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Leselupe.de > Erzählungen
erste 2 Kapitel von 'Der Bus'
Eingestellt am 09. 10. 2002 10:15


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torgem
Hobbydichter
Registriert: Sep 2002

Werke: 1
Kommentare: 4
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1

››The Memory Remains.‹‹ Paul liebte die Musik. Wenn er Musik hörte, dann hörte er nicht die langweiligen Sender mit ellenlangen Werbepausen von Hamburgern und den neuen Himbeercornflakes oder Nachrichten, die er sowieso nicht alle verstand. Lieber hörte er sich eine seiner von Opa Bill geschenkten CD’s an. Und wenn man in sein CD-Regal schaute, welches er ausnahmsweise selbst von seinem bescheidenen Taschengeld kaufen konnte, würde man denken, dass Paul lange Haare hätte. Aber die hatte er nicht. Er ging mit dem allgemeinen Trend und hatte sie kurz geschnitten. Am liebsten hätte er sie sich rasiert. Aber er war erst neun, und mit neun muss man noch tun, was die Eltern sagen. Bis auf wenige Ausnahmen stammten alle Alben aus dem Heavy-Metal-Genre. Meistens hörte er seine Lieblingsband Metal-lica. Wie auch heute Abend.
Es war Freitag und den letzten Schultag hatte er hinter sich ge-bracht. Sein Zeugnis hatte er seinen Daddy abgegeben. Das muss-te er noch, aber er hätte es auch freiwillig getan. Und er musste sich wirklich nicht damit schämen. Es war schon mal schlechter ausgefallen. Der langweilige Ausflug, dachte er. - ››Wenn dein Zeug-nis schlecht ausfällt, dann nehmen wir dich nicht auf den Ausflug in die endlosen Rocky Mountains mit Paul!‹‹ - Na und? Ich habe eh keine Lust. Am Montag war sein erster Ferientag. Und den stellte er sich anders vor. Er hatte keine Lust auf den langweiligen Ausflug mit einem alten Bus. Er hatte keine Lust mit vielen fremden Leuten in die Berge zu fahren. Er wollte viel lieber mit seinen Freunden abhängen. Aber nach ihm ging es nicht. Noch nicht.
Es war spät.
››Jim?‹‹
››Ja, Donny?‹‹
››Meinst du nicht, wir sollten mal nach Paul sehen? Es ist schon spät. Er hat zwar morgen frei, aber er muss am Montag fit sein.‹‹
››Okay Schatz, ich gehe nachsehen. Aber nicht jetzt. In der nächsten Werbepause, o...?››
‹‹Okay!››
Er war zu faul aufzustehen. Diese 23-Uhr-Film waren langwei-liger als jede Werbepause. Ihm war es sowieso nicht so wichtig, wann Paul ins Bett ging. Aber er war heute Abend auch zu faul zu diskutieren. Deshalb würde er gleich hoch gehen zu seinem Sohn und gucken, was der kleine noch so treibt. Er wusste, dass die letzte Werbepause noch nicht lange her war. Und wenn die Programmchefs nicht völlig am Rad drehen, dann würde es auch noch eine Weile dauern, bis die nächste Pause kam.
Die Familie Sheldon war keine außergewöhnliche Familie. Die Sheldon’s waren zu einem Schicksal bestimmt. Zu dem Schicksal, dem die meisten Menschen angehörten. Sie gehörten zu all den Menschen, die geboren werden, einige Jahre auf dem Planeten Erde leben, ihre Zeit verschwenden, tun, was man von ihnen er-wartet und den Preis für ihre Feigheit zahlen. Aber das war bei ihren Nachbarn und den vielen anderen Menschen auch nicht anders. – Hier ist nichts verkehrt.
Aber die nächste Werbepause kam. Jim hatte sie schon erwartet. Und er hatte immer noch so wenig Lust nach Paul zu sehen, wie vor einer halben Stunde. Donny guckte ihn an. Er sah es im Au-genwinkel. Ohne den Blick zu erwidern stand er auf. Okay. Okay. Es ist unser Sohn, und es ist vielleicht wirklich besser, wenn er jetzt schlafen geht. Donny hat Recht. Er muss am Montag fit sein. Auch Donny muss am Montag fit sein. Und ich. Ich muss am Montag fit sein.
