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Leselupe.de > ErzÀhlungen
in Sachen Politik (1797)
Eingestellt am 25. 03. 2005 21:02


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flying theo
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Ich war bereits zehn Tage in Ansbach, als mir der Wirt nach einem Spaziergang ein versiegeltes Billet ĂŒbergab. Es sei im Laufe des Nachmittags von einem Boten fĂŒr mich abgegeben worden. Mit MĂŒhe brachte ich die Geduld auf, die Nachricht erst in meinem Zimmer zu öffnen. ‘Bei vorhan-denem Interesse,’ so hieß es in dem Schreiben, ‘werdet Ihr gebeten Euch am Nachmittag des folgenden Samstag in der DorfschĂ€nke von Kattenbach zu einem GesprĂ€ch einzufinden.’ Unterzeichnet war das Schreiben mit ‘Jakob Rivet - Sekretaris Graf Montgelas’.
Das war es. Meine Geduld hatte sich gelohnt. Kattenbach, das hatte ich schnell in Erfahrung gebracht, war ein Dorf außerhalb von Ansbach, gen Nordosten, also in Richtung NĂŒrnberg gelegen. Die drei Tage bis zum Samstag zogen sich schrecklich. Nun hatte ich so lange geduldig gewartet, aber nun schien mir meine Ausdauer plötzlich verbraucht. Ich zwang mich zur Ruhe. Meine Vorbereitungen waren getroffen. Mehr konnte ich nicht tun. Mit gespielter Gelassenheit aß ich am Samstag in meinem Gasthof zu Mittag, bevor ich mit einem kleinen EinspĂ€nner hinaus fuhr nach Kattenbach. An der DorfschĂ€nke angekommen wurde mir schnell klar, warum Rivet diesen Treffpunkt gewĂ€hlt hatte. Eine ganze Reihe von Fahrzeugen stand vor dem Eingang und aus den RĂ€umen erklang Musik und der LĂ€rm eines Dorffestes. Ich zwĂ€ngte mich durch den Eingang und fand eine LĂŒcke am Tresen des Gasthauses. Ein Krug Bier wurde mir hingestellt, ohne bestellt zu haben. Auf meine Nachfrage sagte man mir, dass der Dorfschulze die Rechnung trĂŒge. In diesem Trubel wĂŒrde unser Treffen sicher nicht auffallen. Da ich den SekretĂ€r Rivet nicht kannte, musste ich mich darauf verlassen, dass ich ihm - woher auch immer - bekannt sei. Nach etwa einer halben Stunde sprach mich jemand von hinten an: “ Monsieur ‘ainz, sil vous plait, venir avec moi.” ‘kommen sie bitte mit’ Ich drehte mich zu dem Sprecher um und schlĂ€ngelte mich hinter ihm durch die Leute. Er ging zielstrebig auf eine SeitentĂŒre zu. Ich folgte ihm durch die TĂŒre und wir befanden uns in einem Nebenraum, der ebenfalls voller Menschen war. Kaum waren wir eingetreten, erhoben sich zwei MĂ€nner, die an einem Tisch saßen sichtlich mit der Absicht uns Platz zu machen.
Das war gut organisiert. Gute Organisation weiß ich zu schĂ€tzen. Denn das ist ein hervorragender Indikator der QualitĂ€t eines Unternehmens. “Monsieur ‘ainz” der Mann sprach weiterhin französisch. Sei es, dass er von den Dörflern nicht verstanden werden wollte, sei es, dass er selbst nicht deutsch sprach. “Mein Name ist Rivet. Freiherr von Cetto ließ uns wissen, dass ihr ein Mann seid, mit dem zu sprechen sich lohnen könnte. Was denkt Ihr, wie kommt er zu dieser EinschĂ€tzung?”
Ich musterte ihn. Rivet war ein schlanker Mann in den Dreißigern mit blasser Haut aber wachen, aufmerksamen Augen. “Wie der Freiherr von Cetto seine Meinung bildet entzieht sich meine Kenntnis. Er war der Auffassung ich sollte mit dem Grafen Montgelas sprechen, warum auch immer. Ich habe ein kleines MĂ©moire verfasst, das Ihr gerne dem Grafen ĂŒberbringen könnt. Darin habe ich meine Gedanken zusammen gefasst, die ich auch mit Cetto besprochen habe. Sofern dem Grafen Montgelas nach dieser LektĂŒre noch immer an meiner UnterstĂŒtzung gelegen ist, bin ich gerne dazu bereit.” Damit ĂŒberreichte ich ihm meine schriftliche Ausarbeitung.
