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Leselupe.de > Erzählungen
kein Trost für Anna
Eingestellt am 12. 01. 2002 15:38


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Gänseblümchen
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

Werke: 13
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Ich bin schon lange am überlegen, ob ich diesen Text veröffentliche, denn er geht mir immer noch unter die Haut, da es sich um eine wahre „Geschichte" handelt (lediglich die Namen sind erfunden). Das Thema Sterben in der Schreibaufgabe hat jedoch den Ausschlag für meinen Entschluß gegeben. Nur möchte ich um eins bitten: Sollte jemand zu diesem Text etwas schreiben, dann nehmt es mir nicht übel, wenn ich nur kurz oder gar nicht antworten sollte.


Kein Trost für Anna

Eigentlich ein ganz normaler Sommertag: Strahlend blauer Himmel, kein Lüftchen regt sich, die Blumen recken prahlerisch ihre weit geöffneten Blüten der Sonne entgegen.

Doch Anna bemerkt all das heute nicht. Ein Schleier aus Tränen bedeckt ihr zartes Gesicht. Sie weiß nicht, wie sie an diesen trostlosen Ort gekommen ist, doch sie weiß ganz genau, daß sie hier nicht weg will. Sie mag die weiße Rose nicht in sein Grab werfen. Nein, sie muß noch warten. Warten und hoffen, daß sich der Sargdeckel öffnet, Bernhard wie durch ein Wunder dem Grab entsteigt und daß das alles einfach nicht wahr ist, - alles nur ein böser Traum.
Jemand zupft sie am Ärmel und reißt sie jäh aus ihren Gedanken.
„Anna, die Rose," dringt es wie durch Watteflocken an ihr Ohr.
„Noch einen Augenblick, bitte noch einen Augenblick," denkt sie.
Und: „Es muß doch etwas geschehen, - jetzt, schnell!"
Nichts
Sie spürt, die Menschenmenge hinter ihr wird ungeduldig, will weiter und die Leute beginnen schon zu drängeln.
„Die Rose," erklingt wieder eine Stimme wie aus der Ferne.
Anna geht ganz dicht an das offene Grab, wirft die Rose zaghaft hinein, rutscht mit einem Fuß in das kahle Erdloch und wird noch im letzten Moment von jemandem festgehalten. Man zieht sie fort, fort von Bernhards Grab in Richtung Friedhofsausgang.

Was dann um Anna herum geschieht, registriert sie kaum noch. Sie beginnt, eine Mauer um sich zu bauen. Will nicht gesehen werden, will niemanden sehen, will allein sein mit ihrer Trauer, ihrem Schmerz, ihren Erinnerungen und Hoffnungen, fühlt sich verraten. „Gott ist eine einzige große Lüge," denkt sie bitter enttäuscht.
Ihr Vater hatte sie als kleines Kind beten gelehrt. Er hatte ihr von einem gestrengen aber gütigen und gerechten Gott erzählt.
„Bittet und ihr werdet empfangen," soll sein Sohn gesagt haben.

Sie bittet, bittet schon seit Tagen, betet verzweifelt, hat neben dem offenen Sarg gestanden, immer und immer wieder Bernhards kalten Wangen gestreichelt in der Hoffnung, daß sie warm würden und er durch diese Wärme wieder zum Leben erwacht, die Augen aufschlägt und sie mild anlächelt, als ob all das Schreckliche nie geschehen wäre. Diese grausame Nacht, in der ihn solche starken Schmerzen im linken Arm peinigten. „Rheuma," hatte die Großmutter gesagt. „Das vergeht wieder." Anna hörte ihn stöhnen, streichelte seinen Arm, versuchte ihn zu trösten, bis sie gegen morgen für kurze Zeit einschlief.
Später brachte sie ihm wie üblich sein Frühstück ans Bett: Caro - Kaffee, belegte Brote und ein Ei. Sie tauschten ein paar Neckereien aus, er lachte.
Es war fast wie immer und doch, er ermüdete schnell, konnte seine Schmerzen nicht mehr vor ihr verbergen, nahm sich noch einmal zusammen, um ihr einige liebevolle Worte mit auf den Weg zu geben, die sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen sollte. Damals konnte sie den Sinn dieser Worte noch nicht erfassen. Sie wunderte sich nur über die ernsthafte Art, in der er mit ihr sprach, war beunruhigt und geschmeichelt zugleich. Die Worte kamen ihr fremd und geheimnisvoll vor, etwas schien sich zu verändern. Das kurze Gespräch schien Bernhard enorm viel Kraft gekostet zu haben, matt und blaß, mit kaltem Schweiß auf der Stirn, sank er in sein Kissen zurück. Leise brachte Anna das Frühstückstablett in die Küche und hörte dabei, wie die Großmutter mit der Hausärztin telefonierte. Diese hatte zuerst ihre Patienten in der Praxis zu versorgen und würde wohl erst am späten Vormittag kommen.
Nachdem sie Bernhard dann endlich untersucht hatte, wandte sie sich von ihm ab und flüsterte der Großmutter etwas zu: „Herzinfarkt, nein nicht einer sondern gleich mehrere. Er muß auf dem schnellsten Wege ins Krankenhaus. Jetzt ist wirklich Eile geboten. Bitte verlieren sie keine kostbare Zeit. Die Sachen, die er benötigt können sie später nach bringen."
Der Transport wurde für Bernhard zur Tortour. Krankenwagen gab es damals in unserem kleinen Ort noch nicht und so mußte er während der Fahrt sitzen anstatt zu liegen, wie es besser für ihn gewesen wäre. Kaum, daß Bernhard im Krankenbett lag, überfiel ihn eine grauenhafte Atemnot, die pure Angst zeichnete sein Gesicht und die Schwester rannte über den Flur, um das Sauerstoffgerät zu holen.
Als sie endlich wieder auftauchte, kommandierte sie: „Nur die engsten Angehörigen dürfen hier bleiben, alle anderen warten bitte draußen!"
Rums, die Tür war zu.
Anna gehörte zu den „anderen" und ihr wurde geraten, sich im Aufenthaltsraum ein wenig durch Fernsehen abzulenken oder das bunte Treiben im Aquarium zu beobachten, um auf andere Gedanken zu kommen. Vielleicht war das eine wirksame Methode, Menschen zu beruhigen, bei Anna funktionierte sie nicht.
Das war auch gar nicht notwendig, denn sie mußte nicht lange warten, bis die Tür zum Krankenzimmer wieder geöffnet wurde und ein Häufchen tränenüberströmter Menschen den Raum verließ. Sie mußte auch nicht fragen, die Situation war eindeutig. Sie mußte auch niemanden trösten, denn jeder fand schon bei einem anderen Trost und sie wollten mit ihrem Leid allein sein und ließen sie mit dem ihren allein. Stumm folgte sie den Trauernden und lauschte aufmerksam allem, was ihr über die letzten Minuten in Bernhards Leben Auskunft geben konnte.

