich Alfred als sehr t├╝chtig. Er bot an, unsere Wohnung zu renovieren, wir k├Ânnten solange bei Gerda schlafen, so h├Ątte er freie Hand und w├Ąre schneller fertig. Die K├╝che bekam ein flaschengr├╝nes Paneel, dar├╝ber strahlendes Wei├č (Ida verlangte ÔÇ×schneewei├čÔÇť, der Schnee war in Berlin nicht mehr so wei├č wie in ihrer Erinnerung. Gerda erl├Ąuterte: ÔÇ×Oma meint ÔÇ×bl├╝tenwei├čÔÇť und endlich verstand Alfred. Im Jahr 2000 sind selbst die Bl├╝tenfarben umweltgesch├Ądigt, daher rede ich von ÔÇ×strahlendwei├čÔÇť. In K├╝rze wird es wohl ÔÇ×unvorstellbares Wei├čÔÇť hei├čen.) auch die Decke erhielt dieses Wei├č, es war nun viel heller in der K├╝che. Der Flur bekam den billigsten Anstrich, der m├Âglich war in der damals modernen Wickeltechnik. Hierzu wurde ein Lappen in Farbe getaucht und zusammengekn├╝llt. Rollte man den Lappen ├╝ber die Wand, entstand ein skuriles Muster, das auf mich sehr phantasieanregend wirkte. Wenn ich mich einsam f├╝hlte, brauchte mich jetzt nur in den Flur zu stellen und auf die Flecken zu starren, bis ich Gesichter und Gestalten erblickte, mit denen ich mich unterhalten konnte. Die Stube war mit einer gr├Ą├člichen Tapete beklebt worden - gro├če, bunte Blumenstr├Ąu├če, von einem goldenen Rautenmuster eingefa├čt. Einen dieser Str├Ąu├če h├Ątte ich sch├Ân gefunden, aber vier W├Ąnde voll? Das war mir zuviel. Ich sch├╝ttelte den Kopf. Niemand bemerkte es, also wurde ich nicht befragt und mu├čte nicht sagen, wie ├╝berladen die Stube mir erschien. Alfred sagte nach Idas Befallensbekundung, da├č es gar nicht so leicht war, die Tapete "auf Muster" zu kleben, und da├č er sehr viel wegwerfen mu├čte. Er mu├čte sogar noch zwei Rollen Tapete nachkaufen und war froh, gleich im ersten Gesch├Ąft das gesuchte Muster zu bekommen, sonst h├Ątten wir noch einen Tag l├Ąnger bei Gerda schlafen m├╝ssen. Die kupfernen Gardinenstangen hatte er durch moderne Holzleisten ersetzt, die ├ťbergardine aus schwerem Samt durch einen Deko-Stoff, so wirkte auch die Stube heller als zuvor. Aber ich trauerte um den romantischen Samt mit seiner Jugendstil-Verzierung, wenn er auch an einigen Stellen abgeschabt war. Die Kupferstangen brachten beim Altstoffhandel noch ein paar Markst├╝cke ein, so war Ida ├╝beraus zufrieden mit der Renovierung.
Zur Versch├Ânerung des Schlafzimmers kaufte Alfred 1950 ein Gem├Ąlde, das Gerdas "Engelsreigen" ersetzte. Auf dem "Engelsreigen" waren acht blumenbekr├Ąnzte M├Ądchen in losen, luftigen, pastellfarbenen Gew├Ąndern zu sehen, die auf einer bl├╝henden Wiese im Sonnenlicht tanzten. Er wurde verheizt. Das neue Gem├Ąlde zeigte eine Waldlichtung, auf der R├Ąuber beim Schmaus sa├čen. Am rechten Bildrand waren die ausgeraubten Leute abgebildet: Zwei ermordete Edelm├Ąnner unterschiedlichen Alters und zwei gesch├Ąndete Frauen mit entbl├Â├čten Unterleibern. Eine wandte ihren Blick klagend gen Himmel, die andere hatte den Kopf tief gesenkt. Dieses Bild gefiel allen, nur Waltraud und mir nicht. Wir waren ja auch nur "dumme J├Ârn".
