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Leselupe.de > Erzählungen
mph
Eingestellt am 22. 09. 2004 00:02


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brain
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78mph. Tendenz steigend.

Joe Joe beschleunigte den Plymouth. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er war auf dem Weg zur Kaserne in Willington, um die Nachtschicht anzutreten und war wieder einmal verdammt knapp davor, zu spät zu kommen. Der Motor heulte alarmierend auf, doch das Getriebe schluckte was an Gängen kam.
„Scheiße“, schrie Joe Joe die Kiste an.

83mph. Tendenz stetig steigend.

Eigentlich war er ja auf sich selbst sauer. Wenn er heute wieder zu spät zum Dienst erschien, würde Lt. McCallister ihm einen Monat Küchendienst aufbrummen und das war wirklich ein Knochenjob. Soldaten hinterließen den Essensraum einer Kaserne in einem ebenso schlimmen Zustand wie Frauen die Toilette einer Tanzbar. Das ersparte man sich lieber, denn dagegen war hysterisches Schlammkraulen bei eiskaltem Novemberregen ein vergnüglicher Sonntagsspaziergang.

89mph. Tendenz verbissen steigend.

Herbstlaub wirbelte auf, als der Wagen die Straße entlangschoss. In nicht einmal neun Minuten musste Joe Joes Personalkarte in der Stechuhr stecken, koste es was es wolle. Gegen seine Gewohnheit hatte er nicht einmal das Radio eingeschaltet. Stumm ruckelte der Horizont auf die Windschutzscheibe zu. Joe Joe konnte das Dröhnen des Motors in seinen Beinen spüren, doch er war zu sehr auf die Straße fixiert, um dies zu bemerken. Der Plymouth war ein Mähdrescher der Asphalt erntete. Joe Joe war Joe Joe, wie er leibte und lebte und genau das war das Problem. Verdammt. Immer diese Hektik. Er bekam es nie gebacken, sich seine Zeit so einzuteilen, dass er pünktlich den Dienst antreten konnte, ohne sich abhetzen zu müssen. Hätte er sich nach Ports Hope verlegen lassen, als er letztes Frühjahr die Gelegenheit dazu gehabt hatte, dann hätte er sich zwar mit einer kleineren Wohnung abfinden müssen, doch dann wäre er nur drei Meilen von der dortigen Kaserne entfernt gewesen. Allerdings fand Joe Joe, dass sieben Jahre eine zu lange Zeit waren, um auf so etwas Essentielles wie Wohnkomfort zu verzichten. Dafür nahm er dann doch lieber den längeren Anreisweg in Kauf.
Manchmal wünschte er sich, er wäre nie aus Arizona weggezogen, aber er war es nun einmal.

94mph. Tendenz langsam steigend.

„Komm schon…FUCK…“
Bäume säumten den Fahrbahnrand. Hier, auf diesem Teil der Strecke, war der Scarwood über die Grenzen und Begrenzungen des Straßenbauamtes gewuchert, unbeschnitten und ungehindert. Laub bedeckte die Straße. Joe Joe dachte, dass er noch etwas drei oder vier Minuten haben müsste, um die Kaserne zu erreichen und wusste, dass das unmöglich zu schaffen war.

95mph. Tendenz stockend steigend.

Er sah den Baum, der auf die Straße gefallen war, zu spät.
Bei Joe Joe war anscheinend alles zu spät, nicht nur sein Erscheinen.
„Was…“

96mph. Tendenz…

Mit einem alles zerschmetternden Aufschlag bohrte, sich der Kühler in den Baumstamm. Wie ein Buch, das ein Riese zusammenklappte, beschrieb der Wagen einen halben Looping und krachte mit dem Dach auf den Asphalt. Glas detonierte. Knochen brachen. Die Karosserie verformte sich durch den Aufschlag und drückte die Kabine zusammen, sodass Joe Joe zwischen Sitz und Lenkrad eingequetscht wurde. Ein Kopf stehendes Sandwich auf Rädern.

0mph. Konstant.

Die Stechuhr wartete vergebens, doch das spielte keine Rolle mehr.

+

Joe Joe erwachte.
Das erste Gefühl, dass er hatte, waren Klumpen, die er schluckte. Ein paar seiner Vorderzähne hatten sich verabschiedet und waren auf dem Weg in Joe Joes Magen. Blut und Schleim, in einem Fluss. Das erschwerte das Atmen ganz beträchtlich, ganz zu schweigen davon, dass der Wagen auf dem Dach lag.
Es war finstere Nacht. Ein schüchterner Halbmond klebte in der Schwärze des Himmels, doch das konnte Joe Joe nicht sehen. Glassplitter steckten in seinen Augen. Die Schmerzen, die nach der tröstenden Ohnmacht, aufloderten, waren unvorstellbar. Sein Körper schien zu brennen und seine Beine loderten am Hellsten. Sie waren mehrfach gebrochen. Da würde höchstens amputieren noch was bringen. Joe Joe versuchte zu schreien, doch er konnte es nicht. Er musste aufpassen, nicht an seinem eigenen Blut zu ersticken. Geblendet und zerstört erhob er eine Stimme in seinem Kopf und betete.
„GOTT…BITTE…HILFE.“
Mit einem Klicken schaltete sich das Radio an.
„…sind sie wieder da, denn tot Geglaubte, leben bekanntlich am Längsten. Von ihrem neuen, alten, verschollenen und wieder entdeckten Album NAKED: The Beatles mit GET BACK.“

+

78mph. Tendenz steigend…

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