Auch jetzt, beim Totenkaffee ist sie allein, in Mitten einer Menschenmenge einsam und unbeachtet. Anna schaut zaghaft über ihre selbst errichtete Mauer und kann die Welt nicht mehr verstehen. Der Mensch, der ihr der Liebste von allen ist, starb, wird nicht wieder wach werden, wird sie nie wieder in seine Arme schließen, ihr nie wieder tröstend sagen: „Nu Mädel, ist ja alles gut."
Die Welt ist aus den Fugen geraten und hier sitzen nun Verwandte, Freunde und Nachbarn bei Kaffe und Kuchen und plaudern über Alltägliches, als sei nichts Bedeutendes geschehen. So ganz nebenbei fallen Sätze wie: „Die Zeit heilt alle Wunden" oder „Wie gut für ihn, daß er nicht lange leiden mußte."
„Nicht lange leiden," hämmert es in Annes Kopf. „Was wißt Ihr denn schon darüber?" möchte sie laut schreien. Aus einem Gespräch der bei seinem Tode Anwesenden hatte Anna erfahren, daß Bernhard ganz zum Schluß keine Luft mehr bekommen hatte. Es muß furchtbar gewesen sein. Er hat alle seine Lieben ganz direkt angeschaut und mit letzter Kraft geröchelt: „Alle steht Ihr da und keiner kann mir helfen." Dann ist er regelrecht erstickt.

Anna baut die Mauer um sich herum beständig höher. Sie will nicht mehr sehen und hören, was da um sie herum geschieht. Oft geht sie in den Garten, streichelt die Wacholderbüsche, schaut in den Himmel und fleht: „Bitte laß mich ihn noch einmal sehen, nur ein einziges mal, nur ganz kurz, bitte! Lieber Gott, Du bekommst von mir alles, was Du willst. Ich verschenke alles, was mir wichtig ist. Ich gebe mir ganz große Mühe, mich auch immer an Deine Gebote zu halten, wenn Du es willst, werde ich sogar Nonne. Bitte, lieber Gott, bitte."
- Keine spürbare Reaktion
Anna schaut sich um, sucht nach Bernhards durchsichtiger Geistgestalt, hofft auf die Erklärung eines Engels, wartet darauf, daß Gottes Stimme aus einem brennenden Dornbusch zu ihr spricht.
- Nichts

Nach und nach verschenkt sie viele Dinge, die ihr lieb geworden sind, bemüht sich immer mehr, zu jedem Menschen freundlich und hilfsbereit zu sein und Gutes zu tun, wo es ihr möglich ist. Im Sommer sammelt sie Sträuße aus Mohn,
Getreideähren, Kamille und den von ihm so geliebten Kornblumen , um sie neben Bernhards Bild zu stellen. Die Zeit vergeht und langsam kehrt der Alltag wieder ein. Doch nicht für Anna. Sie pflegt weiter, die ihr zur Gewohnheit gewordenen Blumenrituale, unterhält sich mit Tieren und Pflanzen und gleitet Stück für Stück aus der Realität in eine Phantasiewelt. Von ihrer Familie wird sie im freundlichsten Fall milde belächelt, manchmal fällt auch das Wort „verrückt" und ihre Lehrer beschweren sich über ihre „Verträumtheit".
Niemand nimmt ihre Trauer ernst, reicht ihr die Hand, tröstet sie.
Da gibt es weit und breit kein menschliches Wesen, das sagt:
„Anna, Du darfst ruhig weinen, ich werde bei Dir sein und Dich halten und dann sagst Du mir, was Du auf dem Herzen hast. Ich höre Dir zu."


Anna glaubt, sie hat den einzigen Menschen auf der Welt verloren, der sie je wirklich geliebt hat.
Und Anna ist erst 7 Jahre alt.


Viele Situationen in ihrem Leben ließen Anna ihre Mauer nach und nach immer höher bauen.
Viele Menschen in Annas Leben bröselten geduldig Steinchen aus ihrer Mauer, um zu ihr durchzudringen zu können.
Für ganz besondere Menschen reißt Anna ihre Mauer ein.


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