Alfred besa├č ein altes Grammophon mit Trichter und Kurbel. Wenn man eine Platte aufgelegt hatte, mu├čte man t├╝chtig die Kurbel drehen, damit sich der Teller in Bewegung setzt. Dieses fabelhafte Ger├Ąt zog mich magisch an. Doch kaum war ich in seiner N├Ąhe, wurde ich auch schon angeherrscht, da├č meine Pfoten an dem Apparat nichts zu suchen haben. Oft wurde das Grammophon bei Familienfeiern in Gang gesetzt. Da konnte ich, wenn der Alkoholspiegel eine gewisse H├Âhe erreichte, ganz aus der N├Ąhe zusehen, wie die Scheibe sich drehte, wie die Platten gewechselt wurden und wie die Nadel in der Rille sprang. Ich fand es aufregend, da├č die T├Âne in der Rille sa├čen. Die Melodien rauschten an mir vor├╝ber, ich habe mir nur wenige gemerkt ("Caprifischer" z.B.), ich wei├č nur noch, da├č die Texte durch das Laufger├Ąusch der Platten kaum zu verstehen waren.
Als ich lesen konnte, habe ich mir heimlich alle Platten angesehen und bemerkt, da├č auf vielen ein heulender Hund abgebildet war. Das war mir v├Âllig unverst├Ąndlich, aber ich fand es lustig. Ich fragte nicht mehr: "Warum?", ich war zu oft abgewiesen worden. Ich las die Aufschriften auf den Platten. Ein Titel erschien mir ├Ąu├čerst sonderbar: "Chattanooga Choo Choo". Es war gerade zu der Zeit, als wir in der Schule ├╝ber die Worte mit den doppelten Vokalen sprachen, daher blieb dieses fremdartige Wortgebilde bei mir haften. Ich bat Alfred, mir die Platte vorzuspielen, aber er sagte: "Der Apparat is schon zu alt." Da bat ich ein paar Tage sp├Ąter Gerda, und sie antwortete: "Wozu willst de denn die olle Neejamusik h├Ârn?" Kurz darauf kauften sie sich einen modernen Plattenspieler, wo nicht mehr eine ca. 2cm lange Nadel durch die Rille sprang, sondern auf einer sehr d├╝nnen und flachen Rille ein Saphir dahinglitt. Es mu├čten neue Platten angeschafft werden, die alten waren unbrauchbar. Auf den neuen Platten war auch einer der ├Ąltesten Titel von Peter Kraus zu h├Âren: "Auf der Insel Phillallilla, dort im M├Ąrchenland, am wei├čen Palmenstrand, ein junges M├Ądchen stand, sie wollte den einen, aber sonst keinen, in der blauen Mondnacht wiedersehn, und nicht mehr von ihm gehn, er sang so sch├Âh├Ân. Er sang sein akhula, khula, khula Liebe, die schenk ich dir, mai Daahling heut Nacht, wenn der Mond uns bewahacht! Akhula, khula, khula Beeebi, du wei├čt ja ga nich wie kl├╝cklich khula Liebe macht, kja, kja, kja!" Was habe ich mich ├╝ber dieses Lied ge├Ąrgert! Es klang, als w├╝rde der S├Ąnger jeden Moment kotzen. Und das sollte ein Liebeslied sein? Alfred konnte kaum genug bekommen von diesem "kja, kja, kja". Ich war entt├Ąuscht. Grenzenlos entt├Ąuscht. Den "Chattanooga Choo Choo" h├Ârte ich f├╝nfundzwanzig Jahre sp├Ąter im Radio. Ich erkannte ihn an der ├ťbersetzung ins Deutsche: "Verzeihen Sie, mein Freund, ist das der Chattanuga Chu Chu . . ." (von der Freundin meiner Mutter hatte ich gelernt, da├č im englischen das doppel "o" wie "u" gesprochen wird) und ich erinnerte mich, da├č zu diesem Lied bei unseren Familienfeiern die unglaublichsten Verrenkungen gemacht wurden.
