Ahörnchen geht auf Reise

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AVALON

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Ahörnchen geht auf Reise


„Was geschieht nur mit mir? Halt mich, halt mich doch fest. Ich falle runter!"Fleht das kleine gelbgrüne Ahornblatt seinem Blattkollegen zu. Der hört es nicht, weil er mit sich selber beschäftigt ist und ebenfalls droht abzustürzen. Und schon ist es passiert. Das kleine Blatt hält sich die Augen zu und fällt runter. Beeindruckt, dass ihm nichts passiert ist, rappelt es sich wieder auf und hüpft schnell zur Seite. Gerade noch rechtzeitig! Mit einem kräftigen Plumps landet ein großer Blattkollege neben ihm.
„Da hast du aber Glück gehabt, Kleiner.“ Tönt ihm die sonore Stimme des alten Blatts entgegen.

„Ich zittere immer noch wie das Espenlaub“. Wirft Kleinahörnchen ihm entgegen. „Ich kann doch nicht dafür, dass ich zu so später Jahreszeit noch gewachsen bin. Mamaast hat mich einfach herausgezogen, ohne zu merken, dass es schon Herbst ist. Somit hatte ich keine Zeit zu so einem großen Ahornblatt heranzuwachsen wie du. Gott sei Dank bin ich flink genug gewesen, zur Seite zu springen.“
„Stimmt, ich habe mich auch gewundert, als du plötzlich unter mir erschienen bist. Es ist aber auch noch recht warm in den letzten Wochen gewesen, und Vater Stamm hatte alle Hände voll zu tun, das Wasser für uns alle herbeizuschaffen und hat nicht aufgepasst, was Mamaast für einen Blödsinn macht, um diese Jahreszeit.“ Erklärt das weise alte Blatt dem Junior.

„Nun liegen wir hier und können zusehen, wie wir mit unserm Los als Fallblatt fertig werden. Es ist jedes Jahr derselbe Zirkus.“stöhnt der Alte gelangweilt. „Im Frühjahr fängt Vaterstamm an, nach dem langen Winterschlaf seinen Durst zu stillen und weckt alle mit seiner Schlürferei auf. Mamaast wiederum hat keine Lust, auf uns aufzupassen und schickt uns bei schönem Wetter nach draußen. Wenn dann der Herbst den Sommer ablöst, wollen die Eltern uns wieder loswerden und schicken uns mit ihrem Freund Wind auf die Reise.“

„Ach so ist das, und wohin fahren wir?“ Will das Juniorblatt wissen. „Das weiß nur der Wind, und der lässt es immer eine Überraschung sein, wo die Reise uns hinführt und wo sie endet.“erklärt der Senior dem Kleinen. „Und was machen wir jehetzt?“ Fragt Kleinahörnchen genauso neugierig wie die Menschenkinder und zappelt auf der Wiese herum.
„Wir warten dort drüben auf unsere Kollegen und halten solange ein Nickerchen, bis sie da sind.“zeigt das alte Ahornblatt dem unerfahrenen Kinderblatt. „Dort, ganz nah am Stamm fällt selten ein Blatt hin. Komm jetzt endlich. Ich will ein wenig schlafen nach dem anstrengenden Fall.“
„Jaaaha, ich komme ja schon.“, bummelt Ahörnchen hinterher.

Ein kleines Lüftchen hat den beiden geholfen, schneller an einen schattigen Ruheplatz zu kommen. Obwohl es mitten im Herbst ist, hat die Sonne noch erstaunlich viel Kraft, den Tag zu erwärmen. Das ist sehr kräftezehrend für das eh´schon greise und trockene Blatt, im Gegensatz zu dem jungen Blatt, das noch in Saft und Kraft ist.
Kaum am schützenden Stamm angekommen, schnarcht das greise Blatt auch schon vor sich hin, Ahörnchen hat Mühe auch zu schlafen, so aufgedreht, wie er ist. Doch irgendwann ist auch er im Traumland angekommen.

