Alt ist, wenn man...

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Alt ist, wenn man…
Junge beanspruchen die Definitionshoheit

Die Frauen haben sich in Deutschland inzwischen weitgehend emanzipiert, jedenfalls die jüngeren.
Wir Alten, ob nun weiblichen oder männlichen Geschlechts, haben das offenbar noch vor uns.
Despektierlich müssen wir uns Seniorinnen und Senioren nennen lassen. Das erzeugt keineswegs gehobenes Selbstvertrauen, zumal wir selbst kaum auf die Idee gekommen wären, uns so zu bezeichnen.
Wer alt ist, und was jener in diesem natürlichen Normalfall zu tun habe, das glauben die jüngeren deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit und ohne Migrationshintergrund immer noch weitaus besser zu wissen als wir Alten selbst.
Alt ist für sie faltig, grauhaarig, vergesslich bis dement, kränkelnd, gebrechlich bis inkontinent und irgendwie immer pflegebedürftig. Alt ist darüber hinaus auch erfahren, langsam und gestrig. Alte schwärmen von guten alten Zeiten und wollen Jüngeren immer die eigenen Erfahrungen aufzwingen.

Kannst du als so genannter Senior davon nur wenig oder fast gar nichts aufweisen, giltst du allenfalls als jung geblieben, aber nie als rüstiger, seinem Alter gemäß entwickelter bejahrter Grau- oder Glatzkopf. Ältere Damen neigen nicht zuletzt auch deswegen dazu, die Haare zu färben und die müde gewordene Gesichtshaut straffen zu lassen.
Alte Menschen sind für die junge und angeblich aktivere Bevölkerung eigentlich überwiegend bedauernswerte Sozialfälle. Oder wenigstens auf dem besten (oder eher dem schlechtesten) Weg dahin.
Ob ich mich als Senior überhaupt für meine wahre Selbstbefindlichkeit interessieren darf, müsste ich eigentlich erst jene Männer und Frauen zwischen ungefähr zwanzig und fünfzig Lebensjahren fragen. Und Altersforscher sehen im übrigen immer erstaunlich jung und äußerst selten wirklich alt aus.
Junge und Mittelalte allein glauben, die Definitionshoheit über uns Alte und deren Zustände zu besitzen.
Dabei haben sie natürlich nicht die Spur eigener Erfahrungen und können somit gar nicht wissen, wie Alt-Sein sich tatsächlich anfühlt und was es eigentlich alles für die wirklich Betroffnenen bedeuten kann.
Sie haben einfach nur Angst vor den Behinderungen des Alters, die sie alle vor ihrem Tod noch ereilen könnten. Und genau dahin scheint naturgemäß ihre Fantasie mit ihnen durchzugehen.
Wenn die wüssten, wie gut ein Alter auch mit leichten Schmerzen noch lange leben kann und wie angenehm es ist, zu vergessen und sich nicht an jeden Kleinkram zu erinnern. Ich weiß das, kann mich als Alter um das Wesentliche des Lebens kümmern und lächelnd dabei zuschauen, wie meine jüngeren Zeitgenossen sich mit den Nebensachen herumquälen.
Junge und Mittelalte haben einfach noch keine Ahnung, was es heißt, über freie Zeit zu verfügen, weil es unter ihnen als nahezu unanständig gilt, nichts zu tun zu haben.
Und wie unglaublich angenehm Langsamkeit sein kann, davon haben diese Hektiker offensichtlich keinen Schimmer.
Auf der vermeintlichen Höhe ihres Lebens halten sie sich für das Maß aller menschlichen Befindlichkeiten.
Dabei könnte auch sie in ihren jungen Jahren plötzlich der Tod durch Krankheit, Unfall oder Naturkatastrophe ereilen.
Und dann haben sie sich in der Regel noch nicht einmal großartig mit dem Lebensende auseinandergesetzt, während wir Alten durchaus immer öfter mit ihm rechnen.
Allein schon, wenn wir unsere verstorbenen Verwandten und Freunde auf dem Friedhof besuchen und aufmerksam die Todesanzeigen der Tagespresse durchlesen, um Verluste zu betrauern, aber auch um zu genießen, dass wir immer noch zu den Überlebenden gehören.
Vermutlich müssen jene weitgehend Ahnunungslosen uns nur deswegen in gewisse Schubladen stecken, um sich dort noch nicht selbst einordnen lassen zu müssen.
Dabei stecken sie nur in anderen und vor allem solchen, die uns längst viel zu eng wären.
Wissen wir so genannten Senioren doch schon lange, dass Erfahrungen ohnehin keine Dogmen für die Zukunft sondern häufig nur Irrtümer der Vergangenheit sind. Und wer andauernd von alten Zeiten schwärmt, will nichts als seine jungen Zeiten zurück, obwohl er längst zu alt dafür ist.
Wir Alte, die wir uns nicht abhalten lassen, in der Gegenwart unseren Stil zu leben, wollen trotz gelegentlicher Nostalgie- und Sentimentalitätsanfälle nicht wirklich zurück. Wir wollen auf unsere Art, solange es geht, als selbstbestimmte Alte leben. Die noch Unerfahrenen der Generation davor, sollten uns leben lassen, damit auch wir sie nach ihrem Gutdünken leben lassen können.
Und sollten sie sich tatsächlich für unsere Erfahrungen interessieren, können sie uns ja fragen.
Über echtes Interesse freuen wir uns immer.
 

