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Leselupe.de > Erzählungen
die fünfte Ehe der Agatha Doris Pierce
Eingestellt am 19. 04. 2012 15:06


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Hagen
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Agatha Doris Pierce hatte im zarten Alter von 35 Jahren bis dahin alles richtig gemacht; - nach ihrer dritten Scheidung fuhr sie einen Chevrolet Camaro. Als ihre Eltern bei einem Autounfall tödlich verunglückten, erbte sie das Vintage-Modelabel ‘Wildcat‘, welches Elemente der Dreißiger bis Fünfziger in die von ‘Wildcat‘ kreierten Kleidungsstücke einbrachte.
Nach dem Motto “Yesterday - the better way“ und unter dem Einfluss des beginnenden ‘New Wave‘ führte sie die Modelinie weiter, hatte bald ihre dritte Million auf dem Konto und absolvierte ‘donnernde Partys‘ und illegale Straßenrennen (Streetracings), welche ihr den Nicknamen ‘Wildcat‘ einbrachten. Aus ihrem Vermögen investierte sie einen großen Teil in den Prototypen eines Autos, dass sie nach ihren Entwürfen für diese Streetracings bauen ließ.
Ihr Psychiater bescheinigte ihr daraufhin einen heteronormativen Kontext als Frau, der bestimmte Arten der Männlichkeit, beispielsweise Machismos, überspitzt darzustellen versucht und alles zu tun, was ein Mann tut; - nur besser.
Als Agatha Doris ‘Wildcat‘ Pierce am 1. April 1968 ihre Hausbank in Tulsa aufsuchte - mit ihrem Camaro - um etwas Bargeld abzuheben, wurde sie Zeuge, wie ein Bankräuber die Bank und mit seinem Wagen sehr schnell die Stadt verließ. Agatha Doris ‘Wildcat‘ Pierce war von dem Startmanöver des Bankräubers fasziniert. Ein kurzer ‘Warmup‘ mit durchdrehenden Hinterrädern und ein Start mit hoch erhobenen Vorderrädern wie bei einem Dragster.
Agatha Doris ‘Wildcat‘ Pierce nahm in ihrem Camaro die Verfolgung auf, wurde jedoch nach etwa hundert Meilen ‘abgehängt‘. Der Wagen des Bankräubers wurde kurze Zeit später in desolatem Zustand verlassen aufgefunden, von dem Bankräuber fehlte jede Spur.
Daraufhin machte Agatha sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Bankräuber. Einer ihrer geschiedenen Männer hatte sie mal zu einem Drag Stripe mitgenommen; - das einzige, was ihr in Erinnerung geblieben war, waren die hoch erhobenen Vorderräder und qualmenden Reifen der Dragster beim Start. Bei ihrer Suche nach dem Bankräuber setzte sie folgerichtig auf der Dragster-Szene an.

Todd Abbott war ein genialer Techniker, was das tunen von V-8-Motoren betraf. Jeden Cent seines Gehalts steckte er in seinen Dragster, mit dem er zwar hin und wieder ein Rennen gewann; - trotzdem war er notorisch pleite. Den Ausweg aus seiner finanziellen Misere fand er vorläufig in einem sorgsam geplanten Banküberfall.
Der Banküberfall ging in Tulsa glatt durch. Abbott hatte etwa 200 Meilen entfernt einen zweiten Wagen bereit gestellt, ließ den für den Bankraub getunten Wagen einfach stehen und fuhr mit dem zweiten Wagen nach Hause. Dort beglich er sukzessive seine Schulden, während er an seinem Dragster weiter schraubte. Tatsächlich gewann er damit spektakulär einige Rennen, welche sogar Preisgeld einbrachten.

