Alter Mann, 62 kg, 38,9 °C

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Penelopeia

Mitglied
Alter Mann, 62 kg, 38,9 °C

- Der alte Mann kommt ins Krankenhaus, doch man behandelt ihn nicht.
- Eine der Pflegerinnen zeigt Mitleid.
- Dem alten Mann wird ein Notchip eingesetzt.

Es war nicht leicht für den Durchschnittsstädter, eines der selbstfahrenden Mobile zu ergattern. Die Dinger sollten angeblich in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen, jeder sollte, hieß es von Seiten der Stadtverwaltung, zu fast jedem Zeitpunkt per Funkruf ein solches Gefährt ordern können. Somit bestand keine Notwendigkeit mehr für den Privatbesitz eines Fahrzeuges.
Besah man sich die Aussage des Senats genauer, stolperte man natürlich sehr schnell über das kleine Wörtchen „fast“. Und verstand. Die Aussage war richtig, man bekam zu „fast“ jedem Zeitpunkt und an „fast“ jedem Punkt in der Stadt und im Umkreis von einigen Kilometern ein Fahrzeug. Also meistens nicht. Die Humorvollen nannten die Selbstfahrenden daher nicht selbstfahrend, sondern autonom: Die Dinger machten, was sie wollten und benahmen sich damit etwa so, wie die Regierenden es taten.
Mit dem Notruf verhielt es sich zum Glück anders. Setzte jemand einen Notruf an die Polizei oder den Rettungsdienst ab, wurde umgehend ein freies Taxi losgeschickt.
So auch in diesem Fall. Nur wenige Minuten nach Franks Anruf im nächsten Krankenhaus stand ein Fahrzeug vor der Tür. Er bugsierte seinen kranken Vater durch das unbeleuchtete Treppenhaus, wäre fast selbst gestürzt, als er nach dem Geländer griff an einer Stelle, wo der Lauf von Holzdieben demontiert worden war, und schob ihn auf die Straße. Das Fahrzeug stand unmittelbar vor dem Hauseingang. Punktgenau platziert von einem präzise arbeitenden GPS-System. Die Türen einladend offen.
Frank schob seinen Vater vorsichtig auf einen der beiden Hintersitze und setzte sich daneben. Eine angenehm warme, sonore Männerstimme meldete sich: „Anzahl der Personen?“
„Zwei“, antwortete Frank wahrheitsgemäß.
„Identifiziere nur eine Person, dazu Fracht ungekannter Art und Beschaffenheit; Gewicht: 62 kg. Temperatur: 38,9 °C. Dieses ist kein Lastentaxi, sondern ein Personentaxi für Notfälle. Bitte entferne das unbekannte Objekt!“
Frank war drauf und dran, dem frechen Mobil eines auf das Armaturenbrett zu geben. Er wusste jedoch, dass alle Bewegungen der Fahrgäste per Kamera überwacht und aufgezeichnet wurden. Also unterdrückte er seinen Wutanfall, schluckte heftig, atmete tief durch und gab sich beherrscht. Das sei ein Notfall, die zweite Person sei ein Mensch, wenn auch ein alter mit Fieber und ohne Chip, und daher nicht als solcher zu identifizieren.
Die Stimme des Mobils schwieg. Vermutlich dachte jemand nach, wobei man nicht sagen konnte, wer das war. Das Mobil? Sein Steuergerät? Eine Software? Ein virtueller Taxifahrer im Steuergerät des Wagens oder sonst wo auf der Welt, mit einer Software, die sich in irgendeiner Programmroutine verhakt hatte? Frank wusste es nicht, es interessierte ihn auch nicht. Er sah seinen fiebernden, halluzinierenden alten Vater, und die Angst wuchs.
„Frag die Zentrale!“, herrschte er das undefinierbare und doch recht selbstbewusst-präsente Es an, das im Wagen oder irgendeinem Server in der Arktis zu Hause sein mochte und hier mit einer warmen, sonoren Männerstimme höhere Interessen verteidigte, Interessen des Krankenhauses, der Einheitskrankenkasse, des Staates, der Allgemeinheit.
Bis auf ein leises Brummen des E-Motors blieb es eine halbe Minute still. Dann schlossen sich die Türen, „Bestätige Sonderabrechnungssatz“, meldete sich die wohlklingende Männerstimme wieder. Frank legte die linke Hand auf den Scanner des Armaturenbrettes und nickte. Das Fahrzeug setzte sich zügig in Bewegung.
An der Einfahrt zum Krankenhaus gab es neue Schwierigkeiten. Die Schranke blieb unten, weil die per Kamera wahrgenommene Anzahl der belegten Plätze im Fahrzeug und die empfangenen Signale der Funkchips nicht übereinstimmten. Da nur ein Signal geortet werden konnte, witterte der Controller, natürlich auch eine Maschine, eine unklare Situation. Unklar hieß: Es war alles möglich. Von Fehlfunktion bis zu geplantem Attentat. Er – das heißt: Es – als Vertreter und Bevollmächtigter des Krankenhauses, des Staates, ja: des ganzen Systems – konnte gar nicht die Schranke heben!
Frank stieß die Tür auf, zerrte seinen Vater aus dem Wagen, gab dem Mobil nun doch einen wütenden Tritt, bückte sich und kroch unter der Schranke durch. Sein Vater machte es ihm nach, kam aber nicht mehr auf die Beine. Frank trat hinter ihn, bückte sich, schob die Hände unter den Armen seines Vaters hindurch, verschränkte sie vor der eingefallenen Brust und schliff den hilflosen Körper auf kürzestem Weg in das nächste Gebäude. Durch Pfützen von Schlamm und modrigem Wasser. Die speckige Hose des alten Mannes sog voll, wurde schwer; Frank dachte unweigerlich an einen nassen Sack, den er abgebe, und schämte sich für den Vergleich.

