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Eingestellt am 28. 03. 2004 13:48


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Tochter des Ozeans
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Der falsche Stern

Mein Herz schlug immer lauter. Ich hörte den Puls in den Ohren schlagen. Reglos stand ich da, mir war heiß und kalt zugleich. Ich spĂŒrte, wie meine Knie nachgaben, zu zittern begannen. Mein trockener Mund rang vergeblich nach Worten, mein Blick war von ihren Lippen gefangen. Ich merkte nicht, wie die Zeit verging, ich weiß nicht, wie lange wir uns so gegenĂŒber standen – heute weiß ich nur, dass es mir wie eine Ewigkeit vorkam. Eine kurze Ewigkeit, die mein Leben schlagartig verĂ€nderte.
"Jetzt sag doch was!" bat sie mich, doch ich befeuchtete lediglich meine Lippen. Langsam fand ich wieder zu mir, nahm sie wieder wahr. Ich löste mich aus meiner Erstarrung und zog mich schweigend in meinem Zimmer zurĂŒck.

Inzwischen ist mir dies unangenehm, peinlich. Meine GĂŒte, was war ich damals egoistisch gewesen. Naiv? Nein, ich glaube nicht. Ich hatte mich in eine Traumwelt geflĂŒchtet, aus der man mich augenblicklich heraus gerissen hatte. Ich floh gerne von der Wirklichkeit. Und je brutaler sie mir vorkam, desto weiter entfernte ich mich von mir selbst.

Noch heute spĂŒre ich diesen stechenden Schmerz, als mir meine Schwester erklĂ€rt hatte, dass ich ausziehen solle. Was? Ja, natĂŒrlich ist das normal – fĂŒr jeden ist einmal die Zeit gekommen, das Nest zu verlassen. Und nun sagte mir eben meine Schwester, dass sie ausziehen wolle. Meine Schwester? Sie doch nicht...?
Ich hatte geglaubt, niemals von ihr getrennt zu werden. Hatte in der Vorstellung gelebt, ewig mit ihr zusammen zu sein. Wissen Sie, wir waren mehr als nur Geschwister. Sie war alles fĂŒr mich. Von ihr habe ich alles erfahren, was MĂ€nner ĂŒber Frauen wissen sollte. Doktorspiele? Das lasse ich lieber unbeantwortet. Nein, wir waren uns nah. Ich war ihr nah. Sie war mein Stern. Mein Alles. Aber damals, in diesem Moment, in dem sie mir von ihrem Beschluss erzĂ€hlte, schien sie mir der fremdeste Mensch zu sein.

Ich habe ihr alles erzĂ€hlt, so wie immer, dachte ich. Ich glaubte, wir wĂ€ren uns nah und vertraut. Doch ich irrte mich. So hatte ich mich mein ganzes bisheriges Leben geirrt. Ich war ihr nah, sie mir nicht. Dass ich abhĂ€ngig von ihr war, hatte ich nicht erkannt. Dass sie fĂŒr mich mein eigener Lebenseininhalt war, nahm ich nicht wahr. Wollte ich nicht wahrhaben. Und jetzt? Jetzt sollte ich sie verlassen.
Da sie merkte, dass es mir unmöglich erschien auszuziehen, suchte sie sich nach einer Wohnung um. Ich könne dort wohnen bleiben, meinte sie. Es wÀre auch OK, wenn sie die umzöge.
Ich schaffte es jedoch, ihr jeden Termin mit diversen Vermietern zu vermasseln. Ich weiß nicht mehr genau was ich getan oder gesagt habe, sie bekam jedenfalls keine Wohnung und so wohnte sie weiterhin mit mir zusammen.


Im Laufe der nĂ€chsten Monate kettete ich mich noch stĂ€rker an sie. Ich hatte Panik sie zu verlieren, wollte nicht, dass sie sich eine eigene Wohnung sucht. Meine Schwester war jedoch nicht dumm und kam schnell hinter meine LĂŒgen. So jagte ich tĂ€glich nach neuen Methoden, Ausreden und Idee die uns nĂ€her bringen und von einer Wohnung fĂŒr sie entfernen sollten.
Ich begleitete sie zu GeschĂ€ftsterminen, holte sie vom Kino ab, ließ sie niemals alleine einkaufen. Ihre Freunde waren meine Feinde. Sie wollten mir meine Schwester nehmen, Zeit mit ihr verbringen. Deshalb erfand ich LĂŒgen um sie vor meiner Schwester schlecht zu machen oder richtete ihre Nachrichten, wenn meine Schwester nicht zuhause war, nicht aus.
Nachdem sie vier Monate nach einer Wohnung gesucht hatte, jedoch nie fĂŒndig wurde, gab sie die Suche auf.

