als ich tot war

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als ich tot war und am regal der
ungestillten sehnsüchte
meine taschen leerte
sah ich die fotos

alte ehepaare auf seufzerbrücken
träumen sie den traum
aus alten liebesfilmen
stehen nebeneinander
so fremd
der arm um ihre schulter
als hätte sie auf den moment
ein leben ausgehalten
________________und er
trug kurz ein anderes gesicht

und weinte
als ich die worte wiederfand
auf die ich eine kindheit lang schon warte
und dass ich immer noch ein du dir bin

ein foto habe ich jetzt stets bei mir
in parks zeig ich es manchmal alten frauen
und streichle ihre tränen
 
Zuletzt bearbeitet:

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo charlotte,

durch diesen Tod bin ich auch schon gegangen und habe Antworten auf alten Fotos gesucht. Manches habe ich gefunden und anderes ist mir rätselhafter als vorher.
So manches Foto ist mir lieb und teuer geworden, aber ich streichle vor allem meine Tränen.

Danke für dieses Gedicht und liebe Grüße
Manfred
 

Trist

Mitglied
Guten Morgen schwarzer lavendel,

ich schleiche auch um deine schöntraurige Verse.
Einzig

...als hätte sie für auf den moment
ein leben ausgehalten...

hat mich etwas ausgebremst.
Ansonsten - ich mag ja so tiefer gehende Verse oder Texte -
gefällt mir dein Werk.
Schön gefühlvoll, mit einer leisen Traurigkeit.

Liebe Grüße
Trist
 

L'étranger

Mitglied
Hallo,

ich schließe mich Trist an,

plädiere aber auch für eine Änderung der erwähnten Zeile. Dieses "für auf den Moment" klingt einfach ungeschickt. Ich vermute, du solltest dir eine Präposition sparen, und es anders zum Ausdruck bringen, dass es wie nur für diesen einen Moment aufgespart wirkt.

LG Lé.
 
Hallo charlotte,

durch diesen Tod bin ich auch schon gegangen und habe Antworten auf alten Fotos gesucht. Manches habe ich gefunden und anderes ist mir rätselhafter als vorher.
So manches Foto ist mir lieb und teuer geworden, aber ich streichle vor allem meine Tränen.

Danke für dieses Gedicht und liebe Grüße
Manfred
lieber manfred,
vielen dank. bei mir war es ein foto meiner großeltern.
und es tut noch weh.
liebe grüße
charlotte
 
lieber Trist und lieber Lé,
ups - das war nicht geplant und ich hab das für vergessen rauszunehmen.
das war in der ersten fassung, schien mir dann aber zu banal.
danke fürs aufmerksammachen.
liebe grüße
charlotte
 
Liebe Charlotte,

irgendwie fasziniert mich dein Stück.
Auch wenn ich es bisher nicht richtig verstanden habe.
Ich interpretiere es so, dass es um Ehepaare geht, die ein Leben lang aus Zweckmäßigkeit zusammen waren und das LI das nun bei jemandem entdeckt, der ihm nahe steht.
Aber ganz erschließt es sich mir noch nicht.
Vor allem nicht die Rolle des LI.

Vielleicht kannst du es mir ab hier ja ein wenig erklären

und weinte
als ich die worte wiederfand
auf die ich eine kindheit lang schon warte
und dass ich immer noch ein du dir bin

ein foto habe ich jetzt stets bei mir
in parks zeig ich es manchmal alten frauen
und streichle ihre tränen
….

Hier noch ein bisschen extrem subjektive eigene Meinung:

Da ich stilistisch eher von der „weniger ist mehr Fraktion“ bin, hätte ich es noch toller gefunden, wenn du auf das Regal der ungestillten Sehnsüchte und auf die Seufzerbrücken verzichtet hättest. Ich finde es klingt beides ziemlich verkrampft reingezimmert, nach dem Motto: „Hauptsache „kunstvolle“ Metaphern eingebaut.“
Ich finde gute Lyrik, wie diese, schafft es ohne solche Wortschöpfungen und bunte Tränen und schwarze Regenbögen auszukommen.

Vielen Dank für das Stück welches mich, wie du merkst, definitiv beschäftigt :).

