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Leselupe.de > Erzählungen
flüchtig
Eingestellt am 09. 03. 2007 12:48


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axel
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Werke: 14
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Keine Inhaltsangabe, sondern einfach das erste Kapitel:

Ohne einen Tropfen Wasser ziellos in die Wüste hineinzulaufen war ein Akt des Wahnsinns. Zwar hatte die Sonne ihren höchsten Stand lange nicht erreicht und war die Hitze noch erträglich, doch das würde sich bald ändern und Markus Dörner spürte, wie seine Kehle sich schon jetzt zusammenschnürte. Er war ein besonnener Mensch, der selten etwas Unüberlegtes tat, doch jetzt lief er so schnell er eben konnte und versuchte den Gedanken an die Aussichtslosigkeit seines Tuns zu verdrängen, um möglichst rasch außer Sichtweite zu kommen, denn er hatte keinen Zweifel, dass ohne Vorwarnung auf ihn geschossen würde, wenn jemand aus dem Komplex herauskäme und ihn hier draußen sähe.
Der Gedanke an die Zielfernrohre der Wachen ließ ihn einen Augenblick nicht aufpassen, so dass er die aus dem Boden ragende tote Wurzel übersah und stürzte. Beim Aufstehen durchzuckte ein heftiger Schmerz seine linke Hüfte, den er ausgerechnet jetzt natürlich überhaupt nicht gebrauchen konnte. Er biss die Zähne zusammen, versuchte seinen Schritten wieder einen runden, flüssigen Gang zu geben und dieses Humpeln zu überwinden, zu dem der Schmerz ihn zwang. Seine Kräfte ließen bereits nach, aber ein Versteck, in dem er wenigstens einen kurzen Moment hätte verschnaufen können, war nirgendwo in Sicht. Die wenigen Sträucher, die noch nicht völlig vertrocknet waren, waren viel zu klein, als dass sie hätten Schutz bieten können, und sonst gab es hier nichts.
„Dieses blöde Tor ist schuld“, dachte er, während er weiterlief und sich daran erinnerte, wie oft er sich gefragt hatte, welche Funktion ein Tor auf der Rückseite des Forschungszentrums, wo kein Weg und keine Straße an das Gelände anschloss und unmittelbar hinter dem hohen, mit massivem Stacheldraht bewehrten Zaun gleich die Wüste begann, überhaupt erfüllen sollte. Ein Tor an dieser Stelle machte doch gar keinen Sinn, und in all der Zeit hatte Markus auch nicht ein einziges Mal erlebt, dass jemand dieses Tor benutzt hätte. Heute aber hatte es dann auf einmal offengestanden, und niemand war zu sehen gewesen, also war er hindurchgeschlüpft und in die Wüste hineingelaufen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Ausgerechnet er! Derjenige, der immer abgewunken hatte, wenn andere anfingen, von Flucht zu reden. „Wie sollen wir das schaffen? Ihr wisst doch, wie skrupellos sie sind. Und wo sollen wir hin? Hier ist doch nichts. Wer von uns weiß denn, wie weit es bis zur nächsten Siedlung ist und in welcher Richtung die überhaupt liegt?“
Die Erinnerung an diese Gespräche ließ Markus endgültig verzweifeln. Wenn er schon einer geplanten Flucht keine Aussicht auf Erfolg einräumte, wie hatte er dann so wahnsinnig sein können, einfach loszulaufen? Vielleicht wäre es möglich gewesen, im Gelände zu bleiben und das Tor zu schließen, ohne dass das Schloss einrastete, dann hätte er wenigstens noch Proviant und Wasser und einen Schutz gegen die immer stärker brennende Sonne mitnehmen und eventuell sogar noch einigen der Anderen Bescheid sagen können. Alles wäre besser gewesen als kopflos in diese Wüste zu laufen, aber jetzt war es zu spät und gab es kein Zurück mehr, und Markus spürte, dass er die Erinnerung an die zurückgelassenen Kollegen ebenso beiseite schieben musste wie die Gedanken an die Sinnlosigkeit seiner Flucht, wenn er sich auf seine Schritte konzentrieren und nicht ein weiteres Mal stürzen wollte. Er schaute angestrengt nach unten, um bloß kein Hindernis zu übersehen, wollte an nichts anderes denken und vor allem möglichst schnell weiterkommen. Nach aller Anstrengung, die er bis hierhin bereits auf sich genommen hatte, durfte er jetzt nicht abgeschossen werden wie ein räudiger Köter.
Anscheinend war sein Verschwinden bisher nicht aufgefallen, überlegte er, denn sonst hätte er längst den Alarm gehört oder gleich einen Schuss, vielleicht auch eine ganze Salve. Er spitzte seine Ohren, während er weiterlief, aber da war nichts, er hörte nur sein eigenes Keuchen und musste bald darauf feststellen, dass sein Pulsschlag langsam, aber immer heftiger in die Schläfen zog, ehe es dann auf einmal bergab ging.
Zuerst bemerkte er nur den Druck in den Knien und an den Schienbeinen, doch als er einen Moment innehielt und seinen Blick ein bisschen weiter als zuvor schweifen ließ, erwies der Untergrund sich tatsächlich als abschüssig.
„Ein Geschenk des Himmels“, dachte Markus, der sich ansonsten stets als Atheisten bezeichnete. Jetzt brauchte er bloß noch in die Hocke zu gehen, um für die Wachen unsichtbar zu werden.