Er ging auf die Tür zu. Donny hörte das leise Klicken des Schlosses und anschließend das entfernte Knarren der Holztreppe. Jim nahm immer zwei Stufen auf einmal. Aber die letzte musste diese logische Folge brechen, denn es war keine gerade Anzahl an Stufen. Das Knarren der Treppe verstummte als das Knarren der Eichendielen einsetze. Jim erreichte schließlich die Tür von Paul’s Zimmer. Nachdem er sie öffnete bestätigte sich sein Gefühl, dass dieser Gang umsonst war. Er sah in dem Schein des Lichtes, welches er durch das Öffnen der Tür bis in Paul’s Zimmer vordringen ließ, die Umrisse seines Körpers. Die Decke brauchte sein Sohn nicht, es war warm in diesen Sommertagen. Er sah es nicht, aber er vermutete es: Paul schwitzte. Und in drei Tagen würde es noch wärmer werden, wenn der Bus keine Klimaanlage besitzt, dachte Jim.
››John, du bist auf meiner Seite? Du gehst nach hinten, du bist schwe-rer als ich!‹‹ Wir dürfen nicht verlieren, das ist mein letzter Dollar, träumte er. ››Okay Paul, wir werden nicht verlieren!‹‹ Paul träumte. Er träumte von dem Spiel, bei dem man nur eine simple Wippe brauchte. Und die gab es sogar hier in Red Rock. Das Spiel war einfach. Man wettete einfach darauf, dass man schwerer war als seine Gegner. Und gemessen wurde es mit Hilfe der Wippe.
››Wir haben uns verschätzt Paul, wir sind nicht schwerer.‹‹ Die wippe steht waagerecht. Aber das darf sie nicht. Sie muss auf den Boden, das heißt: unsere Seite muss auf den Boden. Er sah seine Wasserflasche, die er immer mitnahm, wenn er aus dem Haus auf den Spielplatz ging. Denn es war kein kurzer Weg nach Hause. Und wenn er Durst bekam? Bei der Hitze kein Wunder. Er streckte seine Arme zur Flasche aus. Die wird mir noch ein halbes Pfund bringen. Das muss reichen. Und es reichte, die Wippe küsste den Boden. Totes Material wiegt eben auch! Große Erleichterung überkam ihn. Verdammte Affeninsel!
Die Regeln des Spiels waren wirklich einfach. Zu einfach, um darin zu definieren, ob es erlaubt war ein Gegenstand mit auf die Wippe zu nehmen.
Die Sheldon’s fuhren nicht oft in den Urlaub. Sie konnten es sich nicht leisten. Jim arbeitete bei Colorado Logistics, einer klei-neren Spedition, als Kaufmann. Immerhin war er vor einem Jahr Sales Director geworden und arbeitete die Angebote aus. Sein Vorgänger wechselte zu Speedway Logistics Inc., der größten Spedition in und um Colorado, wo er mindestens das anderthalb-fache verdiente. Aber für Jim und seine Familie reichte es. Donny ging nicht mehr arbeiten. Nur ab und zu, wenn George Cook’s Mitarbeiterinnen wieder mal krank oder im Urlaub waren, half sie ihm in seiner kleinen Hamburger Imbissbude aus. Für ein paar Dollar und ein paar Cent Trinkgeld. Sie machte es nicht des Gel-des wegen, das würde sich nicht lohnen. Aber sie kannte George gut und half ihm gerne. Außerdem konnte sie selbst immer einige seiner beliebten Hamburger verdrücken. Und zwar so, wie sie es zu Hause zwecks Vorbildfunktion für ihren Sohn nie tat – so, dass ihr die Soße, die sie vorher selbst zubereitet hatte, an ihrem Mundwinkeln hinunter lief.
