An die Mädchen und die Jungen

halblicht

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,

ich fragte mich beim Lesen ob du das als Anklage, Warnung, oder tatsächlich als Ratschlag vermitteln willst.

Als Kind der 80er kann ich die zweite Strophe ein wenig nachvollziehen, auch wenn mein familiäres Umfeld irgendwann begriff, dass sowas mit mir nicht funktioniert. Ich war ein Buch für sie: wie man Rebellen züchtet 101.

Wenn allerdings jemand von meiner Tochter erwarten würde, immer zu allen nett zu sein, ich würd ihn direkt vor die Haustüre stellen. Wir sind nett zu netten Leuten, die andern kriegen was anderes.
Aber als Bedingung dafür geliebt zu werden? Ziemlich krasser shit.

vielleicht liegts an der Formulierung


Schaffst du das nicht bei allen -
liebt man dich einfach nicht
.
sieht für mich aus wie: "Bist du einmal zu einer Person nicht nett, wird dich niemand mehr lieben"

Vielleicht liegt es an mir, ich lese seltsam. Oder übersehe ich offensichtliches? Ein Generationen Ding?

Ich sitze hier jedenfalls mit einigen Fragezeichen mehr am Schreibtisch.

Freundliche Grüße
halblicht
 

AVALON

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,

wenn der Text ernst gemeint ist - oha - kann ich dann nur sagen und pflichte @halblicht bei.


An die Mädchen

Du wirst erzogen, zu gefallen.
Nett zu sein ist erste Pflicht.
Schaffst du das nicht bei allen -
liebt man dich einfach nicht.

So wurde ich ganz sicher nicht erzogen und geboren wurde ich in den späten '50er Jahren. Im Gegegnteil, meine Mutter gab alles, damit sich meine Persönlichkeit frei entfalten konnte - und fast noch wichtiger: ich eine eigene Meinung schon in jungen Jahren haben durfte.

Und Everybody's Darling will ich nie und nimmer sein - ein Mensch der jedem Konflikt aus dem Wege geht?


An die Jungen

Du wirst erzogen, zu befehlen.
Stark zu sein ist erste Pflicht.
Du kannst es kaum verhehlen:
Wirklich behagen tut's dir nicht.

Auch diese Zeiten dürften schon sehr lange vorbei sein, denn ich habe einen deutlich älteren Bruder der vor den '50er Jahren geboren wurde. Er wurde so keinesfalls erzogen.

Mag sein, dass mein Elternhaus eine rühmliche Ausnahme ist, resp. gewesen war.



Liebe SilberneDelfine, sicher ist der Text ganz anders gemeint und er sich mir erst erschließen muss.


Ein lieber Gruß
AVALON
 

petrasmiles

Mitglied
Da möchte ich mich Revilo anschließen - es hat tatsächlich etwas Gestriges - ich glaube auch, dass diese Typisierung nicht mehr passt. Sie ist zwar nicht verschwunden, und nicht jedem jungen Menschen gelingt ein Selbstbild, dass diesem widerspricht. aber es ist keine derartige Rollenerwartung mehr da, von der der Druck kam. Ich glaube sogar eher, dass das Fehlen einer simplen Rollenerwartung neue Probleme geschaffen hat, nennen wir es Individualisierungsdruck.

Liebe Grüße
Petra
 
Zuletzt bearbeitet:

fee_reloaded

Mitglied
Ich bin noch so erzogen worden. Und ich bin jetzt nicht sooo alt, würde ich mal sagen mit Mitte fünfzig.
Immer, wenn ich aufbrausen wollte als kleines Mädchen, aber auch noch später als junge Frau, wurde mir von Mutterseite vermittelt, wie erschreckend ich doch auf meine Umwelt wirken würde, in meinem undamenhaften Jähzorn, diesem furienhaften Gebaren und der unfeinen Lautheit. "Das kannst du doch nicht machen! Man fürchtet sich ja förmlich vor dir" war der Satz, der - mit entsprechender Mimik und Tonfall - dann in den Raum gewuchtet wurde.