Duisburger

Mitglied
Lieber Karl,

ich kann mit deinem Text in weiten Teilen nicht konform gehen (ich bin 50), weil ich es anders erlebe und lebe.
Alte schwärmen von guten alten Zeiten und wollen Jüngeren immer die eigenen Erfahrungen aufzwingen.
Das mag früher einmal so gewesen sein, aber die "Alten" sind mittlerweile eine Generation weiter und diese Unart ist heute eher ein Klischee. So meine Erfahrung.

Was mich aber massiv stört, ist die Tatsache, dass gleich am Anfang des Textes von "Wir" gesprochen wird. Da fühle ich mich einbezogen und frage mich, warum du für mich sprichst?
Hier wäre eine Darstellung aus der "Ich"-Perspektive angemessener gewesen.

Leider bedienst du dich im Text einer Menge Klischees und letztendlich weiß ich gar nicht, was dieser Text wem auch immer vermitteln will. Sollte er an die "junge Generation" gerichtet sein, so befürchte ich, wird er seine Adressaten kaum erreichen.

lg
Uwe
 
Lieber Duisburger,
vermutlich hast du meinen Beitrag vollkommen missverstanden. Ich schreibe doch gerade, dass Alte nicht mehr jene sind, die von den guten alten Zeiten schwärmen und Jüngeren ihre Erfahrungen aufdrängen.
Ich bin inzwischen 68 Jahre alt und wehre mich dagegen, dass jüngere Menschen definieren, was Alte und Alter sein soll.
Du bist für mich fast noch eine Generation jünger und gehörst m.E. eher zu jenen, die uns ältere Alte durch gewisse Klischees in Schubladen stopft. Wobei du persönlich das vermutlich gar nicht tust.
Alle Alten sind anders...
Herzliche Grüße
Karl
 

Duisburger

Mitglied
vermutlich hast du meinen Beitrag vollkommen missverstanden.
Eigentlich nicht, denn ich habe den Text ja bis zu Ende gelesen.
Das Problem ist eher, dass einige Leser ob der "überlangen" Hinführung zur Quintessenz gar nicht so weit lesen und kopfschüttelnd abbrechen. Du überziehst in dieser Beziehung, aufgrund der Hinführungslänge wie auch der Aufzählung von Klischees, die eigentlich keiner mehr lesen will.
Ein Roman kann solch einen Spannungsbogen enthalten, hier jedoch ist er fehl am Platze.
Du bist für mich fast noch eine Generation jünger und gehörst m.E. eher zu jenen, die uns ältere Alte durch gewisse Klischees in Schubladen stopft.
Wohl kaum, dass ist (wenn überhaupt) eher die Generation vor mir.