Die ersten Sonnenstrahlen fanden den Weg durch die unzähligen Schichten der Atmosphäre, über den kupferfarbigen Hügel, über die Sharron Payton Road, eine der wenigen Straßen, die hier nach einer Person genannt wurde, bis zu Paul’s Rollo. Die meisten, die den langen Weg zurückgelegt hatten, trafen auf die Oberfläche des Rollo und mussten abprallen wie Fußbälle, die an den Pfosten knallten, nur, dass sie es ohne Geräusch taten. Die anderen fanden den Weg durch die kleinen Schlitze, die offen blieben, wenn man das Rollo nicht ganz schloss. Sie reflektierten auf Paul’s Gesicht und nicht selten wurde er davon wach, schon bevor die Sonne die Fenster im Erdgeschoss erreichen konnten, wo Jim und Donny noch schliefen. Wahrscheinlich noch schliefen. Selbst in einer knappen halben Stunde, wenn die Sonne so hoch stand, dass sie das Erdgeschoss erreichte, würden sie sie nicht bemerken, denn sie schlossen das Rollo immer bis zum Anschlag. In diesen Sommertagen strahlte die Sonne schon morgens warm über Red Rock. Wäre Paul nicht von der Helligkeit wach, würde er bald sowieso von der Wärme geweckt, denn das Haus wurde nicht sehr isoliert. Paul war jetzt halbwach. Ähnlich einem Zu-stand, in dem man sich nicht zwischen zwei Sachen entscheiden konnte. Er spürte die Wärme, die die Sonne heute an den Tag legte deutlich. Noch wärmer, dachte er. Wärmer als gestern. Er war gut gelaunt. Wie jeden Morgen. Paul war ein Mensch, der Mor-gens immer gut gelaunt war, egal was am Vortag geschehen war oder am Tag noch passieren würde, Morgens war er guter Laune. Jedenfalls die erste kurze Zeit, bis sein Verstand nach seinem Körper ebenfalls wach wurde und ihn auf den Boden der Tatsa-chen zurück brachte, ihn aus seinem Traum löste. Und er bekam dann manchmal schlechte Laune. Heute war so ein Tag. Denn er fragte sich, was der heutiger Tag ihm bringen wird. Er kam nach kurzer Überlegung und Kombinatorik darauf, dass es schon Mon-tag war. Gleichzeitig, wie das Eintauchen zweier Synchronsprin-ger, die einen perfekten Sprung absolviert hatten, schoss ihm der Ausflug in den Kopf. Eigentlich hätte er sich heute Morgen ge-freut. Gefreut darauf, dass es zwar Montag war, er aber dennoch nicht in die Schule gehen musste. Denn es waren Ferien. Und seine gute Laune hätte sich gehalten. Aber an diesem Morgen war es anders. Er hatte den Ausflug mit Mom und Daddy vor sich. Und das ließ die Wippe kippen. Eben saß er noch triumphierend auf der Seite, die den Boden berührte. Jetzt war seine gegenüber-liegende Seite am Boden und er schwebte etwa in ein Fuß Höhe über der kleinen Kuhle, die dadurch entstand, weil der halbe Gummireifen unter den Endstücken des Holzstammes jeden Tag das Gras wegfetzte um brav die Aufschläge abzufedern. Diesmal hatte er keine Wasserflasche. Wenn man da oben saß, dann war man hilflos der Schwerkraft ausgesetzt. Die Regeln waren einfach. Der schwerere gewinnt. Und der schwerere war Daddy. Wenn Daddy sagte, dass Paul auf einen Ausflug mit kommt, dann war es so. Punkt. Jim war zwar nicht ganz so kompromisslos wie die Physik, wie die Schwerkraft, aber näher dran, als es sich Paul manchmal wünschte. Aber wenigstens kommt auch John mit.
John war einer seiner besten Freunde. Er wohnte zusammen mit seiner Schwester Nancy, die beide nicht so richtig leiden konnten, drei Meilen weit entfernt Richtung Antero Valley auf der anderen Seite der wenig befahrenen Sharron Payton Road. (Heute hörte er noch kein einziges Auto, seitdem sein Gehirn die Laute bewusst aufnahmen.) Es war nicht sein Nachbar, aber trotzdem sein bester Freund. Das lag wohl daran, dass Jim und Donny eine gute Be-ziehung zu Charles und Christine Buck pflegten. Und während sich das Quartett einen Grillabend gönnte oder Karten spielte, mussten sich die drei Plagen selbst beschäftigen, was sie mit Pauls Kreativität auch leicht schafften. Er war es auch, der auf die Idee kam, die Wippe auf eine interessantere Art und Weise zu benut-zen als einfach darauf zu wippen, wie es sich der Erfinder vor-stellte. Die Idee diesen beschissen langweiligen Ausflug mitzumachen muss aus einem der vier Hirne entsprungen sein, als einer dieser Grill-partys dem Ende zuging und die leeren Foster’s-Flaschen den Tisch füllten.
Paul roch den Kaffee. Für ihn ein Zeichen, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis Mom ihn zum Frühstück rufen wird. Jim und Donny waren schon in der Küche, während er auf dem Weg nach unten noch die Toilette mitnahm. Donny hatte sechs Eier gekocht. Vier weiche, zwei harte, wenn nicht doch alle sechs hart geworden waren. John bevorzugte hart gekochte Eier. Sie stellte jedem ein Ei in den Eierbecher, die andren drei legte sie in einen Beutel, den sie sorgfältig mit Nahrung gefüllt hatte. Denn die Verpflegung auf dem Ausflug war selbst zu organisieren.