In der Notaufnahme des Krankenhauses herrschte reger Betrieb. Es war ein Kommen und Gehen, vor allem ein Bringen, Prüfen, Entscheiden, Verfügen und Holenlassen. Die ganz normalen Opfer eines ganz normalen Tages wurden hereingekarrt, geschoben oder getragen. Menschen mit Platzwunden, gebrochenen Gliedmaßen, Einschüssen – vermutlich waren sie auf einer Demonstration gewesen oder in eine hinein geraten; Stromdiebe mit zerfetzter und verbrannter Haut, Folgen eines unsachgemäßen Hantierens mit Zangen und Kabeln beim Anzapfen oder Herausschneiden von Hochspannungsleitungen aus Transformatoren; Restesammler mit Krämpfen, Zuckungen, Schaum vor dem Mund – sie hatten wohl überschnell Essenreste aus Mülltonnen und Abfallcontainern in sich hinein gestopft.
Frank hievte seinen Vater auf einen Stuhl. Ein Pfleger deutete auf einen riesigen Wandmonitor. Hinweise für die Angehörigen hilfloser Patienten. Frank zuckte resigniert die Schultern, hielt zum Zeichen seines Einverständnisses die Hand gegen einen Scanner auf dem Tresen und sah zur Uhr.
Ein Krankenpfleger mit einer virtuellen Brille stand plötzlich neben ihm. Nickte ihm zu. Lächelte möglicherweise. Doch auf Grund der Größe der Brille, die Augen, Nase und Haut bis zur Oberlippe bedeckte, blieb von dem Lächeln, falls es denn eines war, nur ein emotionsloses Verrenken der Mundmuskulatur übrig. Er könne gehen, man werde sich kümmern.
Frank versuchte zurück zu lächeln, doch auch sein Gesichtsfeld glich mehr einem mimischen Schnellzug-Testgelände mit entgleisten Einzelzügen. Er versuchte eine Erklärung. Brach ab, als er merkte, dass ihm der Pflege nicht zuhörte. Gab eine Erklärung zum Abbruch, im Sinne von Zeit, die dränge, Termindruck, unter dem er stehe; eine Software, ein spezieller Auftrag, immens wichtig, müsse zu Ende programmiert werden, zu Hause, am eigenen PC. Sagte er. Lächelte. Zuckte mit den Schultern. Und verließ den Warteraum der Notaufnahme.