1953 hatte Alfred endlich das Geld f├╝r ein Auto zusammen. Die Familie hatte es sich buchst├Ąblich vom Munde abgespart. Ich wei├č nicht, um welchen Typ es sich handelte, ob es ein "Trabant" oder gar ein "Wartburg" war. Autos sind f├╝r mich Luxusgegenst├Ąnde. Alfred und Gerda besuchten uns eines Tages, und aus ihren strahlenden Gesichtern war zu ersehen, da├č sie eine freudige Mitteilung zu machen hatten. Ida sollte raten, worum es sich handelte. Sie tippte entz├╝ckt zuerst auf eine Schwangerschaft, denn sie h├Ątte sehr gern ein weiteres Enkelkind - diesmal sogar aus einer rechtskr├Ąftigen Ehe! gehabt, dann wich das Entz├╝cken und sie vermutete eine besser bezahlte Arbeitsstelle und zuletzt einen Lottogewinn (Alfred spielte jede Woche Fu├čballtoto). Es war alles falsch geraten. Alfred f├╝hrte uns auf den Balkon, wo er uns mit gro├čem Stolz sein funkelnagelneues Auto zeigte. Nun lud er uns ein, mit hinunter zu kommen und das Prachtst├╝ck aus der N├Ąhe zu sehen. Ich lief allen voraus, ich wollte die erste sein, die das Gl├╝ck mit Alfred teilte. Ich st├╝rzte auf das Auto zu, streichelte es und jubelte: "Du sch├Ânet neuet Auto, du!" Im Nu war Alfred mit langen S├Ątzen auf mich zugesprungen, ri├č mich am Oberarm zur Seite und br├╝llte: "Wir├čte woll deine Mistpfoten von det Auto nehm, du Trampel!" Es n├╝tzte mir nichts, zu sagen, da├č ich die H├Ąnde vorhin erst gewaschen hatte. In den folgenden Tagen verh├Âhnten mich meine Schulkameraden ob der blauen Flecke, die ich durch Alfreds hartem Griff davongetragen hatte. Ich erinnere mich nicht daran, jemals in dem Auto gesessen zu haben. Die "Testfahrt" fand mit Ida, Gerda und Waltraud statt. Wenn ich etwa doch dabeigewesen war, so ist mir jegliche Erinnerung daran entschwunden. Ich wei├č nur noch, da├č ich das Auto nicht h├Ątte anfassen d├╝rfen. Autos sind nicht f├╝r Kinder. Und schon lange nicht f├╝r M├Ądchen. Autos waren in Zukunft f├╝r mich "Tabu". Ich kann mir bis zum heutigen Tag bestenfalls die Farbe, sehr selten aber die Marke eines Autos merken.
Im Sommer 1952 durfte ich mit Alfred und Gerda eine Urlaubsreise nach Buckow, M├Ąrkische Schweiz, unternehmen. Die Reise war schon im Vorjahr von Alfred geplant und bezahlt worden. Er hatte Gerdas Einverst├Ąndnis vorausgesetzt und das Ganze f├╝r eine nette ├ťberraschung gehalten. Aber Gerda hatte f├╝r ihn auch eine nette ├ťberraschung, n├Ąmlich eine Erholungskur f├╝r Waltraud, ebenfalls gleich bezahlt. Da├č sie ausgerechnet zur selben Zeit stattfand, konnte Gerda nicht ahnen, so kam ich in den Genu├č. Wochen vor Fahrtantritt wurde ich dazu angehalten, ganz besonders artig zu sein, weil sie mich sonst nicht mitnehmen w├╝rden. Ich durfte mir auch nicht das allergeringste zuschulden kommen lassen; das war der reine Stre├č und kostete mich gro├če Selbstbeherrschung. Ich unterdr├╝ckte meinen Spieltrieb, folgte jeder Anweisung und bem├╝hte mich, niemals ungefragt den Mund aufzumachen. Einmal war ich aber doch auf die Stra├če gegangen, um zu sehen, ob die "Knallerbsen" schon reif waren. Beim Griff in die Str├Ąucher stach mich eine Wespe in die Hand. Nat├╝rlich wuchs mir eine dicke Beule. Gerda sagte: "Na, wenn det nich heile is, bevor wir faan, denn kannste nich mitkomm!" Ich freute mich riesig auf die Fahrt, sie war eine herrliche Abwechslung. Ich tat alles, um die Schwellung abklingen zu lassen. Ich wu├čte, da├č dies meine letzte Ferienreise sein wird. Waltraud hatte k├╝rzlich zu ihrer Mutter gesagt, da├č sie nicht mehr mit mir zusammen ins Kinderferienlager geschickt werden m├Âchte, und Gerda hatte ihr geantwortet (meiner Gegenwart nicht achtend, denn kleine Kinder verstehen ja nichts), da├č sie derartiges nicht mehr zu bef├╝rchten habe, sie wird ja nun vierzehn, da ist sie f├╝r ein Kinderferienlager zu alt.
