Ach, diese dialektische Spinnerei und Demokratie (II)

Über Entgiftung des Politikbetriebs (II)

An Versuchen mangelt es nicht, den ‚zahnlosen Tiger‘ der Ideologie- und Kulturkritik abzudrängen. Beispielsweise wird Adornos Kritik an blinder, nicht selten manipulativer, positivistisch ausgerichteter Sozialforschung als dialektischer Firlefanz eingeschätzt, der an der Sache vorbei ginge. Da im Wiener Vortrag die politische Substanz der sich aufdrängenden Problematik des ‚neuen Rechtsradikalismus‘ im Fokus sich bewegt, kann die Sache auch heute noch als ‚rein ideologisches Problem‘ missverstanden werden.

Kommentare zu seinen ‚nicht belegten‘ Tatsachenbehauptungen, etwa die „nationalsozialistischen Zentren wie Nordhessen, wo es bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine wilde antisemitische Bewegung gab“(25), zielen auf Unbrauchbarkeit der in Augenschein genommenen Analyse. Der Rezensent schließt sich solchen Sentenzen nicht an, zumal Belege in Hülle und Fülle bis in unsre Zeit von NSU und NSU 2.0 existieren. Nicht zu schweigen von einem der übelsten Massenmörder des NS-Regimes, Roland Freisler, der schon vor der ‚Machtergreifung‘ in Kassel an seiner Karriere strickt. Einflüsse rechtsradikaler Politik samt ihrer kulturideologischen Propaganda gilt es überall zu benennen, da die diversen Gruppierungen nach der Niederlage des historischen NS-Regimes dessen unmenschliche Herrschaft verharmlosen müssen, um sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen neu zu beleben.

Unzweifelhaft ist aufzuklären, wie gegenwärtiges politisches Handeln mit historischen Ereignissen und ihren Entstehungsgründen koinzidiert. Und darüber hinaus gilt es herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, im Ansatz erkennbare menschenfeindliche Politik zu korrigieren bzw. zurück zu drängen, endlich ihr den Weg abzusperren, auf dem sie in anderer Form den NS-Terror wiederholt, wenn das demokratische System unter sich verändernden Umständen, verschärften Konflikten politisch manipuliert wird.

Die offenbar sorgfältige Beobachtung vor einem halben Jahrhundert geht von Differenzen verschiedener historischer Situationen aus, in denen, gewiss nicht nur unter rechtsradikalen Strömungen, ein >manipulativer Typ< sichtbar wird: „Das sind also Menschen, die gleichzeitig kalt, beziehungslos, strikt technologisch gesonnen, aber ja in gewissem Sinn eben doch irre sind, wie also in einem prototypischem Maß es Himmler gewesen ist. Und diese merkwürdige Einheit von Wahnsystem und technologischer Perfektion, die scheint in der Aszendenz zu sein und in diesen Bewegungen überhaupt wieder eine entscheidende Rolle zu spielen.“(27)

Hysterische Reaktion auf die Bedrohungen der unvollkommenen Demokratie ginge wegen der fortschreitenden ‚politischen Verflechtung‘, Globalisierung, an den wirklich neuralgischen Punkten vorbei: „Deutschland jedenfalls ist heute nicht mehr in dem Sinn auch nur der Möglichkeit nach politisches Subjekt, wie das in der Weimarer Zeit der Fall gewesen ist. Es besteht die Drohung sogar, daß gerade durch diese Bewegung Deutschland aus dem weltpolitischen Zug, aus der weltpolitischen Tendenz überhaupt herausfällt und nun wirklich vollkommen provinzialisiert wird. Das setzt einerseits real viel engere Grenzen einer solchen Politik, es sei denn, daß in anderen und viel mächtigeren Ländern ebenfalls der Rechtsradikalismus sich durchsetzen sollte. Auf der anderen Seite aber erzeugt gerade das Wut. Und diese Wut dürfte dann besonders in dem sich austoben, was man so mit >kulturellem Sektor< zu bezeichnen pflegt“.(29/30)