lg
Uwe
 
Lieber Duisburger,
vielleicht sind auch Jüngere nicht mehr in der Lage, der langsameren Entwicklung eines Textes zu folgen.
Aber ich will gern noch einmal über mögliche Kürzungen nachdenken.
Übrigens es sind noch nicht einmal zwei Seiten...
Und dass ein Roman anderen Regeln folgt, das musst du mir wirklich nicht mehr schreiben...
Herzliche Grüße
Karl
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Dass Generationen sich gegenseitig in Schubladen stecken, ist wohl eher normal. Ich mit meinen 45 merke, wie ich "die Jugend" in eine Schublade packe, wobei ich bei Lichte besehen gar nicht genau sagen könnte, welche Altersstufe ich meine, denn ich finde die Merkmale dieser Schublade bei 18-Jährigen ebenso wie bei Leuten Anfang dreißig. Umgekehrt gibt es bei den gleichen Altersstufen massenhaft Leute, die nicht in die Schublade passen.
Anzunehmen, dass "die Jungen" Alter so definieren, ist auch Teil der Schublade. Wobei man fragen sollte, ob bei dieser Definition "Alter" eine Zahl meint oder tatsächlich den beschriebenen Zustand …
… ich verheddere mich gerade.

Also:
Die Schubladen sind normal. Die gibt es nicht nur von jung nach alt und alt nach jung, sondern auch bei Hauptschüler/Gymnasiast, Mann/Frau, Maurer/Theologieprofessor, Koch/Mathematiker/Philopsoph (und Herr Rach, der alles dreis ist) … Der Text sagt das. Etwas ausführlich, aber ok. Der Text sagt auch (zu Recht), dass die, die in der Schublade stecken, das nicht gern und vor allem nicht 100%ig tun.
Was der Text nicht sagt, ist, was das für Konsequenzen hat. Außer einer gewissen Eitelkeit (die uns uns gegen Schubladen wehren lässt und die – echte oder eingebildete – "Abwertung" nicht mag), scheint ja nicht viel verletzt zu werden. Am Ende fordert der Texte, man solle "uns" so leben lassen, wie wir wollen. Ohne, dass vorn steht, dass "uns" jemand daran hindert. Meiner Erfahrung nach können "Alte" leben, wie sie wollen (von den üblichen Einschränkungen, denen auch Junge unterliegen, mal abgesehen). Nur Krankheit und Alterserscheinungen (die berüchtigten Zipperlein) setzen zusätzliche Grenzen – aber dafür können die Jungen ja nun wirklich nicht.


Summa summarum: Ich verstehe den allgemeinen "Unmut" über die Schublade, aber nicht, welche konkrete Forderung (oder Bitte) ("leben lassen" ist sehr schwammig) das Text-Ich erhebt. Da müsste vielleicht die Struktur des Textes noch erweitert werden.
 
Lieber jon, lieber Duiosburger,
habe méinen Text noch einmal überarbeitet. Vielleoicht ist er durch deutlicher geworden.
Herzliche Grüße
Karl
 