Der alte Mann saß in einer Ecke des gefliesten Raumes auf einem Plastikstuhl. Eine schmutzige Brühe, das abgestandene, trüb-schlammige Wasser aus den Schlaglöchern vor der Notaufnahme, troff von seiner Hose; wer es sah, dachte an Inkontinenz und meinte, der penetrante Geruch vom Urin alter Männer steige von jener Stelle auf und kontaminiere wie ein Geist der Krankheit, des menschlichen Verfalls, des baldigen Todes das gesamte Gebäude.
Dabei war es nur fades Regenwasser mit Schwebstoffen, der Gestank nichts weiter als reine Projektion.
Die Zeit verrann. Keinen schien das Häufchen Elend zu interessieren. Der alte Mann hielt die Hand mit der eiternden Wunde auf Abstand zu seinem Körper, als ekle er sich vor ihr. Aber die Kraft ließ nach. Die Hand sank auf den Schoß, sein Kopf auf die Brust. Die Augen klappten zu. Er schlief ein und träumte, die weiche, warme Hand einer Pflegerin berühre seine Wange, fahre zärtlich über den Hals, die Arme… Langsam kippte sein Oberkörper nach vorn. Er träumte, er säße an einem warmen Ofen und suche mit der linken Hand nach einem Halt. Langsam rutschte er vom Stuhl.

Die Nützlichkeit der Chips war unbestritten. Sie ermöglichten nicht nur eine Ortung ihres Trägers zu jedem Zeitpunkt, sie überwachten nicht nur wichtige Körperfunktionen wie Herzschlag, Blutdruck, Temperatur, Sauerstoffgehalt des Blutes usw., sondern gaben auch hilfreiche Steuerimpulse bei Störungen dieser Funktionen: Im Falle von Herzrhythmusproblemen etwa ermittelte der Zentralcomputer, der mit dem Körperchip seines Trägers in ständiger Verbindung stand, durch eine – wie es im Fachjargon der Ärzte hieß: „Biofeedback-Messung der Respiratorischen Sinusarrhythmie“ – die Herzratenvariabilität, errechnete die passenden Gegenimpulse und sendete sie; durch die Abgabe zeitlich und leistungsmäßig präzise dosierter Stromstöße konnte der Empfänger-Chip dann beinahe zeitgleich eine Harmonisierung von Atmung und Herzschlag vornehmen.
Aber das war noch lange nicht alles. Der Chip lieferte dem Zentralcomputer die erforderlichen Daten für die Erstellung eines virtuellen Modells seines Trägers. Aus dem Modell konnten genombasierte Diagnosen erstellt werden, die Vorhersagen zur Wahrscheinlichkeit bestimmter Krankheiten und damit zur Bewertung der Person unter den verschiedensten Aspekten lieferten, vor allem natürlich unter dem der Kosten. Der Ausbruch von Hodenkrebs, Hautkrebs, Depressionen oder Größenwahn ließ sich ziemlich präzise vorhersage. Ein Personaler, der Zugriff auf diese Daten hatte, konnte mit Hilfe dieser äußerst fortschrittlichen Technologie just in time das Leistungspotential eines Bewerbers einschätzen, eine Krankenkasse die Kosten, die ihm ein Mitglied bescheren würde.
Daneben wurden vom Zentralrechner – ganz unbemerkt vom Lieferanten der Daten – umfangreiche Tests an dessen virtuellem Spiegelbild durchgeführt, in dem man zum Beispiel neue Medikamente probierte oder auch Stresssituationen simulierte. Das machte Versuche am lebenden Organismus fast überflüssig und sparte echte Medikamente – eine große Errungenschaft, die selbst die schärfsten Kritiker des Dauercontrollings nicht aus der Welt zu diskutieren schafften.
Der einzige Nachteil der ganzen Technik war: Wenn der Chip keine Daten mehr lieferte, bekam der Zentralcomputer auch keine. Dann existierte die Person zwar noch, wurde aber aus dem beschützenden Netzwerk des Dauercontrollings zurückgeworfen in den prähistorisch-prekären Raum der bloßen Eigenverantwortlichkeit. Diese Menschen waren mehr oder weniger mit sich allein! Eingesperrt ins eigene Ich!
So ging es nun auch dem alten Mann. Hätte sich nicht im letzten Moment eine hilfreiche Hand bemüht und den sackgleich vom Stuhl rutschenden Körper mit einem energischen Griff gepackt, wäre dieser auf den Boden aufgeschlagen. Die Pflegerin im blauen Long-Shirt mit Polokragen und weißer Jeansstretchhose zog ihn zurück auf den Stuhl und rief, nein: schrie nach Hilfe.