“Wie könnte eine solche UnterstĂŒtzung aussehen?” Fragte er mich. “Es tut mir leid, das wĂŒrde ich dann mit dem Grafen lieber selbst besprechen.” Er nickte VerstĂ€ndnis signalisierend. “Wir werden gegebenenfalls wieder auf Euch zukommen. Könnt Ihr noch eine Woche in Ansbach bleiben?” "Kein Problem." Er nickte und war mit einem kurzen “Au revoir” wieder durch die TĂŒr verschwunden. Ich hielt mich noch an meinem Krug Bier fest, das ĂŒbrigens ganz hervorragend schmeckte, und kehrte erst wieder nach Ansbach zurĂŒck nachdem ich mir einen zweiten Krug des Gerstensaftes genehmigt hatte. Ich durfte tatsĂ€chlich fĂŒr das Bier nicht bezahlen, so ĂŒberließ ich dem Schenkkellner ein paar Kupferpfennige als Trinkgeld.
Drei Tage spĂ€ter - ich hatte mir schon ĂŒberlegt ob ich etwa Unsinn geschrieben hatte - wurde beim Wirt wieder ein Billet abgegeben. Darin wurde ich von Monsieur Rivet instruiert, dass ich mich am folgenden Tag gegen Neun Uhr am Vormittag bereit halten möge. Eine Kutsche wĂŒrde mich abholen. TatsĂ€chlich hielt diese, wie angekĂŒndigt vor der ‘Post’ und der Kutscher ließ mich holen. Ich eilte hinunter und fragte den Kutscher, wo es denn hingehen sollte. “Sie werden sehen,” war die kurz angebundene Antwort. Nun gut, wenn man so große Geheimhaltung fĂŒr nötig hielt, ich konnte das nicht beurteilen.
Vier Tage waren wir unterwegs. Hielten und ĂŒbernachteten in kleinen Gasthöfen und kamen schließlich am spĂ€ten Abend des vierten Tages in Heidelberg an. Das hĂ€tte ich billiger haben können. Schließlich war ich vor zwei Wochen erst hier gewesen. Der Kutscher fuhr aber durch Heidelberg hindurch, um dann im Schritt -Tempo, inzwischen war es stockfinstere Nacht, weiter zu fahren bis zu einem kleinen Landschlösschen.
Zwei Bedienstete begleiteten mich hinein und in einen gemĂŒtlichen Schlafsalon. Ich wurde hier erwartet, denn die Bediensteten sprachen mich mit ‘Herr Hainz’ an. Also hatte das wohl seine Richtigkeit. Wenn ich die Heimlichkeiten auch akzeptieren konnte, so war ich doch nervös. Ich hatte beispielsweise meinem Wirt in Ansbach kein Wort davon gesagt, dass ich lĂ€nger wegbleiben wĂŒrde. So konnte unter UmstĂ€nden unliebsame Aufmerksamkeit geweckt werden. Am nĂ€chsten Morgen ĂŒberraschten mich die Bediensteten mit frischer KörperwĂ€sche. Unvorbereitet wie ich war, hatte ich keinerlei Bekleidung zum Wechseln dabei. Aber in angenehmster Weise war diesbezĂŒglich vorgesorgt. Nach dem FrĂŒhstĂŒck eröffnete mir der Majordomus - zumindest hielt ich ihn dafĂŒr -dass Graf Montgelas mich gerne gegen Zehn Uhr begrĂŒĂŸen wĂŒrde.
Mir fiel auf, dass in dem Hause eine lebhafte Putz- und RĂ€umaktivitĂ€t festzustellen war. Weit ĂŒber das ĂŒbliche Reinemachen hinausgehend. Einer der Bediensteten, den ich fragte, teilte mir - voller Staunen ĂŒber mein Nichtwissen –mit, dass seine Durchlaucht zwei Tage vorher im Schloss seine VermĂ€hlung mit Caroline von Baden gefeiert habe. Die frisch VermĂ€hlten seien aber bereits gestern nach Ansbach abgereist. Ich war schrecklich aufgeregt. Hatte ich doch seit einigen Wochen auf dieses Treffen hingearbeitet.
