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Leselupe.de > Erzählungen
unendliche Sonnenuntergänge
Eingestellt am 20. 05. 2003 17:37


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mye
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Es gab Zeiten in meinem Dasein, in denen habe ich einen Sonnenuntergang als wärmend angesehen. Bis zuletzt überkam mich bei einem solchen Anblick Furcht; ich dachte überdimensional... ich musste an Bedrohung denken, an Weltuntergang.

Wie soll ich den Zustand beschreiben, der mich umkreiste? Ich bin mir ja nicht einmal sicher, ob ich überhaupt darüber sprechen möchte. Und will es denn jemand hören? Interessiert sich ein Mensch für meine Gedanken? Es werden Tag für Tag unendliche (“unendlich” welch ein gefährliches Wort) Gedanken gedacht, warum sollten die meinen eine bestimmte Bedeutung tragen? Damals hat mir doch auch niemand zugehört.

Es vergingen durchaus Stunden, die ich gerne mit Gesprächen gefüllt hätte. Auch ich kannte den Willen zur Loslösung. Zumindest dann, wenn die Angst wieder einen Schritt in den Hintergrund tat. Und war es nur ein geringer so stellte sich für mich dennoch der erfüllende Effekt ein wie bei einem Menschen, der tagtäglich erbarmungslos ausharrenden Schmerzen ergeben ist und zwischenzeitlich Tage verlebt, an denen sie erträglich sind. Der erwähnte Hintergrund ist nur ein helles Wartezimmer... das ist mir mittlerweile klar geworden. Es ist jedoch nicht verwunderlich, dass ich gerade in diesen warmen Stunden (dann offenbart auch ein Sonnenuntergang seine Magie) keinen zweiten Stuhl an meinen Tisch stellen konnte... ich besaß bewusst nur einen. Wie kann ein Mensch, der das “Leben” nur allein ertragen kann, seine Empfindungen preisgeben; warum werden Selbstgespräche mit einem solch kritischen Auge betrachtet? Manche Menschen finden darin Hilfe, leben vielleicht davon.

Es war nicht immer so. Zwar liegt es mittlerweile etliche Jahre zurück, doch auch ich wollte vor allem zu den Anfängen meiner Probleme mit meinen Mitmenschen darüber sprechen. Noch heute frage ich mich, warum man mir damals nicht zuhörte, warum ich abgewiesen wurde, in den Schatten gestellt und allein gelassen. Ich werde mich das wohl immer fragen. Wenn auch für gewisse Zeit vergessen, so wird diese Frage immer und immer wieder auftauchen... eines der erbarmungslosen Gesetze meines “Lebens”... ein Schicksal. “Hass” ist ein verdammt hartes Wort; erdrückend, niederringend. Und umso passender wenn ich an meine Eltern denke.
Die meiste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich bei einer Nachbarsfamilie. Ich verstand mich gut mit ihnen, war aber irgendwann in dem Alter, dass mir die Einstellung meiner Eltern bewusst wurde; das Wort “Abschiebung” erlangte eine immer größere Rolle in meinem gedanklichen Vokabular. Mit knapp zehn Jahren erkannte ich, dass ich im Grunde von meinen Eltern besucht wurde. Als ich sie darauf ansprach wurden die Ereignisse gedreht; man entgegnete mir mit erboster Haltung und es fielen Wörter wie “fehlende Dankbarkeit” oder “alles für dich”. Noch heute empfinde ich tiefe Demütigung bei dem Gedanken an mein damaliges schlechtes Gewissen. Dies war einer der Knackpunkte vermute ich, ein erster Riss in einer unausgereiften jungen Psyche; wenn auch noch unbemerkt.
In den etwa zwei Jahren zwischen diesem Erlebnis und meinem zwölften Geburtstag entwickelte sich eine gewisse Distanz... jedoch nicht meinen Eltern gegenüber... die vernichtende Ironie eines jungen Kindes. Schuldgefühle stiegen empor wie die zerstörende Glut eines Vulkans... mit ebenso verheerenden Auswirkungen. So entfaltete sich also eine Distanz bezüglich meines Umfeldes. Ich begann, äußere Einflüsse anders wahrzunehmen, als zuvor. Meine Reaktionen beinhalteten vorzugsweise Ignoranz, ich zog mich zurück, verschloss mich... und habe den Schlüssel bis heute nicht wieder vollständig herausgegeben. Mein zwölfter Geburtstag wurde vergessen.