LG, Tommy
 
Zuletzt bearbeitet:
lieber Tommy,
vielen dank für dein statement. ich kann die kritikpunkte gut nachvollziehen.
aber das war der biografische teil - es war ein foto meiner großeltern, das ich
sozusagen geerbt habe. und es war eine seufzerbrücke, auf der sie standen.
und die ungestillte sehnsucht trage ich als erbe weiter.
das ist der teil, den du anfragst. sehe ich sie? ich liebe meine frau, aber sehe ich sie wirklich?
und sie mich?
zu dem zitierten - das ist ein sprung im text, weil ich in dem foto auf meine ungestillten momente
gestoßen bin. es gehört zusammen, weil ich es bin. ich weiß nicht, ob ich das gut ausdrücken kann.

ich bin irgendwie sehr nahe dran. das ist immer gefährlich. und deshalb freue ich mich wirklich,
dass es offenbar "ankommt".
und genau deshalb glaube ich, dass ich gut verstehe, was du meinst.
liebe grüße
charlotte
 

revilo

Mitglied
.....Ich kann mich dem allgemeinen Jubel nicht anschließen....die erste Strophe ist schwach und völlig überladen.......aber offensichtlich erfreuen sich bombastische Bilder wie......

am regal der
ungestillten sehnsüchte
meine taschen leerte

großer Beliebtheit.......

seufzerbrücken

.......drückt zu sehr auf die Tränendrüsen......

und dass ich immer noch ein du dir bin


......ist sprachlich schief....

ein foto habe ich jetzt stets bei mir

.....zerstört die melancholische Grundstimmung, weil man in der Lyrik niemals erklären oder hinweisen sollte.....

...tut mir leid, ich gönne Dir Deinen Erfolg von Herzen, meine aber, dass du viel zu viel Gas gibst........
 
hallo revilo,
hm, kann ich nachvollziehen, dass es dir so geht.
aber ich glaube, du unterstellst mir etwas, was ich so nicht gewollt hab.
biografisch - es gibt diese seufzerbrücken ja, wo sich liebespaare verewigen wollen -
mit gefühlen, die ich als kitschig empfinde. und ich habe so ein foto geerbt.
das hat mich traurig gemacht, weil ich glaube, dass meine großeltern - besonders
meine oma - dort etwas gewollt hat, was es für sie nicht gab.
es sind keine bombastischen bilder. und wenn, dann nicht meine. sondern die
eines dichterischen klischees. aber gut, ich greife sie auf. weil die sehnsucht trotzdem echt war.
glaube ich.

und das ich immer noch ein du dir bin - das ist nicht schief. okay, für mich nicht. was empfindest
du daran als schief?

das mit dem foto - nun, es sollte vielleicht kein melancholisches gedicht sein.

das es nicht zu dir spricht, verstehe ich. aber das, was es dir nicht sagt, wollte ich
so auch nicht sagen*.

liebe grüße
charlotte

*mist, jetzt versuche ich ja doch, es zu verteidigen.
 

revilo

Mitglied
Hallo Charlotte, ich meine es nicht böse, sondern konstruktiv.....ich will nur zum Nachdenken anregen, nicht mehr und nicht weniger...was du daraus machst, bleibt dir überlassen.....ich wusste nicht, was Seufzerbrücken sind....daher nehme ich meine Kritik in diesem Bereich gerne zurück.....besten Dank für die Erklärung....ich habe übrigens auch 1 oder 2 Gedichte über Fotos meiner Eltern geschrieben und hier gepostet.....LG Oliver
 
hallo oliver,
ich hab es nicht als böse empfunden. und wegen der kritik bin ich ja hier.
ich wollte auch nur meine gedanken erklären, warum ich es so gemacht
habe.
liebe grüße
charlotte
 
Hallo Charlotte,
danke dir auch nochmal für deine Antwort und Erläuterungen zu meinem Kommentar. Da ich, wie revilo, auch in die Seufzterbrücken Kerbe geschlagen hatte, muss ich auch zugeben, dass ich nicht wusste, dass es die wirklich gibt. Für einen Unwissenden wie mich, klingt es einfach wie eine total überzogene Metapher ;-).
Danke und Grüße,
Tommy
 
hallo tommy,
das ist shakespeare-kitsch hollywoodmäßig gepusht - diese brücken.
und das ist meine trauer, weil dahinter so viel ungelebte sehnsucht steht.
manchmal denk ich, wie viele leute sehen nicht sich, sondern das, was sie
denken, dass sie es sehen müssten. darum will ich ihr ein du sein - ein
gegenüber. und nicht ein bild oder eine schlechte idee.
liebe grüße
charlotte
 


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