Täuschte er sich, oder war das Tor inzwischen wieder verschlossen? In dem gleißenden Sonnenlicht konnte er beim vorsichtigen Blick zurück nicht viel erkennen, doch es schien alles ruhig zu sein und wirkte beinahe friedlich.
Am Anfang war dieser Ort sogar tatsächlich ein friedlicher Platz gewesen, obwohl das Wort friedlich angesichts der drohenden Gefahr, ohne die dieses Zentrum wahrscheinlich nie errichtet worden wäre, vielleicht nicht ganz das richtige Wort war. In jedem Fall hatte die geteilte Sorge alle vereint und an einem Strang ziehen lassen, und wie alle anderen war auch Markus Dörner bereitwillig hierher gekommen, als ihn der Ruf ereilte. Dass dieser Ort später zu einem Gefängnis und für viele zum Friedhof werden sollte, hätte damals niemand von ihnen für möglich gehalten.
Markus erinnerte sich an den Hubschrauber, der ihn vom Flughafen abgeholt und zu dem gerade fertiggestellten Forschungszentrum gebracht hatte, konnte aber nicht mehr sagen, aus welcher Richtung der Pilot das Gelände angeflogen hatte. Eigentlich war das aber auch nicht wichtig, denn natürlich wäre es ein unsinniges Unterfangen, den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen zu wollen, den er damals geflogen war.
Das Wichtigste war jetzt, einen Schatten und etwas Trinkbares zu finden, das waren die einzigen Prämissen, die es bei der Wahl der einzuschlagenden Richtung zu beachten galt, doch so weit er gucken konnte, wies nichts in der Umgebung auf einen Ort hin, an dem er hätte fündig werden können. Er spürte die Versuchung, der Erschöpfung nachzugeben und einfach an seinem Platz zu verharren, hatte das Gefühl, dass er die ganze Kraft der Sonne erst jetzt richtig wahrnahm, jetzt, da die allergrößte Anspannung von ihm gewichen war. Ohne einen Schluck Wasser könnte er keine drei Minuten mehr gehen, doch er hatte keine Wahl und musste weiter. Nicht mehr ganz so schnell wie zuvor, denn sie sahen ihn ja nicht mehr, und der Nase eines Spürhundes, die ihn auch morgen noch ausfindig machen würde, konnte er sowieso nicht davonlaufen, aber wenn er einfach liegen bliebe, würde er sicher nicht überleben. Einen Punkt am Horizont brauchte er, irgendein Ziel, das er ansteuern könnte, damit er bloß nicht die Orientierung verlor und am Ende immer nur im Kreis ging. In der Wüste soll so etwas ja immer wieder passieren.

Der Berg hat sich bewegt! Markus Dörner hatte ihn die ganze Zeit angesteuert, ohne das Gefühl zu haben, ihm tatsächlich näher zu kommen, aber darauf kam es auch nicht wirklich an, denn wenn er ihn erreicht hätte, würde er seine letzten Kräfte vielleicht nicht unbedingt in einen kaum noch zu bewältigenden Aufstieg investieren, an dessen Ende die Aussicht auf ein paar Tropfen Wasser oder einen noch so kleinen Schatten bestimmt noch geringer war als unten in der Ebene. Auf der anderen Seite ermöglichte der Gipfel vielleicht einen Ausblick auf die weitere Umgebung, so dass es ratsam sein könnte, ihn doch zu erklimmen, wenn Markus sich erst in seinem Schatten ausgeruht hätte. Ein Berg wie dieser musste doch einen Schatten werfen, und ganz davon abgesehen war er ja der Orientierungspunkt, den Markus gewählt hatte, um sich nicht zu verirren, und wenn er auch so gut wie keine Kraft mehr hatte und manchmal dachte, kaum noch voranzukommen, war er doch die ganze Zeit zielstrebig auf diesen Berg zugelaufen und hatte diese verdammte Sonne, die mit unverminderter Intensität auf ihn einbrannte, immer links von sich gehabt. Irgendwann war er dann zum wiederholten Mal gestürzt und anscheinend sogar ein paar Minuten bewusstlos gewesen, aber das änderte nichts daran, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war, die Sonne jetzt im Rücken zu haben, wenn er sich zu dem Berg drehte. Eigentlich müsste sie ihm von schräg links vorne ins Gesicht scheinen, erst recht, falls er doch etwas länger als nur ein paar Augenblicke gelegen haben sollte. Vielleicht gab es nicht nur einen Berg am Horizont? Er taumelte, als er sich umschaute, stürzte erneut und wurde beim Aufstehen daran erinnert, dass auch das linke Knie inzwischen lädiert war und höllisch schmerzte, wenn er es zu stark belastete.
Einen zweiten Berg sah er nicht, war sich auf einmal überhaupt nicht mehr sicher, ob der Horizont überhaupt eine nennenswerte Erhebung aufwies oder der angebliche Berg am Ende bloß eine arglistige Täuschung war. Er fühlte sich, als habe er endgültig verloren, als mache es jetzt auch keinen Sinn mehr, noch einmal zu überlegen, in welche Richtung er bis jetzt gegangen war. Er tat es trotzdem, vertraute auf seine Erinnerung, dass die Sonne immer links von ihm gestanden hatte, ging jetzt genau auf sie zu. Vielleicht war es sinnlos, aber er musste es versuchen.