Ich begann mich, in allem was ich tat, nach meiner Schwester, meinem Stern zu richten. Ich kopierte alles von ihr, ĂŒbernahm ihre Meinung, ihre Redeart, ihre Gestiken. Ich versuchte sogar ihr GefĂŒhle zu empfinden. Ich wurde von ihr abhĂ€ngig, konnte nicht mehr ohne sie. Alles, mein ganzes Leben, konzentrierte sich auf sie.
Meine AbhĂ€ngigkeit von ihr fĂŒhrte mich soweit, dass ich 1998 in eine Klinik musste. Diagnose: Schwere Depressionen, Verwirrung, Verlust des RealitĂ€tsempfinden. Ich hatte eigentlich nicht den Eindruck, depressiv zu sein. Ich war nur etwas stiller als die anderen, lachte nicht so viel. Verwirrt war ich eigentlich auch nicht. Ich lebte doch einen ganz normalen Alltag. Von außen schien alles normal. Nur, dass ich mich nach meiner Schwester sehnte; immer, zu jeder Zeit.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich mich damals in der kalten Wanne lag. Dass mir die ZĂ€hne geklappert hatten, hatte ich nicht bemerkt. Ich erinnere mich nur, dass mich ein Mann aus dem Wasser hob, mich trocken rieb, mich ankleidete, ins Bett legte und sagte, ich solle schlafen. Ich gehorchte, und als ich wieder aufwachte, fand ich mich in einem schönen, hellen Zimmer, mit Blick auf einen See, wieder.
WĂ€hrend ich in der Klinik lebte, redete ich viel ĂŒber mich selbst, lernte mich besser kennen und lernte viele interessante Menschen kennen. Zehn Monate verbrachte ich im Haus, mit Blick auf den See. Dann zog ich wieder zu meiner Schwester.


Ich fand einen gut bezahlten <a href="http://www.ntsearch.com/search.php?q=Job&v=55">Job</a> in einer Fabrik fĂŒr HaushaltsgerĂ€te. Ich verstand zwar nichts von Maschinen, Technik und all dem Kram, aber ich tat meine Sache ganz gut. Auch meine Kollegen waren freundlich und ich musste nur sieben Stunden arbeiten; das Geld reichte.
In meiner Freizeit fuhr ich viel mit dem Rad. Da wir jedoch in einer Großstadt wohnten und man nicht so schnell in der Natur war, begann ich meine Schwester im Atelier zu besuchen. Ach so, hatte ich noch gar nicht erwĂ€hnt – sie war Malerin. Sie malte wunderschöne Bilder. Ich war stolz auf sie und ich sah ihr gerne beim Arbeiten zu. Dass ihre Bilder immer grauer und verschwommener wurden, dass sie meist weinende oder stille Menschen malte, war mir nicht so aufgefallen. Ich tat meinen <a href="http://www.ntsearch.com/search.php?q=Job&v=55">Job</a> und genoss ihre Gegenwart.

September 2000 wurde ihr ein großer Auftrag ĂŒbergeben. Ich weiß nicht mehr fĂŒr wen, ich erinnere mich nur, dass sie sehr viele schwarze Menschen malte. Ihr schien die Arbeit zu gefallen, sie verbrachte immer mehr Zeit im Atelier, sie blĂŒhte auf. Doch dann, zu Beginn des neuen Jahres bekam sie Angst dem Auftraggeber nicht gerecht zu werden und den Termin nicht einhalten zu können. Deshalb klatschte sie bis spĂ€t in die Nacht Farbe auf die LeinwĂ€nde, ich hatte das GefĂŒhl, sie malte, wie am Fließband.
Ihre Bilder wurden immer perfekter und jedes Mal wenn ich sie besuchen kam, strahlte sie ĂŒbers ganze Gesicht, prĂ€sentierte mir ihre neusten EntwĂŒrfe.
Ich versuchte so oft es ging, bei ihr im Atelier zu sein. Ich brachte ihr Essen, die Zeitung, welche sie allerdings nur zum Testen ihrer Farben verwendete, die Post und erzÀhlte ihr von meiner Arbeit. Sie ermahnte mich selten still zu sein, und wenn sie es tat, gehorchte ich.