„Hoppela, was ist denn nun los? Mir dreht sich ja alles und mir wird übel!“, schimpft das sowieso schon kleine Ahornblatt vor sich hin. Durch den Aufschrei wird der Alte unsanft geweckt. „Was lärmst du hier so herum?“, meckert er. „Ja schau doch mal, wir haben uns doch extra ganz dicht an den Stamm gelegt und wo sind wir nun?“empört sich das Kinderblatt. „Ach, das lernst du noch kennen Kleiner.“ Winkt das greise Blatt ab und dreht sich wieder herum, um weiterzuschlafen. „Du“stupst das junge Blatt den Alten an. „Was meinst du damit?“ Mit einem tiiiefen Seufzen und Knistern am ganzen GrünKleid wälzt er sich wieder rum und stöhnt: “Kannst du Quälgeist nicht solange warten, bis ich ausgeschlafen habe? Ich muss mich ausruhen, bevor es auf die Reise mit dem Wind geht und erst recht, wenn der Herbststurm mit seiner Blaserei und dem Geheule anfängt. Nun gut, ich erkläre dir den Kreislauf, den wir jedes Jahr aufs Neue machen.“ Erwartungsvoll hat sich das kleine Ahörnchen neben das weise alte Blatt geschmiegt und schaut ihn mit großen neugierigen Augen an. Aufmerksam und wissbegierig lauscht er den Worten seines väterlichen Freundes.

„Weißt du mein Kleiner, du hast ja bemerkt, dass du nicht so groß geworden bist wie ich, weil deine Astmutter dich zu spät nach draußen geschickt hat.
Jedes Frühjahr, wenn Vaterstamm aus seinem Winterschlaf erwacht und mit seinen Wurzeln sehr durstig wieder Wasser aus dem Boden bis hoch oben in die Baumkrone schlürft, ist das, dass Zeichen für Mutterast uns langsam an die frische Luft zu schicken. Wir wachsen heran und zeigen uns im Sommer in voller Pracht, bis langsam der Herbst herannaht und wir unser Blattgrün verlieren und einfach vor uns hinwelken. Irgendwann kann Mutterast uns nicht mehr festhalten und wir fallen herunter. Eine Weile bleiben wir noch am Leben und machen mit dem Wind eine Reise.“

„Und wohin geht die Reise?“ Ahnungsvoll blickt Ahörnchen den Greisen an. „Das weiß niemand. Da schau mal, du hübsches gelbgrünes Blatt. Freund Wind kommt schon herbei. Unsere Reise beginnt! Halt dich ein wenig an mir fest, bis du weißt, wie man fliegt.“ Kaum ausgesprochen hebt der Wind die beiden hoch und lässt sie über die Wiese tanzen. Ahörnchen bestaunt die vielen kleinen Blumen, die ihm schnell noch zurufen, das sie die Gänseblümchen heißen. Der Alte hat seine Freude an dem jungen Kollegen und bemerkt das der Kleine den Dreh zu fliegen heraus hat und kann es etwas langsamer angehen lassen. „Juchhhhuuuu“ hüpft das junge Blatt voll Vergnügen auf und ab. Es hat keine Zeit, sich nach dem Greisen umzuschauen. Da, Moment hat er nicht aufgepasst und bleibt hängen. „Auaaa, was ist das denn?“, schreit er auf und muss zwangsweise warten, bis sein Lehrmeister völlig außer Atem bei ihm angekommen ist. „Schneller, es tut so weh! Irgendwas hat mich aufgespießt!“, kräht das unerfahrene Blatt dem alten Freund entgegen. Schmunzelnd kommt der an und tadelt sogleich: „Tja, ein wenig aufpassen musst du schon mein Lieber.“ Das ist eine Kastanienschale, die deinen Übermut gebremst hat. Halt still, ich mach dich wieder los.“

Geschafft! Der Kleine ist ohne Blessuren wieder befreit. Glück gehabt, die Reise hätte hier schon enden können. Dabei gibt es doch noch so viel, was er noch nicht gesehen hat.