››Für jeden drei Sandwichs mit Schinken, Salat und Käse, ein Hotdog und ein Ei. Das wird bei der Hitze reichen, Jim?‹‹
››Ja, das Wasser wird wichtiger. Drei Flaschen? Oder soll ich mehr holen? Fünf? Ich hole lieber fünf.‹‹
Donny packte fünf Flaschen Wasser in einen Rucksack. Es war ihr alter Rucksack, den sie noch zum College trug, aber er war noch nie so schwer, wie mit fünf Flaschen Wasser. Früher war es nur eine und ein paar Bücher und Hefte. Reicht das? Oder packe ich noch eine ein? Nein, die würde sowieso nicht mehr passen. Wird schon reichen für den einen Tag.
››Ist Paul schon wach?‹‹
Die Frage beantwortete sich allein als Jim die Holzdielen hörte. Paul setzte sich dazu. Er hatte ein ziemlich ausdrucksloses Ge-sicht von dem man seine Laune nicht ablesen konnte. Das war nichts außergewöhnliches, denn das hatte er jeden Morgen. Er aß eine Schale Müsli. Ebenfalls wie jeden Morgen.
››Guten Morgen! – Daddy, wo wird der Ausflug heute hingehen? Und, holen wir die Bucks vorher ab?‹‹
››Nein, die Vier werden schon im Bus sitzen, wenn der uns ab-holt. Der Bus holt jeden ab. Und er wird in einer halben Stunde hier sein. Also beeil dich ein bisschen.‹‹
››Wohin, Daddy? Wo fahren wir hin?‹‹
››Das hab ich dir doch schon erzählt. Wir fahren in die Rocky Mountains. Machen dort ein Picknick. Mom hat unser Lunchpaket schon eingepackt. Und wir werden viele Tiere sehen. – Hast du Obst mit, Donny‹‹
››Klar habe ich Obst mit. Wie lange bist du eigentlich mit mir verheiratet? Immer habe ich Obst bei so was dabei.‹‹
››Müsliriegel? Meine Müsliriegel, Mom?‹‹
››Die werden schmelzen. Die würden im Bus vielleicht schmel-zen, Paul.‹‹
Jim stellte das Radio an. Aber der Wetterbericht war gerade durch. Aber vielleicht war das besser so, denn es wurde der hei-ßeste Tag im August vorausgesagt. Und wenn der Bus keine Kli-maanlage hatte? Dann würde er sich in den Bergen ziemlich schnell zu einer glühenden Sauna verwandeln. Aber der Bus war von der Firma Powertrain Rox, und alle Busse, die von Powert-rain Rox noch fahrtüchtig waren, hatten eine Klimaanlage. In der heutigen Zeit konnte man es sich nicht mehr leisten, seine Fahr-gäste im Bus schwitzen zu lassen. Powertrain Rox war eine etab-lierte Firma und bot seinen Fahrgästen immer eine komfortable Ausstattung und Sicherheit. Eine Klimaanlage war Pflicht. Und bei längeren Ausflügen waren immer gleich zwei Busfahrer dabei.
Jim, der gewissenhafte Speditionskaufmann, schüttete sich noch einen Kaffee nach. Er musste seinen Koffeinhaushalt über seinen Bedarf bringen. Wer weiß, ob es auf dem Ausflug Kaffee geben wird. Selbst an den heißen Tagen im Büro brauchte er seine fünf bis sechs Tassen Kaffee am Tag. Er nahm die Tasse zum Mund und der heiße Dampf verbrannte ihm fasst das Gesicht. Es sah tief in den schwarzen Kaffee, so lange, dass er anfing hindurch zu sehen und seine Gedanken für verdammt real hielt. Kommt der Bus pünktlich? Wird Paul sich benehmen? Macht Paul Theater? Wird alles gut gehen? Werde ich die Familie wieder heil nach Hause bringen?
››Jim! ...
Jim kehrte wieder zurück. Die kleine Wippe in seinem Hirn kippte. Von dem Unterbewusstsein zum Bewusstsein. Er sah wieder den Kaffee, durch den er eben noch durchgeguckt hatte. Und er spürte plötzlich wieder den heißen Dampf, erinnerte sich wieder, dass er aus seiner Tasse trinken wollte. Den Koffeinspiegel pushen.
... träumst du?‹‹
››Ja, ich habe grad nur nachgedacht. Ist schon okay.‹‹
››Wir müssen uns beeilen, der Bus...‹‹
... kam pünktlich um halb neun. Und es war ein neuer Bus. Ei-ner von Powertrain Rox. Und das wichtigste. Er hatte eine Klima-anlage. Eine Klimaanlage, die aus 40° warmem Wasser Eis ma-chen konnte, wenn man das wollte, eine Klimaanlage, die einen ganzen Bus in der Wüste von Nevada als blauen Flecken in einem Bild einer Infrarotkamera erscheinen lassen würde.

