Ach, Adelgunde!

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Ciconia

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[ 4]1. Episode – Im Park mit Adelgunde
[ 4]
[ 4]Im Park traf ich einst Adelgunde,
[ 4]sie kam in letzter Zeit nicht mehr.
[ 4]Sie fand, es gäb zu viele Hunde
[ 4]und auch die Fremden störten sehr.
[ 4]
[ 4]Ich sagte ihr: „Ach, Adelgunde,
[ 4]mach dir das Leben nicht so schwer.
[ 4]Wir drehn jetzt einfach eine Runde,
[ 4]und meckern kannst du hinterher.“
[ 4]
[ 4]So saß ich mit der Adelgunde
[ 4]am Nachmittag auf einer Bank.
[ 4]Wir quasselten wohl Stund um Stunde,
[ 4]dem schönen Wetterchen sei Dank.
[ 4]
[ 4]Und plötzlich fragte Adelgunde:
[ 4]„Siehst du den Kerl dort mit dem Bier?
[ 4]Der war doch früher mal mein Kunde,
[ 4]was will der Fliegen-Franz denn hier?“
[ 4]
[ 4]Entsetzt sah ich auf Adelgunde –
[ 4]die Uhr schlug eben mal halb vier –,
[ 4]begriff dann ziemlich schnell: Im Grunde
[ 4]wusst' ich noch gar nicht viel von ihr.


[ 4]2. Episode – Adelgunde und der Altweibersommer

[ 4]Am Telefon sprach ich zu Adelgunde:
[ 4]„Ich finde das höchst intressant,
[ 4]Altweibersommer ist in aller Munde,
[ 4]hat man ihn nicht nach uns benannt?
[ 4]
[ 4]Ich möcht‘ die warmen Tage noch genießen,
[ 4]wer weiß, wann’s wieder mal so wird.
[ 4]Wir lassen uns im Alter nicht verdrießen,
[ 4]ich wär bereit für einen Flirt."
[ 4]
[ 4]Beim Tanztee saß ich dann mit Adelgunde,
[ 4]bloß schien ihr Herz nicht ganz dabei.
[ 4]Vielleicht trug sie von früher manche Wunde,
[ 4]für Neues war kein Plätzchen frei.
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[ 4]Frustriert entfernten wir uns nach 'ner Stunde,
[ 4]wir waren wohl nicht sehr beliebt.
[ 4]„Ich hab’s gewusst“, so keifte Adelgunde,
[ 4]dass niemand mit uns Foxtrott schiebt.“


[ 4]3. Episode – Adelgunde sticht in See
[ 4]
[ 4]Jüngst stachen ich und Adelgunde
[ 4]lastminute-mäßig ganz spontan
[ 4]in See auf MS Bummellunde
[ 4]nach Reykjavik. Soweit der Plan.
[ 4]
[ 4]In Kiel am Kai rief Adelgunde:
[ 4]„Wir fahrn mit diesem alten Kahn?
[ 4]Der schwimmt bei Seegang keine Stunde,
[ 4]das wird die reinste Achterbahn.“
[ 4]
[ 4]Ich sagte: „Sachte, Adelgunde,
[ 4]bedenk doch mal den fairen Preis!
[ 4]Bestimmt gehn wir nicht vor die Hunde,
[ 4]sei still, mach bitte keinen Scheiß!“
[ 4]
[ 4]Das Meer rumorte bald sehr heftig,
[ 4]zwei Tage lagen wir nur flach,
[ 4]und Adelgunde keifte kräftig -
[ 4]selbst kotzend reichte es zum Krach.
[ 4]
[ 4]Das Schiff geriet in Not vor Schottland,
[ 4]bis Island war es da noch weit.
[ 4]Wie gut, dass uns ein großer Pott fand.
[ 4]Zum Packen blieb uns keine Zeit.
[ 4]
[ 4]„Ich sag mal so“, sprach Adelgunde,
[ 4]gerettet nun an Land zurück,
[ 4]„ich werde nie mehr Kreuzfahrtkunde
[ 4]woanders gibt’s auch Urlaubsglück.“