Graf Montgelas empfing mich in der Bibliothek. Er war eine bemerkenswerte Erscheinung. Wirklich klein von Wuchs und mit einem Prachtexemplar von Nase geschmĂŒckt. Aber ĂŒber dieser Nase zwei hellwache Augen, denen nichts zu entgehen schien. Er begrĂŒĂŸte mich auf französisch, wie ich ĂŒberhaupt nur französisch mit ihm gesprochen habe. SpĂ€ter habe ich in MĂŒnchen Leute behaupten gehört, er sei der deutschen Sprache nur in beschrĂ€nktem Maße mĂ€chtig. Das mag sein. Ich aber bin der Meinung Graf Montgelas dachte, fĂŒhlte und agierte französisch. Wenn er auch liberalem Gedankengut aufgeschlossen schien, so war er letztlich doch ein Kind des ‘anciĂ©n Regime’.
“Wahrlich Herr Hainz,” so seine BegrĂŒĂŸungsworte, “Ihr ĂŒberrascht mich.” Ich rĂŒckfragte, wĂ€hrend ich ihm die Hand drĂŒckte: “Auf welche Weise ist mir dies gelungen, Graf Montgelas?” Er wies auf meine schriftlichen EntwĂŒrfe, die neben ihm auf dem Tisch lagen. “Niemals habe ich jemanden kennen gelernt, der Machiavellist und Sozialreformer gleichzeitig war.” Unter dem Begriff Sozialreformer konnte ich mir noch etwas vorstellen. Aber den Begriff ‘Machiavellist’ hatte ich nie vorher gehört. Ich beschloss das nicht zu offenbaren. “Was ist daran denn so verblĂŒffend?” Vielleicht sprang auch hier der Hase aus dem Busch! “Nun, was den Umgang mit Macht angeht, scheint Ihr ein Machiavellist reinsten Wassers zu sein. Wohingegen ihr bei der Innenpolitik gefĂ€hrlich nahe an revolutionĂ€res Gedankengut geratet.” Recht viel weiter hatte mich mein taktischer Winkelzug noch nicht gebracht. Mein GegenĂŒber war aber auch ein gewiefter Politiker, wenn meine Informationen zutrafen.
“Graf, wenn jemand etwas Gutes schlecht ausfĂŒhrt, dann wird es deswegen noch nicht als solches schlecht.” Graf Montgelas schmunzelte genießerisch. “Ich höre, ihr versteht euch auch auf Dialektik. Nun dann wollen wir untersuchen, was von Eueren Anmerkungen brauchbar sein könnte.”
Und so diskutierten wir die verschiedensten Methoden und Möglichkeiten wie Baiern fĂŒr die Zukunft innen- und außenpolitisch gerĂŒstet werden könnte. Wir versĂ€umten das Mittagessen und hĂ€tten wohl auch auf das Dinner vergessen. Der Graf war ein umfassender Geist mit großem Wissen und noch mehr Erfahrung. Man hĂ€tte es nicht fĂŒr möglich gehalten, dass dieser Mann erst Achtunddreißig Jahre zĂ€hlte. Der Majordomus rief uns zum Abendessen, was wir - obschon hungrig - eher unwillig bestĂ€tigten. Als vorlĂ€ufiges RĂ©sumĂ©e stellten wir gemeinsam fest, dass wir in wesentliche Fragen nicht so weit auseinander lagen. Wobei einige meiner Ideen bei nĂ€herem Hinsehen wohl interessant aber doch in der Praxis nicht durchfĂŒhrbar waren. Das große Wissen um Verwaltungsmechanismen und praktische Politik hatte Graf Montgelas mir alleine schon wegen seiner Laufbahn voraus. Ich meinerseits wiederum war in der Lage LösungsvorschlĂ€ge zu sehen, die Montgelas gar nicht in den Sinn kamen. Wir hatten beide VergnĂŒgen am intellektuellen Diskurs, den wir nach dem Essen mit VergnĂŒgen fortsetzten.