In Anbetracht eines alten Mannes, der nicht mehr ganz bei Bewusstsein ist und im Begriff, im nächsten Moment vom Stuhl zu rutschen und auf den Boden aufzuschlagen, ist der Hilfeschrei einer Krankenschwester nachvollziehbar und gerechtfertigt. Jemand kam.
Doch der Unfallarzt, ein Dr. Wilder, schien nicht daran zu denken, erste Hilfe zu leisten. Er stellte sich neben die Krankenschwester, maß sie und den alten Mann mit einem kurz-kalten Blick und erklärte, der Eingangsscanner habe keine Identifizierung der Person vornehmen können.
„Was?“, schrie die Krankenschwester empört, „was heißt das denn: Identifizierung? Das hatten wir doch noch nie!“
Dr. Wilder erklärte emotionslos, es seien keinerlei Signale vom Patienten empfangen worden, man könne ihn also nicht identifizieren; wer nicht zu identifizieren sei, könne nicht behandelt werden. Wie solle man die Kosten abrechnen? Kein Signal, keine Identifizierung. Keine Identifizierung, keine Zuordnung.
Ohne Zuordnung keine Behandlung.
Die Krankenschwester verfärbte sich puterrot, begann zu schwitzen. „Aber was machen wir denn mit dem hier? Der sitzt ja nicht mal alleine auf dem Stuhl!“
Dr. Wilder kratzte sich am Kopf. Dachte einen Moment nach. Schlug vor, dem alten Mann einen Notchip einzusetzen. Den könne man ja mit frischen Daten beschreiben.
„Hand, Kopf?“ Die Krankenschwester sah fragend Dr. Wilder an.
Der dachte nach. Betrachtete den alten Mann. Zuckte mit den Schultern.
„Hand, rechte,“, sagte er kühl und entfernte sich.
 

Ciconia

Mitglied
Schöne neue Welt! Sooo weit sind wir von diesem Szenario doch gar nicht mehr entfernt. Sehr glaubwürdig geschrieben.
Wozu die dreizeilige Inhaltsangabe am Anfang?

Gruß Ciconia
 

Penelopeia

Mitglied
Hallo Ciconia,

es freut mich, wenn der Text glaubwürdig wirkt. Erwartet habe ich eher das Gegenteil,denn es hat ja jeder so seine eigenen Vorstellungen von der Zukunft. Folglich wird gerade an utopischer Literatur herumgekrittelt, besonders gerne an Dystopien, die ja geeignet sind, schlechte Laune zu verbreiten und den Widerstand der Leser zu provozieren, die noch was Aushaltbares vom Leben erwarten.

Der Text gehört zu einer Art Roman, an dem ich mich vor Jahren versucht habe. Die Kurzzusammenfassung am Anfang dient meiner eigenen Orientierung, vielleicht liefert sie auch dem Leser, der schnell liest und schnell vergisst, eine Merkhilfe. Gesehen habe ich das mal in einem Buch über Don Quichotte.

Ach ja: So jedes halbe Jahr setze ich eine weitere Folge des Romans in die Rubrik "Erzählungen", ich denke, die meisten finden den Zusammenhang nicht mehr, wenn ein neuer Abschnitt auftaucht. Wie gesagt: Merk- und Erinnerungshilfe.

Herzlich

P.
 

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