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Leselupe.de > ErzÀhlungen
was nachdenkliches....
Eingestellt am 06. 09. 2010 20:56


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herbygarten
Hobbydichter
Registriert: Sep 2010

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Die alte Dame im Bus

Endlich Freitag.
Ich bin wieder einmal auf dem Weg zu meiner Arbeit. Eigentlich kam man diese „Arbeit“ nicht als Arbeit bezeichnen ich bin nĂ€mlich „nur“ ein 1-Euro-Jobber. Einer unter vielen, eigentlich fĂŒhle ich mich doch als etwas besonderes, hat nur noch niemand erkannt.
Heute ist das Wetter schlecht, hÀtte eigentlich meinen Regenschirm mitnehmen sollen.
Zum GlĂŒck kommt gerade der Bus.
Ich steige ein.
Der Bus ist wie jeden Morgen mit SchĂŒlern ĂŒberfĂŒllt.
Kann mein GlĂŒck kaum fassen, da ist noch ein Sitzplatz frei, wenigstens etwas positives an diesem Morgen. Kaum das ich mich hinsetze, gesellen sich auf den NachbarsitzplĂ€tzen einige SchĂŒler. Innerhalb kĂŒrzester Zeit stehen auch noch welche neben meinem Sitzplatz, der LĂ€rm beginnt. StĂ€ndig spielt irgendein SchĂŒler mit seinem Handy einen neuen Hip-Hop-Song ab. Bei bekannten Liedern wird von den anderen SchĂŒlern mitgegrölt. Am liebsten wĂŒrde ich mich gerne woanders hinsetzen geht aber nicht es ist kein anderer Sitzplatz frei. Wahrscheinlich möchten sie mich hier weghaben, aber ich werde nicht aufgeben und bleibe stur sitzen.
Es beruhigt mich, dass es nur 10 Stationen bis zur Arbeit sind.
Ich schaue aus dem Fenster um mich auf andere Gedanken zu bringen.
In zwei Monaten ist meine 1-Euro-Maßnahme zuende, heißt dann jeden Monat knapp 100 Euro weniger Geld zur VerfĂŒgung. Mit den bisschen Geld ĂŒber die Runden zu kommen ist schon schwierig, aber zum GlĂŒck lebe ich alleine und habe kaum AnsprĂŒche. Vielleicht wird meine Maßnahme verlĂ€ngert.
Damals als ich noch Arbeit hatte und einen vernĂŒnftigen Lohn, was ich mir Leisten konnte.
Nicht wieder an die Vergangenheit denken, zieht mich bloß runter.

NĂ€chste Station der Bus hĂ€lt, und wieder steigen Erwachsene und SchĂŒler ein, der Bus wird immer voller. Unter den Erwachsenen ist eine Ă€ltere Dame miteingestiegen. Sehr RĂŒstig ist diese nicht mehr. Als sie nĂ€her zu mir kam, tat sie mir dann Leid weil keiner der SchĂŒler aufgestanden war um der alten Dame einen Platz anzubieten.
War mir natĂŒrlich klar, dass keiner Aufsteht.
„Kann ich ihnen meinen Sitzplatz anbieten“, fragte ich die Ă€ltere Dame
„Oh junger Mann das ist aber sehr nett von ihnen“, antwortete mir diese.
Im stillen musste ich doch grinsen. Ein junger Mann bin ich mit meinen ĂŒber 50 Lenzen schon lange nicht mehr. Eine typische Bemerkung der Ă€lteren Generation, aber irgendwie doch lieb gemeint.
„Ja, ja die Jugend“ fing die alte Dame an zu Reden, „kennt das gar nicht mehr, fĂŒr eine Ă€ltere Dame aufzustehen. Ich frage mich oft was die Eltern denen beigebracht haben. In meiner Jugend wurde uns noch Zucht und Ordnung beigebracht. Nicht das alles in unserer Zeit besser war, aber irgendwie hatte alles sein Platz“
„Da stimme ich ihnen zu“
„Ich fahre morgens ĂŒberhaupt nicht gerne mit dem FrĂŒhbus, aber ich muss leider zum Hausarzt, zum Blutabnehmen. Ist ebenso wenn man Ă€lter wird“ sagte sie
„da kommen wir alle hin, auch diese da“ mein Blick ging in die Richtung der SchĂŒler. „Vielleicht lernen diese im Alter, wie es ist wenn keiner auf sie RĂŒcksicht nimmt.“
Die nette alte Dame und ich unterhielten uns noch eine kurze Zeit. Mit bedauern teilte ich ihr mit „die nĂ€chste Station muss ich leider aussteigen“
„Es war sehr nett sich mit ihnen zu unterhalten, junger Mann. Ich hoffe wir werden uns irgendwann einmal wiedertreffen“ meinte die alte Dame.
Meine Busstation kam und ich stieg aus. Es war ein nettes GesprĂ€ch mit der alten Dame, schade nur das auf Arbeit keine „GesprĂ€che“ stattfinden. Meistens meiden mich die anderen, weil ich anders bin als sie.