Dass die Piste, die er irgendwann in der Ferne ausgemacht hatte, nicht auch bloß wieder eine Einbildung war, konnte Markus Dörner erst glauben, als er sie erreichte. Jetzt war es nicht nur die Erschöpfung, die ihn zu Boden gehen ließ, denn er hatte das Bedürfnis, die Piste zu berühren und sich davon zu überzeugen, dass es sie wirklich gab. Reifenspuren waren nicht zu erkennen, doch das musste ja nichts heißen, versuchte er sich Mut zu machen, denn es konnte doch immerhin sein, dass ein vorbeifahrendes Fahrzeug auf einer solchen Piste gar keine Spuren hinterließ oder diese bereits nach wenigen Stunden nicht mehr zu sehen waren. Gerettet war er noch lange nicht, und natürlich konnte es gut sein, dass Monate vergangen waren, seit hier zuletzt ein Auto entlanggekommen war, doch Markus verspürte einen deutlichen Auftrieb: Verirren konnte er sich jetzt nicht mehr, außerdem fiel ihm das Laufen auf der Piste deutlich leichter als zuvor im offenen Gelände, und irgendwo musste diese Piste schließlich hinführen, und dort gäbe es dann bestimmt auch endlich etwas Trinkbares.
Es dauerte etwas mehr als eine halbe Stunde, bis die neue Energie verflogen war und die Erschöpfung ihn wieder einholte. Am Horizont war nach wie vor nichts zu erkennen, keine Siedlung, nicht mal ein einziges Haus. Vielleicht hätte er besser in die andere Richtung gehen sollen, dachte er, aber dafür war es jetzt zu spät. Die Sonne brannte zum Glück nicht mehr ganz so intensiv, war aber nach wie vor deutlich zu spüren, und das würde sicher bis zu ihrem Untergang so bleiben. Wenn sie erst verschwunden wäre, wäre es bestimmt ratsam, nicht weiterzugehen, denn sonst liefe er am Ende noch Gefahr, die Piste im Dunkeln doch wieder zu verlieren. Bis es gänzlich dunkel sein würde, mochte es noch gute zwei Stunden dauern, aber welches Ziel sollte er in diesen zwei Stunden erreichen können? Es war aussichtslos, das war es von vorn herein gewesen, und jetzt machte es keinen Unterschied mehr, ob er noch ein paar Meilen lief oder sich einfach hinsetzte.

Dann hörte er auf einmal ein Geräusch, das ihm wie das Dröhnen eines Motors vorkam, und als er sich aufrichtete, sah er in der Ferne tatsächlich ein Auto. Suchten sie ihn und wäre seine Flucht in wenigen Minuten zu Ende? Oder nahte dort hinten seine Rettung? Zu entscheiden gab es nichts, denn verstecken könnte er sich eh nicht und wusste, dass er das Risiko eingehen musste. Das Fahrzeug war noch zu weit weg, um es wirklich erkennen zu können, würde ihn aber bald erreichen, und er sollte die Zeit vielleicht nutzen, um sich eine halbwegs plausible Erklärung dafür einfallen zu lassen, dass er hier in der Wüste herumirrte.
Immerhin trug er seinen Reisepass bei sich, hatte ihn an dem Tag, da die Wachen im Forschungszentrum das Kommando übernahmen und die Wissenschaftler zu Gefangenen degradierten, denen ab sofort jeder Kontakt zur Außenwelt strengstens untersagt war und unmöglich gemacht wurde, in eine kleine Plastiktüte gesteckt und diese stets unter der Kleidung an seinen Körper geklebt. Er hatte sich gewundert, dass die Wachen nicht daran dachten, die Pässe einzukassieren, doch sie hielten das offensichtlich nicht für wichtig, hatten es anscheinend nicht für möglich gehalten, dass jemand aus dem Komplex fliehen könnte, und nur die Herausgabe der Mobiltelefone verlangt.
Der Wagen kam näher und Markus Dörner erkannte, dass es ein schon etwas betagter Pickup war, sagte sich, dass das ein gutes Zeichen sei, da die Wachen bestimmt andere Fahrzeuge zur Verfügung hätten, wenn sie nach ihm suchen würden. Der Mann hinter dem Steuer, dessen Gesicht noch immer nicht klar zu erkennen war, trug einen breitkrempigen Hut und schien wie sein Fahrzeug nicht gerade jung zu sein. „Auch das ist ein gutes Zeichen“, dachte Markus, denn so einen alten Mann würden sie ihm bestimmt nicht auf den Hals hetzen. Der Kerl konnte natürlich trotzdem etwas mit ihnen zu tun haben, vielleicht etwas angeliefert oder einen Job auf dem Gelände verrichtet haben. Oder war er auch dafür schon zu alt? Aber was gab es sonst in dieser Gegend?