Das Sch├Ânste in Buckow waren die Spazierg├Ąnge. Ich geno├č die Natur und die reine Luft. Ich hielt mich fern von Alfred, weil er fast immer rauchte beim Spazierengehen. Nach meinem Empfinden verbreitete er Gestank. Gew├Âhnlich f├╝hrten die Spazierg├Ąnge zu einem Lokal, wo wir zu Mittag a├čen. Zu Hause hatte Gerda sich vergewissert, da├č ich mit Messer und Gabel essen konnte. Hier achtete sie nun streng darauf, da├č ich diese Werkzeuge wirklich ordnungsgem├Ą├č benutzte, wodurch die Mahlzeit l├Ąnger ausfiel als n├Âtig. Ich a├č, weil ich sollte, und nichts schmeckte mir; erst recht nicht das Sonntagsessen: Es gab Aal gr├╝n, das Teuerste, was das Lokal zu bieten hatte. Mir war der Fisch zu schlangen├Ąhnlich, zu tranig und zu fett, die Haut zu hart, die So├če zu scharf, und ich konnte nicht verstehen, da├č das etwas "Gutes zu Essen" sein sollte. Auch ekelte ich mich heftig vor seiner gr├╝nen Gr├Ąte. Schimpfend a├č Alfred meinen Aal auf. Wieder einmal war ich "das bl├Âde G├Âr".
Auf einem der sch├Ânen Spazierg├Ąnge bemerkten wir etliche Waldv├Âgel. Ich lauschte verz├╝ckt ihrem Zwitschern und bewunderte ihre Flugk├╝nste. Versonnen sagte ich letztendlich: "Ach ja, Vooorel m├╝├čte man sein!" Gerda prustete: "Reicht det nich, det du een HAST?"
Alfred hatte einen Fotoapparat mit auf die Reise genommen. Eines der auf den Spazierg├Ąngen geschosse-nen Fotos besitze ich noch. Ich freute mich damals dar├╝ber, da├č wir uns auf einer Treppe befanden, da konn-te ich mich ein paar Stufen h├Âher stellen als Alfred. Nach seinen intimen Z├Ąrtlichkeiten betrachtete ich mich als seine Nebenfrau und wollte ebenso gro├č scheinen wie er . . .
