Adamns Erbe - Die Geschichte einer jüdischen Spurensuche

Rezension zu:

Astrid Rosenfeld, Adams Erbe, Diogenes 2012, ISBN 978-3-257-05726-3

Dieses Romandebüt der 1977 in Köln geborenen Astrid Rosenfeld ist ein ganz außergewöhnliches Buch. Es erzählt die Geschichte von Edward Cohen. Nach einer sehr aufregenden und ungewöhnlichen Kindheit, die ihn von einem unsicheren Wohnort zum anderen brachte, hat er es im Jahr 2004 endlich zum Besitzer einer angesehenen Modeboutique in Berlin gebracht.

Seit früher Kindheit hat Edward immer wieder gehört, vor allem von seiner Großmutter, die noch in ihrer alten jüdischen Tradition lebt, dass er seinem Großonkel Adam wie aufs Haar gleiche. Dieser Onkel wird als das schwarze Schaf in der Familie gehandelt, weil ihm vorgeworfen wird, während des Dritten Reiches mit dem für die Flucht einiger Familienmitglieder vorgesehenen Geld und Schmuck sich aus dem Staub gemacht zu haben.

Edward hat diesen Onkel nie gekannt, genauso wenig wie viele andere Menschen seiner Familie, die im Holocaust umgekommen sind. Sein rastloses Leben, das er mit seiner Mutter und deren wechselnden Partnern führt, beschreibt Astrid Rosenfeld, ohne dass sie es ausdrücklich benennt, als eine verzweifelte Suche nach einem Ort, wo die Familie sich endlich zu Hause fühlen kann. Aber das scheint nicht möglich zu sein in einem Land, das den Vorfahren so übel mitgespielt hat.

Doch, wie gesagt: Astrid Rosenfeld geht es nicht hauptsächlich darum. Über viele Seiten lässt sie Edward in der Ich-Form einer unbekannten Frau namens Amy sein Leben erzählen. Vor allem von Moses, seinem im Lager der Nazis verrückt gewordenen Großvater und seiner Frau Lara Cohen. Moses sitzt den ganzen Tag ihn einer Dachkammer und schreit. Und von seiner Mutter Magda, die einen Amerikaner heiratet, der aussieht wie Elvis Presley und der für Edward wie ein Vater ist. Mit wechselnden Wohnsitzen ziehen sie durch das Land und schlagen sich mehr schlecht als recht durch.

Irgendwann ist seine Oma tot. Als er sich mit seiner Mutter in der Wohnung der Oma trifft, erinnert er sich an die Dachkammer, in der er Moses manchmal besuchte. Und als er dort auf die Suche geht, findet er ein Buch:
"Eingewickelt in braunes Packpapier, eine Briefmarke aus einer anderen Zeit. Der Empfänger: Anna Guzlowski bei A. Cohen. Darunter die Adresse der Wohnung, die einmal mein Zuhause war. Kein Absender. Das Paket war nie geöffnet worden. Ich zerriss das Papier"...

Atemlos fängt er an zu lesen und "es war, als hörte ich meine eigene Stimme, als ob meine Stimme seine Geschichte erzählen würde."

Es ist die Geschichte seines Onkels Adam, mit dem er seit seiner Kindheit immer verglichen wurde. Es ist eine bewegende Geschichte, voller Liebe und Menschlichkeit, die Astrid Rosenfeld da erzählt. Die Geschichte von Adam und Anna, ihrer Liebe, die sich nicht erfüllen konnte. Sie führt den Leser in die Welt des Warschauer Ghettos, wo Adam nach Anna sucht, nachdem es ihm gelungen ist, als angeblicher Rosenzüchter in den Dienst des berüchtigten Judenjägers Hans Frank zu gelangen. Und es wird am Ende klar, was mit den Wertsachen geschehen ist, von denen die Familie immer dachte, Adam habe sie veruntreut ...

Diese Geschichte verändert Edwards Leben, vor allem deshalb, weil er sie auf seine Art zu Ende bringt. Wie er das tut, soll nicht verraten werden. Aber er zeigt sich wahrhaft als Adams Erbe, der zu Ende bringt, was diesem nicht beschieden war.

Ein Buch, dem es mit Humor gelingt, von großen Gefühlen zu erzählen, ein Buch das auf eine berührende und literarisch außergewöhnliche Weise zeigt, wie sehr die Gegenwart und die Vergangenheit miteinander verbunden und voneinander durchdrungen sind.
 

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