Markus ging ihm ein paar Schritte entgegen, winkte mit beiden Armen, wollte den Fahrer sehen lassen, dass er nichts in den Händen hatte, dabei aber jedes Anzeichen von Panik vermeiden und einen möglichst sicheren und gefassten Eindruck machen. Der Wagen war noch ein gutes Stück entfernt, wurde aber bereits langsamer. Der Augenblick der Entscheidung nahte. Noch einmal ging Markus ein paar Meter in Richtung des Fahrzeugs, doch dabei trat er einmal falsch auf, spürte sofort wieder diesen heftigen Stich im linken Knie und hoffte inständig, dass der Fahrer seine schmerzverzerrte Grimasse nicht gesehen hatte. Als der Wagen zum Stehen kam, erblickte Markus ein Gewehr auf den Beinen des alten Mannes. Er hielt es mit einer Hand, ließ die andere am Steuer, hob jetzt den Lauf ein bisschen an, so dass die Mündung genau auf Markus Dörner gerichtet war. Seine Stimme klang rau und misstrauisch: „Wer sind Sie? Was machen Sie hier draußen?“
„Entschuldigen Sie“, sagte Markus, dem in der Zeit, da er die Ankunft des Fahrzeugs erwartet hatte, keine bessere Idee eingefallen war, „ich hatte eine Panne. Mein Wagen hat den Geist aufgegeben, und als nach Stunden immer noch niemand vorbeikam, wollte ich zu Fuß bis zum nächsten Ort. Können Sie mich mitnehmen?“
„Was für ein Wagen? Ich habe keinen Wagen gesehen. Wo soll das denn passiert sein?“
Mit dieser Nachfrage hatte Markus rechnen müssen, aber wie sollte er darauf antworten? Es war wie beim Roulette oder beim Pokern: Alles auf eine Karte setzen! Eine andere Möglichkeit gab es nicht.
„Auf der Hauptstraße. Die Stelle würde ich wiederfinden. Als ich diese Piste gesehen habe, dachte ich, dass sie vielleicht zu einem Ort führen würde, wo ich Hilfe finden könnte. Anscheinend habe ich mich geirrt oder es ist viel zu weit. Bitte helfen Sie mir! Ich habe nichts mehr zu trinken.“
Der alte Mann war noch lange nicht überzeugt, hielt sein Gewehr weiterhin auf Markus gerichtet und wurde jetzt sogar richtig ärgerlich: „Du bist ja vollkommen durchgeknallt. Kein Mensch geht hier draußen zu Fuß weiter, wenn sein Wagen schlappmacht. Hast du eine Ahnung, wie weit es noch ist bis zum nächsten Ort?“
Markus schüttelte den Kopf, spürte die Erleichterung darüber, dass es die erfundene Kreuzung tatsächlich zu geben schien und übte sich weiterhin in Demut: „Nein, Sir, das weiß ich natürlich nicht. Ich bin ja nicht von hier, bin ein Tourist aus Deutschland, war mit einem Leihwagen unterwegs, und der wollte plötzlich nicht mehr weiter. Am Benzin lag es nicht, ganz bestimmt nicht, der Tank ist noch mehr als halb voll. Sicher war es ein Fehler, sich zu Fuß aufzumachen, aber dann war ich schon zu weit gegangen, um einfach umzukehren. Bitte helfen Sie mir! Ich kann Ihnen auch Geld dafür geben.“
Bei seinem letzten Satz war Markus nicht sicher, ob er seine Ankündigung überhaupt wahr machen könnte, doch dieser Satz erwies sich als Türöffner, denn nun schüttelte der Mann verächtlich seinen Kopf, lehnte das Gewehr an die Fahrertür, ließ Markus einsteigen und gab ihm seine Feldflasche, die aber nicht einmal zur Hälfte gefüllt war.
„Mach sie leer!“, sagte er, als er Markus’ vorsichtige Schlucke registrierte, „du hast es
nötig. Zu Fuß den alten Dawnsworthpath entlang! Das fasse ich immer noch nicht. Ich glaube, das war mit Abstand die schlechteste Entscheidung, die du treffen konntest, ganz egal wo deine Karre nun verreckt ist. Wo bist du eigentlich hergekommen?“
Da war es gleich wieder, dieses Gefühl, über ein Minenfeld zu laufen. Jedes Wort konnte falsch sein und ihn möglicherweise sogar das Leben kosten, aber stumm bleiben durfte er auch nicht.
„Wenn wir zurück zur Hauptstraße fahren würden, müssten wir nach links“, begann Markus und versuchte, am Gesicht des alten Mannes abzulesen, ob er auf dem richtigen Weg war. „Wie der letzte Ort hieß, durch den ich gefahren bin, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, habe nicht auf den Namen geachtet“, wagte er sich weiter vor und überlegte zugleich, was er tun sollte, falls der Fahrer bei einem seiner Worte plötzlich anhalten und zu dem Gewehr greifen würde. Sollte er dann versuchen, den alten Mann zu überwältigen, ihm vielleicht sogar Gewalt antun? Immerhin verdankte er diesem Mann sein Leben und hatte ganz davon abgesehen noch nie einem Menschen etwas getan und auch nicht vor, das irgendwann einmal zu ändern.
„Als es passierte, kam ich mir wie im Zentrum von nirgendwo vor, habe es gerade noch geschafft, den Wagen auf den Seitenstreifen zu lenken, als der Motor aussetzte. Natürlich würde ich die Stelle wiederfinden, aber ich brauche wohl einen Mechaniker, um die Karre wieder flott zu kriegen. Oder sind Sie zufällig einer?“, fragte Markus, registrierte das erneute Kopfschütteln des Fahrers und wurde sich erst anschließend der Gefahr bewusst, dass er langsam übermütig werden könnte. Seine Glückssträhne war geradezu unverschämt, denn anscheinend gab es nicht nur diese erfundene Kreuzung und war der Fahrer nicht aus der Richtung gekommen, die Markus angegeben hatte, sondern traf es auch zu, dass die nächste Ortschaft so weit entfernt und so winzig war, dass Markus’ Angaben plausibel wirken konnten. Dennoch sollte er sich jetzt nicht dazu verleiten lassen, mehr als notwendig zu riskieren.
