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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
liEbE ??
Eingestellt am 19. 08. 2002 20:49


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para_dalis
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Der Muschelsucher

Es war sp├Ąt, aber nicht zu sp├Ąt und es w├Ąre ein Leichtes zu behaupten, dass ich das alles gar nicht beabsichtigte.
Was beabsichtigt man schon. Beabsichtigt man sich zu verlieben? Mit vorger├╝cktem Alter doch nicht mehr. Schlie├člich haben wir die Schmetterlingsphase l├Ąngst hinter uns. Es interessieren keine Schmetterlinge, wichtig sind nur der eigene Vorteil und Bauchf├╝hlen... was bittesch├Ân ist das denn?
Wollte ich nicht immer M├Ąnner mit „mein Haus, mein Auto. Mein Kontostand...“
?
Wollte ich das?
Es w├Ąre ein Leichtes zu behaupten, dass ich das alles gar nicht beabsichtige. Nat├╝rlich beabsichtige ich nicht, mit dem Gedanken an Liebe einzuschlafen, aufzuwachen, wachzutr├Ąumen.
Und doch gibt es da einen Muschelsucher.
Er, dieser Treibgutsammler hinterl├Ą├čt mehr Eindruck als so mancher Falter meiner erlebten Pubert├Ąt. Ich sehe ihn am Meer entlangschreiten, mit weit ausholenden Schritten, kein Wunder bei der L├Ąnge seiner Beine. Seine Arme geben seinen Beinen Befehle, beim Schreiten. So wirkt es auf mich, die ich ihn in der Ferne beobachte.
T├Ąglich ist er da am Ufer und scheint irgendwie auf der Suche zu sein. Auf der Suche nach Tang, Muscheln und auch Bernstein. Nach Strandgut. Ich wei├č nicht, ich habe das Gef├╝hl, dass er manches Mal m├╝de ist und sein Schritt schwer, trotz dieser gro├čen Schritte, die dann einer Flucht ├Ąhneln. Als ob er an einer Last zu tragen h├Ątte, die er gern dem Meer anvertrauen m├Âchte. Er legt die Last ins Meer und eilt davon.
Doch auch das Meer wehrt sich dagegen und ist mit der eigenen Weite besch├Ąftigt. Seine Lippen bewegen sich beim Gehen. Einmal bewegten sie sich so ausdrucksvoll, dass ich annehmen musste, er schrie ins Meer. ├ťbers Meer, unters Meer in eine andere Sph├Ąre. Er wollte seine Last von sich werfen, er wollte sie ertr├Ąnken, ers├Ąufen, vernichten. Er wollte sie in schwarzer Tiefe sehen. Gefesselt und f├╝r immer verschwunden.
Und das Meer warf wellenf├Ârmig seine Worte zur├╝ck an den Strand. Das Meer warf ihm seine eigenen Worte zur├╝ck.
Er ist gro├č. Und sein Haar wird bereits von silbernen F├Ąden durchzogen. Seine Haut straft seinem Haar L├╝gen. So glatt und wei├č und eben sind seine Beine, seine Arme und auch sein Oberk├Ârper. Manchmal entkleidet er sich in der Mittagshitze und ich denke, weil ich meinen Blick nicht abwenden kann: „Spannerin ich. Spannerin. Sieh doch endlich weg, sieh weg!“ Und doch kann ich nicht wegsehen, und ich sehe und sehe und sehe und sehe... Und ich bilde mir ein, ich k├Ânne ihn riechen, ihn schmecken. Seine Haut leicht salzig vom Geruch des Meeres.
Er, der Muschelsucher wei├č, dass Bernstein nicht leicht zu entdecken ist und seine Kostbarkeit hinter verkrustetem Sand und gr├╝nlich, schwarzem Algengewirr verbirgt. Und dennoch erkennt er das Leuchten des Steines und b├╝ckt sich in seiner ganzen L├Ąnge um dieses Gelbgold zwischen seine Finger zu nehmen. Seine Finger. Seine H├Ąnde. Ich w├╝nschte mir, Treibgut zu sein und von ihm aufgenommen zu werden. Ich, in meinem Haus am Meer. Gut gesch├╝tzt vor Sturm, gut gesch├╝tzt. Ich brauche mich ja nicht ans Ufer bewegen, nicht wahr? Vielleicht sollte ich mich ins Meer legen? Mich ans Ufer sp├╝len lassen? Doch ich war in meinem Haus am Meer und beobachtete den Muschelsucher. In sicherer Entfernung. Und ich w├╝nsche mir doch nichts sehnlichster, als das dieser Mann endlich erkennt, dass ich ein Bernstein bin.
Und gefunden werden m├Âchte. Und sacht von ihm ber├╝hrt werden m├Âchte. Z├Ąrtliche Finger, die behutsam all den verkrusteten Sand der Gezeiten entfernen. In der Bewegung innehalten. Mich voller Ungeduld erzittern lassen, voller Ungeduld nach weiteren Ber├╝hrungen seiner H├Ąnde. Und seine H├Ąnde, die sich weiter tasten, im Bem├╝hen, mein Leuchten zum Vorschein zu bringen.
Oder bin ich doch ein „H├╝hnergott“?
Eine H├╝hnerg├Âttin?
Eine der Vielen, die man im Sand findet, ohne das man genauer hinsehen will oder hinsehen muss, um sie aufzunehmen. Mitzunehmen, um sie im Weidenkorb zu den andern zu legen. Dort, wo sie dann verstauben und man achtlos an ihnen vor├╝bergeht. Sie nicht mal mehr bemerkt. Ein Stein, an dem man schwer tr├Ągt. Solang schwer tr├Ągt, bis der Stein bei den anderen Steinen im Weidenkorb liegt. Ein Stein oder zehn? Wie viele Steine liegen da?
Da im verstaubten Weidenkorb.
Wei├č der Muschelsucher, dass H├╝hnerg├Âtter einst am Leben waren?
...
..
.
Vor langer, langer Zeit, als die Welt noch nicht von Menschen besiedelt war,
lebten am Wasser ausschlie├člich H├╝hner. Sie bauten keine Nester in den Sand, in die sie liebevoll ihre Eier legten. Sie lie├čen ihre Nachkommen einfach in den hei├čen Sand fallen und beachteten sie nicht weiter. Diese H├╝hner waren auch nicht wei├č oder braun oder geflammt oder angenehm anzuschauen.
Sie waren schwarz und von plumper Gestalt. Und sie hatten auch keine Federn, sondern dicke, borstige Stacheln, die straff ├╝ber ihrer Haut gespannt waren.
Es waren keine normalen H├╝hner, es waren Monster. Gro├če und kr├Ąftige Monsterh├╝hner. Und sie waren ├Ąu├čerst aggressiv. Sie waren gefr├Ą├čig. Ihre Gier war grenzenlos und es kam wohl auch vor, dass sie ihre eigenen Eier fra├čen. Ihre eigenen K├╝ken. Die jedoch nicht weich und flaumig und zartgelb waren, sondern ebenso schwarzborstig wie diejenigen, von denen sie achtlos im Sand abgelegt wurden.
St├Ąndig flatterten diese Monster wild umeinander, stritten sich um das gr├Â├čte Korn, stopften sich herangesp├╝ltes Strandgut gierig in den Schlund. Sie fra├čen alles. Ob Fisch ob Sand ob Tang. Ob Stein ob Sand ob Ei.
Und ihr Geschrei und Gegacker war so schrill, das dem Einhalt geboten werden musste.
├ťber dem Wasser und dem Sand und dem Land lebte ein alter, weiser Gott
Er hatte diese H├╝hner geschaffen in der Hoffnung auf eine Bereicherung, einer Abwechslung. Vielleicht hat er die H├╝hner auch nur zum Sinne der Nahrungsaufnahme geschaffen? Wer wei├č das schon. Vielleicht dachte er an saftige H├Ąhnchenschenkel. Vielleicht dachte er auch nur an s├╝├če, flauschige K├╝ken?
Jedenfalls war seine Sch├Âpfung mi├čraten und tagaus tagein ├Ąrgerte er sich dar├╝ber. Er legte seine Stirn in Falten, stapfte mit den F├╝├čen auf die Erde. Er wurde zornig.
Und eines Tages schrie er seinen Zorn heraus. Und er verfluchte sie.
„Ihr, die ihr gierig und b├Âsartig am Wasser lebt, Ihr, die ihr vor nichts haltmacht, Ihr, die Ihr Euch gegenseitig vernichtet sollt zu Stein werden!! Da wo euer Herz ist, ihr gefr├Ą├čigen Monster, da wo euer Herz ist, soll ein Loch sein. Ein Loch, durch das die Gezeiten sp├╝len. Ihr sollt versteinern und Euer Herz soll ein Loch sein!!“

