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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
kaltes Wasser
Eingestellt am 05. 02. 2005 21:55


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plosiv
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Kaltes Wasser

Das kalte Wasser lief ├╝ber meine Stirn, ├╝ber meine Wangen von beiden Seiten hinunter zum Kinn, meinen Konturen folgend, meine Falten nachzeichnend, sich vereinend zu einem Rinnsal, das mir den Hals benetzt und mir eine G├Ąnsehaut schenkt. Ich halte meine Augen einen Moment l├Ąnger geschlossen, sp├╝re mich nach und hole Luft. Ich schaue in den Spiegel und betrachte mein Gesicht. Es ist still geworden, leer in mir. Das kalte Wasser hat mich nicht erfrischt. Ich sehe m├╝de aus und erschrecke, denn ich habe diese M├╝digkeit monatelang nicht zulassen k├Ânnen, doch jetzt geh├Ârt mir mein K├Ârper nicht mehr und je l├Ąnger ich mich betrachte, um so dunkler werden die Ringe unter meinen Augen, um so ersch├Âpfter mein Blick, um so grauer die Haut und um so strenger mein Mund. Ich f├╝hle mich als w├Ąre ich innerlich geschrumpft, mein K├Ârper zu gro├č f├╝r meine Seele. Ich f├╝hle mich zur├╝ckgezogen, gefangen in einem mechanischen K├Ąfig, der den Anforderungen der Au├čenwelt gen├╝gt. Ich schaue mich nicht l├Ąnger an. Ich brauche Zeit.

Zeit. Vor langer Zeit war ich einmal sehr gl├╝cklich gewesen. Ziemlich kitschiges Bild. Und je l├Ąnger ich dar├╝ber nachdenke, um so unwirklicher wird jener Moment in meiner Vergangenheit, der meinen Weg in unseren Weg vereinen sollte. 'Ja'. Und meine Mutter weinte, und du strahltest, und ich liebte dich f├╝r alles, was du warst. Nein, ich liebte dich, weil du warst. Deinen Humor, die Geborgenheit, die ich sp├╝rte, wenn du mich in den Arm nahmst. Diese St├Ąrke, diese Sicherheit. Gro├č und stolz warst du, und doch hatte ich niemals das Gef├╝hl, nur neben dir zu stehen. Du trugst mich auf H├Ąnden, und auch du lie├čt dich von mir tragen. Schaute ich in deine Augen, sah ich tief empfundene Bewunderung und Respekt f├╝r mich. Niemand wird mich je so kennen, wie du mich kanntest. Du warst mir so nah. Ich w├╝nschte mir diesen Zustand f├╝r immer.

F├╝r immer. Ich bemerke, dass ich mir immer noch die H├Ąnde wasche. Ich trage deinen Ring. Ich habe noch heute keine angst vor der Bedeutung und Konsequenz der Worte 'f├╝r immer', schlie├člich habe ich doch auch gute Zeiten gehabt. Andreas versucht immer meinen Tatendrang zu bremsen, doch eigentlich begreife ich erst heute, in diesem Moment, in dem ich meine H├Ąnde beinahe nicht mehr sp├╝re, wo das kalte Wasser von meinem Ring perlt, wie weit ich f├╝r dieses 'f├╝r immer' gegangen bin. Es ist immer noch still in mir und ich friere. Ich habe mich tats├Ąchlich nicht mehr im Spiegel erkannt. Hast du das so gewollt?

Wir wollten so viel. Seitdem mein Herz sich bedingungslos f├╝r dich entschieden hatte, begann ich Pl├Ąne zu schmieden, in die Zukunft zu schauen. Du hast oft genug ├╝ber mich gel├Ąchelt. Ich hatte keine besonderen Bed├╝rfnisse, ich brauchte kein Geld, keinen Reichtum, kein Prestige. Du hast mir gen├╝gt. Ich h├Ątte mich am liebsten mit dir verkrochen. Vielleicht hatte ich die Tendenz, mich mit dir, in dir zur├╝ck zu ziehen. Du hast nur gel├Ąchelt. Ich f├╝hlte mich verstanden. Du hast mir gen├╝gt.

Gen├╝ge ich dir jetzt? Ich bin mir nicht mehr sicher, was du denkst. Andreas sagt mir immer, dass du nie wei├čt, was dein Gegen├╝ber denkt. Aber du warst meine St├╝tze, mein Leben, meine Liebe. Was bleibt jetzt?

Irgendwie betraf mich deine Diagnose zun├Ąchst nicht. Ich habe geh├Ârt, was der Spezialist sagte, ich habe es nur nicht verstanden. Mir war klar, was ich zu tun hatte. Wir geh├Âren zusammen, wir stehen das durch. Wir werden das ├╝berleben.

├ťberleben. An einem Punkt in unserer Geschichte, habe ich aufgeh├Ârt, zu existieren. Ich hatte meinen Sinn gefunden, und ich folgte dir bedingungslos. Ich brauchte mir um mich keine Sorgen mehr machen, ich war in deinen Armen geborgen. Deine Liebe war alles, was ich brauchte. Mich brauchte ich nicht mehr. Deswegen sehe ich in den Spiegel und erkenne mich nicht mehr. Deswegen f├╝hle ich mich gefangen in einem K├Ârper, der nicht meiner ist. Je mehr du dich von deinem Leben, von deinem K├Ârper gel├Âst hast, um so mehr hast du mich mitgenommen. Ich ├╝bernahm jede Funktion deines K├Ârpers, ich lieh dir meine Augen, meine Ohren, meine Stimme. Ich reagierte auf deine Schmerzen. Ich gab mich hin. Und dennoch werde ich dich ├╝berleben.

Andreas sagt mir immer, ich m├╝sse beginnen, dich loszulassen. Doch er wei├č nichts, von den Qualen, die ich ausstehe. Ich w├╝nsche mir so sehr, dass du aufh├Ârst zu atmen. Nachts denke ich oft daran, wie sehr du leidest, von welchen Schmerzen du erl├Âst werden w├╝rdest, wenn du nur aufh├Âren k├Ânntest, zu atmen. Ich flehe um Erl├Âsung. Doch dann merke ich, dass der Rest in mir um Erl├Âsung fleht. Ich will erl├Âst werden. Dann sch├Ąme ich mich und wache die ganze Nacht an deinem Bett. Doch du nimmst immer mehr von mir und die Geborgenheit, die du mir gegeben hast, erhalte ich nicht mehr von dir. Du schaust mich nicht mehr an, du ber├╝hrst mich nicht mehr. Du nimmst nur noch.

Ich drehe den Wasserhahn zu und trockne mir die H├Ąnde. Andreas ist da, und wir werden dich heute baden. Ob er mir ansieht, wie h├Ąufig ich dir schon in Gedanken das Kissen auf dein Gesicht gedr├╝ckt habe?
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