„Du hast Glück“, meinte der alte Mann schließlich. „Bei uns gibt es einen Mechaniker, er heißt Larry und ist sogar ziemlich gut. Der hat bisher noch jeden Wagen wieder zum Fahren gebracht. Aber heute wird das wohl nichts mehr. Es ist ja schon ziemlich spät, und wir müssen auch noch ein ganzes Stück fahren, ehe wir da sind.“
„Das macht nichts“, erwiderte Markus, der froh war, die Frage nach dem Ursprung seiner Fahrt abgewendet zu haben, „ich habe es nicht eilig. Gibt es bei Ihnen eine Pension oder ein Motel? Dann könnte ich dort übernachten. Vielleicht hat Ihr Freund morgen Zeit für mich, und wenn nicht, kann ich wenigstens telefonieren. Dann soll die Leihwagenfirma sich etwas einfallen lassen.“
Diesmal nickte der alte Mann. Ein Motel gebe es, und sein Name sei Marc. „Dann heißen wir ja beinahe gleich“, entfuhr es Markus, der sich zu spät fragte, ob es nicht klüger gewesen wäre, einen anderen Namen zu nennen. Andererseits wäre diese kleine Lüge für einen Verfolger wahrscheinlich kein ernsthaftes Hindernis und erwies sich der nahezu identische Name als verbindender Faktor, denn dass Namensvettern sich gegenseitig halfen, verstand sich ja wohl von selbst.
„Es war trotzdem verrückt von dir, dich zu Fuß auf den Weg zu machen“, sagte Marc schließlich. „Nicht nur, weil wir hier in der Wüste sind. Du hast wahrscheinlich keine Ahnung, aber irgendwo da draußen haben sie so eine Anstalt hingesetzt, und die Jungs, die dort eingesperrt sind, müssen so ziemlich das Übelste sein, was es überhaupt gibt. Wahrlich keine gute Gegend für ausgedehnte Spaziergänge.“
Das Wort traf wie einen Hammer, die mühsam aufgebaute Entspannung war auf einen Schlag dahin. „Eine Anstalt? Was denn für eine Anstalt?“, stammelte Markus mehr, als dass er sprach.
„Ein Gefängnis, ein Knast, was weiß ich. Man erzählt sich Dinge, genaues weiß niemand. Es ist alles streng geheim, und das soll auch so bleiben. Sonst haben wir hier irgendwann auch so einen Rummel wie in Guantánamo. Da unten hat doch heute jeder Terrorist drei oder vier Rechtsanwälte, und alle reden von Menschenrechtsverletzungen, wenn einer der Sträflinge mal nicht jeden Tag seine Lieblingsspeise serviert bekommt. Unsere Jungs wissen ja kaum noch, wie sie ihren Job machen sollen, wenn ihnen die ganze Welt auf die Finger guckt. Ich hoffe nur, dass es diese Weltverbesserer trifft, wenn die Terroristen das nächste Mal zuschlagen, und nicht wieder einen Haufen Unschuldige. Wenn es noch ein bisschen Gerechtigkeit gibt, sollte es so sein.“
Markus Dörner nickte betreten. Irgendeine Reaktion musste er ja zeigen, etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Gern hätte er gefragt, ob die Aussagen des alten Mannes auf Gerüchten basierten, bloße Vermutungen waren oder man der örtlichen Bevölkerung tatsächlich gesagt hatte, das Forschungszentrum sei ein Straflager, aber diese Frage konnte er natürlich nicht stellen, selbst wenn er wieder in der Lage gewesen wäre zu sprechen. Er musste weg aus dieser Gegend, so schnell und so weit wie möglich.
„Du brauchst aber nicht so besorgt zu gucken“, redete Marc schließlich weiter, „bei uns ist bisher noch keiner rausgekommen, und so wird es auch bleiben!“ Wieder nickte Markus und bald darauf endete die Piste an einer asphaltierten Straße. Marc stoppte den Wagen: „Wenn du es bis hierhin geschafft hättest … Das hättest du nie im Leben, aber nehmen wir es bloß einmal an: Wie hättest du dich entschieden? Rechts oder links?“
„Links“, sagte Markus, und Marc gab Gas. „Alle Achtung! Du triffst ja hin und wieder sogar mal eine richtige Entscheidung. Trotzdem solltest du nie vergessen, dass du nicht in deinem kleinen, engen Deutschland bist. Bei uns hast du zu Fuß keine Chance, und für morgen sage ich dir, dass noch ein Abzweig kommt, ehe wir die Stadt erreichen. Du musst also erst an der zweiten Kreuzung abbiegen. Verstanden?“
Markus nickte.

Es war fast dunkel, als sie die Stadt erreichten, die zwar das Wort City in ihrem Namen führte, aber nur eine Ansammlung schmuckloser Häuser entlang einer nicht minder öden Straße zu sein schien. Immerhin gab es dieses Motel, zu dem Marc seinen Passagier nun brachte und es sich nicht nehmen ließ, noch mit hineinzukommen.
„Sieh mal, wen ich dir hier bringe“, sagte er zu dem Mann an der Rezeption, der sich mehr für den laufenden Fernseher interessierte. „Zu Fuß auf dem Dawnsworthpath unterwegs, als wäre es eine Strandpromenade!“, posaunte Marc weiter. Natürlich war Markus ihm zu großem Dank verpflichtet, wünschte sich nun aber bloß noch, dass er endlich ginge.