SpĂ€t abends fragte Graf Montgelas, mitten in ein strittiges Problem hinein: “Welche Position wollt Ihr in einer Verwaltung des KurfĂŒrsten Max Joseph bekleiden?” Ich hatte, in die andere Thematik versunken, nicht auf die Frage geachtet und fĂŒhrte das Thema weiter aus.
“Monsieur ‘ainz, ich fragte mit welchem Amt ich euch in der Regierung von Max Joseph betrauen soll?” Ich schaute ihn an, als hĂ€tte ich ihn zum erstenmal gesehen. “Mit keinem, Graf Montgelas, mit keinem!” Ich hob beide HĂ€nde. “Alles das, was wir hier besprechen, berĂŒhrt mich als Patriot. Aber ich will keinerlei Amt von ihnen. Ich habe andere PlĂ€ne.” Er blinzelte mit seinen gewitzten Augen. “Aber warum diskutieren wir hier dann die zukĂŒnftige Regierungspolitik?” Ich lachte. “Nicht, weil ich mich bei euch bewerben will, sondern weil wir beide Interesse an Baiern und einem guten GesprĂ€ch haben.” Graf Montgelas war noch nicht zufrieden. “Wenn ich mich recht erinnere, so war die Rede davon, dass Ihr der neuen Administration nĂŒtzlich sein wolltet?!”
Ich schmunzelte. “Das ist offensichtlich falsch verstanden worden. Meine Absicht war eine Andere. Ich möchte euch, beziehungsweise Herzog Max Joseph ein zinsloses Darlehen anbieten. Ich habe gehört, dass es um die Finanzen von Herzog Max Joseph nicht zum Besten steht. Ich bin kein Krösus. Aber einen Betrag von FĂŒnfundsiebzigtausend Gulden könnte und wĂŒrde ich gerne zur VerfĂŒgung stellen.” Das Fragezeichen in Montgelas Gesicht war einer erheblichen VerblĂŒffung gewichen. “WĂ€hrend ich gedachte euch zu examinieren, habt ihr dasselbe mit mir gemacht!” Er brach in schallendes GelĂ€chter aus. “Das ist gut! Das ist ein Bonmot ersten Ranges! DarĂŒber muss ich natĂŒrlich mit unserem FĂŒrsten sprechen. Seine Redewendung ist:
‘Wichtiger, als wem man Geld gibt, ist die Frage von wem man Geld nimmt! ‘ Und da hat seine Durchlaucht sicher nicht unrecht. Wollen wir noch ein Glas von diesem ausgezeichneten WĂŒrttemberger Wein trinken?!” Damit goss er uns beiden noch einmal nach. Eines musste ich noch anbringen: “Diese Summe gedachte ich auf eine Frist von zehn Jahren zu erlegen. SelbstverstĂ€ndlich ohne jegliche Verpflichtung. Ich hĂ€tte in diesem Zusammenhang nur eine Bitte.” Montgelas war hellwach: “Und das wĂ€re?” Ich hatte von meinem Zusammentreffen mit Napoleon nichts erzĂ€hlt und hatte auch nicht vor das zu tun. “Sofern in der Zukunft Napoleon Bonaparte eines Tages Gast in MĂŒnchen ist, wĂŒrde ich gerne davon erfahren. Wir sind einander einmal vorgestellt worden und der General hat den Wunsch geĂ€ußert mich wieder zu sehen, sofern er einmal nach Baiern kĂ€me.”
“Ich muss schon sagen”, meinte der Graf, “Ihr stĂŒrzt mich von einem Erstaunen in das NĂ€chste. Ich wĂ€re dankbar, wenn ihr davon lassen könntet. Mein Bedarf an Verwunderung ist fĂŒr heute gedeckt. Aber ich denke, dass man diesem Wunsche problemlos nachkommen könnte.”
Er erhob sich zu einem Nacht Gruß, fragte aber noch beim Hinausgehen: “Was mich noch interessiert, ist der Inhalt Eueres GesprĂ€ches mit dem Herrn von Bleichsleben. Bis Morgen dann, Adieu” Nun war es an mir verblĂŒfft zu sein. Dieser Mann hatte wohl ĂŒberall seine Informanten. Aber vielleicht gehörte dies einfach zu seinem GeschĂ€ft. Nein, da blieb ich schon lieber beim ‘Glasmachen’!