2

Der Bus war schon halb gefüllt, was hieß, dass schon neun Mit-reisende auf ihren komfortablen Sitzen saßen und neugierig aus den Fenstern guckten. Wahrscheinlich jetzt schon genauso neu-gierig wie später in den Bergen. Die Vier aus der Familie Buck saßen auf der rechten Seite in zwei der hinteren Reihen. Paul ging vor, zielstrebig in Richtung seines Kumpels. Er hoffte, dass da hinten noch Platz war. Aus irgend einem Grund saßen fast alle, die schon glücklich im Bus waren, auf den hinteren Plätzen, wie die Schüler in einem Klassenraum, die eine Klausur vor sich hat-ten. Es war ihm egal, wo seine Eltern sich setzen. Wenn neben John noch ein Platz frei war, dann würde der ihm gehören. Es waren mehr Plätze frei, viel mehr, als die drei Sheldons benöti-gen. Donny verstaute ihre Taschen in dem Fach über dem Gang. In einem Powertrain-Bus war das Fach sogar groß genug für Donny’s Tasche.
››Guten Morgen!‹‹
››Jetzt geht’s los! Ab in die weiten Berge. Habt ihr an alles Ge-dacht, Jim?‹‹
››Du kennst mich doch, Charles, oder? Und wenn ich was ver-gessen habe, dann kann es nicht wichtig sein. Habt ihr einen Fo-toapparat dabei?‹‹
››Ich habe meine alte Canon CX 454 im Gepäck, die macht schärfe Bilder als du jemals warst Jim … nicht wahr, Donny?‹‹
Donny stand noch als der Bus sich wieder in Bewegung setzte und fiel fast in den Gang, bevor sie sich endlich zu Jim setzte. Sie ignorierte den Seitenhieb von Charles, das tat sie immer. Und Jim verlangte er nur ein müdes Lächeln ab. Er fragte sich wie viele reiselustige unbekannte Menschen der Busfahrer, oder besser vielleicht die Busfahrer, denn es waren zwei, noch einsammeln müssen.
Eine halbe Stunde später wusste er es. Es waren noch weitere neun Fremde, und die Crew war komplett. Jim hörte John Craw-ley sprechen, einer der beiden Busfahrer, die er jetzt vorstellte.
››Guten Morgen meine lieben Fahrgäste, Carl Hanaway und ich werden sie heute in die herrlichen Landschaften und Tierwelten der Rocky Mountains begleiten. In ungefähr einer Stunde werden wir noch eine Frühstückspause einlegen, bevor es dann losgeht. Wir erwarten heute einen herrlichen Sommertag. Unser Bus ist selbstverständlich mit einer Klimaanlage… Noch merkte man nicht viel von einer Klimaanlage, der Temperaturunterschied war noch nicht groß genug. … und einem WC ausgestattet, das sie selbstverständ-lich benutzen können… Wir wünschen ihnen eine angenehme Reise.‹‹
Familie Buck und Familie Sheldon hatten sich viel zu erzählen. Vor dieser Reise hatten sie sich schon mindestens eine Woche nicht mehr gesehen. Und in einer Woche stauten sich, vor allem bei den Tratschtanten, viele Neuigkeiten auf. So viele, dass sie locker für die erste Stunde Fahrt ausreichten. Als John Crawley auf die Bremse trat und gleichzeitig einen Parkplatz ansteuerte - oder sollte man es besser einen einsamen, mit etwas faulenden und rostenden Müll überzogenen Ort nennen, den man nachts als einen Furcht einflößenden Friedhof von Blechdosen wahrnehmen würde – kam es den beiden Tratschtanten so vor, als wären sie grad losgefahren.
››So, ich finde, wir sollten etwas frische Luft schnappen - solange es diese heute noch gibt - und uns etwas stärken. Wir machen hier eine kleine Pause, zirka fünfzehn Minuten. Reicht ihnen das?‹‹, dröhnte durch die Membranen der überall über den Sitzreihen angebrachten Lautsprecher.
Donny schaute in ihren Rucksack. Von den fünf Flaschen Was-ser, die Donny vorsorgevoll eingepackt hatte, war bereits eine leer. Aber das Lunchpaket in ihrem Beutel war noch unberührt. Das Frühstück war zu gut, dass schon wieder jemand hätte Hun-ger haben können.
››Lauft ein bisschen draußen rum.‹‹, sprach Jim, der Paul ansah, aber auch John und Nancy meinte. John und Paul zögerten nicht lange und rannten durch den Flur. Jim’s Blick steuerte auf Nancy, die im Sitz versunken war und die Augen geschlossen hatte.
