75% Parzival

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sohalt

Mitglied
Warum klingt etwas das auf dem Papier so unheimlich weise aussieht, in der Realität oft so unheimlich bescheuert?

"Mein Ziel im Leben ist es, möglichst viele Menschen zum Lachen zu bringen", zum Beispiel.

Der, der das sagt, hat es aber sowieso nicht aus so einem Buch. Der hat sich das ganz allein ausgedacht. Hat sich dafür auch extra ein Jahr mehr oder weniger Uni-frei genommen, ein Jahr, in dem er keine einzige Prüfung ablegt hat. Vorlesungen besucht hat er schon, sporadisch. Um mal in ein paar Studienrichtungen reinzuschnuppern, zur Orientierung, um sich selbst zu finden, sagt er.

Der, der das sagt, ist Mischa – ein Mensch, der mich jedes Mal beschämt, wenn ich ihm in der Stockwerksküche über den Weg laufe. Ein Mensch, so völlig unberührt von jeglichen marktwirtschaftlich zweckrationalen Nutzenoptimierungserwägungen, so völlig frei von verbissener Hamsterrad-affiner, Scheuklappen-bedingter Leistungsorientierung, dass ich mir daneben jedes Mal vorkomme wie der durch neoliberale Gehirnwäsche geistig verstümmelte, auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zurechtgestutzte zukünftige Lohnsklave par exellence. Ohne Menschen wie Mischa fällt einem das gar nicht so auf.

Mischa ist 23. Er hat ein paar Semester Slowenisch studiert, dann zwei Semester Musik. Damit hat er aufgehört, weil es ihm zu schwierig war, Noten lesen zu lernen. "Jimi Hendrix konnte auch keine Noten lesen", immerhin.

Mischa hat uns mal was auf seiner Gitarre vorgespielt. Jimi Hendrix ist er nicht.

Vor allem ist Mischa nicht witzig. Ein Meister der Komik – das ja. Der unfreiwilligen allerdings. Anlässlich der Fußball-WM wollte Mischa an jedem Spieltag zu Ehren seiner jeweils favorisierten Mannschaften nur typische Landesgerichte zubereiten. Das hielt er dann auch tatsächlich ein paar Tage durch. Bis Argentinien an der Reihe war. Mischa konnte kein argentinisches Gericht und schickt sich an, deswegen auf Nudeln mit Sugo auszuweichen. Was Nicki, die zu seinem Pech auch gerade in der Küche zu tun hatte, veranlasste, ihn darüber aufzuklären, dass "Argentinier traditionellerweise vor großen Ereignissen sowieso einen Fasttag einlegen, wusstest du das nicht?". Sagte Nicki. Todernst. Nicki kann das. Worauf Mischa tatsächlich sein Vorhaben aufgab und vermutlich hungrig ins Bett ging.

Hm, könnte man einwenden, vielleicht wollte er auch einfach nicht in Gesellschaft von Leuten essen, die ihn dermaßen plump verarschen wollen? Nein, sage ich. Mischa nicht. Mischa denkt nicht so was Böses.

Hat sich denn Mischa niemals Gedanken gemacht über die ambivalente Natur des Gelächters? "Wir lachen nicht über dich, sondern mit dir" hielt ich immer schon für ein wenig heuchlerisch. Klar lacht man manchmal mit jemanden. Über jemand anderen.

"Mischa zum Beispiel. Armer Kerl. Solche hab ich als Kind gern zum Weinen gebracht." erzählt uns Nicki dann bei einer Zigarette. Oh, gut kann ich mir das vorstellen! Kleine Nicki, schwarzlockig, haselnuss-braun, Wildfang mit Schorf auf den Knien, wie sie arme kleine Buben zum Weinen bringt. Tatsächlich, ein beängstigendes Bild.