Das Gedicht kann man also leider auch als nicht rein schwarz-weiß lesen, sondern als Rückblick auf das Rollenverständnis und die Erziehungshaltung der Generation meiner Eltern.
Wenn man dann auch noch weiß, dass noch in den 60er-Jahren "Die Mutter und ihr erstes Kind" (vormals betitelt mit "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind") von Johanna Haarer der meistgekaufte (und bis dahin konkurrenzlose) Erziehungsratgeber war, ist "Schwarz-Weiß-Malerei" hier als Vorwurf leider völlig vom Tisch und geht am Verständnis des Textes vorbei.

Ich glaube, man muss da ein wenig im Hinterkopf behalten, dass die heutige Generation 50+ tatsächlich noch unter diesen Prämissen erzogen wurde - aber eben auch darunter litt und wenigstens im Rückblick nicht mehr einfach hinnimmt und stattdessen hinterfragt. Auch und vor allem für die Generationen danach.

Ich find's gut, dass es so "unbewertet" und für den Leser offen schwarz auf weiß steht, wie es mal war (und das "mal" ist noch nicht so lange her erschreckenderweise), liebe Silberne Delfine.

Gern gelesen.
LG,
fee
 

fee_reloaded

Mitglied
Nochmal ich.....wie ich den Kommentaren meiner VorschreiberInnen entnehme, mussten meine Erfahrungen gottlob nicht alle teilen (und ich hatte auch nicht sagen wollen, dass alle in dieser Generation so erzogen wurden). Ich weiß aber aus vielen Gesprächen mit vielen Ähnlichaltrigen und durch Beschäftigung mit entsprechender Literatur, dass es doch weit verbreitet war und dass genau das so praktiziert wurde, was Avalon und halblicht so gar nicht fassen und verstehen können und wollen - und das freut mich für sie, aber es gibt eben auch tatsächlich die, die mit Liebesentzug und Drohungen auf solchen aufgewachsen sind. Und es sind nicht wenige.

Wenn allerdings jemand von meiner Tochter erwarten würde, immer zu allen nett zu sein, ich würd ihn direkt vor die Haustüre stellen. ...

Aber als Bedingung dafür geliebt zu werden? Ziemlich krasser shit.
Ja, das ist es. Man spricht da von seelischem Missbrauch. Das eigentlich Krasse daran ist, dass er nicht aggressiv an der Oberfläche geschieht (wodurch er leicht erkennbar wäre), sondern kontinuierlich deine persönliche Entwicklung unterschwellig auf bestimmten Ebenen ausbremst und dich gewissermaßen verkrüppelt.
Von mir wurde genau das gefordert und darauf wurde ich trainiert: zu allen (auch denen, die dich nicht nett behandeln,) nett zu sein.
Sich daraus zu befreien, ist nicht leicht. Noch schwerer, sich mit dieser "Behinderung" der Beißhemmung zu behaupten und im Leben erfolgreich für sich einzutreten.


Stell du mal deine eigene Mutter (als Kind) vor die Haustür...

Das musste ich noch loswerden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich bin noch so erzogen worden. Und ich bin jetzt nicht sooo alt, würde ich mal sagen mit Mitte fünfzig.
Ich bin auch so erzogen worden (ich bin noch ein paar Jahre älter). Wehe, man war nicht zu allen nett. Die eigenen Bedürfnisse standen ganz hinten an. Ach was, die gab es gar nicht.

Danke euch allen für die Kommentare und besonders dir, liebe fee_reloaded, ich brauche eigentlich gar nichts mehr zu schreiben... :)

LG SilberneDelfine
 

fee_reloaded

Mitglied
Nix zu danken, liebe Silberne Delfine.