Von Schlafen konnte nach diesen GesprĂ€chen keine Rede sein. Was die Gedanken von Montgelas anging, so war er fĂŒr mich zu sehr den Franzosen verbunden. Ich sah das nur als ZweckbĂŒndnis. Niemanden sonst konnten wir fĂŒr unsere Absichten einspannen. Von Sprache und Kultur war mir naturgemĂ€ĂŸ Österreich nĂ€her. Aber so nahe auch wieder nicht, dass ich einen Großteil Baierns verschenken wollte. Die Österreicher hĂ€tten uns doch wieder nur zerstĂŒckelt. Denen war an Altbaiern bis zur Lech - Illerlinie gelegen. Dann konnten sie Ihre alpinen Gebiete Tirol und Vorarlberg großzĂŒgig sichern. Nein, Fußabstreifer vor der TĂŒre nach Österreich sollten wir auch nicht sein. Die Möglichkeit der Konsolidierung Baierns sollten wir schon nutzen. Egal wer uns dazu die Schulter reichen wĂŒrde. Der Krieg zwischen Österreich und Frankreich hat die baierische Bevölkerung schon soviel gekostet, dass auch endlich etwas fĂŒr die Baiern herausspringen sollte. Ich fĂŒr meinen Teil hĂ€tte keinerlei Skrupel fremde MĂ€chte zu benutzen. Diese hatten Gleiches ja mit uns vor! Das Schlösschen Rohrbach, in dem wir uns befanden, gehörte zu den rechtsrheinischen BesitztĂŒmern des KurfĂŒrsten in MĂŒnchen. Dem Herzog hatte er es als Exil zur VerfĂŒgung gestellt. Das war aber recht riskant, weil der Rhein nur ein paar Meilen entfernt war und die französischen Truppen jederzeit hier einfallen konnten.
So wohnte der Herzog Maximilian zumeist in Ansbach. In dieser preußischen Enklave war er sicher. Dazu hatte er mit dem preußischen Gouverneur Hardenberg einen GesprĂ€chspartner, der ihn, zusammen mit Montgelas auf seine Aufgabe in MĂŒnchen vorbereitete.
Am nĂ€chsten Morgen kam Montgelas wieder auf seine Schlussfrage der vergangenen Nacht zurĂŒck. “Was verbindet euch mit dem Erzbistum WĂŒrzburg, Monsieur ‘ainz?” Ich zuckte die Schultern “Nichts, außer der Tatsache, dass der Herr von Bleichsleben fĂŒr den FĂŒrstbischof arbeitet. Mein Kontakt mit ihm hat rein private GrĂŒnde. Wir haben einen gemeinsamen Gegner, der euch aber in keinster Weise tangiert.” Er ließ es damit auf sich beruhen. ZurĂŒck nach Ansbach wĂŒrde er mich begleiten und mich dem Herzog vorstellen. Danach könnten wir auch mein Angebot der finanziellen UnterstĂŒtzung erörtern.
So rĂŒsteten wir zur RĂŒckreise. Die Tage waren höchst aufschlussreich. Der Graf interessierte sich natĂŒrlich fĂŒr meine ZukunftsplĂ€ne. Sagte mir aber voraus, dass mein GlashĂŒttenprojekt fĂŒr die fernere Zukunft keine allzu großen Chancen habe. Er hatte nicht unrecht darin, dass die Glasproduktion eine der wichtigsten Ressourcen zu schnell verbrauchte - und zwar das Holz. Eben wegen des Holzes, das in HĂŒlle und FĂŒlle vorhanden war, hatte man die GlashĂŒtten errichtet. Das Holz bildete den Grundstoff fĂŒr die Pottasche und als Brennstoff fĂŒr die VerhĂŒttung. WĂŒrde das Holz knapp werden, oder zu teuer, dann hatten die GlashĂŒtten wirklich ein Problem. Aber vorerst war das noch nicht abzusehen und wer kann schon etwas fĂŒr die Ewigkeit planen? Es war bezeichnend fĂŒr das Universalinteresse des Grafen, dass er sich auch fĂŒr die Probleme der Glasindustrie - obwohl das nun wirklich nur ein winziger Bruchteil der baierischen Wirtschaft war – interessiert hatte und deren Perspektiven betrachtete. Auch in allen anderen GesprĂ€chen wurde ich in meiner Überzeugung bestĂ€rkt, dass ich mit dem Grafen Montgelas einen Mann kennengelernt hatte, der in der Zukunft Baierns eine große Rolle spielen wĂŒrde. Das konnte mir und meiner Familie nur nĂŒtzlich sein. Zumal wir, bei aller ZurĂŒckhaltung des Standes und der Position wegen, ein freundschaftliches Interesse fĂŒreinander entwickelt hatten.