Und so geschah es.
Die H├╝hner wurden zu Stein. Und da,
wo einst ihr Herz war, wurde ein Loch durch das die Gezeiten flie├čen.
...
..
.

Der Mann,
der mit dem Haus und dem Auto und dem Kontostand
?
fordert Einlass. Einlass in mein Herz.
Mein Herz ist ein Loch.
?
Er steht in meiner N├Ąhe, abrufbereit. Nur eine winzige Geste, ein Blick meiner Augen w├Ąre ausreichend und ich brauchte mir keine Gedanken mehr um meinen nichtvorhandenen Reichtum zu machen.

Und ich beobachte den Muschelsucher.
Er,
der Bernstein erkennt. Der Bernstein erkennt, auch wenn er verkrustet tief im Sand vergraben liegt. Und ich lege mich ins Meer und lasse mich ans Ufer treiben.
┬ę Heike Hultsch


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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo paradalis

nachdem ich deinem werk "realit├Ąt" (die korrekte schreibweise erspare ich mir) nicht viel abgewinnen konnte, bin ich nun doch ├╝berrascht; eine sch├Âne geschichte hast du da geschrieben.
kritikpunkte:
"
Und ich beobachte den Muschelsucher.
Er, der Bernstein erkennt. Der Bernstein erkennt, auch wenn er verkrustet tief im Sand vergraben liegt. Und ich lege mich ins Meer und lasse mich ans Ufer treiben.
"
den dritten satz w├╝rde ich weglassen, inhaltlich und vom rhytmus der geschichte her. au├čerdem (ganz gro├čer smily), k├Ânnte dem leser an dieser stelle die frage einfallen, warum der bernstein verkrustet ist. ein sp├Ątes m├Ądchen, dem verh├Ąltnisangebote von reichen m├Ąnnern gemacht werden, ist da wenig wahrscheinlich (noch gr├Â├čerer smily).
warum hei├čt der bernsteinsucher im 2. titel muschelsucher? (den treibgutsucher wegen des sch├Ânen bildes aber unbedingt beibehalten.)


allgemein: letztes gen├Âhle f├╝r heute, deine schreibweise der titel erweckt zwar aufmerksamkeit, aber die form und der inhalt der geschichten sind, und das ist absolut nicht abwertend gemeint, bei weitem nicht so experimentell wie die titelschreibweise.

ansonsten bin ich sehr gespannt auf deine n├Ąchste geschichte

gru├č

rainer

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