3. HAUSTÜRGESPRÄCH: Frau Nachterstädt sieht Frau Helmig auf der Bank vor der Haustür sitzen und denkt sich, ein kleiner Schwatz wäre angebracht

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blackout

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Ach, Frau Helmig! Einkaufen gewesen? Was macht die Familie? Wie gehts?“

„Coronamäßig.“

„So kurz angebunden, Frau Helmig? Kenne ich ja gar nicht von Ihnen.“

„Mir reichts. Mehr sach ick nich.“

„Ach, und was reicht Ihnen denn? Naja, wird doch schon wieder, jetzt dürfen Sie doch sogar wieder Ihre Tochter besuchen. Ist das nicht schön, dass man Ihnen das erlaubt?“

„Danke der Nachfrage. Die erlauben mir, meine Tochter zu besuchen! Seit wann denn sowat? Und denn anderthalb Meter Abstand. Ick fühl mir wie im Irrenhaus.“

„Und die Kinder? Alle gesund? Was machen sie denn so den ganzen Tag ohne Schule?“

„Nischt als Dämlichkeiten. Meine Tochter is kaum wiederzuerkennen. Sitzt uff‘m Sofa, kiekt bloß wie‘n kranket Huhn uff ihre Treter. Und der Schwiegersohn looft mit eene Miene rum, als ob er drei Liter Desinfektionsmittel jesoffen hat. Mir hamse kaum jesehen. Ick war da‘n Störfaktor. Wir ham uns eben auseinanderjelebt, sach ick mal vorsichtig.Oder die beeden. Wie man‘s nimmt.“

„Tja, Frau Helmig, was soll man da sagen. Dann war ja das Wiedersehen nicht besonders schön. Aber was hilft‘s, dafür sind wir aber doch alle noch gesund.“

„Jesund, jesund! Wenn ick det höre! Ick bezahl schon jenuch Krankenkasse! Da muss ick nich noch mit mein Familienglück bezahln.“

„Tja, Frau Helmig. Alles Glück ist nie beisammen. Aber was sagen Sie denn dazu, dass die jetzt dauernd demonstrieren?“

„Wer? Wer demonstriert? Meine Familie?“

„Aber nicht doch, Frau Helmig. Die Leute, die. Die wollen jetzt, dass es wieder so wird wie früher, dass man wieder normal leben kann. Und dann kommt Polizei, und dann gibt es Rabatz. Und immer mit anderthalb Meter Abstand.“

„Na, dann kann ja nich ville passieren, nich? Wenn unsere Freunde von der Polizei bloß mit‘m Jummiknüppel von weitem drohen dürfen, nich?“

„Naja. Mein Alterchen hat die Ohren überall, der sagt, die machen ihre Gesetze selber, die Hüter der Ordnung, sagt er. Und stellen Sie sich mal vor: Da müssen wir alle Mundschutz tragen, bloß die Polizei nicht. Die reinsten Virenschleudern! Ist ganz schön was los bei den Demos. Sollen ja auch Nazis dabeisein.“

„Also ick hatte ja nun uff den ersten Mai jehofft. Aber die DJB-Fritzen ham jesacht, bleibt mal schön zu Hause und feiert den Tach der Arbeit bei Kaffee und Kuchen. Oder so. Als ob se bloß uff Corona jewartet ham, dass se ihre Sonntachsreden einsparn können. Die stecken unser Jeld ein für nischt. Man fracht sich ja, wat is det für eene Jewerkschaft. Eene vom Chef oder eene von uns Dämlacks.“

„Nun sehen Sie mal nicht alles so finster, Frau Helmig. Wird schon wieder, irgendwann im nächsten Jahr ist Corona vorbei ...“

„… und denn kommt det nächste Corona! Ick freu mir jetzt schon.“

„Ach, bis dahin sind wir alle geimpft! Die ganze Welt will der Bill Gates impfen, und dann wird das Leben wieder heiter, Frau Helmig.“

„Oder die Rejierung hat inzwischen Corona verboten! Die machen ja dauernd solche Jesetze, die ham Übung in‘t Verbieten. Also wenn Se mir fragen, Frau Nachterstädt, det jeht übel aus. Und ick frage Ihnen, bin ick nun verrückt oder die? Schnauze halten, darum jeht et, Frau Nachterstädt. Det is wie wo mir mein verflossener Chef jesacht hat, arbeiten und beten. Det wollnse, wenn Se‘t jenau wissen wolln. Wenn die erst mal ihre Corona-App ham, denn jeht die nischt und nirjens durch die Lappen. Da rejistriern se, wie oft eener kacken jeht. Von wejen Jesundheit man bloß.Wenn eener Durchfall hat, kricht er Rabatt vonne Krankenkasse.“

„Ach, wissen Sie, Frau Helmig, das Leben ist so kurz. Was soll ich mich da ärgern. Bringt doch nichts. Arbeiten und beten, hm. Ich würde ja arbeiten, wenn ich eine Arbeit hätte. Aber Sie wissen ja, wir stehen beide auf dem Docht beim Jobcenter. Da kann uns doch kaum noch was passieren. Die Blümchen und die Vögel auf dem Feld, sie arbeiten nicht, beten nicht und leben tun sie doch.“

„Na denn, Frau Nachterstädt. War wieder mal anjenehm, mit Ihnen ein bissken zu reden. Ick verlerne noch det Sprechen, wenn et so weiterjeht. Lachen kann ick sowieso nich mehr. Aber wat soll et, allet jeht so weiter. Wie jehabt. Ooch ohne uns. Is, als ob wir nich zähln. Det isset, Frau Nachterstädt. Also bis zum nächsten Mal, machen Se‘t jut und komm Se jut hoch in den Elften.“

Und damit verabschiedeten sich die beiden Frauen, Frau Helmig ins Parterre, Frau Nachterstädt mit dem Fahrstuhl in den elften Stock.

21.5.20
 

blackout

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Leider kann man in solchen Dialogen nicht alles unterbringen, was man gerne möchte. Danke, Waldbaum.

Gruß, blackout
 

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