Der Mann an der Rezeption wirkte noch immer teilnahmslos und würde vielleicht nur einmal mit den Schultern zucken und keine Fragen stellen, wenn Markus sagte, dass er doch kein Zimmer wollte und wieder verschwände, doch so lange Marc noch anwesend war, ging das natürlich nicht.
Ein freies Zimmer gab es, die Fächer mit den Schlüsseln waren fast alle voll. Markus sollte die Nacht im Voraus bezahlen, griff an seine Gesäßtasche, in der die Geldbörse mit den Kreditkarten steckte, und versuchte, kein Erstaunen zu zeigen, als die Karte tatsächlich zu funktionieren schien und er sie ohne Beanstandung zurückbekam. Damit hatte er nun ein Zimmer für die Nacht und konnte sich endlich von Marc verabschieden, der zum Glück Verständnis dafür hatte, dass Markus keinen Wert darauf legte, noch heute Abend dem Mechaniker vorgestellt zu werden. Eine Dusche und ein Bett seien alles, was er noch heute wolle, sagte er Marc, und der nickte und machte sich von dannen.
Als er den Schlüssel im Schloss herumdrehte und die Tür öffnete, dachte Markus, dass es lange es her sein musste, dass zuletzt ein Mensch dieses Zimmer betreten hatte. Aus dem uralten Wasserhahn über dem kleinen Becken kam lange Zeit nur ein mit Luftblasen durchsetztes braunes Zeug, doch als die Brühe endlich klar wurde, war Markus’ Durst größer als sein Ekel. Das Bett war von einer Tagesdecke aus Plastik bedeckt und wirkte darunter auch nicht viel einladender, übte dann aber einen regelrechten Sog aus, und Markus spürte die Versuchung, sich seiner Müdigkeit zu ergeben. Er wusste, dass er nicht einschlafen durfte, denn es würde Ewigkeiten dauern, ehe er wieder erwachte, und morgen früh würde Marc wieder in dieses Motel kommen, womöglich gleich mit dem Mechaniker im Schlepptau, und spätestens dann sollte Markus besser so weit wie möglich weg sein. Er hatte keine Vorstellung davon, wie es möglich sein sollte, noch heute aus diesem Kaff zu verschwinden, aber irgendwie musste er es schaffen, und einschlafen durfte er auf gar keinen Fall.

Draußen war es inzwischen richtig dunkel geworden. Markus schlich die Hauptstraße entlang, hoffte inständig, dass Marc ihn nicht sähe und fragte sich, wonach er eigentlich suchen sollte. Eine Bushaltestelle gab es in diesem Dorf bestimmt nicht, eine Autovermietung hätte ihr Büro sicherlich an der Hauptstraße, doch so sehr Markus sich auch konzentrierte, um kein noch so unscheinbares Hinweisschild zu übersehen, musste er doch irgendwann einsehen, dass er nichts entdecken würde. Einen kleinen Supermarkt gab es, der war sogar noch geöffnet, und außen war ein Geldautomat in die Mauer eingelassen. Markus schaute sich um, ging vorsichtig auf den Automaten zu und steckte seine EC-Karte hinein. Dass er sie noch hatte, war nicht weiter verwunderlich, denn im Forschungszentrum hatte Geld nie eine Rolle gespielt. Für das mäßige Essen in der Kantine musste niemand bezahlen, und ansonsten gab es keine Möglichkeiten Geld auszugeben. Daran änderte sich auch nach der Machtübernahme durch die Wachen nichts, die sich für die Geldkarten der Insassen ebenso wenig interessierten wie für deren Pässe. Trotzdem konnte er jetzt kaum glauben, dass er zur Eingabe seiner Geheimzahl aufgefordert und anschließend gefragt wurde, welchen Betrag er ausgezahlt bekommen wollte. War seine Flucht am Ende noch gar nicht aufgefallen?
Er wählte den höchsten Betrag, der möglich war, hielt die Scheine anschließend immer noch ein bisschen ungläubig in der Hand und hoffte, dass das Geld ihm helfen würde, diesen Ort zu verlassen. Durch das Fenster sah er einen Mann an der Kasse des Supermarkts, ansonsten schien der Laden leer zu sein.