„So, nun ruhen wir uns ein wenig aus!“ Befiehlt das alte Blatt. Kleinlaut und bedröppelt folgt das Ahörnchen dem weisen Alten an ein windstilles Plätzchen. „Hier bleiben wir ein Stündchen und nehmen erst eine der nächsten Windböen, um weiter zu reisen,“, rät er. Müde von der Strapaze schlafen beide schnell ein. Doch die Ruhe dauerte nicht lange. Ein heftiger Sturm kommt auf und treibt die beiden Blätter vor sich her. Auf und nieder geht es. Über Hügel und Täler hinweg sausen sie in einen kleinen Wald hinein. Endlich liegen sie völlig außer Atem, aber geschützt unter den hohen Tannenkronen. Schön weich gebettet auf Tausenden von Tannennadeln, beschließen sie hierzubleiben und sind glücklich darüber, dass kein Windstoß sie erreichen kann. Doch wie soll ihre Reise weiter gehen, ohne den Wind? Erleichtert, dass sie ihre Karussellfahrt heil überstanden haben, wollen sie sich darüber noch keine Gedanken machen und halten ein wohlverdientes Schläfchen.

Nach einigen Stunden erwachen beide gleichzeitig. „Duhuuu“ stupst das kleine Blatt den arg in Mitleidenschaft gezogenen Alten an. „Ich bin wach, du auch?“ „Ja“, knurrt er zurück. „Was willst du? Mir tut alles weh!“stöhnt er schlecht gelaunt. „Dieser vermaledeite Sturm hat uns weit von unserer Reiseroute weggetrieben.“, klagt das schrumpelige Blatt den Kleinen an, so als ob er Schuld daran wäre. Automatisch duckt sich das kleine Blatt hinter einen Ameisenhügel, vor lauter Angst, das er Schelte bekommt. Dabei weiß er doch gar nicht, was passiert ist. Erschrocken sieht der Greise die Angst in Ahörnchens Augen und entschuldigt sich schnell für seine Barschheit. Erleichtert kommt das junge Blatt wieder hervorgekrochen und fragt mit zitternder Stimme, was los ist.

„Ach mein Junge, wir müssen sehen, dass wir schnell wieder aus dem Wald herauskommen. Doch hier kann uns noch nicht einmal ein noch so kleinste Windhauch erreichen. Die Baumkronen haben ein zu dichtes Dach und hier gibt es keine Luftbewegung. Die brauchen wir aber, um fliegen zu können“.
„Qh jemineeee, was sollen wir nur tun?!“ Jammert Kleinahörnchen.
„Keine Sorge, mir fällt schon etwas ein“. Beruhigt der Greise seinen Zögling. „Eine Weile bleiben wir noch hier und dann sehen wir weiter.“, schlägt er aufmunternd dem Kleinen vor. Kaum hat er es ausgesprochen, bekommen sie Besuch von einem Kastanienblatt.

„Hallo ihr zwei. Ich habe mich verirrt, könnte ihr mir weiterhelfen?“ „Aber ja,“sagen die Ahörner wie aus einem Mund. „Wir sind schon eine Weile unterwegs und der Sturm hat uns hierher getrieben,“erklärt der Junge dem neuen Kollegen. „Mein Freund hier weiß ganz genau, wie die Reise weiter geht. Wir wollen noch etwas Rast machen und dann geht es weiter. Du kannst ja mitkommen.“, schlägt das junge Blatt dem Neuankömmling vor. Heftig raschelnd vor Freude und Erleichterung stimmt das große braune Kastanienblatt dem Vorschlag zu.

Unterdessen hat das greise Ahornblatt einige Ameisen mobilisiert, die schon in Reihe und Glied parat stehen, um alle drei Blätter auf ihre Schultern zu nehmen. So kommen sie ohne Schwierigkeiten an den Waldrand. Dort muss die kleine Gesellschaft nur noch auf Freundwind warten, der sie wieder mit auf die Reise nimmt.
Mit Leichtigkeit setzen die freundlichen Ameisen das Dreigespann auf dem immergrünen, erfrischend feuchten Moos ab. Was für eine Wohltat für die Blätter, wieder heraus aus dem dunklen und windstillen Wald zu sein.