Wie erwähnt, ist die Verführung zu Oberflächlichkeit nicht zu unterschätzen, wo wir uns mit der Durchschaubarkeit jeweils aktueller ‚demagogischer Tricks‘, den Widersprüchen und Hemmungen der Rechtsradikalen bei ihren Anpassungsversuchen an demokratische Verhältnisse befassen müssen. Vielleicht irritiert auch, dass offene imperialistische Propaganda (‚... morgen die ganze Welt.‘) oder krude Verehrung des ‚Soldatischen‘ nur in Hinterzimmern stattfindet. Adorno positioniert sich ausgesprochen differenziert: „Dem Inhalt nach ist natürlich diese Ideologie, soweit sie überhaupt eine selbständige durchgebildete Ideologie ist –und ich halte das Ideologische gegenüber dem politischen Willen dranzukommen wirklich für ganz sekundär-, eben doch wesentlich gespeist von der Naziideologie. Es ist erstaunlich, wenn man die Dokumente liest, wie wenig zu dem alten Repertoire an Neuem hinzugekommen ist, wie sekundär und aufgewärmt es ist.“(37)

Dass die Rechtsradikalen flüchtig an die komplexer werdende Wirklichkeit der Demokratie in der Kapital gesteuerten Gesellschaft anknüpfen, um ihre Glaubwürdigkeit zu befestigen, leuchtet ein. Inwieweit ihnen das gelingt, ist damals wie heute nicht unbedingt sicher: „Es hat, wenn meine Beobachtung mich nicht trügt, zu den wirksamsten Parolen des Neofaschismus gehört, daß sie Wendungen gebrauchten wie >Man kann wieder wählen<. Oder daß sie –unter Variation eines Slogans von Goebbels, nämlich von den >Systemparteien< - von den >Lizenzparteien< gesprochen haben, also von den Parteien, die lizenziert von den ehemaligen Besatzungsmächten gewesen seien. Und dies war ungeheuer wirksam, weil die Menschen das Gefühl hatten, nun gerade mit dieser Bewegung, die die Freiheit abschaffen will, gleichsam wieder in den Besitz der Freiheit, der freien Entscheidungsmöglichkeit, der Spontaneität zu gelangen. Ich glaube, daß es wichtig wäre, wenn man gerade mit diesem Motiv, das mit dem des Antiamerikanismus sehr verschmolzen ist, wenn man damit einmal sich genau auseinandersetzen würde.“ (39/40)

Unter entschiedenen Demokraten besteht Einigkeit, dass es kontraproduktiv ist, Wähler, das Wählerpotential der rechtsradikalen Politik zu diffamieren oder gar als unverbesserlich antidemokratisch zu stigmatisieren. In dieser Perspektive ist es erforderlich, zwei grundsätzliche Punkte in der Argumentation Adornos sich zu vergegenwärtigen: Wahrheit kann nicht im luftleeren Raum ausgedacht und verkündet werden, Kriterium ihrer relativen Geltung bilden kontrollierbare, zuverlässige Verfahren zur Ermittlung der tatsächlichen, empirisch stimmigen Verhältnisse.

Was im Wiener Vortrag die propagandistischen ‚Planken‘ des Rechtsradikalismus angeht, lassen sich heute, über ein halbes Jahrhundert später, unter der gegebenen Fragestellung und der fließenden Darlegung konkreter Beispiele Stärken und Schwächen ausmachen. Auf dem Feld von Rassismus und Antisemitismus stagniert die Diskussion. Gerade die ‚Technik der plumpen Lüge‘ kennzeichnet doch die Politik des sich erholenden Rechtsradikalismus, aber es scheint mühsamer zu sein, im konkreten Fall und besonders in der parlamentarischen Auseinandersetzung die Lüge durchschaubar zu machen. In Wien berichtet der Referent noch hoffnungsvoll: „So hat die NPD in deutschen Wahlversammlungen, und zwar offenbar systematisch, die Zahlungen, die Wiedergutmachungszahlungen, an Israel ums Zehnfache vergrößert. Das ist aber dann herausgekommen, und es ist energisch dagegen demonstriert worden, und sie sind dadurch nun in erhebliche Schwierigkeiten gelangt.“ (45)