Agatha Doris ‘Wildcat‘ Pierce wurde dadurch auf Todd Abbott aufmerksam. Der war inzwischen nach Bonneville umgezogen und arbeitete an einem Wagen, mit dem er die in den späten 1960er Jahren auf dem Raceway der Salt Flats aufgestellten Rekorde von Craig Breedlove und Art Arfons knacken wollte.
Agatha stöberte Todd dort auf, kaufte ihm - da er wieder pleite war - den Wagen ab und trieb ihn an, weiter zu machen. Allerdings knüpfte Agatha die Bedingung daran, dass ihr Name auf dem Rekordfahrzeug auftauchen sollte. Man einigte sich auf ‘Pierce-Arrow I‘, da Arrow (Pfeil) Geschwindigkeit suggeriert.
Und dann landete am 19. März 1971 eine der drei zu Testzwecken gebauten X-24A aus bis heute unerfindlichen Gründen auf den Bonneville Salt Flats.
Mit der X-24A sollte das Konzept des Tragrumpfes getestet werden, bei dem der nötige Auftrieb nur durch die Form des Rumpfes erzielt wird. Die X-24A hatte eine gedrungene Tropfenform mit abgerundeter Spitze, flacher Unterseite und einem kurzen, dreifachen Seitenleitwerk. Angetrieben wurde sie von einem einzelnen XLR-11 Raketentriebwerk mit vier Brennkammern und einem Maximalschub von 37.7 kN. Das Triebwerk wurde jedoch nur zur Steigerung von Höhe und Geschwindigkeit eingesetzt, nachdem das Fluggerät vom Trägerflugzeug abgeworfen worden war.
Bei den Testflügen wurde die X-24A von einem umgebauten Boeing B-52-Bomber auf etwa 13.700 m Höhe getragen und dort ausgeklinkt. Durch Zuschalten des Raketentriebwerkes konnte das Flugzeug dann auf noch größere Höhen steigen, bevor der eigentliche Gleitflug begann.
Da die X-24A ohne Trägerflugzeug nicht starten konnte, das Trägerflugzeug auf Salt Flats wiederum nicht landen, schickte sich die NASA an, das Flugzeug an Ort und Stelle auszuschlachten und zu verschrotten.
Es gelang Agatha Doris ‘Wildcat‘ Pierce die X-24A zu kaufen nachdem lediglich die Instrumentierung ausgebaut worden war.
Nun machte Todd sich ans Werk; - sah er doch seinen Lebenstraum, den von Gary Gabolich im Jahr 1970, mit seinem Raketen-Auto, ‘Blue Flame‘ aufgestellten Rekord von spektakulären 622,4 Meilen pro Stunde - mit dem ‘Pierce-Arrow II‘ zu brechen.
Todd legte die X-24A tiefer, indem er das Fahrwerk ausbaute und die X-24A mit breiten Rädern versah.
Während der ersten Testfahrt erreichte Abbott knappe 600 Meilen pro Stunde, obwohl nur zwei der vier Brennkammern aktiviert worden waren. Leider klickten - kaum dass der ‘Pierce-Arrow II‘ ausgerollt war - Handschellen um Todds Handgelenke. Todd Abbott wurde des schweren Bankraubs angeklagt, überführt, verurteilt und eingelocht.
Agatha Doris Pierce konnte keine Mitschuld nachgewiesen werden, aber sie besaß nun zwei Rekordfahrzeuge, die sie sich nicht zu fahren traute. Anstatt sich einen Fahrer zu suchen, verbrachte sie die beiden Pierce-Arrows zu sich nach Hause und ließ den Pierce-Arrow II straßentauglich modifizieren.
Die Modifikation sah so aus, dass Agatha zusammen mit dem ständig total bekifften Designer ihres Labels, der zuvor Schuhe kreiert hatte, den Rumpf inklusive des Leitwerks unten abschnitt, das XLR-11 Raketentriebwerk entsorgte und statt dessen ein V-8 Aggregat implantierte. Aufgehübscht wurde das Ganze durch einige Chromteile und schwarzem (die Lieblingsfarbe von Agatha Doris Pierce), hochglänzendem Lack. Das Ergebnis erhielt zwar eine Straßenzulassung, wurde jedoch als zu ‘futuristisch‘ allgemein belächelt. Für den Film “the Oil, the Fast and the Glorious” wurde der Wagen weitere zwei Male gebaut, ging aber nicht in Serie.
Der Film “the Oil, the Fast and the Glorious” floppte an den Kinokassen und verschwand in den Eingeweiden der Archive mit den ‘Megaflopps‘ von Metro-Goldwyn-Mayer. Einige Raubkopien sind jedoch irgendwie in den Handel gelangt. Die Wagen gelangten in den Besitz von Sammlern, die sie während des alljährlichen Goodwood Festival of Speed bewegen.