Wir wohnten in einer Privatpension bei einer Familie mit zwei Kindern, Tochter und Sohn, sie waren zwei bzw. vier Jahre ├Ąlter als ich. Als wir dort ankamen, wurden die Kinder von ihrer Mutter beauftragt, mit mir zu spielen und mir die Umgebung zu zeigen. Ich war nur zweimal mit ihnen zusammen, am ersten Tag, wo sie mich tats├Ąchlich durch den Ort f├╝hrten, und an einem Regentag, wo sie keine Lust zum Stromern hatten. Sie fragten mich ├╝ber Berlin aus, und es stellte sich heraus, da├č sie aus Erz├Ąhlungen anderer Urlauber mehr ├╝ber meine Heimatstadt wu├čten als ich. Aber ich war ja erst sechs Jahre alt, da verziehen sie mir gn├Ądig die Unkenntnis. Wir verbrachten fast den ganzen Tag miteinander, Gerda und Alfred waren n├Ąmlich zu einem "Erwachsenenvergn├╝gen" in einen Nachbarort gefahren. Irgendwann mu├čte ich meine Blase entleeren. Ich wu├čte nicht, wie man aus diesem Teil des Hauses zum WC kommt. Die Kinder antworteten: "Det is n janz sch├Ân langer Weech bis zum Klo. Wenn wir mal m├╝ssen, jehn wa uff de Wassaleitung." Das kannte ich auch von den Kindern der Familie L.. Damit meine Hose trocken blieb, lie├č ich mir von ihnen auf den Ausgu├č helfen. Am Abend stellte Gerda fest: "Mensch, du hast ja n janz schwarzn Aasch!" Ich dachte, da├č sie mich wieder einmal ver├Ąppeln wollte und lachte sie aus. Sie wurde zornig: "H├Âr uff zu kichan, azeehl ma lieba, wo de dir so mi├čtich jemacht hast, du altet Ferkel!" Nun besah ich mein Hinterteil und stellte fest, da├č sich tats├Ąchlich ein breiter schwarzer Streifen darauf befand. Er konnte nur vom Ausgu├č stammen. Ich berichtete wahrheitsgem├Ą├č ├╝ber den Vorfall. Gerda wusch mich und Alfred warf am anderen Tag der Wirtin vor, einen furchtbar dreckigen Haushalt zu haben und auch sehr schlecht erzogene Kinder. Die Kinder beka-men Hiebe daf├╝r, da├č sie mir nicht den Weg zur Toilette gezeigt hatten und ich begegnete ihnen nie wieder.
Ein paar Tage sp├Ąter fuhren Gerda und Alfred wieder zu einem "Erwachsenenvergn├╝gen". Sie setzten voraus, da├č ich meinen Tag auch alleine gestalten k├Ânnte. Ich nickte heftig: "Ja, ick wee├č, wat ick d├╝rf, ick pa├č uff mir uff, ick mach keene Deemlichkeitn!" Aber ich f├╝hlte mich dann doch sehr allein und wu├čte nicht, was ich tun sollte. Ins Zimmer konnte ich nicht, Alfred hatte den Schl├╝ssel bei der Wirtin abgegeben, damit sie das Zimmer nach unserem Fortgehen reinigen konnte. Ich kannte den Weg zum Spielplatz doch nicht so ganz genau und f├╝rchtete auch, dort Kindern zu begegnen, die "angestammtes Recht" auf den Spielplatz hatten und schlo├č mich letztendlich - nachdem ich eine Weile verloren auf der Treppe sa├č - dem Opa der Wirtsfamilie an, der zum Heuen ging. Er war etwas j├╝nger als Ida, ich hoffte, viel von ihm lernen zu k├Ânnen. Ich lief munter neben ihm her und fragte ihn ├╝ber alles aus, was es zu sehen gab. Er konnte sehr gut erz├Ąhlen von der Geschichte des Ortes und von seinen Einwohnern. Ich lernte an jenem Tag sehr vieles. Meine Fragen wurden ihm nicht ├╝ber, oder er beherrschte sich, mir das zu sagen. Wir lachten viel miteinander ├╝ber Wortspiele und erz├Ąhlten uns Witze. Es machte mich gl├╝cklich, ihn zum Lachen zu bringen, noch gl├╝cklicher aber war ich dar├╝ber, da├č er sich M├╝he gab, mich zum Lachen zu bringen. Auf der Wiese angekommen, sagte er mir, wieweit ich mich dort bewegen darf und ich hielt mich an diese Grenzen. Ich setzte mich ins Gras, spielte mit den Halmen und mit den kleinen bla├člila Bl├╝mchen, die dort bl├╝hten. Ich beobachtete auch hier die kleinen Tierchen, die auf jeder beliebigen Wiese leben und freute mich des Sonnenscheins.