Die Agitationsmethode der ‚pseudowissenschaftlichen Pedanterie‘ will prinzipielle Wissenschaftsfeindlichkeit mit einer geheimnisvollen Aura umhüllen, aus der, je nach Bedarf, eine neue Flexibilität erwachsen kann. In diesem Sinn, sagen auch die heutigen 'Rechtsradikalen', hätten sie als einzige ‚nationale‘ und ‚wahrhaft demokratische Kraft‘ eigentlich ganz einfache Lösungen für die komplizierte Welt parat. Dobei wird auch die Umkehrung mit dem gleichen Effekt anspruchsvoller geltend gemacht: Die nur von Experten zuverlässig duchschaubare, komplexer gewordene Welt bedarf einfacher und ‚glaubhafter Lösungen‘, die dann konsequent, repressiv durchzuziehen sind.Dieser soundsovielte Aufguss liberalen Denkens, das in alle möglichen Borniertheiten verfällt, wenn es unter Druck gerät, kann somit rassistische, antisemitische, autoritätsgläubige Grundtöne veränderten politischen Situationen anpassen.

„Neulich hat in Deutschland eine große Institution der öffentlichen Kommunikation eine Besprechung mit ein paar NPD-Führern gehabt, um dahinterzukommen, was sie nun eigentlich an konkreten Vorschlägen hätten. Und das einzige, was dabei herauskam an konkreten Vorschlägen, und das ist sehr bezeichnend, ist: Die Todesstrafe für die Mörder von Taxichauffeuren müßte wieder eingeführt werden. Das ist, ich meine, das klingt sehr läppisch und unbeträchtlich, zeigt aber, welche Rolle der mit Rechtsideen getarnte Sadismus in diesen Dingen nach wie vor spielt“.(49/50)

Abgesehen davon, dass es der Sache nicht immer dienlich ist, Rassismus und Antisemitismus in einem Atemzug als falsches Bewusstsein potentiell mörderischer Tat ins Feld zu führen und anzuklagen, haben gerade die ‚weltpolitischen‘ Entwicklungen und ihre oft seltsamen Konstellationen einen Hauch neuen Denkens zu Tage befördert. Während die Vernunft den barbarischen, antiaufklärerischen, demagogischen Charakter der Todesstrafe tagtäglich anklagt, diskutiert das israelische Kabinett in einem bedeutenden historischen Moment ernsthaft, ob Eichmann weiter leben soll.3) Auch im engen Rahmen der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in der Bundesrepublik Deutschland blitzt , sozusagen an der Basis, ein vernünftiger Gedanke der ‚Wiedergutmachung‘ auf.4) Auch wenn solchen ‚weichen Fakten‘ die öffentliche Bekanntheit fehlt,handelt es sich um keine bedeutungslosen Kleinigkeiten. Sie sind in lebendige menschliche Erfahrungen eingebunden zu einer Zeit,als die ‚These von der Aufrechnung der Schuld‘ und die Polemik der Rechtsradikalen gegen NS-Prozesse unsere Öffentlichkeit noch mehr als heute beschäftigen. Adorno würde auch hier zur Vorsicht mahnen und zu genauer Untersuchung aktueller politischer Kontexte auffordern, damit auch die philosophische Aufklärung aus dem Schlagschatten von Glauben und Wissen heraustreten kann.

Was die rational bewusste ‚Gegenwehr‘ angeht, so stimmt der Rezensent der Grundrichtung der vor einem halben Jahrhundert entfalteten Argumentation zu. Er möchte aber angesichts einer fortschreitenden ‚Spaltung des menschlichen Bewusstseins‘ vor der Chance irrationaler Taktik des neuen alten Rechtsradikalismus warnen, im Rahmen der Schwäche unsrer Parlamentarischen Demokratie ihren Verteidigern zuvorzukommen und in den Rücken zu fallen. Nur größtmögliche Einheit, handlungsfähiger Zusammenschluss über Differenzen des politischen Standpunkts hinaus kann effektive Gegenwehr gewährleisten. Im Unterschied zu Adorno plädiere ich in diesem Sinne für gezielte Ermutigung und Einbeziehung auch derjenigen,die der'Taktik totzuschweigen' verbunden sind oder das Problem wesentlich als eine Frage der Moral auffassen.