Eine Woche verging

Freitagmorgen.

Heute war schönes Wetter, viel zu warm fĂŒr die Winterzeit.
Ich stand wiedereinmal an meiner Bushaltestelle und wartete auf den Bus. Heute war die Haltestelle fast menschenleer, es waren Ferien.
Der Bus kam heute deutlich spÀter als sonst. Wahrscheinlich der Ferienfahrplan.
Ich stieg ein.
Einige Stationen weiter stieg die nette alte Dame ein, mit der ich mich letzte Woche unterhalten habe.
„Na, junger Mann wieder auf dem Weg zur Arbeit“ fragte sie mich „Heute mĂŒssen sie ihren Sitzplatz nicht fĂŒr mich rĂ€umen, es scheint die Kinder haben Ferien. NatĂŒrlich könnte ich mir ein Taxi zum Arzt nehmen, aber das ist langweilig, da sitze ich meist alleine und der Taxifahrer ist nicht gerade redselig“
Wir kamen wieder miteinander ins GesprÀch.
Sie erzĂ€hlte mir viele große und auch kleine Dinge aus ihrem Leben. Ihr Name war Frau Schmidt und wohnte an der großen Hauptstrasse neben dem Supermarkt. Vermutlich hatte sie privat keine sozialen Kontakte. Ich kannte dies, ging es mir doch privat nicht anders als ihr. Auch ich erzĂ€hlte ihr viel von mir. Es ist schon eigenartig einen fremden Menschen seine Sorgen anzuvertrauen.
„Junger Mann mĂŒssen sie nicht schon den Halteknopf drĂŒcken?, die nĂ€chste Station ist doch ihr Zielort? meinte Frau Schmidt
„Oh, ja! hĂ€tte ich aufgrund unseres interessanten GesprĂ€ches fast verpasst, vielen Dank, und einen schönen Tag noch“ rief ich ihr zu und stieg aus.

So ging es die folgenden 3 Wochen jeden Freitag.

Irgendwie freuten wir uns aufeinander. Es gab immer wieder etwas worĂŒber wir uns unterhalten konnten.

Dann, es war wieder Freitag,
nĂ€chste Station der Bus hĂ€lt, und wieder steigen Erwachsene und SchĂŒler ein, nur Frau Schmidt war heute nicht darunter. Eigenartig sie ist mit mir die letzten 4 Wochen immer zusammengefahren. Vielleicht hatte sie heute keine Zeit.
Somit blieb ich heute auf meinem Sitzplatz, ein komisches GefĂŒhl der Gewohnheit fehlte mir.
Meine Haltestation, ich stieg aus.
Es folgte eine Woche wie jede Woche. Meine Freude galt eigentlich nur dem Freitagmorgen.

Wieder Freitag, und wieder war Frau Schmidt nicht an der Busstation. Ich machte mir Sorgen, vielleicht ist sie ernsthaft krank.
Am Samstagvormittag machte ich mich erneut mit dem Bus in Richtung meiner Arbeitsstelle, obwohl ich nicht arbeiten musste.
Ich stieg an der Bushaltestelle aus, an der Frau Schmidt immer einstieg.
In etwa wusste ich wo sie wohnen könnte. Ich fand ihr Haus, und klingelte. Im gleichen Moment ging die HaustĂŒr auf. Ich freute mich schon, aber sie war es nicht.
Nur eine Nachbarin. „Zu wem wollen sie den?“ wurde ich recht unfreundlich befragt.
„Zu Frau Schmidt“ antwortete ich.
„Frau Schmidt ist vor einigen Tagen gestorben, sie war schon lange krank gewesen, wussten sie das nicht?
Stille.
Gestorben, an alles hÀtte ich gedacht, aber nicht an den Tod.
Traurig und mit hĂ€ngenden Schultern machte ich mich wieder auf dem Weg nach Hause. Ich nahm diesmal nicht den Bus, sondern ging zu Fuß nach Hause um meiner Gedanken Herr zu werden.

Sie fehlte mir.
Ihre GesprÀche, ihre Ansichten und vieles mehr, alles fehlte mir. Einfach weg und nicht mehr da.

Es tröstete mich auch nicht, als eine Woche spÀter ihr Rechtsanwalt und Notar mir mitteilte, sie hÀtte mir 3000Euro hinterlassen.
Gerne wĂŒrde ich auf das Geld verzichten wenn der Mensch dafĂŒr wiederkĂ€me.

Nur meine Erinnerung bleibt.

Jeden darauffolgenden Freitag wenn ich zur Arbeit fahre denke ich an Frau Schmidt. Manchmal spĂŒre ich eine warme Hand auf meiner Schulter und eine Stimme die mich leise fragt

„wollen sie nicht fĂŒr mich aufstehen, junger Mann“





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