Ich versuchte, nicht oft daran zu denken. Sicherlich erzeugt Verdrängung auf Dauer gesehen das unverhoffte Gegenteil, doch was bleibt einem anderes übrig als jeden Tag, jede Stunde, jede Minute nur für sich zu betrachten, wenn man von den kommenden nicht viel erwartet? Hoffnung ist eines der elementaren Empfindungen in unserem Leben; umso fataler, wenn der Krug leer ist. Wenn anstelle von Hoffnung Verzweiflung geraten ist. Zwar ist der Prozess -eines der positiven Gesetze unseres Lebens- von Länge geprägt, doch ohne ausdauernde spezifische Hilfe kann der Tag im Leben mancher Menschen kommen, da der richtungsweisende Blick getrübt wird und die schwarzen Schatten der Psyche zusehends in den beherrschenden Vordergrund treten.
In meinem Fall lief der Prozess wie folgt ab: die bereits erwähnte selbsterbaute Abgeschiedenheit veränderte meine Wahrnehmung. Geschah das vorerst im Stillen, so niederschmetternd war schließlich die Erkenntnis. Es ist mir nicht wichtig, meinen Eltern jegliche Schuld zuzuweisen (das tat ich insgeheim viel zu oft und wer weiß, ob nicht auch nach einer Bilderbuchkindheit alles so gelaufen wäre) oder detailgetreu zu erzählen wie meine Jugend ablief. Ferner liegt es mir nahe, zu informieren. Ich fiel in ein bodenloses Loch, in dem ich mich noch bis vor kurzem in freiem Fall befand. Oft habe ich mir einzelne Etappen bildlich vorgestellt. So wurde die erste Etappe von Depressionen geprägt und es machte sich infolgedessen eine benebelnde Gleichgültigkeit breit und kreiste über mir wie ein hungriger Aasgeier. Die eh schon vorhandene Leere wuchs in mir... in meinem Bauch; durch mysteriöses verzehrendes Unwohlsein... in meinem Kopf; durch manipuliertes Aufnehmen von Ereignissen bis hin zur vollständigen Verfälschung. Leises Tuscheln durchhuschte den Raum, unsichtbare Augen schienen mich von überall zu mustern, man verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Eines Tages war ich auf dem Rückweg vom Einkaufen. Ich lief zügig und in hektischer Manier die Straßen entlang. Die aufsteigende Hitze bemerkte ich nicht. Ich war zu beschäftigt. Ständiges Umherschauen charakterisierte mein Auftreten. In diesem Moment kapselte ich mich von meiner Außenwelt ab... es gab nur noch mich und all die anderen. All diejenigen, die ich sah und auch meine unsichtbaren Verfolger konzentrierten sich einzig und allein auf meine Person, auf meine Gedanken. Sie schienen davonzuwehen meine Gedanken, als wurden imaginäre Ketten gesprengt. Mein Verstand erschien mir wie ein offenes Buch, für jeden und allerlei zugänglich, ein Bestseller, den einfach alle lesen wollten. All diese Empfindungen und Ängste strömten erbarmungslos auf mich ein wie ein gewaltiger Tornado und hielten mich kurzzeitig in ihrer bewegenden Mitte gefangen bis ich schließlich kollabierte. Später in der Notaufnahme sprach ich von Hitze und Stress, nicht von der Wahrheit.

Als diese Aussetzer, wie es mir ständig vorkam, unvermeidlich häufiger auftraten zog ich mich in meiner Wohnung zurück und nahm ein Leben in Einsamkeit als kleineres Übel in Kauf. All die Eindrücke, diese Einströmungen von außen besuchten mich regelmäßig, jedoch nicht rhythmisch. Eine Konstanz konnte ich nie erkennen. Es waren Besuche ohne Ankündigung.
Ich spürte eine ungeheure Angst, wenn ich an die Welt dachte, die sich um mich herum drehte. Ich sah mich in meiner kleinen Behausung in einem Sessel sitzen, die Hände auf die Knie gelegt, ein ausdrucksloser Blick aus einem angstverzerrten Gesicht, totenstille. Dann dachte ich an die Welt und sie kam mir so eindrängend unendlich vor. Warum in Gottes Namen wollten alle wissen, was ich dachte?