Es war mir ein Anliegen, deinem Text diese Perspektive an die Seite zu stellen. Vor allem, weil ich sah, dass Nicht-Betroffene gar nicht annehmen oder glauben können, dass es das so gab. Und zwar nicht als Einzelfall. Ich bin froh, dass viele unserer Generation offensichtlich auch eine schöne Kindheit und Eltern hatten, die mit sich selbst im Reinen waren und deshalb auch ihren Kindern eine Entfaltung ihrer ganz eigenen Persönlichkeiten zugestehen konnten. Ich kann schon verstehen, dass es für diese geradezu unvorstellbar war, was dein Gedicht hier in den Raum stellt.

Die eigenen Bedürfnisse standen ganz hinten an. Ach was, die gab es gar nicht.
Genau so. Dem ist nichts hinzuzufügen.

LG,
fee
 

aliceg

Mitglied
Bei solch übermittelten Allgemeinplätzen sollte man auch bedenken, dass es bei der Kindererziehung Ideale gab.
Aber die Gesellschaft hält sich nicht immer an Ideale. Wie steht es denn mit den Zehn Geboten?
Hält sich wenigstens die Kirche daran??? :oops:

lg aliceg
 
Vor allem, weil ich sah, dass Nicht-Betroffene gar nicht annehmen oder glauben können, dass es das so gab.
Ja, die ersten Reaktionen hier haben mich auch immens verwundert. Wahrscheinlich weil ich es nicht anders kannte.

und darauf wurde ich trainiert: zu allen (auch denen, die dich nicht nett behandeln,) nett zu sein.
Dazu ist mir gerade noch eine Anekdote eingefallen. Als Teenager hatte ich einen Freund, der etwas weiter entfernt lebte und nur am Wochenende kommen könnte. Einmal ließ er mich sitzen, ohne Nachricht oder Entschuldigung. Am nächsten Tag wollte ich ihm die Meinung sagen. Meine Mutter stellte sich mir in den Weg und sagte: „Jetzt motz ihn nicht an",da sagte ich nichts mehr, war lieb und nett. So viel zur Beißhemmung - die wurde mir auch antrainiert.

@aliceg
Darüber schreib ich dann ein anderes Gedicht. :)
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe SilberneDelfine,

mein Blick richtete sich bei meinem Kommentar auf die heutigen Mädchen und Jungen - dachte gar nicht an die Vergangenheit.
Aber ich verstehe, dass dieses Thema virulent bleibt, wenn man so erzogen wurde (ich glaube, meine Mutter hätte dem Freund selbst den Marsch geblasen ... es ist nicht immer leichter, eine stolze Mutter gehabt zu haben, aber zumindest kannte sie sich mit Würde aus ... )
Ich verstehe Deinen Text jetzt besser.

Liebe Grüße
Petra
 

James Blond

Mitglied
Ich denke, es ergibt wenig Sinn, die lyrische Betrachtung von Geschlechtsstereotypien an eigenen biografischen Erfahrungen zu validieren. Hier geht es um ein zeit- und kulturübergreifendes Muster, an dem sich die Erziehung orientiert, wobei der individuelle 'Spielraum' erheblich sein kann.

Dass dieses Bild holzschnittartig verdichtet wurde, ist seine Stärke, nicht seine Schwäche.

Liebe Grüße
JB
 

halblicht

Mitglied
Liebe SilberneDelfine,

nach den interessanten Kommentaren hier, sind meine Fragezeichen leider immer noch nicht alle verschwunden.

Der Inhalt deiner Verse steht für mich nicht zur Debatte, ich halte Erziehung für Privatsache.
Der eigentliche Grund für meinen Kommentar war die Adressierung

An die Mädchen und die Jungen
An die Mädchen
...
An die Jungen
...
Mit dieser allgemeinen Anrede, sprichst du zu sämtlichen Kinder deiner Leser, somit auch zu meinem. Deshalb fragte ich

ich fragte mich beim Lesen ob du das als Anklage, Warnung, oder tatsächlich als Ratschlag vermitteln willst
denn ich müsste ja meiner Tochter die Wichtigkeit vom "nettsein" vermitteln, würde die Aussage der Wahrheit entsprechen.
So wäre es ein Ratschlag oder eine Warnung, ein Verhaltenskodex der dazu beitragen soll, in einer kalten Welt nicht ungeliebt zu bleiben, im Grude eine gute Absicht.