Es war ein Freitag. Ich kam ich nach der Arbeit zu ihr. Die Sonne erhellte das Zimmer und warf Lichtstrahlen auf ihre Bilder, wodurch diese noch harmonischer wirkten.
Die Harmonie wurde von ihren Worten zerstört. "Es ist Zeit. Es geht dir wieder gut. Du musst dir eine Wohnung suchen." sagte sie knapp. In den ersten Minuten spĂŒrte ich nichts. Ich verkrampfte mich nicht, schrie nicht auf. Ihre Worte hallten durch meinen Kopf.
Sie saß mit dem RĂŒcken zu mir, malte und fuhr fort: "Ich habe auch schon ein Zimmer fĂŒr dich... Es ist schön und mit dem Bus bist du in einer Stunde bei mir." Ich erhob mich vom Stuhl, trat nĂ€her an sie heran und sah ihr ins Gesicht. Schweiß tropfte von meiner Stirn. Angstschweiß. "Du wirst in einem hellen Zimmer wohnen, mit eigener KĂŒche, eigenem Bad. Und damit es dir wieder gut geht, besuchst du drei mal die Woche Tim Anderson." Sie tupfte ihren Pinsel in die blaue Farbe. "Wer ist Tim Anderson?" fragte ich, meine Stimme zitterte. "Er wird dir helfen. Er wird dich verstehen." Ich murmelte ein paar unverstĂ€ndliche Worte und verließ das GebĂ€ude. Die Luft wehte mir kĂŒhl um den Kopf und die Vögel zwitscherten. Dann rannte ich los...
Den ganzen Nachmittag war ich gerannt. Verschwitzt kam ich nach hause.
Nach drei Tagen packte ich meine Sachen und zog um. Ich fĂŒhrte ein langes GesprĂ€ch mit Tim. Ich begriff, dass ich nur die Wahl hatte zwischen ihm und der Klinik. Etwas anderes gab es nicht. Ich entschied mich fĂŒr Anderson.
Mit Tims Hilfe lernte ich mich besser kennen. Ich hatte mich nie als eigenstĂ€ndigen Menschen gesehen und erst bei ihm wurde mir dies klar. Es war harte Arbeit und oft tat es weh. Die Angst, mich von meiner Schwester zu lösen, mich selbst zu entdecken, war groß und oft wachte ich nachts, schweißgebadet auf. Doch ich mochte Anderson und so schaffte ich es, wurde endlich, mit 25 Jahren, erwachsen.

Inzwischen haben meine Schwester und ich ein gutes VerhĂ€ltnis aufgebaut. Es kostete viele TrĂ€nen, verletzende Worte. VorwĂŒrfe haben uns von einander entfernt und nah gebracht. Wir haben uns viele, viele Briefe geschrieben, lange Telefonate gefĂŒhrt.
Ich liebe sie, aber sie ist nicht mehr "mein" Stern. Sie ist "ein" Stern.

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katia
???
Registriert: Jan 2004

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hallo

hallo tochter des ozeans,

dein text hat mir sehr gut gefallen. habe einen flĂŒchtigkeitsfehler entdeckt. du hast geschrieben dass die erzĂ€hlerin ausziehen solle, spĂ€ter aber wird klar, dass es die schwester ist, die ausziehen will:
"...Schwester erklĂ€rt hatte, dass ich ausziehen solle. Was? Ja, natĂŒrlich ist das normal – fĂŒr jeden ist einmal die Zeit gekommen, das Nest zu verlassen. Und nun sagte mir eben meine Schwester, dass sie ausziehen wolle. Meine Schwester? Sie doch nicht...?"

liebe grĂŒĂŸe
katia
__________________
(kas)

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Tochter des Ozeans
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Ja, erst will sie, dass ich ausziehe. Aber dann merkt sie, dass ich es nichts kann, nicht dazu bereit bin. und deshalb will sie ausziehen.

Hab ich wahrscheinlich mehr gedacht, als geschrieben......

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