Wenig später, Agatha Doris Pierce war gerade das vierte Mal verheiratet, wurde William Smith, einer der engsten Mitarbeiter von Virgil Exner – derzeit die Stylinglegende bei Chrysler – auf den Wagen aufmerksam. Ähnlich wie sein Boss reagierte Smith beim Anblick derartiger Automobile mit einem Nervenzusammenbruch.
Der Earl of March höchstpersönlich fing ihn auf und ließ ihn mit seinem Bentley Mark VI 4-Door Saloon einige Runden auf dem hauseigenen Goodwood Motor-Circuit fahren.
Seit dem hatten es William Smith die ‘klassischen, stolzen Kühler Britischer Automobile‘ angetan. Als Smith Exner jedoch Designstudien dieser Art vorlegte, reagierte dieser ausgesprochen unwirsch und legte Smith nahe, sein Glück doch mal in der Modebranche zu versuchen; - und zwar bei einem Label der Vintage-Richtung, was unter Automobilstylisten allgemein als die Schlimmste aller Beleidigungen gilt.
So kam William Smith zu Agatha Doris Pierce. Die wiederum war gerade dabei, ihren vierten Ehemann vor die Tür zu setzen. William Smith war zunächst etwas irritiert und dann fasziniert von Agathas Temperament und Dynamik. Daraufhin kam man sich näher und baute den Pierce-Arrow I, der bis dahin in der Garage einen Dornröschenschlaf gehalten hatte, ein wenig um, indem die Beiden den Wagen mit einem klassischen, stolzen Kühler Britischer Automobile versahen. Nach einigen weiteren kosmetischen Veränderungen erhielt der Wagen tatsächlich eine Sonderzulassung für ‘Hochzeitsfahrten mit gemäßigter Geschwindigkeit‘.
Daraufhin bestellte Agatha Doris Pierce bei Chrysler zehn Stück davon. William Smith ließ es sich nicht nehmen, zusammen mit einigen Kumpels die zehn Wagen persönlich abzuholen und mit erhobenem Mittelfinger an Exners Büro vorbeizufahren. Exner reagierte wie üblich mit einem Nervenzusammenbruch und fuhr dabei einen der Wagen derart gekonnt an die Wand, dass dieser nur noch Schrottwert hatte.
Aus dem unweigerlich folgenden Rechtsstreit ging hervor, dass Exner für den entstandenen Schaden aufzukommen hatte. Ferner erhielt Smith als Abfindung für die unerbittlich folgende Kündigung die restlichen 9 Fahrzeuge; - allerdings mit der Auflage, dass bei der Typenbezeichnung nichts auf dessen Herstellung bei Chrysler hindeuten darf. Pierce und Smith tauften die Wagen daraufhin schlicht und einfach ‘Pierce-Arrow I‘ und erweiterten Agathas Unternehmen um ‘romantic marriage celebrations‘, während derer eine Fahrt mit den strahlend weiß lackierten Pierce-Arrow I einen gewissen Höhepunkt darstellen.
Dass die Kühlerfiguren auf den Pierce-Arrow I, der legendäre ‘Bowman‘, Gesichtszüge aufweist, die denen Virgil Exners verblüffend ähneln, ist allerdings ein Gerücht; - ebenso dass Agatha und William mit einem Pierce-Arrow I demnächst in den Hafen der Ehe zu rollen beabsichtigen…
Die liebe Lydia ist der Ansicht, dass sich diese Legende wie das Exposé zu einem Kitschroman mit motorsportlichem Hintergrund liest.
Aber bekanntlich schreibt das Leben selbst die schönsten Geschichten.
Wir wünschen Agatha und William jedenfalls eine lange, glückliche Ehe…

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