Markus trat ein, überlegte, ob und wie er den Kassierer um Hilfe bitten sollte, als er die großen Wasserflaschen erblickte, die jeweils zu sechst in Plastikfolie eingeschweißt waren. Einzeln könne er die leider nicht verkaufen, meinte der Verkäufer, aber nach einem ausgedehnten Wüstenspaziergang müsse man doch durstig genug sein, um auch ein Sixpack vertragen zu können, setzte er lachend fort. Markus spürte das Blut in seinen Adern gefrieren, wollte den Laden auf der Stelle verlassen und fragte sich erst, als er wieder auf der Straße war, warum er auf einmal gedacht hatte, dass er sich verdächtig machen würde, wenn er das Sixpack nicht kaufte. Bestimmt war es die Müdigkeit, die das klare Denken erschwerte, und sie tat auch weiterhin ihr Bestes, denn obwohl Markus sicher war, dass es seine Lage nicht verschlechtern würde, wenn er fünf der gerade gekauften Flaschen einfach auf die Straße stellte, schaffte er es nicht, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Vielleicht war er so müde, dass er irgendetwas übersehen hatte und die abgestellten Wasserflaschen seinen Verfolgern am Ende doch eine wertvolle Spur böten. Er entschied sich also, den nutzlosen Ballast weiter mit sich herumzuschleppen, musste ihn dann aber doch abstellen, als er merkte, dass er beide Hände brauchte, um die Verpackung des Schokoriegels aufzureißen, den er an der Kasse des Supermarktes gesehen und zusammen mit den Wasserflaschen gekauft hatte. Der Riegel schmeckte gar nicht schlecht, doch der erste Bissen brachte auch alle Magensäfte in Bewegung und ließ Markus spüren, wie lange er schon nichts mehr gegessen hatte. Er musste dringend etwas essen und fragte sich, ob die Kneipe, vor der er stand und durch deren Fenster er in den schummerigen Innenraum guckte, tatsächlich über eine Küche verfügte. Auf dem Schild stand zwar „Bar & Restaurant“, doch das Schild mochte uralt und lange nicht mehr aktuell sein, auf jeden Fall hatte keine der wenigen Gestalten, die an der Bar hockten oder um den Billardtisch standen, einen Teller vor sich stehen. Markus wollte trotzdem eintreten, als ihm einfiel, dass die Männer in der Bar wahrscheinlich allesamt längst wussten, dass Marc heute einen Fußgänger in der Wüste aufgelesen hatte. Womöglich wäre Marc sogar auch da drinnen, oder der Mechaniker Larry. Markus müsste viele Fragen beantworten und würde sich irgendwann in Widersprüche verwickeln, bis schließlich jemand ahnte, dass etwas mit der Geschichte nicht stimmen konnte. Es wäre wohl keine gute Idee, in diese Bar zu gehen, zumal Markus sicher sein konnte, auch dort niemanden zu finden, der ihn von hier wegbrächte.
Er ging ein paar Schritte weiter, bis er die großen Scheinwerfer eines herannahenden Trucks sah, und sich wünschte, in einem solchen Truck zu sitzen. Als er merkte, dass der Truck immer langsamer wurde, je näher er kam, wähnte er sich in einem Fiebertraum, doch das war kein Traum, denn der Truck verlor weiter an Geschwindigkeit und kam schließlich genau vor der Bar zum Stehen. Der Fahrer stieg aus seiner Kabine und ging in die Bar, hatte aber offensichtlich nicht vor, lange dort zu bleiben, denn er ließ das Licht brennen und hatte seinen Laster nicht einmal ganz von der Fahrbahn heruntergefahren. Bestimmt musste er bloß einmal aufs Klo und würde gleich zurückkommen
Markus überlegte, wie er den Fahrer überzeugen könnte, ihn mitzunehmen, doch was immer ihm einfiel, beinhaltete die Möglichkeit einer Ablehnung und war deswegen viel zu riskant. Er betrachtete den Spalt zwischen der Schlafkabine und dem Auflieger, hätte gern gewusst, welche Verwirbelungen sich bei voller Fahrt in einem solchen Zwischenraum bildeten, doch die Zeit drängte, und er musste seine Entscheidung fällen, ohne sich kundig machen zu können. Würde der Spalt auch in einer scharfen Kurve breit genug für ihn sein? Vielleicht waren diese Gedanken überflüssig, weil die Fahrt während der nächsten hundert Kilometer doch nur Schnur geradeaus ginge, und Markus sich bloß gut festhalten und durchhalten müsste, bis sie die nächste größere Stadt erreichten, wo eine rote Ampel oder irgendein anderer Halt die Gelegenheit zum Abspringen böte, und es keinen Marc, keinen Larry und keinen angeblich in der Wüste verreckten Leihwagen gäbe. Die Gefahr, während der nächtlichen Fahrt von dem Fahrer oder irgendeiner anderen Person entdeckt zu werden, war sicherlich zu vernachlässigen, und eine Alternative gab es letztendlich nicht.

~ ~ ~ ~ ~

Der Schrecken setzte zeitgleich mit dem Erwachen ein. Ohne zu wissen, wie spät es war, spürte Markus Dörner augenblicklich, dass er viel zu lange geschlafen und wertvolle Zeit verloren hatte. Schlagartig erinnerte er sich an das misstrauische Gesicht des Mannes an der Rezeption, das auch, als Markus den geforderten Preis für das Zimmer bar bezahlt hatte, keine wesentliche Entspannung gezeigt hatte. Die Pension war mindestens ebenso erbärmlich wie das Motel in dem Kaff, aus dem Markus geflohen war, doch es war ihm, als er in der beinahe schon einsetzenden Morgendämmerung endlich eine Stadt erreicht und unbemerkt von dem Laster hatte abspringen können, ganz recht gewesen, eine ganz einfache und eher schäbige Zuflucht aufzusuchen, weil er sicher war, angesichts seines Zustands in jedem besseren Haus sofort verdächtig zu sein. Aber war das hier nicht genauso?
Immerhin schien der Mann an der Rezeption nicht sofort die Polizei angerufen zu haben, denn die wäre bestimmt längst hier aufgekreuzt. Welcher Polizist hätte darauf verzichtet, sich einen Ausländer in dreckigen, zerrissenen Klamotten, der ohne Gepäck unterwegs war und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, einmal näher anzuschauen?