[ 4]4. Episode – Adelgunde und der Wirt vom Hintergrunde
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[ 4]Einst suchten ich und Adelgunde
[ 4]Erholung im Tiroler Land.
[ 4]In der Pension „Zum Hintergrunde“
[ 4]verlor sie ‘s Herz und auch den Restverstand.
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[ 4]Der Wirt, sehr fesch und fast zwei Meter,
[ 4]ein Mannsbild wie im Bilderbuch,
[ 4]erschien mir gleich als Schwerenöter.
[ 4]Doch Adelgunde wagte den Versuch.
[ 4]
[ 4]Er war zwar nicht in ihrem Alter,
[ 4]genaugenommen viel zu jung,
[ 4]er zog sie an wie’s Licht den Falter
[ 4]noch vor der ersten Abenddämmerung.
[ 4]
[ 4]Des Nachts schlich sie in seine Kammer,
[ 4]bloß lag da schon ein andres Weib.
[ 4]Am Morgen hört‘ ich ihr Gejammer,
[ 4]sie heulte sich die Augen aus dem Leib.
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[ 4]Ich sprach zu ihr: „Komm, Adelgunde.
[ 4]Wenn wir jetzt in die Berge geh'n,
[ 4]verlierst du Sorgen und auch Pfunde,
[ 4]danach wirst du das Leben anders seh'n.“
[ 4]
[ 4]Nach einer guten halben Stunde
[ 4]schmolz unsre Kondition dahin,
[ 4]vor allem bei der Adelgunde.
[ 4]Sie hatte nur den feschen Wirt im Sinn.
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[ 4]Es wurde dann ganz schnell entschieden:
[ 4]Das Wandern ist nicht unser Ding.
[ 4]Und Adelgunde war’s zufrieden:
[ 4]Wir fuhr‘n zum Heurigen am Semmering.

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[ 4]5. Episode – Adelgunde und der Vorstadtstenz

[ 4]
[ 4]Ich saß beschwipst mit Adelgunde
[ 4]im Weinlokal am Höllenstein.
[ 4]Vergnügt schmiss jemand eine Runde -
[ 4]ein wahrer Vorstadtstenz, er schien allein.
[ 4]
[ 4]„Komm, Adelgunde, Zeit zu gehen“,
[ 4]sprach ich, wie immer fürsorglich,
[ 4]„du kannst bald nicht mehr aufrecht stehen.
[ 4]Mach diesmal kein Theater, mäß‘ge dich!“
[ 4]
[ 4]Der Stenz wär absolut nicht übel,
[ 4]erklärte sie beim siebten Wein.
[ 4]„Hab keine Lust auf viel Gegrübel!“
[ 4]Sie folgte ihm. Da fiel mir nichts mehr ein.
[ 4]
[ 4]Tags drauf erzählte sie mir kleinlaut:
[ 4]"Es kam ganz anders als gedacht.
[ 4]Wer denkt denn gleich, dass der mein Geld klaut?
[ 4]Ich hoffte nur auf eine heiße Nacht!“
[ 4]
[ 4]So war es stets bei Adelgunde,
[ 4]mit Männern hatte sie nie Glück.
[ 4]Das wusst‘ ich seit der ersten Stunde.
[ 4]Doch dieser Abend blieb ihr Meisterstück.


[ 4]6. Episode – Adelgunde geht ins Netz
[ 4]
[ 4]Bald kehrten ich und Adelgunde
[ 4]zurück in uns’re kleine Stadt.
[ 4]Wir wollten erst zur Bibelstunde,
[ 4]doch Adelgunde fühlte sich zu matt.
[ 4]
[ 4]Drum sprach ich: „Hör mal, Adelgunde,
[ 4]ich hab 'ne bombige Idee:
[ 4]Wir buchen eine Dating-Runde,
[ 4]so’n online-Dings, gleich hier mit dem PC.“
[ 4]
[ 4]Das beste Foto, das wir fanden,
[ 4]war schlappe zwanzig Jahre jung.
[ 4]Damit würd‘ sie 'nen Treffer landen,
[ 4]sie strahlte unverbraucht und voller Schwung.
[ 4]
[ 4]Nun wurde ein Profil geschrieben,
[ 4]solid und beinah wahrheitstreu,
[ 4]wobei wir nah an Fakten blieben:
[ 4]Wir gaben Adelgunde Geld wie Heu.
[ 4]
[ 4]Wir mussten jetzt die Sache starten,
[ 4]und Adelgunde wurde bleich.
[ 4]Ich unterhielt sie lang beim Warten:
[ 4]„Vielleicht liest das sogar ein fescher Scheich!“
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[ 4]Ein Herr erschien bei Adelgunde,
[ 4]er wirkte vornehm und betucht.
[ 4]Man brauchte nicht viel Menschenkunde:
[ 4]Er hätte gern nach noch mehr Geld gesucht.
[ 4]
[ 4]Der zweite, so ein Stenz wie viele,
[ 4]erklärte wortreich, viel zu seicht,
[ 4]er habe keine klaren Ziele.
[ 4]Für ihn blieb Adelgunde unerreicht.
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[ 4]Die nächsten dreizehn waren bieder,
[ 4]zu ungepflegt und auch zu dumm.
[ 4]Der Eine langte ihr ins Mieder,
[ 4]dem And‘ren fehlte gänzlich jeder Mumm.
[ 4]
[ 4]„Mir reicht es jetzt“, sprach Adelgunde
[ 4]erschöpft und ziemlich ausgebrannt.
[ 4]„Dann lieber wieder Zufallsfunde,
[ 4]da hab ich mich meist bestens ausgekannt.“