Die Wiese war von einer Seite von H├Ąusern begrenzt, links und rechts von Wald, und an der den H├Ąusern gegen├╝berliegenden Seite von einem kleinen See. Ich fragte den Opa, ob ich mir den See ansehen darf. Er vergewisserte sich, da├č ich ganz bestimmt nicht in das Wasser hineingehen wollte und gestattete mir dann, an den See zu gehen. Er war von dunkler F├Ąrbung und lag ganz ruhig. Nur in der Mitte kr├Ąuselte der Wind das Wasser ein wenig. Der See erschien mir wie ein d├╝sterer Schlund. Einen Meter vom Ufer entfernt schaukelte ein rostiger Nachen. Ich wollte wissen, wem er geh├Ârt und warum er nicht instandgesetzt wird. Der Opa beantwortete abermals alle meine Fragen geduldig und ausf├╝hrlich. Ich war sehr begeistert von ihm und sagte ihm, da├č ich ihn sehr, sehr lieb h├Ątte. Ich h├Ątte mich nicht gewundert, wenn er sich mir nun sexuell gen├Ąhert h├Ątte; ich h├Ątte ihn gew├Ąhren lassen, das ist der Gang der Welt: "Die M├Ądchen sind zum Lieben da". Ich war ein M├Ądchen und wollte geliebt werden. Aber er l├Ąchelte: "Ick habe eine umfangreiche Familie. Meine T├Âchter und meine S├Âhne haben mir soviele Enkel bescheert, da├č ick damit alle H├Ąnde voll zu tun habe. Ick kann dich nich in mein Herz uffnehm, du bleibst f├╝r mich ein Urlauberkind, ein liebet, nettet Urlauberkind."
Abends berichtete ich begeistert von dem "lieben Opa". Gerda und Alfred sagten entsetzt: "Mensch, du kannst doch n fremdn Mann nich bis ufft Hemde ausfraren! Wat denkst du dir blo├č in dein bl├Âdn Jeist! Un denn ooch noch "Opa" saaren! Det is doch nich DEIN Opa!" Ich suchte mich wenigstens in dem letzten Punkt zu verteidigen: "Aba zu Oma saaren doch ooch alle Oma!" - "Det is wat janz wat andret!" hie├č es nun, und: "Jenade dir Jott, wenn de noch mal zu den Altn jehst!" Ich begegnete ihm nur einmal noch im Hausflur, wo er mir einen Gru├č zuwinkte, und ich war froh, als der Tag der Abreise da war. Auch Gerda und Alfred sagten: "Na, Jottseidank jeht et nu wieda nach Hause! Zu Hause is et doch am sch├Ânstn!" Ich fragte mich, wozu wir verreist waren.
Ich war sieben Jahre alt, als Alfred mich zu einem Fu├čballspiel seiner Lieblingsmannschaft "Herta BFC" mitnahm. Ich freute mich riesig, denn wir fuhren quer durch die Stadt zu einem Ort, den ich sonst nie ken-nengelernt h├Ątte. Da gab es mit Sicherheit viel Neues zu sehen! Wir mu├čten mehrmals umsteigen. W├Ąhrend der Fahrt machte ich ihn auf jedes auff├Ąllige Bauwerk aufmerksam und fragte: "Wat is n det for n Haus?" Anfangs versuchte er noch, logische Antworten zu finden, dann aber sagte er unwirsch: "Jeh mir doch nich so schrecklich uff de Nerven, Mensch!" ├ťbrigens erhielt ich von ihm generell die abweisendsten Antworten in meinem Leben. Von diesem Erwachsenen lernte ich entschieden weniger als von der von ihm verachteten Waltraud. Beim Umsteigen h├╝pfte ich ausgelassen neben ihm her, bis er mich anherrschte: "Mein Jott, kannst de dir denn ├╝bahaupt nich benehm?" Ich wu├čte nicht, inwiefern ich mich danebenbenahm. Aber vielleicht h├╝pfte man nicht auf der Stra├če, wenn man an der Hand eines Mannes ging, der einen begehrte? Ich nahm die Lehre an und h├╝pfte nie wieder in seiner Gegenwart.
