Alle Macht der Welt kann den Feind nicht in einen Freund verwandeln

Rezension zu: Lizzie Doron, Who The Fuck Is Kafka, DTV 2015, ISBN 978-3-423-26047-3


Die 1953 als Tochter einer Holocaustüberlebenden in Tel Aviv geborene israelische Schriftstellerin Lizzie Doron ist in Deutschland durch ihre ausnahmslos autobiographisch geprägten Bücher bekannt geworden, in denen sie das Lebensgefühl und die Probleme der sogenannten „zweiten Generation“ thematisierte. Nicht nur in ihrem letzten Buch „Das Schweigen meiner Mutter“ versuchte sie sehr eindrucksvoll das Schweigen zu brechen. Es gibt niemand sonst, der in der Lage ist, die widerstrebenden Gefühle der Nachkommen der Überlebenden tiefer und schmerzhafter auszuloten. Man spürt den jeweils sehr sensiblen und gelungenen Übersetzungen Mirjam Presslers ab, welche unsagbare Anstrengung das Schreiben dieser Bücher für Lizzie Doron bedeutet.

Mirjam Pressler hat auch das neue Buch von Lizzie Doron übersetzt und zusätzlich die schwierige Lektorenaufgabe übernommen, denn das Buch sollte zuerst im Ausland erscheinen. Das musste Lizzie Doron dem palästinensischen Israeli Nadim versprechen. Zwar schreibt sie zu Beginn des Buches: „Nadim ist ein fiktiver Held Er steht für viele einer palästinensischen Freunde, die ihre Geschichten mit mir teilen und auf diese Weise halfen, eine Figur wie ihn zu erschaffen, ein Buch wie dieses zu schreiben.“ Doch man hat das Gefühl, dass er sehr real ist.

Auf einer Friedenskonferenz in Rom lernt die Schriftstellerin Anfang 2009 jenen Nadim kennen, während unter dem Namen „Operation gegossenes Blei“ in Israel und Gaza Krieg herrscht. Die beiden freunden sich an, und besonders durch die unsägliche Geduld von Lizzie Doron bleibt diese ungewöhnliche Freundschaft über viele Jahre bestehen und besteht viele Krisen. Er plant schon bald, einen Film über sie zu drehen, von dem sich später herausstellen wird, dass es ihm nur um die Darstellung seines eigenen Schicksals und das seines Volkes geht. Sie möchte in einem Buch sein Leben erzählen, noch besser verstehen, was das Leben eines Palästinensers mit israelischem Pass ausmacht. Natürlich hofft sie dabei auch immer, Nadim ihre eigene Geschichte zu erzählen, doch sie stößt dabei immer auf Widerstände und Desinteresse. So ist sie zum Beispiel erschüttert, dass Nadim nicht weiß, wer Dr. Mengele war und muss lernen, dass Nadim schon bei der Erwähnung der Wortes „Holocaust“ dicht macht. Dennoch gibt sie nicht auf. Ihr Beispiel, so hofft nicht nur sie, sondern auch die Aktivistin Maria, die die Konferenz in Rom organisiert hat und ihre Projekte begeistert unterstützt (wobei für sie Täter und Opfer klar definiert sind in diesem schon ewig anmutenden Konflikt), könnte ein Beispiel dafür sein, wie Frieden möglich wäre.

Lizzie Doron ist zutiefst davon überzeugt, dass die beiden verfeindeten Völker, wollen sie eine Chance haben zu überleben, das Unverständnis füreinander überwinden müssen. Gleichzeitig ist sie sich mit David Grossmann und vielen anderen einig, dass ohne die israelische Armee das Land schon längst nicht mehr existieren würde, und die Juden, wie es Nasser zuerst formulierte, von den Arabern ins Meer getrieben worden wären.

Das Buch und seine Autorin sind voller Widersprüche. Da ist zu einem die Hoffnung, und zum anderen die tief sitzenden Vorurteile und Ängste. Und man spürt eine in den letzten Jahren stärker gewordene Ratlosigkeit, von der Sandra Kegel gestern in der FAZ aus Jerusalem berichtete, wo sie viele der bekannten Schriftsteller auf einer Buchmesse traf, die sich seit Jahrzehnten für eine Versöhnung und für den Friedensprozess einsetzen.
Einer von ihnen, Amos Oz, lässt in seinem gerade erschienenen neuen Roman „Judas“ einen alten weisen Juden sagen: „Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden. Mit aller Macht der Welt kann man einen Fanatiker nicht zu einem aufgeklärten Menschen machen. Und mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existentiellen Probleme des Staates Israel: einen Feind zum Liebenden zu machen, einen Fanatiker zu einem Gemäßigten, einen Rachsüchtigen zu einem Freund.“

Auch Lizzie Doron macht in ihrem Buch immer wieder deutlich, dass die militärische Macht und ihr Einsatz notwendig sind, um den schnellen Tod Israels und seiner jüdischen Bevölkerung zu verhindern.

Es ist eine verzweifelte Zwickmühle, die da mit großer literarischer Kunst beschrieben wird. Die zunehmende Radikalisierung und Fundamentalisierung der jüdischen Ultraorthodoxen wird nicht verschwiegen und stellt in der Zukunft sicher eine ähnlich schwere Bedrohung für den inneren Zusammenhalt Israels dar, wie der Hass der unterdrückten Palästinenser und der Hamas.

Beim Lesen dieses Buches spürt der Leser geradezu körperlich die Qual, die Intellektuelle wie Doron, Oz oder Grossmann nicht erst seit gestern aushalten. Ich kann es allen Menschen sehr empfehlen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, weigern, die Hoffnung für dieses Land und seine Menschen aufzugeben, und denen die einseitige Parteinahme für die Palästinenser von vielen Medien, den Linken und auch der SPD gegen den Strich geht.
 

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