Mich fürchten vor Nicki? Nein, genauso wenig wie vor großen schwarzen Hunden. Das ist nicht Furcht, das nennt sich Respekt-Abstand. Ich stecke so ungern ein. Aber austeilen und einstecken, das muss man nun mal können, da wo Nicki herkommt. Austeilen und Einstecken! Rauhe Sitten auf dem Lande, pass auf mit den mehrsilbigen Wörtern, gleich bist du der Großkopferte. Rauhe Sitten, ja, aber stolz darauf. Nein, sie ist kein höheres Töchterlein, kein Protektionskind, sie nicht – alles selbst erreicht. Und sie hat viel erreicht. Sie ist die Medizinstudentin, die die anderen Medizinstudenten in unserem Stock fragen, wenn sie eine Auskunft brauchen. Stockwerkssprecherin auch. Toughe, tüchtige Nicki. Hart, aber herzlich. Ihr umfangreicher Freundeskreis, den sie gelegentlich einlädt und mit riesigen Portionen von Kasnockerln bewirtet, könnte das bestimmt bestätigen. Ich nicht so sehr, aus Mangel an Gelegenheit, das mit der Herzlichkeit zu überprüfen. Weil ich dazu bisher ja auch viel zu sehr damit beschäftigt war, ihr profilarktisch aus dem Weg zu gehen. Das mit der Härte glaub ich ihr nämlich unbesehen.

Wie gut, dass sie sich inzwischen andere Hobbies zugelegt hat. Jetzt muss sie keinen mehr zum Weinen bringen, jetzt kann sie sich anderweitig zerstreuen. Wie gut, dass Menschen erwachsen werden.

Und doch, manchmal frage ich mich, ob Menschen wie Mischa nicht lieber immer noch beschützt werden sollten vor Menschen wie Nicki. Seltsam, wäre Mischa ein Mädchen, ich käme nie auf die Idee.

Und während ich noch überlege, wie man Mischa vor Nicki beschützen könnte, wird mir klar: Das ist jetzt womöglich meine persönliche Bestleistung in Scheinheiligkeit. Im Grunde sehe ich ihn wohl nicht recht viel anders als sie.

Und Tatsache ist nun mal: In voller Absicht hat Mischa mir noch nie mehr als nur einen müden Grinser oder ein verlegenes Räuspern entlockt. Und weil ich die Möglichkeit, dass ich in dieser Hinsicht vielleicht doch nicht das Maß aller Dinge bin, nicht komplett ausschließen möchte, will ich hinzufügen: anderen auch nicht. Zumindest nicht in meiner Gegenwart. Und genau niemandes Humor zu treffen, das ist in einem Studentenheim, das einen derart farbenfrohen Querschnitt über alle erdenklichen Ausprägungen von Humor bietet auch schon wieder eine Leistung für sich. Von geistvoll/geschliffen/subtil über albern/abstrus/absurd über bodenständig/herzhaft/derb ist alles vertreten, zumindest in Ansätzen. Aber an geistvoll ist nicht zu denken, abstrus hat er noch nicht probiert und seinen zaghaften Vorstößen ins Derbe mangelt es an Bodenständigkeit und Herzhaftigkeit.

Ja, denn es schmerzt mich, das zu sagen, aber: Mischa schätzt die Zote. Da könnte einer fast niedlich sein (Mischa stottert ein bisschen, wenn er aufgeregt ist, und das ist doch lieb, wenn sie heute einer noch aufregt), und dann steht er in der Küche und reißt lahme Witzchen über Würstchen und Eier. Zum Beispiel. Ich erspare uns weitere. Und ich krümme mich dabei innerlich und denke mir, Mischa, lass es. Lass es einfach. Es steht dir nicht.

Du könntest Parzival sein, Mischa. Viel fehlt nicht. Parzival, verstehst du? Der reine Tor. Aber so....
 