Das Fu├čballspiel interessierte mich schon nach wenigen Minuten nicht mehr. Es war Alfred nicht gelungen, mir die Spielregeln zu erkl├Ąren. Fu├čball stellte sich mir so als eine M├Ąnnerdom├Ąne dar, wo Frauen nichts zu suchen haben, bestenfalls als schm├╝ckendes Beiwerk, und auch das nur unter Vorbehalt. Ich begriff nur, da├č es ein sehr wichtiges Spiel war, so nahm ich mich zusammen und versuchte, dem Geschehen zu folgen. Das war nicht leicht, denn die Spieler trugen alle wei├če Trikots. Sie waren nur an den Hosen zu unterscheiden; die eine Mannschaft trug schwarze und die andere blaue. Da es ein sehr dunkles Blau war, mu├čte man schon sehr genau hinsehen. Es war f├╝r mich unfa├čbar, da├č sich dort auf dem gepflegten Rasen so viele erwachsene M├Ąnner um einen Ball rauften! Alfred und alle anderen Besucher verfolgten das Spiel sehr aufmerksam und spendeten Beifall, wenn ein Schu├č besonders gut gelungen war. Was ein guter Schu├č ist, wu├čte ich somit, und klatschte dann auch, als ein Spieler den Ball ├╝ber den ganzen Platz scho├č. Aber es war ein Spieler der gegnerischen Mannschaft, und ich wurde nun von dem Fanclub der "Blau-wei├čen Herta" angefeindet. Einer der Fans sagte tadelnd zu Alfred: "Is ja janz niedlich, die Kleene, aba ob se wirklich hier herjeh├Ârt?" Nun verbot Onkel Alfred mir jegliche Reaktion: "Wenn de nischt von det Schpiel vaschtehst, denn kannst de ooch nich klatschen, klar?!" Ich blickte nun nicht mehr auf den Rasen, sondern sah mir die Zuschauer an. Es waren fast ausschlie├člich M├Ąnner, zumeist unangenehme Typen mit rohen Gesichtsz├╝gen. Ich hatte das Gef├╝hl, ein Fremdk├Ârper zu sein. Ich sehnte das Ende des Spieles herbei. Aber nach einer mir endlos scheinenden Zeit war erstmal nur Pause. Da ich gro├čen Durst hatte, bat ich Onkel Alfred, mir eine Brause zu kaufen. Ich sah ein leichtgesch├╝rztes M├Ądchen mit einem Bauchladen herumlaufen und Getr├Ąnke feilbieten. Er antwortete mir in einem Tonfall, als w├Ąre ich v├Âllig bl├Âd: "Wat denkst du denn, wo wir hier sind?! Ick hab doch keen Westjeld!" Ich hatte nicht vergessen, da├č wir uns im Westteil der Stadt befanden. Am Eingang des Fu├čballstadions hatte er mir einen Lutscher mit Lakritzgeschmack gekauft, den ich gar nicht haben wollte; ich mag keine Lakritze, ich finde ihren Geschmack ekelerregend, und ich lie├č den Lutscher nach wenigen Metern fallen. Da er mir den Lutscher aufgedr├Ąngt hatte, obwohl ich deutlich zu verstehen gab, da├č ich so etwas nicht esse, dachte ich, da├č er viel Geld mitgenommen habe. Nun winkte er aber doch die Verk├Ąuferin herbei, kaufte sich eine Coca Cola und gab mir einen Schluck ab. Das warme, s├╝├če Zeug verursachte mir noch gr├Â├čeren Durst. So ergab ich mich in mein Schicksal. Ich verdr├Ąngte den Durst und setzte mich f├╝r die zweite Halbzeit auf die Erde, wo ich mit Sand und Steinchen spielte, die Zigarettenkippen warf ich eine Stufe tiefer. Ich blickte nur dann kurz auf das Spielfeld, wenn