[ 4]7. Episode – Abschied von Adelgunde
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[ 4]Dann ging’s bergab mit Adelgunde,
[ 4]ein jeder konnte es bald sehn.
[ 4]„Kaum heilbar“, sagten die Befunde.
[ 4]Ein Teufelsrad schien sich zu drehn.
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[ 4]Putzmunter bis vor ein paar Wochen,
[ 4]nun plötzlich dieses Unwohlsein.
[ 4]Wahrscheinlich war ihr Herz gebrochen,
[ 4]schon seit dem Stenz vom Höllenstein.
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[ 4]„Komm, lassen wir’s noch einmal krachen“,
[ 4]empfahl ich ihr. Sie pfiff darauf
[ 4]und wollte gar nicht drüber lachen.
[ 4]So nahm das Schicksal seinen Lauf.
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[ 4]Man fand die arme Adelgunde
[ 4]am Morgen auf der Bank im Park.
[ 4]Die Nachricht machte schnell die Runde,
[ 4]mich traf sie schmerzlich bis ins Mark.
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[ 4]Auf meiner letzten Ehrenrunde
[ 4]im Park denk ich daran zurück,
[ 4]wie oft die liebe Adelgunde
[ 4]vergebens suchte nach dem Glück.
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Ciconia

Mitglied
Kürzlich beschwerte man sich hier über den Mangel an lustigen Gedichten. Um Abhilfe zu schaffen, habe ich die viel zu früh anonym verblichene Adelgunde noch einmal wiederbelebt – vielleicht schafft ja jemand alle sieben Episoden …
 

Franke

Mitglied
Hallo Ciconia,

eigentlich mangelt es hier nicht an komischer Lyrik, das meiste davon ist nur grottenschlecht.

Von deiner Adelgunde habe ich aber sehr gerne und mit dem nötigen Schmunzeln gelesen.

Liebe Grüße
Manfred
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Manfred, freut mich, dass Du Dich auf Adelgunde eingelassen hast. ;)
das meiste davon ist nur grottenschlecht
Dabei meinte ich ein paar ganz erfolgreiche lustige Gedichte geschrieben zu haben (Eigenwerbung mache ich natürlich nicht). :cool:

Gruß Ciconia
 

molly

Mitglied
Hallo Ciconia,

ich habe die Abenteuer Deiner Adelgunde schon früher gern gelesen und jetzt noch einmal alle zusammen. :)

Viele Grüße molly
 

morgenklee

Mitglied
Hallo Ciconia

Was ist eigentlich "grottenschlecht"? Der Begriff selbst scheint es zu sein. Ansonsten würde ja "schlecht" ausreichend sein. Aber für manche grandiosen Schreiber ist schlecht eben noch nicht schlecht genug. Schade!

Ich glaube, es gibt hier viele gute und komische Texte. Manche sind sogar sehr gut. Grottengut!

Einleitung vorbei. Alles gut, vieles prima!
 

Ciconia

Mitglied
Ich bin manchmal etwas begriffsstutzig, lieber Morgenklee. Was bedeuten Deine Zeilen jetzt explizit für Adelgunde?

Gruß Ciconia
 

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