In Ansbach konnte ich feststellen, das die Organisation des Herzogs funktionierte und meinen Gastwirt informiert hatte, dass und wie lange ich unterwegs sein wĂŒrde. Kurz, ich hatte das GefĂŒhl, Baiern wĂŒrde nach der Ära des KurfĂŒrsten Karl Theodor in gute, kompetente HĂ€nde kommen. Am folgenden Tag holte mich der SekretĂ€r Rivet am Nachmittag bei der ‘Post’ ab und wir schlenderten zum ‘Wirt am Bach’ unter dem Markgrafen – Schloss. In der Gaststube gewahrte ich den Grafen Montgelas mit einem massigen, gemĂŒtlich wirkenden Manne. Vor sich ein Glas Wein, waren sie in einen angeregten Diskurs versunken, ehe sie auf mich aufmerksam wurden.
“Euer Durchlaucht, darf ich euch den Herrn ‘ainz vorstellen. Wir haben heute schon von ihm gesprochen.” Der Herzog musterte mich freundlich aber aufmerksam und reichte mir die Hand. Dabei erhob er sich, was mich schon wunderte. Ich dachte Herzöge dĂŒrften sitzen bleiben. SpĂ€ter hab ich erfahren, dass sie nach der Etikette wirklich sitzen bleiben dĂŒrfen.
Dass Herzog Max das aber nicht wollte, beschreibt seine Einstellung. “Durchlaucht,” ich wusste nun beim besten Willen nicht mehr was ich sagen wollte, sagen sollte.
“Durchlaucht, ich freue mich ĂŒber diese Ehre,” wĂŒrgte ich schließlich heraus. Sie mĂŒssen das verstehen. Treffen Sie öfter einen Herzog? Noch dazu einen der bald ganz Baiern regieren wĂŒrde! FĂŒr mich war es jedenfalls das Erstemal. Der Herzog war ĂŒberaus leutselig und ĂŒberhaupt nicht ‘von oben herabÂŽ.
“Die Freude ist ganz auf meiner Seite,” meinte er “Setzen Sie sich doch zu uns, Wirtschaft, ein Glas Wein fĂŒr den Herrn Hainz - Sie mögen doch ein Glas? Der Wein ist nicht schlecht hier!” Ich nickte nur, ich hĂ€tte in dem Moment auch ein Glas Essig getrunken. “Wie ich höre,” sagte der Herzog, “sind sie dabei fĂŒr ihre Familie eine GlashĂŒtte aufzubauen.” Ich nickte erneut. “Das baierische Waldgebirg kann Unternehmer gebrauchen. Die Wirtschaft dort macht uns große Sorgen. Aber wie ihr wisst, sind das nicht unsere einzigen Sorgen.” Der Graf Montgelas mischte sich ins GesprĂ€ch: “ Wie ich euch schon sagte, Durchlaucht, möchte Herr ‘ainz euch mit einer erheblichen Summe unterstĂŒtzen, ohne dies an irgendwelche Bedingungen zu knĂŒpfen -ausgenommen die Tatsache, dass er den Betrag in Zehn Jahren wieder braucht.” Der Herzog wandte sich mir zu: “Nach menschlichem Ermessen sollte ich bis dann bequem in der Lage sein zurĂŒck zu erstatten. Eine Frage habe ich dazu: Können Sie auf ihre Ehre bestĂ€tigen, dass es sich um ehrlich erworbenes Geld handelt?” Ich schaute ihm geradewegs in die Augen. “Das schwöre ich, Durchlaucht!” “Gut, dann bedanke ich mich fĂŒr Ihre Hilfe.” Er erhob sein Glas um mir zuzuprosten. Ich nutzte die Gelegenheit: “Darf ich Euer Durchlaucht zur VermĂ€hlung gratulieren und euch so wie der Herzogin alles GlĂŒck und Gottes Segen wĂŒnschen!” Er hob mir sein Glas entgegen. “Darauf trinke ich gerne mit Ihnen. Vielen Dank und auch fĂŒr Sie und Euere Familie die besten WĂŒnsche unseres Hauses.”