Markus’ Aussehen war im Moment sicherlich seine Achillesferse, denn so lange er sich kein anderes Outfit zugelegt hätte, würde er überall auffallen. Beim Kleiderkauf stand er allerdings vor demselben Problem wie bei der Quartiersuche, denn ein gutes Bekleidungsgeschäft könnte er in seinem Aufzug unmöglich betreten.
Immerhin hatte er schlafen können, obwohl das angesichts des Tages, der hinter ihm lag, wahrscheinlich an jedem Ort dieser Welt möglich gewesen wäre. Als er endlich seine Uhr fand, musste er zudem feststellen, dass sein Schlaf nur wenige Stunden gedauert hatte, in jedem Fall viel zu kurz, als dass er ihm wenigstens zu einem etwas frischeren und gesünderen Gesichtsausdruck verholfen hätte. Er würde viele Tage brauchen, um sich von den Strapazen und all der Anspannung seiner Flucht zu erholen und spürte durchaus die Versuchung, sich einfach wieder hinzulegen, doch er ahnte, dass er jetzt, nachdem seine Gedanken schon wieder so viele Spiralen gedreht hatten, eh nicht mehr einschlafen würde, und hatte außerdem keine Zeit zu verlieren. In Sicherheit war er noch lange nicht, und es würde nichts nutzen, den Moment hinauszuzögern, da er sich den Gefahren stellen musste, die möglicherweise draußen auf ihn lauerten.

Die Sonne brannte genauso heiß wie am gestrigen Tag, doch die Häuserfluchten der Stadt boten wenigstens hin und wieder einen Schatten. Als Markus von dem Truck abgestiegen war, hatte er kaum ausmachen können, wohin es ihn verschlagen hatte. Erst jetzt bemerkte er den vielen Müll auf den Straßen und die vergitterten Ladenfronten, von denen etliche auch jetzt am Tag geschlossen waren, anscheinend für immer. Es war aber bestimmt nicht schlecht, in einem eher heruntergekommenen Viertel gelandet zu sein, denn hier würde er vielleicht nicht ganz so sehr auffallen. Ein Grund zur Entspannung war das aber sicher noch nicht, denn Markus rechnete fest damit, dass sein Bild mittlerweile in allen Kanälen gezeigt worden war. Neue Kleidung würde seine Probleme also nicht unbedingt lösen, doch er brauchte sie trotzdem dringend und musste vor allem endlich etwas essen.
Das Obst in dem Supermarkt, den er schließlich ausfindig machte, sah nicht mehr sonderlich frisch aus, doch Markus kaufte reichlich davon, entdeckte dann noch einen Ständer mit billigen T-Shirts, nicht weit davon ein paar einfache Jeans, und Zeitungen gab es auch. Sie waren in Plastikfolie eingeschweißt, so dass es nicht möglich war, im Laden in ihnen zu blättern. Markus nahm zwei lokale Ausgaben, verließ den Laden und ging auf direktem Weg zurück zu seiner Pension. Die Rezeption, die beim Verlassen der Herberge verwaist gewesen war, war nun leider wieder besetzt. Ob er noch eine Nacht bleiben wolle? Markus nickte, griff in seine Hosentasche und schaffte es dieses Mal sogar, einen einzelnen Schein herauszuziehen, ohne das ganze Bündel zum Vorschein zu bringen.
„Ich lerne langsam“, dachte er auf seinem Zimmer, doch nur einen Augenblick später überkam ihn die Erkenntnis, dass er sich an ein Leben auf der Flucht überhaupt nicht gewöhnen wollte. Er war Wissenschaftler, kein Verbrecher, hatte niemandem etwas getan und wusste, dass niemand auf der Welt das Recht hatte, ihn zu verfolgen, einzusperren oder gar umzubringen.
In den beiden Zeitungen fand er tatsächlich Artikel, in denen die Bevölkerung um Mithilfe gebeten wurde, doch der Mann auf dem Foto wies nicht die geringste Ähnlichkeit mit Markus Dörner auf und schien wirklich ein entlaufener Sträfling zu sein. Er blätterte weiter, aber da war nichts, nicht die geringste Notiz, auch beim zweiten Blättern nicht.
Endlich machte er sich über das Obst her, zog dann das neue T-Shirt an und stellte fest, dass es völlig außer Form war, was ihm im Laden leider nicht aufgefallen war. Markus legte nicht viel Wert auf Kleidung, doch da auch die neue Hose nicht richtig passte, kam er sich nun vor wie eine Witzfigur. Immerhin waren die neuen Sachen ohne Risse und nicht so verdreckt wie die alte Kleidung, die jetzt achtlos auf dem Boden lag.
Spätestens morgen würde er dieses Zimmer für immer verlassen, doch einstweilen spürte er, dass er sich gegen die schier übermächtige Müdigkeit, die ihn auf einmal befiel, nicht würde wehren können. Der geschundene Körper forderte nun seinen Tribut, und Markus schaffte es gerade noch, die neuen Sachen auszuziehen (er hatte ja nichts anderes und durfte die neue Kleidung nicht auch gleich wieder verschleißen), bevor er auf das Bett niedersank. Sein letzter klarer Gedanke war, dass er nicht vergessen durfte, dass all sein Geld noch in der alten Hose steckte, die er aber zusammen mit dem T-Shirt sowieso besser mitnähme, wenn er von hier verschwände.
zweites Kapitel: grenzwertig
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Bis hierhin vielen Dank!
(Friedrich Küppersbusch)

Version vom 09. 03. 2007 12:48
Version vom 23. 12. 2007 14:56

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