Von Weitem sehen sie auch schon ein paar Wolken herannahen. Das bedeutet, dass der Wind nicht mehr lange auf sich warten lässt. Und schon ist es so weit …
Eine Windböe nimmt sie wieder mit hoch in die Luft. Heißa, hussassa ein lustiger Tanz beginnt. Ahörnchen und Kastanie tragen einen kleinen Wettstreit aus und lassen das alte Blatt weit hinter sich. Immer weiter und höher sausen sie dem Himmel entgegen und bemerken das Zurückbleiben ihres väterlichen Freundes erst spät. Schnell kehren sie wieder um.

„Kleiner, meine Reise endet nun hier. Ich bin zu alt und schon sehr geschwächt von der langen Fahrt durch die Lande. Ich habe dir verschwiegen, dass ich dich nicht bis zum Ende begleiten kann. Du bist noch voller Elan und hast eine neue Begleitung gefunden. So kann ich mit ruhigem Gewissen hier mein Leben beenden und auf das Frühjahr warten. Du erinnerst dich daran, dass ich dir von unserem Kreislauf erzählte. Doch dazu gehört auch unser Sterben, das sagte ich dir vor unserem Reisebeginn nicht. Für mich ist es nun so weit. Setzt nun euer Abenteuer fort. Wir sehen uns im Frühjahr wieder. Am selben Baum!“ Verabschiedet sich der Greise von seinem jungen Weggefährten.

Das bisschen Wasser, das Kleinahörnchen noch gespeichert hat, rinnt ihm nun als Tränen an seinem Blattrand herunter. Herzzerreißend schluchzt er und kann sich kaum beruhigen. Einziger Trost ist sein neuer Kastanienfreund, der ihn mit seinen vielen Blattfingern in die Arme nimmt. Viel Zeit zum traurig sein hat Ahörnchen nicht. Ein kräftiger Wind kommt auf und die beiden haben alle Hände voll zu tun, um sich in den vielen Luftwirbeln nicht zu verlieren. Atemlos fallen sie in einen kleinen Fluss, mit dem sie in einen See schwimmen und landen in einer Fischreuse. Sie sind gefangen! Der eine spricht dem anderen Mut zu und müssen drei Tage in ihrem nassen Gefängnis verharren, bis sie von einem kleinen Jungen befreit werden.

„Papa schau einmal, was für wunderschöne Blätter in dem Fangkorb sind. Ein Ahornblatt und ein Kastanienblatt mit tollen Farben.“
„Du hast recht, mein Junge, das sind sehr schöne Exemplare. Wir nehmen sie Mama mit. Sie wird sich freuen und die Blätter in ein Buch legen und sie durch das Pressen haltbar machen.“
„Stimmt Papa und später werden sie eingerahmt.“, weiß der Junge. „Ganz genau auf diese Art und Weise hat deine Mutter schon tolle Bilder gezaubert.“, freut sich der Vater.
Interessiert haben die beiden Blattfreunde zugehört und wissen nun, dass auch ihre Reise ein Ende hat.

© AVALON
 

aliceg

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Liebe/r Avalon!

Die Überschrift ließ mich zuerst an Disney's A-Hörnchen und B-Hörnchen denken und ich war angenehm überrascht, welch liebevolle Geschichte über ein Ahornblatt sich dahinter verbirgt. So feinfühlig lässt sich Natur schildern.

Auch für ganz junge Leser zum Vorlesen geeignet, denn es erinnert an Annelies Umlauf-Lamatsch's Kinderbuch "Pong springt durch die Welt.", die Reise eines Tennisballs.

lg aliceg
 

AVALON

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Liebe @aliceg,


die Assoziation an den Walt Disneys Klassiker kann verstehen, lag aber ganz und gar nicht in meiner Absicht.

Ich freue mich sehr, dass dir meine kleine Geschichte gefallen hat und danke dir für deinen lieben Kommentar und die tolle Bewertung.


Ein lieber Gruß
AVALON
 



 
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