Er schwieg eine Weile und machte den Eindruck als sei er sich nicht sicher, ob er das, was er zu sagen vorhatte Ă€ußern sollte. Schließlich schien er sich einen Ruck zu geben. “ Herr Hainz, niemand den ich hier kenne hat mit Bonaparte persönlich gesprochen. WĂŒrden sie die Freundlichkeit haben, mir den Mann zu schildern?” Ich gab also meine EindrĂŒcke von dem Treffen mit dem Mann aus Korsika wieder. Er hatte auf mich sehr souverĂ€n gewirkt. In gewisser Weise arrogant, aber in einer Art, die auf echte Überlegenheit schließen ließ. Keineswegs unsympathisch. Aber der Mann wusste was er wollte. Nach seinen Erfolgen zu schließen, war ihm auch klar wie er das erreichen konnte. Maximilian musterte mich neugierig. “WĂŒrden Sie gegebenenfalls fĂŒr mich, fĂŒr Baiern, Kontakt mit Bonaparte aufnehmen. Falls offizielle Termine gerade nicht opportun wĂ€ren?” Ich deutete eine Verbeugung an. “Durchlaucht, verfĂŒgen Sie ĂŒber mich!” Ich gebe zu, an diesem Tag hab ich mich ein paar Zentimeter grĂ¶ĂŸer gefĂŒhlt. Nach einer weiteren Viertelstunde zwangloser Unterhaltung verabschiedete sich Herzog Maximilian und wĂŒnschte mir GlĂŒck und Gottessegen. Graf Montgelas meinte, am Vormittag des nĂ€chsten Tages, wĂŒrde der SekretĂ€r Rivet mit mir zur Preußisch-Ansbacher-Bank gehen, wo wir die Details abwickeln könnten.
Am nĂ€chsten Morgen legte ich in der Bank, eine von den beiden Goldanweisungen der Bank of England vor und ließ diese dem Herzog gutschreiben. Danach ĂŒberreichte mir des Grafen SekretĂ€r einen entsprechenden Schuldschein mit dem Zeichen und Siegel des Herzogs.
Kaum in meiner Unterkunft zurĂŒck, erwartete mich im Gastraum ein Herr, der dringend um eine Unterredung nachsuchte. Sein Name tĂ€te nichts zur Sache, meinte er. Wichtig wĂ€re einzig sein Anliegen. Da konnte ich ihm nicht zustimmen: “Verzeihen sie, wenn ich nicht weiß, mit wem ich spreche, kann ich auch nicht feststellen, wofĂŒr er spricht. Adieu!” Sprach’s und ging hinauf in mein Zimmer, wo ich bereits ein Billet des Grafen Montgelas vorfand. Er schrieb: “Achtung, die Habsburger Seite will mit Euch Kontakt aufnehmen.” Nun wenn das vorhin die ‘Habsburger Seite’ war, dann hatten sie sich nicht mit Ruhm bekleckert. Weil mir dieses politische Gezerre aber wirklich gegen den Strich ging, beschloss ich am nĂ€chsten Tag abzureisen. Das was ich erreichen wollte hatte ich bekommen - und mehr als das.

__________________
Theo Auer

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Montgelas
???
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hallo, da staunt der laie und der fachmann wundert sich !!
montgelas ist hoch erfreut !!

teilt ihnen joseph freiherr v. hazzi mit.


herzliche ostergrĂŒĂŸe

wir sollten miteinander korrespondieren.

habe sie lange nicht gesehen,

montgelas (staatsminister a.d.)

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MDSpinoza
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Ich will ja nicht meckern, aber wenn ich da durchgefahren bin, stand "Katterbach" auf den Ortsschildern...
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Lieber ein verfĂŒhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂŒhrer...

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