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Leselupe.de > ErzÀhlungen
meine Stadt
Eingestellt am 03. 07. 2007 01:32


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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Hier bin ich. Wieder da. In einer Stadt, die weder meine Wahlheimat ist, noch zu der ich gezwungen wurde. Ich bin wieder da.
Noch habe ich an meinen Schuhen den Staub der Strassen von Izmir. An meinem Kleider ruht noch mein Schweiß, ein werk der ÄgĂ€ischen Sonne. Eine große Tischdecke, luftig und zart, gehĂ€kelt in den HĂ€nden meiner Tante, gefĂŒllt mit dem Augenlicht meiner Tante, kleidet wohl und edel meinen Tisch.
Wieviel Kilometer Faden es gewesen sein muss, was ĂŒber ihren linken Zeigefinger gelaufen ist, bis dieses wundervolles Ding fertig war? Milimeter fĂŒr Milimeter, wieviel Gedanken mĂŒssen in ihrem Kopf durch gegangen sein, wĂ€hrend sie hĂ€kelte?

Aus meinem Koffer, den ich einfach nicht vollstĂ€ndig ausrĂ€umen kann, hĂ€ngen so allerlei Farben, Muster, Spitzen, Spitzen und Spitzen... Meterlang TrĂ€ume, Gedanken, SĂ€ufzen, TrĂ€nen. Meterlang, nein unermĂ€ĂŸlich schillerndes Leben. Und unter Ihnen hĂ€ngt der BĂŒstenhalter, den ich in Izmir gekauft habe. Er ist auch aus Spitze. Auch an ihm hĂ€ngen meterlang Gedanken, TrĂ€umen... Auch an ihm hĂ€ngen das SĂ€ufzen der Fabrikarbeiterinnen, die ich nicht kenne. Doch er trĂ€gt vor allem die leichte BerĂŒhrung meiner Mutter, die ich kenne, die ich nicht aus meinem GedĂ€chtnis nicht weg bekomme. Die ich behalten will.

Was tue ich hier? Was bedeutet mir denn diese Stadt, in der ich nicht einmal mich traue, meinen Koffer auszupacken?

An dem BĂŒstenhalter sitzt noch die BerĂŒhrung meiner Mutter. BĂŒstenhalter, Marke "Kom", beliebt, bewĂ€hrt, teuer. Hatte sie je so einen?
Meine Mutter?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, ob sie je einen BĂŒstenhalter, Marke Kom besitzt hat? ich bilde mir ein, dass ich diese Marke von ihr hörte, "wie gut sie doch sitzt!".
War es nur ein Traum von ihr? Den sie aus ErzÀhlungen Anderer getrÀumt hat?
Ich weiß es nicht!
Dieses Nichtwissen macht mich traurig.

Ich war an ihrem Kranken Bett gekommen, hatte mich hingesetzt und hob meine Bluse hoch und zeigte ihr meinen BĂŒstenhalter. "Schau, heute gekauft. HĂŒbsch, nicht?".
Ihr, einst sehr helles LĂ€cheln, jetzt sehr schief, trĂŒb und mĂŒhevoll, breitete sich in ihrem Gesicht. Sie streckte ihren weniger kranken Arm zu mir. Mit ihre weniger kranken Hand berĂŒhrte sie die TrĂ€ger des BĂŒstenhalters so, als wĂŒrde sie sie streicheln. Dann nahm sie meine Bluse und rĂŒckte sie zurecht. Mit liebe zum Detail versteckte sie die TrĂ€ger unter den Schultern der Bluse. Dann klopfte sie an meine Brust.
Sie klopfte und klopfte an meine Brust.

Was mache ich denn hier? Noch bin ich an ihrem Krankenbett. Noch habe ich nicht genug erfahren, noch nicht genug erzĂ€hlt. Jetzt weiß ich, was ich ihr noch erzĂ€hlen könnte.

denn,

einige Tage bevor meine Mutter endgĂŒltig ihre Sprache verlor, unterhielten wir uns ĂŒber dieses und jenes. Unter anderem ĂŒber mich.
- .........
- .........
-Wo lebst du?
-In Deutschland, Mama.
-Das weiß ich doch. Wo dort?
-Ich lebe in Rosenheim, Mama.
-Das weiß ich. Wo, dort?

