Alles, was ich nicht erinnere

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Rezension zu:

Jonas Hassen Khemiri, Alles, was ich nicht erinnere, DVA 2017, ISBN 978-3-421-04724-3

Ein junger Mann namens Samuel ist mit einem Auto tödlich verunglückt. War es ein Unfall oder ist er absichtlich mit einem Todeswunsch gegen den Baum gefahren? Aber warum? Was hat ihn dazu getrieben? Trägt irgendjemand von denen, die ihn kannten und mit ihm Beziehungen pflegten, eine Schuld an diesem Tod?

Jonas Hassen Khemiri, der neue Star der schwedischen Literaturszene, hat für seinen neuen Roman einen imaginären Berichterstatter mit all den Menschen, die Samuel, der wie Khemiri selbst einen nordafrikanischen Vater hat, kannten, immer wieder längere Interviews führen lassen. Aus diesen Gesprächen und vielen kleineren Textelementen fügt sich im Laufe des Romans eine Geschichte eines jungen Mannes zusammen.

Immer wieder meldet sich Laide zu Wort, Samuels Partnerin, die er leidenschaftlich liebte; da ist auch Vandad, mit dem Samuel eng befreundet war und mit dem er zusammen wohnte.

Samuel hat eine Großmutter, und als sie ihr Haus verlassen muss, weil sie wegen einer Demenz in ein Heim kommt, ist er es, der sich immer wieder um sie kümmert.

Er schafft es irgendwann nicht mehr, sich um das Haus der Großmutter zu kümmern und lässt es zu, dass Laide, die er im Amt für Migration kennengelernt hat, wo er arbeitet, zunächst einige Frauen mit ihren Kindern, die als Flüchtlinge nach Schweden gekommen sind, dort Obdach bietet. Irgendwann werden es immer mehr, dann sind da auf einmal auch Männer, die sofort die Herrschaft an sich reißen, und schlussendlich brennt das ganze Haus ab.

Es ist dieser gesamte Hintergrund der Migranten und Asylsuchenden im gegenwärtigen Schweden, vor dem Khemiri seinen Roman spielen lässt. Viele Widersprüche und Konflikte werden sichtbar. Es wird deutlich, wie schwer es ist für die schwedische Gesellschaft, damit umzugehen.

Konflikte gibt es auch zwischen denen, die der Berichterstatter befragt und die etwas beitragen wollen zu der Frage, wer Samuel war und vor allem wie und warum er ums Leben gekommen ist. Sie geben sich gegenseitig die Schuld.

Im Versuch, Samuels Identität zusammenzusetzen, kommt ein Mensch zum Vorschein, der verzweifelt versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben, indem er seine „Erfahrungsbank“ auffüllt. Khemiri sagt in einem Interview über ihn: „Samuel kann nicht im Jetzt und im Leben sein, ohne dazu eine Theorie zu basteln. Er ist nostalgisch im Präsens und befindet sich unmittelbar in einem Danach: Wie soll ich das beschreiben und erzählen, was ich gerade erlebe?“

Man spürt durchgängig die Sehnsucht der Menschen nach einem Leben, nach einer Wirklichkeit, die sie berührt, die sie etwas angeht und ihrem Leben einen Sinn gibt. Immer wieder geht es darum, welchen Preis sie zahlen, um nicht allein zu sein.

„Alles was ich nicht erinnere“ ist die mitreißende Rekonstruktion eines Lebens eines jungen Menschen, der sein ganzes Leben lang vor sich selbst auf der Flucht war. Ein Roman über Gewalt und Liebe, über Leidenschaft und Verlust und ein Bild des heutigen, multikulturellen Stockholm und seiner Widersprüche.
 

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