››Nancy wird müde sein, Jim. Sie ist erst spät eingeschlafen. Die kleine war so aufgeregt gestern, dass wir sie heute Nacht zu uns geholt haben.‹‹, erklärte ihm Christine. Die Pause verkürzte sich auf nur neun Minuten, die Gäste wollten weiter.
Bisher ist niemand aufgestanden. Oder Jim hatte es nicht bemerkt. Und er wollte nicht der erste sein, der die Toilette beschmutzte. Das gebot ihm seine Zurückhaltung. Niemand hatte die Toilette benutzt und er würde es nicht als Erster tun. Wenn er sich nach dem Grund dafür fragte, fiel ihm keine Antwort ein. Aber es wird sich bald etwas bewegen, hoffte er. Und das tat es. Nach der Früh-stückspause wurden die Gäste aktiv und der schmale Gang, der in einem Powertrain-Bus noch breiter war als bei der Konkurrenz, verwandelte sich in eine lebhafte Einkaufsstraße, die gerade ihre höchste Auslastung im Sommerschlussverkauf verbucht. Kein Problem mehr. Kein Problem, jetzt traute sich sogar der bescheide-ne Jim Sheldon auf die Toilette. Nur ruhig bleiben Jim, du darfst jetzt nicht das Gleichgewicht verlieren. Er stützte sich mit einer Hand ab, mit der andren zielte er in das dunkle Loch aus dem der bekannte Gestank vermischter Körperflüssigkeiten kam. Und er hatte das Pech, dass der Bus gerade über eine holprige Strecke fahren muss-te, was den Schwierigkeitsgrad seiner Operation mindestens um den Faktor drei, bei Schlaglöschern, die so groß waren, wie Basketbälle, sogar um einen weitaus höheren Faktor, erhöhte. Er wollte abbrechen, aber dafür war es jetzt zu spät. Er zielte auf das verdammte Loch mit dem verdammt schlechten Mundgeruch. Aber er traf es nicht immer. Das war ihm jetzt egal. Kurz nach dem neusten Schlagloch bemerkte er eine warme Flüssigkeit an seinem linken Bein. Und es war ihm peinlich. Es war ihm ver-dammt peinlich, obwohl es kein Mensch auf der Welt sehen und noch nicht mal ahnen konnte, was ihm grad passiert ist. Und zu-dem konnte das jedem hier im Bus passieren. Er spürte sie abküh-len und er würde sie gleich wegwischen. Alles halb so schlimm. Zum Glück war es Sommer und er hatte eine kurze Shorts an. Der nächste Ruck wiederholte die Szene noch einmal. Scheiße! Kurz bevor er fertig war. Diesmal war es etwas heftiger, wieder spürte er seinen warmen Urin an seinem Bein. Wieder am linken. Und diesmal war es etwas mehr, so viel, dass es ihm bis auf die Socken lief. Es war ihm wieder peinlich. Endlich war er fertig. Was ist, wenn das wer sieht? Die fremden Leute? Vor Charles ist es mir egal, aber nicht vor den anderen Gästen. Wenn man es sieht? Und wenn man es nicht sieht, dann wird man es wenigstens riechen? Scheiße! Ver-dammte Scheiße. Wieso muss mir das passieren? Scheiß Straße!
Die Strecke war immer noch holprig. Als Jim aus der Klotür wankte, als hätte er anderthalb Dutzend Foster’s gesoffen, trat John Crawley auf die Bremse. So lange, bis die Tachonadel bis auf die Markierung mit der Null viel, wo sie seit der Frühstückspause vor einer halben Stunde nicht mehr zu Besuch war. Hätte ich das gewusst, hätte ich es bis hierher auch noch geschafft. Keiner, außer die Leute in den ersten zwei, vielleicht drei, vorderen Reihen wuss-ten, warum der Bus jetzt anhielt. Aber kurze Zeit später hatte es sich dank der gut funktionierenden Kommunikationskette rum-gesprochen. Der Weg war verschüttet. Ziemlich verschüttet, mit Geröll und rot-braunen Felsbrocken, teilweise so groß wie Autos. Die Straße war unbefahrbar. Sogar für einen Bus von Powertrain Rox. Und auch ein deutscher Panzer hätte hier seine Probleme bekommen können, wenn jemals einer hier gewesen war?
John Crawley meldete sich mit gelassener Stimme am Mikrofon.