Alt ist, wenn man…
Und wer hat die Definitionshoheit?
Es mag an meiner bereits altersgetrübter Sicht oder an meinen jugendlichen Irrtümern liegen. Vielleicht aber glaube ich auch nur, mich spätpubertär zur Wehr setzen zu müssen.
Die Frauen haben sich in Deutschland inzwischen weitgehend emanzipiert, jedenfalls die jüngeren.
Bei mir und anderen mir bekannten Alten, ob nun weiblichen oder männlichen Geschlechts, nehme ich noch deutliche Defizite wahr.
Despektierlich müssen wir uns Seniorinnen und Senioren nennen lassen. Das erzeugt keineswegs gehobenes Selbstvertrauen, zumal ich selbst kaum auf die Idee gekommen wäre, mich und meine Altersgenossen so zu bezeichnen.
Wer alt ist, und was jener in diesem natürlichen Normalfall zu tun habe, glauben die jüngere Mitbürger mit und ohne Migrationshintergrund immer noch besser zu wissen als wir Alten selbst. Allerdings als ich jung war, meinte auch ich schon erkennen zu können, wie Alte sich im Alter verhalten und deswegen zu verhalten hatten.
Faltig, grauhaarig, vergesslich bis dement, kränkelnd, gebrechlich bis inkontinent und irgendwie immer pflegebedürftig, das sind und das waren sie. Darüber hinaus vielleicht noch erfahren, aber langsam und gestrig. Sie schwärmten – zumindestens in meiner Jugend - von guten alten Zeiten und wollten Jüngeren eigene Erfahrungen aufdrängen.

Manche sind und waren für junge und angeblich aktivere Zeitgenossen häufig bemitleidenswerte Sozialfälle. Oder wenigstens auf dem besten (oder dem schlechtesten) Weg dahin.
Ob ich mich als Senior überhaupt für meine wahre Selbstbefindlichkeit interessieren darf, müsste ich eigentlich jene zwischen ungefähr zwanzig und fünfzig Lebensjahren fragen. Und Altersforscher sehen fast immer erstaunlich jung und selten wirklich alt aus.
Junge und Mittelalte glauben, die Definitionshoheit über Alte und deren Zustände zu besitzen. Ohne eine Spur eigener Alterserfahrungen zu besitzen, wollen sie wissen, wie sich Alt-Sein tatsächlich anfühlt.
Dabei haben sie vermutlich nurAngst. Besonders vor den Behinderungen des Alters, die sie alle vor ihrem Tod noch ereilen könnten.
Wenn die wüssten, wie gut ich mit leichten Schmerzen leben kann und wie angenehm es ist, zu vergessen und sich nicht an jeden Kleinkram zu erinnern. Ich versuche, mich nur noch um das Wesentliche des Lebens kümmern. Und zugegeben, manchmal schaue ich nicht ohne Arroganz lächelnd dabei zu, wie meine jüngeren Zeitgenossen sich mit ihren Nebensächlichkeiten herumquälen.
Sie haben einfach keine Ahnung, was es heißt, über freie Zeit zu verfügen, weil es unter ihnen als nahezu unanständig gilt, nichts zu tun zu haben.
Und wie unglaublich angenehm Langsamkeit sein kann, davon haben manche junge Hektiker offensichtlich keinen Schimmer.
Doch auf der vermeintlichen Höhe ihres Lebens halten sich dennoch viele von ihnen für das Maß aller menschlichen Befindlichkeiten.
Dabei könnte auch bei ihnen der Tod plötzlich mit Krankheit, Unfall oder Naturkatastrophe zuschlagen.
Und sie haben sich in der Regel nicht einmal mit dem Lebensende auseinandergesetzt.
Während ich immer mehr Verwandte und Freunde zu Grabe trage und aufmerksam die Todesanzeigen der Tagespresse durchlese, um Verluste zu betrauern, aber auch um zu genießen, weiterhin zu den Überlebenden zu gehören.
Vermutlich müssen jene Ahnunungslosen mich Alten deswegen in gewisse Schubladen stecken, um sich dort noch nicht selbst einordnen lassen zu müssen.
Dabei stecken sie selbst vor allem in Schubladen, die mir viel zu eng wären.
Als so genannter Senior weiß ich allerdings inzwischen, dass meine Jünglingserfahrungen mit Alten keine Dogmen für die Zukunft sondern nur Irrtümer der Vergangenheit waren.
Alte, die sich nicht abhalten lassen, in der Gegenwart ihren Stil zu leben, wollen trotz gelegentlicher Nostalgie-und Sentimentalitätsanfälle nicht wirklich in die Jugend zurück.
Ich will jedenfalls jetzt auf meine Art leben, solange es eben geht.
Und sollten jüngere Unerfahrene sich tatsächlich für meine inzwischen weniger vorurteilsbeladenen Erfahrungen interessieren, können sie mich ja fragen.
Über echtes Interesse freue ich mich immer.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Bin endlich dazu gekommen, die Überarbeitung zu lesen.