Der Referent weist seine Zuhörer in Wien wiederholt und abschließend auf eigene Untersuchungen im Exil hin, die auch als Reflexion, Selbstvergewisserung eigener Standpunkte in der Zeit des vom Faschismus mutwillig vom Zaum gebrochenen Weltkriegs gelten können und ihre Bedeutung über den Tag hinaus bewahren: Es habe sich nämlich gezeigt, „daß auch die vorurteilsvollen Persönlichkeiten, die also durchaus autoritär, repressiv, politisch und ökonomisch reaktionär gewesen sind, an der Stelle, wo es sich um ihre eigenen durchsichtigen Interessen gehandelt hat, ganz anders reagieren. Also, die waren etwa Todfeinde der Roosevelt – Regierung, aber bei solchen Institutionen, die ihnen, wie etwa der Mieterschutz oder die Verbilligung der Medizin, unmittelbar zu Gute gekommen sind, da hat der Antirooseveltianismus sofort ein Ende gehabt und da haben sie sich relativ rational verhalten. Diese Spaltung in dem Bewusstsein der Menschen, die scheint mir einer der aussichtsreichsten Ansatzpunkte für eine Gegenwirkung in dem Sinn zu sein, von dem ich gesprochen habe.“(52)

Zwei Aspekte sind für die erkennende Auseinandersetzung wichtig: 1. Nicht primär kommt es auf die Ideologie des Rechtsradikalismus an,denn der hat „seine Substanz gar nicht an den designierten Feinden, gar nicht an denen, gegen die man dabei tobt,sondern daß es sich dabei um projektive Momente handelt, also daß die eigentlichen Subjekte einer Studie, die, die man zu begreifen und zu verändern hätte, die Rechtsradikalen sind und nicht die, gegen die sie ihren Haß mobilisiert haben.“(52/53) Und 2. dürfte auch heute noch gelten ",daß der Rechtsradikalismus kein psychologisches und ideologisches Problem ist, sondern ein höchst reales und politisches. Aber das sachlich Falsche, Unwahre seiner eigenen Substanz zwingt ihn, mit ideologischen, das heißt in diesem Fall mit propagandistischen Mitteln zu operieren. Und deshalb muß man ihm, abgesehen vom politischen Kampf mit rein politischen Mitteln, in seiner eigensten Domäne sich stellen. Aber nun nicht Lüge gegen Lüge setzen, nicht versuchen, genauso schlau zu sein wie er, sondern nun wirklich mit einer durchschlagenden Kraft der Vernunft, mit der wirklich unideologischen Wahrheit dem entgegenarbeiten.“ (54/55)

Ja, das erscheint so stimmig wie leider auch das Gegenteil, wo und wenn die ökonomistische Vernunft ‚normal‘ Kostenvergleiche anstellt gegen das Lebensrecht behinderter, kranker und schwacher Menschen, der aus Krisenregionen zuwandernden 'Fremden', sodass der Willkür menschlicher Niedertracht Tür und Tor sich öffnet. Wir haben diesen elenden Kotau von Vertretern der Wissenschaft, Medizin, der Juristerei und auch von den ganz normalen, kritiklosen Anhängern des 'gesunden Menschenverstands' vor der Autorität zerstörerischer Macht erlebt.

3)Avraham Burg HITLER BESIEGEN Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss, Ffm. N.Y. 2009

4)Bernd Wollschläger ICH BIN JUDE AUS DEM HERZEN Wie ich die NAZI-Vergangenheit meines Vaters bewältigte Berlin. München. Zürich. Wien 2017
 

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