››Liebe Fahrgäste, es überrascht mich, aber diese Straße ist nicht mehr befahrbar. Sie ist verschüttet. Wir werden umgehend wen-den. Mein Kollege wird eine andere Strecke für sie raussuchen. – Wer noch mal austreten muss, der kann diese Gelegenheit jetzt nutzen.‹‹
Jim richtete seinen Kopf in Richtung hintere Tür. In Erwartung, dass diese aufklappen würde, sah er eine Reihe hinter dem Aus-gang einen stämmigen Mitreisenden mit rot gefärbten Haaren und breiten Schultern neben einer ebenso gut ernährten Frau sit-zen. Die Tür zuckte zwar, klemmte aber irgendwie. Aber dann schaffte sie es doch noch und öffnete sich. Wahrscheinlich ist es ihr auch zu heiß heute. Der Bus leerte sich. Fast alle nutzten die Gele-genheit noch ein paar Schritte zu gehen.
››Jim, kommst du mit raus?‹‹, fragte Charles, der eine noch in Folie eingepackte, glänzende Schachtel Marlboro hochhielt.
... ››Jetzt geht’s los! Ab in die weiten Berge. Habt ihr an alles Gedacht, Jim?‹‹
››Du kennst mich doch, Charles, oder? Und wenn ich was vergessen habe, dann kann es nicht wichtig sein.‹‹ ...
Doch. War es. Jetzt wusste Jim, was er vergessen hatte. Und es war nicht unwichtig für ihn. Er hatte seine Zigaretten vergessen. Also musste er von Charles Buck rauchen. Das war nicht das erste mal. Ohne zu zögern stand er auf, gab seiner Frau einen Alibi-Kuss und ging raus zu den anderen Reisenden, die etwas schnel-ler waren. Charles folgte ihm. Als sie aus den Bus stiegen durch-querten sie beide eine unsichtbare Mauer. Die Mauer zwischen der kühlen Luft im Bus und der schwülen drückenden Luft da draußen. Sie sahen schließlich den Grund der kleinen Pause, das Geröll und die Felsbrocken, rot-braune Felsbrocken.
Draußen waren auch die beiden aus der ersten Reihe hinter der trägen Tür. Jim und Charles sahen den dicken Pumuckel mit den felsbrockenroten Haaren an. Auf seinem T-Shirt machte sich ein langsam aber sicher immer größer werdender Schweißfleck be-merkbar, der auf seinem mausgrauen Shirt einen ovalförmigen See bildete. Dieser Kerl kam langsam auf Charles zu, guckte ihn an. Es schien als hätte sein Gesicht die Form eines Fußballs. In seiner linken Hand hielt er eine Zigarette.
››Entschuldigung. Haben Sie Feuer?‹‹
››Ja, habe ich, guter Mann.‹‹
››Danke. Ich bin Goony McEwen.‹‹ Goony zeigte auf seine Begleiterin, die jetzt auch nachkam.
››Das ist Sally Hill, meine Lebensgefährtin.
Sally grüßte mit freundlicher Miene, ››Hallo!‹‹
››Haben sie schon mal so einen Ausflug in die Rocky Mountains gemacht?‹‹
››Nein, wir sind das erste Mal dabei.‹‹
››Dann wünsche ich euch einen Ereignisreichen Tag. Ich und Sally sind schon öfter hier gewesen. Manchmal auch allein mit dem Auto. Wir genießen die Freiheit hier draußen. Die Ruhe. Wissen Sie, wenn man im Büro arbeitet, dann ist man um jeden Tag froh, den man in der Natur verbringen kann.‹‹
››Ja, das kann ich nachvollziehen.‹‹, sagte Jim. ››Ich verdiene meine Brötchen auch auf dem Büro. – Ich hoffe, der Umweg wird uns nicht zu viel Zeit kosten?‹‹
››Bestimmt nicht, die Busfahrer kennen sich gut aus hier im na-türlichen Labyrinth.‹‹
Ohne zu wissen, dass Jim seine Zigaretten vergessen hatte, bot Charles ihm eine an.
