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"Aber die Wunde blieb ..."

Rezension zu:

Cecile Waijsbrot, Die Köpfe der Hydra, Matthes und Seitz 2012, ISBN 978-3-88221-581-6

In ihrem 2088 bei Liebeskind erschienenen Roman „Aus der Nacht“, der wie ein Vorläufer zu dem hier anzuzeigenden Buch zu lesen ist, lebt, ähnlich wie die Autorin selbst, die junge Protagonistin des Romans in Paris. Sie hat lange mit ihrem Vater und dessen Schwester gelebt, auch noch dann, als beide im Nebel der Alzheimer-Krankheit verschwanden; eine überzeugende Metapher für das konsequente Vergessenwollen dessen, was geschehen ist. "Sie", wie die beiden immer genannt werden, sind schon vor Beginn des Holocaust aus ihrer polnischen Heimat geflohen und haben sich in Frankreich niedergelassen, begannen ein normales Leben zu führen und hielten sich für Bürger des Landes, das sie sich ausgesucht hatten. "Und dann kamen wir, die Kinder, und trugen von Geburt an ihre Hoffnungen, denn wir sollten vollbringen, was sie nicht mehr hatten tun können, und sie verfielen auf den Gedanken, dass sie unsretwegen fortgegangen seien, da sie wussten, dass die Zeit eines Lebens nicht mehr ausreichen würde, um alles aufzuholen, sie konnten sich niederlassen, aber sie konnten keine Wurzeln fassen, keine neue Heimat finden, das mussten wir, und so tragen wir von Geburt an die Last ihres Lebens, sowohl die ihrer Enttäuschungen wie die ihrer Illusionen, und mussten Wünsche erfüllen, die nicht unsere waren. Aber die Wunde blieb ..."

Die Wunde blieb. Erst recht, als der Vater, der den Holocaust überlebte, und dessen Geschichte sie hier erzählt, an Alzheimer erkrankt. Mit einfühlsamen Worten, die aus dem eigenen Leid und der großen Macht der Hydra Familie erwachsen, schildert Cecile Waijsbrot das verzweifelte Ringen um ihr eigenes Leben. Denn sie erlebt ihr Leben so wie in der Mythologie, wo der Wasserschlange Hydra, kaum war ihr ein Kopf abgeschlagen, ein neuer nachwächst. Aber es scheint kein Herkules und kein Iolaos in Sicht, die die Wunden ausbrennen würden, und so das Nachwachsen verhindern.

Mit großer Offenheit und stellenweise schwer zu ertragender Direktheit beschreibt Cecile Waijsbrot, wie der Vater in einer quasi logischen Fortsetzung seiner bisherigen Existenz, sich mit einer Demenz aus seinem Leben herauszieht, nachdem er schon zuvor über eine lange Zeit sich ins Schweigen über das, was er erlebt hatte, zurückgezogen und seine Tochter damit alleingelassen hatte. Der Schmerz darüber ist ohne Ende. Immer wieder bluten die Wunden und wachsen die Köpfe der Hydra nach. Zu sehen, wie die eigenen Eltern ihr Wissen, ihr Gedächtnis, ihre Sprache und ihre Persönlichkeit verlieren, lebenden Toten gleich durch die Welt irren und sich schon längst für immer aus der Realität verabschiedet haben – all das ist kaum erträglich und auszuhalten, auch nicht für den Leser, der sich regelrecht zwingen muss, das Buch nicht immer wieder erschüttert aus den Händen zu legen und seine Lektüre abzubrechen.
 

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