Wo liegen die Prioritäten im jeweiligen Leben? Was, wenn keine mehr vorhanden sind? Wenn fehlende Antriebe für durchgreifende Unlust sorgen. Gibt es für jedes Problem eine Lösung?
Ja, ich habe losgelassen... in Form einer Befreiung; mit endgültigem Charakter. Ob es die richtige Entscheidung war... ich weiß es nicht. Aber eines ist mir sicher...

ich denke, ich werde Sonnenuntergänge lieben.

__________________
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Kabelkolb
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Hallo erstma...

Dein Debut auf der Lupe ist echt voll gepackt mit deinen Gedanken und Gefühlen. Zu der Frage: Ja, auch bei all den unendlichen Gedanken, die jeden Tag von jedem Menschen gedacht werden, sind deine nicht weniger wichtig als die anderen. Wenn du dich dazudurchringst, deine Gedanke mitzuteilen, zu schreiben also, dann hast du den anderen etwas voraus. Du willst dich äußern.

Ich finde es sehr mutig von dir, in der Geschichte so tief zu gehen, es ist doch alles sehr persönlich, teilweise traurig...

Ich weiß nicht, ob und wieviel du bisher geschrieben hast, aber der Text gefällt mir gut. Natürlich, es ist immer etwas zu bemängeln, ich würde manches anders formulieren und die Akzente anders setzen. Aber das ist dein Text!

...irgendwo steht: 'tat', ich glaube das sollte eher 'trat' heißen, das haste n Buchstaben vergessen...

Ich wünsche dir noch viel viel Spass mit den Wörtern unserer Sprache und mit ihrer Anwendung. Schreib mal wieder was....

Pfirty, Der Kabelkolb!!!

__________________
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Rote Socke
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Hi mye,

Dein Erstlingswerk hat wirklich etwas zu bieten: Gedankengänge, Überlegungen etc. an denen der Leser nicht ungern teilnimmt.

Wir sind aber hier auf einer Schreiber-Plattform und da darf man sich ja untereinander Texttechnisch austauschen. Ich wollte Dir etwas vorschlagen.
Du wirst selbst wissen, dass solche Texte wie Deiner nicht unbedingt zum Massenlese-Run gehören. Falls Dir das ausreicht, dass der Text von einigen Interessierten gelesen wird und er dann wieder in der Schublade verschwindet, ok. das ist Dein gutes recht. Ich fände das aber schade.

Eine weitere Möglichkeit wäre, diesen Inhalt in einer kleinen Rahmenhandlung zu verpacken.
Mit Deinem Schlusssatz hast Du bereits eine Idee für die Rahmenhandlung geliefert. Der Erzähler beobachtet den Sonnenuntergang und reflektiert über seine Gedanke.

Eine andere (absurde) Idee, aber nur mal als Beispiel: Der Erzähler/Protagonist flaniert über die Straße zum nächsten Zigarettenautomaten. Während er die Häuser, Autos, Umgebung ... betrachtet, reflektiert er über seine Gedanken. Und zum Schluss dann noch der Sonnenuntergang.

Damit hättest Du eine kleine runde Erzählung, die der Leser gerne aufnimmt, und gleichzeitig nimmt er die Gedanken Deines Textes wie oben auf.

Das wäre mal so mein Vorschlag, falls Du in dieser Richtung was machen willst.

Schöne Grüße
Socke

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mye
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vielen dank erstmal für eure meinungen... juhu endlich die ersten kommentare :-)...

hallo kabelkolb... hoffentlich enttäusch ich dich nicht, doch der text ist reine fiktion; keine erfahrungen. andererseits freut es mich, dass du das wort "traurig" erwähnt hast... dann hab ich ja etwas bewirkt... und das freut mich.


hallo rote socke... schön zu wissen, dass sich jemand gedanken über meinen text gemacht hat... in sachen "massenlese-run" wirst du wohl recht haben... doch hab ich versucht, hier eine aussage zu verpacken, die -denke ich- sehr wichtig ist: man sollte keine angst davor haben, sich helfen zu lassen. mal abgesehen davon, dass ich natürlich sehr interessiert darin bin, was andere von meinem schreibstil, meinen ideen, etc. halten.

also bis bald,

gruß



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