››Danke Kumpel. Es wird heiß heute.‹‹
››Ja, das wird es, Jim.‹‹
››Wie sieht’s aus? Am Mittwoch ne Runde Tennis?‹‹
››Das ist ne gute Idee. Mittwoch Abend. Christine bekommt Be-such von Makenzie McCarthy. Da muss ich nicht unbedingt dabei sein. Ja, Tennis ist eine gute Idee!‹‹
Makenzie McCarthy besuchte ihre Mutter öfter. Sie war ihre Tochter aus ihrer ersten Ehe und wohnte seit zwei Jahren allein in Connecticute, Colorado. Ihr leiblicher Vater Tedder McCarthy ist ums Leben gekommen, als sie neun war. Bei einem Autounfall auf der Route 8. Da war er damals mit seinem roten Cherokee unterwegs, auf dem Heimweg nach seinem Arbeitstag und fuhr fast frontal gegen einen Powertrain Rox Truck, dessen Fahrer mit einem Schrecken, ein paar Blutergüssen und Kratzern davon kam. Nach der Arbeit vergnügte er sich nicht selten noch ein paar Stündchen bei Billy Wum, dem Wirt einer kleinen unscheinbaren Kneipe in Yellowroot Village. Ein paar Bier und einen herzhaften Hamburger bestellte er fast immer bei Billy Wum. (Tedder war der Meinung, es wären die besten Hamburger von ganz Colora-do, besser noch als bei George Cook’s Imbissbude.) Und wenn der Tag gut gelaufen war, dann kam auch schon mal ein guter Chivas Regal Scotch auf den Tisch. Zwölf Jahre alt und importiert aus A-berdeen, Scotland, The Home and Heart of Chivas Regal. Christi-ne und Makenzie hatten es schon lange vor dem Unfall satt, dass er manchmal, nicht immer, aber manchmal, angetrunken nach Hause kam. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Ironie, dass er an dem Tag seines Unfalls überhaupt kein Alkohol im Blut hatte. Null. Das ergaben die Blutwerte. Er war an diesem Tag auch nicht in Billy Wum’s Kneipe, wie sich hinterher herausstellte. Er war einfach unkonzentriert. Müde? Sekundenschlaf? Selbstmord? Vielleicht war er schon vor dem Unfall Tot? Das wusste keiner.
Und mit Charles Buck hatte Makenzie nicht viel am Hut. Sie hatte ihrer Mutter damals abgeraten ihn zu heiraten. Aber das hatte nichts gebracht.
Kurz nach der Pause meldet sich Beifahrer Carl Hanaway am Mikro.
››Meine lieben Gäste, mein Kollege hat mich schon vorgestellt. Mein Name ist Carl Hanaway. Ich begleite sie bei unserem Aus-flug und werde das ein oder andere für sie erklären. Wie sie wis-sen werden wir einen kleinen Umweg machen müssen. Das ist kein Problem, denn wir werden unser gesamtes Programm mit ihnen trotzdem durchführen. Sie werden also nichts verpassen, das kann ich ihnen versprechen. Während wir jetzt noch ein Weil-chen fahren, werde ich ihnen die „Rules Of Survival“ verteilen. Das sind die sieben A, an die sich jeder von uns hier draußen halten sollte. Nachher werden sie in Gruppen auf eigene Faust die Bergwelt erkunden können. Ich bitte sie daher, dieses Faltblatt zu beachten. - Für ihre Sicherheit. Danke!‹‹
Jim, dessen Socken wieder vollständig trocken war, beobachte-te, wie Goony Pumuckel McEwen sein Faltblättchen sofort in die Tasche packte. Der Pumuckel hat bestimmt schon eine ganze Samm-lung zu Hause und könnte locker sein Wohnzimmer damit tapezieren. Jim nahm sein Blatt neugierig entgegen. Bestimmt Sicherheitsge-schwafel, was nur dafür da ist, die Ausfluganbieter im Falle eines Un-falls abzusichern. ››Sie haben die Regeln nicht beachtet, sie haben keinen Anspruch auf...‹‹
Jim las sie trotzdem.

Always tell someone where you are going
and when you will return.
Always take someone with you,
never go out alone.
Always stick to your plan,
stay put if you become lost or stranded.
Always carry a survival kit and first aid kit
and know how to use both.
Always dress for weather
but prepare for changes.
Always carry rain gear,
you must protect yourself from the elements.
Always remember that there is no shame in getting lost,
the shame if having to come out in a body bag…

DO NOT DRINK RAW (UNTREATED) WATER ANYWHERE IN THE BACK COUNTRY!

Dies sind also die sieben A, dachte Jim. Und wer hält sich an die sie-ben A? Wer hält sich überhaupt an ein A? Wir werden nicht allein gehen, wir nehmen die Bucks mit. Erste Hilfe Kasten? Witzig. Wir wol-len kein Footballspiel in den Bergen veranstalten. Aber irgendwie flößte ihm der Anblick der sieben A Respekt vor den scheinbar endlosen Bergen ein. Der sensible Teil von ihm meldete es. Seine Warnfunktion wurde aktiv. Und er hatte seinen neunjährigen Sohn dabei. Und seine Frau. Aber keinen Erste Hilfe Kasten. Das beunruhigte ihn innerlich, wenngleich er es sich niemals anmer-ken ließ. Wir sind einfach vorsichtig. Wie immer, Jimmyboy.

__________________
http://torgem.dual-mode.de
torgem@freenet.de

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