Alleinstehend

blackout

Mitglied
Ach, ganz allein. Das Zimmer totenbleich.
Die Wände flüstern: Nur jetzt keine Bange!
Im Grunde bin ich doch an Seele reich.
Ich wart. Und wart auf irgendwas so lange.

Das Radio spielt, ich brauche ein Geräusch.
Herrgott, die Stille lastet auf den Ohren.
Ich seh mich um: Die Bücher stehn so keusch,
wie ungelesen, irgendwie verloren.

Ein neuer Tag – vermutlich neues Glück,
das sagt man zu sich bloß so in Gedanken.
Doch ich, ich denk an vieles jetzt zurück,
muss meine Träume rational verschlanken.

Ich friere hier in meiner Einsamkeit,
sehn mich nach Sonne, einer warmen Stimme.
Denk dran, wie’s war in der Vergangenheit.
Warum drückt Stille immer auf das Schlimme?

Willkommen wäre jetzt ein langer Schlaf.
So einer, der so manches macht vergessen.
Doch ich sitz rum, sehr sittsam und sehr brav.
Mir fehlen bloß die richtigen Adressen.
 

Tula

Mitglied
Moin blackout

Ich weiß gleich im Titel, dass es um die Einsamkeit eines alleinstehenden Menschen geht. Bin ich als Leser inhaltlich sofort vorbereitet.
Nein, halt. Ich brauche noch mehr, vielleicht ist der Autor ja doch kreativ?
Uuff, die erste Zeile rettet mich. Es geht WIRKLICH um's einsam sein. Bräuchte ich gar nicht weiter lesen, denn meine Emphatie mit dem Autor lässt mich bereits an eine gute Wertung denken. 8 oder 9, bin mir noch nicht sicher.

Absolute Spitze ist die letzte Strophe. Das dachte ich mir als Leser auch, willkommen wäre nach diesem Gedicht ein Nickerchen. Bin ja beim Lesen ohnehin fast von alleine eingeschlafen. Aber das ist nur ein künstlerischer Trick des Autors, denn bei der Verdrehung der Satzstrukur in Z2 dieser Strophe bin ich als Leser natürlich gleich wieder hellwach, der Schmerz zieht sich sogar bis in den kleinen Zeh.

Klare Sprache, gedanklicher Spielraum strebt nicht gegen, sondern ist gleich Null. Das Auslassen lyrischer Elemente hat mir als Leser sehr geholfen. Ich kann jetzt getrost in den Lidl schlurfen.

Die Moral von der Geschicht:
Reimen macht noch kein Gedicht.

LG
Tula
 

blackout

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Tula, vielen Dank für deinen Kommentar. Wenn er dir geholfen hat, mit deinem Ärger fertigzuwerden, hat er doch was genützt.

blackout
 

Tula

Mitglied
blackout

Wir sollten hier Textarbeit leisten, ohne auf unsere Symphatie für bzw. irgendwelchen Ärger mit dem Autor zu schauen.

Mein Ärger hat mir hier lediglich dazu verholfen, frank und frei meine ehrliche Meinung zum Gedicht zu schreiben.

Poesie, je nach Absicht, verarbeitet, verdichtet das Konkrete. Zum Beispiel ein Liebesgedicht, ohne das Wort Liebe zu benutzen, und dennoch vom Leser so verstanden, nein "empfunden" zu werden. Mit Gedichten über Einsam- und Traurigkeit ist's wohl ähnlich.

Und anderswo ging es auch nicht um ein "konkretes" Ereignis, nicht einmal um den, der da Steine wirft, sondern um jenen, der die Gefahr solcher Entwicklungen verdrängt, wegschaut usw. Im schlimmeren Falle sogar billigt (Steine von rechts sind Scheiße, aber die von links schmerzen weniger). Das läuft (klirrt) mit den Steinen nicht viel anders als in Martin Niemöller's 'zuerst holten sie Kommunisten', solange mich keiner trifft ... Aber um dich zu beruhigen, ich dachte in allererster Linie an die Gefahr aus dem populistisch-rechten Lager und die 'erste Scheibe' ist eine Anspielung auf ein anderes Ereignis der deutschen Geschichte.

Dennoch sind bei mir alle Steine gleich, egal aus welcher Richtung sie geflogen kommen. Bei dir offenbar nicht.

LG
Tula
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
M O D E R A T I O N

Bitte unterlasst persönliche Angriffe und nutzt für private Unterhaltungen die entsprechenden Kanäle.

lap
 

blackout

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Tula, was hast du denn von diesem Gedicht erwartet - einen Mord, einen Selbstmord? Ich schreibe keine Krimis. Dieses Gedicht gehört in meine Sammlung der Alltagsgedichte. Natürlich umfasst es nicht die Welt, es konzentriert sich
auf das kleine Ich in seiner Einsamkeit. Und da muss ich schon an der Realität bleiben, sonst wird es unglaubwürdig.
So ereignislos ist nun mal oftmals der Alltag.

blackout
 

Tula

Mitglied
Moin

Das verstehe ich doch auch, dass du dir dieses gewissermaßen von der Seele geschrieben hast.

Nun lasses's wir mal mit der Streiterei, zumindest jener, die an der Textarbeit vorbeigeht. Führt doch zu nichts.

Schau einfach mal in der Blödelstube auf dsfo vorbei, denn die macht wirklich Spaß.

Versöhnliche Grüße
Tula
 

blackout

Mitglied
Tula, dsfo interessiert mich nicht. Ich war da, bin rausgegangen. Viele Spinner, die sich für Profis halten.
Was aber die Diskussion zwischen uns beiden ausgelöst hat, waren doch unterschiedliche Standpunkte.

Aber du machst denselben Fehler, den so ziemlich alle machen: Du nimmst das Ich des Gedichtes für das Ich des Autors. Der Text ist rein fiktional. Ich schreibe immer fiktional, gehe aber auf bestimmte Erlebnisse zurück, die mir den Anstoß fürs Gedicht gegeben hatten.

blackout
 

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