Am Anfang kommt mir die "Relativierung" sehr unharmonisch eingeschoben vor. ich glaube, da muss sie auch noch nicht sein. der text entseht ja auch aus einer gewissen "ja dürfen die denn das?!"-Stimmung heraus, das darf man hören, denke ich Ich würde das weglassen und nur den alten Einstieg lassen.

Die anderen Änderungen empfinde ich als sehr stimmig und wohltuend nicht-verurteilend, sondern ehr "nur" aufmerksam-machend.
 
Alt ist, wenn man…
Und wer hat die Definitionshoheit?

Frauen haben sich in Deutschland inzwischen weitgehend emanzipiert, jedenfalls die jüngeren.
Bei mir und anderen mir bekannten Alten, ob nun weiblichen oder männlichen Geschlechts, nehme ich noch deutliche Defizite wahr.
Despektierlich müssen wir uns Seniorinnen und Senioren nennen lassen. Das erzeugt keineswegs gehobenes Selbstvertrauen, zumal ich selbst kaum auf die Idee gekommen wäre, mich und meine Altersgenossen so zu bezeichnen.
Wer alt ist, und was jener in diesem natürlichen Normalfall zu tun habe, glauben die jüngere Mitbürger mit und ohne Migrationshintergrund immer noch besser zu wissen als wir Alten selbst. Allerdings als ich jung war, meinte auch ich schon erkennen zu können, wie Alte sich im Alter verhalten und deswegen zu verhalten hatten.
Faltig, grauhaarig, vergesslich bis dement, kränkelnd, gebrechlich bis inkontinent und irgendwie immer pflegebedürftig, das sind und das waren sie. Darüber hinaus vielleicht noch erfahren, aber langsam und gestrig. Sie schwärmten – zumindestens in meiner Jugend - von guten alten Zeiten und wollten Jüngeren eigene Erfahrungen aufdrängen.

Manche sind und waren für junge und angeblich aktivere Zeitgenossen häufig bemitleidenswerte Sozialfälle. Oder wenigstens auf dem besten (oder dem schlechtesten) Weg dahin.
Ob ich mich als Senior überhaupt für meine wahre Selbstbefindlichkeit interessieren darf, müsste ich eigentlich jene zwischen ungefähr zwanzig und fünfzig Lebensjahren fragen. Und Altersforscher sehen fast immer erstaunlich jung und selten wirklich alt aus.
Junge und Mittelalte glauben, die Definitionshoheit über Alte und deren Zustände zu besitzen. Ohne eine Spur eigener Alterserfahrungen zu besitzen, wollen sie wissen, wie sich Alt-Sein tatsächlich anfühlt.
Dabei haben sie vermutlich nurAngst. Besonders vor den Behinderungen des Alters, die sie alle vor ihrem Tod noch ereilen könnten.
Wenn die wüssten, wie gut ich mit leichten Schmerzen leben kann und wie angenehm es ist, zu vergessen und sich nicht an jeden Kleinkram zu erinnern. Ich versuche, mich nur noch um das Wesentliche des Lebens kümmern. Und zugegeben, manchmal schaue ich nicht ohne Arroganz lächelnd dabei zu, wie meine jüngeren Zeitgenossen sich mit ihren Nebensächlichkeiten herumquälen.
Sie haben einfach keine Ahnung, was es heißt, über freie Zeit zu verfügen, weil es unter ihnen als nahezu unanständig gilt, nichts zu tun zu haben.
Und wie unglaublich angenehm Langsamkeit sein kann, davon haben manche junge Hektiker offensichtlich keinen Schimmer.
Doch auf der vermeintlichen Höhe ihres Lebens halten sich dennoch viele von ihnen für das Maß aller menschlichen Befindlichkeiten.
Dabei könnte auch bei ihnen der Tod plötzlich mit Krankheit, Unfall oder Naturkatastrophe zuschlagen.
Und sie haben sich in der Regel nicht einmal mit dem Lebensende auseinandergesetzt.
Während ich immer mehr Verwandte und Freunde zu Grabe trage und aufmerksam die Todesanzeigen der Tagespresse durchlese, um Verluste zu betrauern, aber auch um zu genießen, weiterhin zu den Überlebenden zu gehören.
Vermutlich müssen jene Ahnunungslosen mich Alten deswegen in gewisse Schubladen stecken, um sich dort noch nicht selbst einordnen lassen zu müssen.
Dabei stecken sie selbst vor allem in Schubladen, die mir viel zu eng wären.
Als so genannter Senior weiß ich allerdings inzwischen, dass meine Jünglingserfahrungen mit Alten keine Dogmen für die Zukunft sondern nur Irrtümer der Vergangenheit waren.
Alte, die sich nicht abhalten lassen, in der Gegenwart ihren Stil zu leben, wollen trotz gelegentlicher Nostalgie-und Sentimentalitätsanfälle nicht wirklich in die Jugend zurück.
Ich will jedenfalls jetzt auf meine Art leben, solange es eben geht.
Und sollten jüngere Unerfahrene sich tatsächlich für meine inzwischen weniger vorurteilsbeladenen Erfahrungen interessieren, können sie mich ja fragen.
Über echtes Interesse freue ich mich immer.
 