R

Redlich

Gast
Ich bin zwar nicht genau im Bilde darüber, was und wofür Du eigentlich studierst, aber ehrlich gesagt ist mir dies auch piep egal, weil Du einfach kein Talent hast. - Soll heißen, dass Du nach Abschluss Deines Studiums trotz allem noch in jedem X-beliebigen Unternehmen eine Anstellung als Sekretärin findest!

Das mit dem Schreiben würde ich aber an Deiner Stelle aufgeben, weil es zu tierischen Depressionen führen kann.
 
B

bonanza

Gast
also, wenn du das allzu niedlich-weibliche aus dem text
filtern könntest - wer weiß.
ich finde nämlich deinen text ansatz- und streckenweise
ganz witzig.

bon.
 
M

Melusine

Gast
Hallo sohalt,
also niedlich-weiblich finde ich die Geschichte eigentlich nicht, eine recht nett erzählte Alltagsstory. Als Essay oder Kolumne würde ich das eher nicht einstufen... weiß nicht genau als was. Ist wahrscheinlich auch nicht so wichtig.
Könnte spritziger sein. Bisschen mehr -- ach, ich weiß auch nicht. Es liest sich nicht übel, klingt aber noch wie ... na ja, halt einfach so dahin erzählt. So, wie man Freunden eine Anekdote mündlich erzählen würde. Vielleicht müsstest du einfach da und dort ein bisschen straffen.

(Oh, übrigens: Falls du rausfindest, wo man trotz Studium einen Job als Sekretärin kriegt, sag's mir bitte. Ich bin grad auf der Suche und mein Studium ist da echt hinderlich. Vielleicht liegt es ja auch an den Schreibdepressionen. Ob ich wohl mal einen Veterinär aufsuchen soll?
;))

LG Mel
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich liiiiebe solche Menschenbeobachtungen …

Ich glaub nicht, dass es "spritziger" besser wäre. Eben weil es verdammt nah am Alltag ist, darf es auch m.E. auch so klingen. "Spritziger" würde wahrscheinlich den Verdacht erwecken, es sei ausgedacht – selbst wenn es das ist, der Effekt "Ach das gibt es doch in Wirklichkeit gar nicht" wäre hier kontraproduktiv.

Der Anfang könnte vielleicht etwas mehr Straffheit vertragen. Dieser "Schlenker" "Warum sieht es auf Papier weise aus?" führt m.E. auch erstmal reichlich in in die Irre. Denn: Dass es auf dem Papier weise aussieht, in der Realität aber albern wirkt, ist nicht Mischas Problem – sein Problem ist eine Mischung aus falscher Selbstwahrnehmung und damit verbundener völlig falscher Selbst-Zielsetzung. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt verständlich machen konnte (, ich bin im Moment nicht ganz auf der Höhe) – ich meine: Es ist nicht die Diskrepanz zwischen Papier und Realität sondern zwischen Anspruch und Realitä. Da reicht auch ein Anfang wie:
"Mein Ziel im Leben ist es, möglichst viele Menschen zum Lachen zu bringen", sagt Mischa. Er sagt das nicht leichtfertig, er hat lange daran überlegt. Hat sich extra un-frei genommen …
Naja, vielleicht nicht ganz so abrupt …



Sagt ich schon, dass ich solche Menschenbobachtungen liebe?
Es ist verdammt schwer "sowas" in Worte zu fassen, dass es nachvollziehbar wird. Hut ab! dass dir das gelingt.
 

sohalt

Mitglied
Danke! Ich weiß, das ist vielleicht nicht meine Höchstform, aber ich habe jetzt ziemlich lange nix geschrieben und freu mich, überhaupt mal wieder was halbwegs Brauchbares zusammen gebracht zu haben. Nach der erste Meldung hatte ich ja fast Angst, ich hätt's gänzlich verlernt. (Obwohl mich die versprochene Karriere als Sekretärin schon auch sehr reizen würde...Wer kriegt heutzutage schon noch eine Job-Garantie?)
 

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