Sie gab sich große MĂŒhe, sich verstĂ€ndlich auszudrĂŒcken. Ihre Zunge, die in Begleitung ihrer sanften Stimme unsere Sprache majestĂ€tisch zu formen wußte, verlor auch ihre KĂŒnste.
Ich schĂ€mte mich dafĂŒr, dass ich kurz dachte, sie habe wohl vergessen, wo ich lebe. Sie war doch nur krank. Ihr Körper hatte bereits vor Jahren die Bewegung nur an einem Arm und an einem Bein ĂŒberlassen. Ihre, einst flinke Beine lagen schon so lange nebeneinander, ohne Ahnung voneinander, lang gestreckt auf ihrem Krankenbett.
Ich hielt ihre Hand. Ohne Kraft drĂŒckte sie meine zurĂŒck.
Diese HĂ€nde, jetzt sehr klein und beinahe leblos, bedienten nicht nur in voller Sorgfalt die Maschienen in der staatlichen Textilfabrik, dreißig Jahre lang und zwanzig davon in drei Schichten, sondern sie hielten BĂŒcher in der selben sorgfalt. In der selben Sorgfalt beherrschten sie das Weberknoten, in der selben Sorgfalt haben diese HĂ€nde Kleider fĂŒr uns Töchter aus den selbstgewebten Baumwolle geschneidert.
Ihre Haut auf der Hand war ĂŒberall blasrosa mit ein Hauch Gelbstich darin, blasblau schimmertem ihre Adern durch.
Nur ihre Augen!
Sie waren gleich geblieben. Klar und gĂŒtig, wie ihr Herz und Verstand. Nein. Sie hatte nicht vergessen, wo ich lebe. Sie hatte nur Schwierigkeiten mit dem Spr...
mir war sehr schwer ums Herz. Sie schaute mich mit ihren klaren Blicken an, etwas unsicher wegen meiner nachdenkliche Stille, sagte sie mĂŒhsam;
-wie ist die Stadt?
irgendwie, wußte ich plötzlich, was ich zu erzĂ€hlen hatte. Plötzlich war mir klar, worum es in ihre Frage ging:
-im Rieder Garten, Mama, sagte ich,
-gibt es ein Kanadischer Maulbeerbaum.
-wie in Eregli?
-Genau wie in Eregli. Der Baum heißt bloß "Kanadasicher" Maulbeerbaum. Er lĂ€sst seine BlĂ€tter und seine reifen FrĂŒchte auf den BĂŒrgersteig, auf die Strasse fallen. Also auf den Boden, Mama, genau wie in Eregli.
-Wie ĂŒberall auf der Welt.
-Ja, Mama, wie ĂŒberall auf der Welt.
Und wie ĂŒberall auf der Welt, Mama, zertreten die Passanten die FrĂŒchte. Dort entstehen Flecken. Weißt du Mama, an einem Tag, wo ich mich sehr schlecht fĂŒhlte und deshalb eher meine FĂŒĂŸe ansehend vor mich hin lief, sah ich diese Flecken. An den Flecken habe ich den Baum erkannt. Ich schaute hoch, und siehe da! An dem Baum war auch die Heiterkeit!
-............
Sie dachte noch etwas nach. Dann stellte sie gĂŒtig fest:
-Rosenheim ist schön!
-ja, Mama, sagte ich. Sie ist sehr schön.

Diese Stadt! Sie hĂ€tte bestimmt gerne erfahren, wo die Post ist? Ob ich sie leicht erreichen kann? Denn sie wußte, dass ich gerne Briefe schreibe. Sie hĂ€tte auch gerne gewußt, ob es hier ein kleines Theater gibt, so einen wie in Ankara? sie liebte, mich Spielen zu sehen. Sie hĂ€tte gerne wissen wollen, ob ich viel Wasser sehen kann, wann ich will? Denn sie wußte von meiner Verliebtheit in die Stadt Antalya, am Meer.
Ich habe doch noch so vieles zu erzÀhlen.
Mama, es gibt hier Post, die ich zu fuß erreiche, ein Theater, wo ich gerne bin. Es gibt hier Seen, einen Fluß, WĂ€lder, Berge in der NĂ€he...

Nichts kann ich ihr mehr erzĂ€hlen. Ein Tag nach ihrem BegrĂ€bnis in Izmir, ihre Wahlstadt fĂŒr ihr Grab, weil sie nicht begreifen konnte, warum eine Leiche zu ihrem Gemahl, der ja auch beerdigt war, nach Antalya hingebracht werden sollte, bin ich geflogen.
Ganz im Sinne Ihrer Worte;
"Du bist mein Zugvogel!"

Diese Stadt! Nicht meine Wahlheimat, zu der ich aber auch nicht gezwungen bin..., ich werde dieser Stadt von meiner Mutter erzĂ€hlen. Ich werde den Maulbeerbaum, die Post, das Theater, die Seen, den Fluß, die Berge, die WĂ€lder... davon in Kenntnis setzen, dass meine Mutter hier fliegt, mein engel
mit ihrem Engelsgeduld.

Manchmal braucht es nicht viel, eine Stadt zu eigen zu machen.


klara


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klara

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Liebe Klara,

Deine Geschiche hat mich sehr berĂŒhrt. Zwischen all den Zeilen konnte ich die Liebe zu Deiner Mutter spĂŒren und die Trauer, dass Du ihr nun nichts mehr ĂŒber Rosenheim (ich kenne diese Stadt am Fuße der Alpen) erzĂ€hlen kannst. Die Trauer darĂŒber, dass Du zu ihren Lebzeiten noch nicht fĂ€hig warst, ihr all das zu sagen, was Du ihr noch erzĂ€hlen willst. Nun wird sie Dich als Engel begleiten und Deinen Gedanken lauschen, wann immer Du willst.

Bei Deiner Geschichte wurde es mir ganz warm ums Herz. Ich habe sie sehr gerne gelesen! Ich finde ich es faszinierend, wie emotional Du auf Deutsch schreiben kannst! Da ich selbst im Ausland lebe, weiß ich, was es bedeutet, in einer fremden Sprache zu schreiben...

GrĂŒĂŸe von der Haremsdame
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