die Fans enthusiastisch sangen: "Blau-wei├če Herta . . ." und andere Fu├čballslogans, bis Alfred sagte: "Komm, wir jehn jetz, det Schpiel is jleich zu Ende, un wenn jetz noch n Wunda jeschieht, denn schteht det morjen in ne Zeitung, los, wir beeiln uns, det wa zum Ausjang komm, wenn se alle jehn, denn wern wa dotjetrampelt!" Die Idee, fr├╝her zu gehen, hatten noch einige andere; es herrschte ein heilloses Gedr├Ąnge am Ausgang, wir kamen mit M├╝he und Not hinaus. Auf der Heimfahrt stauchte Alfred mich noch einmal daf├╝r zusammen, da├č ich f├╝r die falsche Mann-schaft geklatscht hatte; nun sagte ich ihm meine Meinung, da├č Leistung Leistung ist und also honoriert wer-den sollte. Er nannte mich daf├╝r einen unverbesserlichen Phantasten, einen von jener Sorte, die der Welt mehr schaden als n├╝tzen.
Seine Unfreundlichkeit kr├Ąnkte mich zutiefst. Und mir wurde erst sehr sp├Ąt klar, da├č er mich nicht auf den Fu├čballplatz mitgenommen hatte, um mir eine Freude zu machen oder um mich etwas zu lehren, sondern nur, um sein ungeh├Âriges Interesse an mir zu vertuschen. Ida und Gerda glaubten nun n├Ąmlich, da├č er mich wirklich gern hat und mir die Welt zeigt. Sie hatten nichts dagegen, da├č er mit mir allein war. Sie kamen nicht auf die Idee, da├č er mir an die W├Ąsche gehen k├Ânnte.
Jedenfalls war Alfred der Meinung, da├č jeder, der Kinder in die Welt setzt, verantwortungslos handelt. Weil diese Kinder nur leiden w├╝rden. Sie w├╝rden leiden an der Gesellschaft, an diversen Krankheiten, an ih-ren eigenen Vorstellungen. Deshalb h├Ątte er jedem Manne gern empfohlen: "Zeuge nicht!" Und jeder Frau: "Geb├Ąre nicht!" Mit dieser Einstellung blieb ihm nur Sex mit Minderj├Ąhrigen. H├Ątte er sich fortgepflanzt, was w├Ąre seinen Nachkommem geblieben? Alfred war kein Vatertyp, Gerda nicht die geborene Mutter. Wenn sie von Alfred schwanger wurde, hat sie von Grete L. abtreiben lassen. Ich wei├č nicht, wie oft und will es auch nicht wissen. Der Sexualtrieb ist nat├╝rlich, wenn er auch noch so sehr von der Religion verdammt wird. Alfred wollte den Niedergang der Menschheit, aber nicht auf seinen Trieb verzichten. Er war der dritte Mann, den ich Nachkriegskind in voller Lebensgr├Â├če kennenlernte. Ich bel├Ąchelte seine Ideologie, aber er streichelte mich. Und ich geno├č es. Und ich wu├čte, da├č es ungeh├Ârig war. Aber es streichelte mich doch sonst niemand, nicht einmal mit Worten.
Nach Onkel Brunos Tod waren M├Ąnner f├╝r mich ein Wunderwerk der Natur. Ich wu├čte, da├č sie f├╝r die Fortpflanzung unbedingt notwendig sind, damit Frauen Kinder zur Welt bringen. Die M├Ąnner verf├╝gen dann dar├╝ber. Es dauert nicht mehr lange, dann werden Kinderpornos salonreif. Es verlangt den M├Ąnnern danach, also werden sie es erreichen. Den Nachwuchs sichern all jene M├Ądchen, die an menschliche Werte glauben. Und auch die, welche nur leben wollen und einem Mann vertrauen.


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