Alt werden

Lieber Herr Feldkamp,


Sie schrieben am Ende Ihres Textes:

"Ich will jedenfalls jetzt auf meine Art leben, solange es eben geht.
Und sollten jüngere Unerfahrene sich tatsächlich für meine inzwischen weniger vorurteilsbeladenen Erfahrungen interessieren, können sie mich ja fragen.
Über echtes Interesse freue ich mich immer."

Ich bin noch nicht ganz so alt wie Sie, ich bin 58 Jahre alt, habe mit 50 eine Familie gegründet und bin Vater eines achtjährigen Sohnes. Das hält mich auf eine gewisse Weise jung, aber nicht davon ab, älter und reifer zu werden. Auch ich schaue oft mit wenig Verständnis auf gewisse Verhaltensweisen und Lebenspraktiken einiger jüngerer Menschen. Ich habe als Pfarrer im Ruhestand in den vergangenen 5 Jahren 6 Paare getraut. Vier davon haben in der Zwischenzeit in unguter Kooperation nicht nur ihre Ehe zerstört, sondern auch ihren Kindern auch etwas genommen, was ihnen ein Leben lang fehlen wird. Das soll nur ein Beispiel sein.

Aber ich habe auch durch schwere Krisen hindurch (zwischen 38 und 48)gelernt, dass ein Mensch durch Krisen reifen kann und es niemals zu spät ist für ein gelungenes Leben.

Für mich persönlich ist das Älterwerden eine schöne Zeit. Ich genieße die Gelassenheit mit vielen Dingen, deren oberflächliche Bedeutung ich zu durchschauen gelernt habe, ich freue mich darüber, dass ich mich von der Meinung anderer unabhängig gemacht habe, und dass ich mit jedem Lebensjahr mehr fähig werde zu echtem spirituellem Erleben. Das kann man als junger Menshden einfach nicht so. Reif und wirklich er-wachsen werden,ist eine Gnade der zweiten Lebenshälfte.


Nicht sicher, ob so eine Reflexion hier passt
grüße ich Sie


Winfried Stanzick
 
Frage

Lieber Herr Feldkamp,


ich habe mich gefragt, warum Sie mir bis jetzt nicht geantwortet haben? Bin ich Ihnen zu nahe getreten ? Ich frage mich das deshalb, weil Sie auf der Lyrikseite und auch hier anderen Diskussionsteilnehmern meist antworten.

Etwas verunsichert grüßt Sie

Winfried Stanzick
 

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