Ich denke schon lange, dass der größte Teil zwischenmenschlich verusachten Leids nicht einer Absicht, sondern fehlender Information entspringt.

Vielleicht sind deine Verse auch als Anklage an deine eigenen Erzieher gemeint, indem du deinen Lesern zeigst: "Schaut mal hier, sowas haben die früher mit uns gemacht und es Erziehung genannt"

Leider können weder Verse noch Titel diese Frage klären.

Ich würde versuchen, solche Misverständnisse bereits im Titel, oder zumindest im Text, auszuschließen und nicht wie hier, durch deine Leser zu deren Kinder zu sprechen, denn das fühlte sich für mich etwas invasiv an.

Es ist mir im Übrigen völlig egal, wie ihr eure Kinder erzieht da ich finde, dass wir uns gegenseitig schon zuviel von unserer ohnehin fast nicht vorhandenen Entscheidungsfreiheit kaputt machen.

Bei einer Erziehung auf die hier geschilderen Art, weiß das Kind zumindest, was es für die Liebe tun muss, was für viele meiner Generation das größte Rätsel ihrer Kindheit war. Was ist also richtig? Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ich finde den Gedanken, die Liebe zu meiner Tochter an eine Bedingung zu knüpfen derart abwegig, eben

Ziemlich krasser shit.
das ich überhaupt nicht wüßte, wie ich das anstellen sollte.


Liebe Grüße in die Runde
halblicht
 

fee_reloaded

Mitglied
Wer, bitte, redet denn heute noch Kinder mit "Mädchen" und "Jungen" an, halblicht?

Ich finde, der Titel gibt sehr wohl Aufschluss darüber, wo man den Text zeitlich verorten könnte.
Und nicht jeder Text muss dem Leser alle Denkarbeit abnehmen. Klar, da kann dann auch mal etwas so gar nicht verstanden oder nachempfunden werden, wie hier. Dann hat eben der Dialog Text-Leser nicht funktioniert.

Wie wir unsere Kinder erziehen, war hier übrigens nie Thema. Da hast du etwas völlig missverstanden. So wie den ganzen Text, wie ich es sehe.

LG,
fee
 

Kai Kernberg

Mitglied
Nun könnte die Adressierung

Der eigentliche Grund für meinen Kommentar war die Adressierung
auch eine Aufforderung zum dichterischen Dialog sein:

Stimmt das hier?
Folgt drauf abgründigerer Vers?
Bringt Fridays for Futures
geschlechtslos geschlossene
Zuversicht und Zornesröte
auch viel Drang in der Erziehung?

Das Tarieren zwischen "oben" und "unten" bei Mädchen und Jungen, Mann und Frau ist schon beim Blick in die Werbung weiter topaktuell.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich denke, es ergibt wenig Sinn, die lyrische Betrachtung von Geschlechtsstereotypien an eigenen biografischen Erfahrungen zu validieren. Hier geht es um ein zeit- und kulturübergreifendes Muster, an dem sich die Erziehung orientiert, wobei der individuelle 'Spielraum' erheblich sein kann.

Dass dieses Bild holzschnittartig verdichtet wurde, ist seine Stärke, nicht seine Schwäche.

Liebe Grüße
JB
Vielen Dank, James Blond, du bringst es auf den Punkt.

Hallo Halblicht,

Mit dieser allgemeinen Anrede, sprichst du zu sämtlichen Kinder deiner Leser, somit auch zu meinem.
Wie Fee schon bemerkte, geht es hier nicht darum, wie wir unsere Kinder erziehen.

Wer, bitte, redet denn heute noch Kinder mit "Mädchen" und "Jungen" an, halblicht?
So würden wir früher in der Schule angeredet. „Die Jungen haben jetzt Werken, die Mädchen Handarbeit. Jungen auf die rechte Seite, Mädchen auf die linke" usw. :)

@halblicht
Ich selbst gehe an ein Gedicht auch nicht so heran, weder beim Lesen noch beim Schreiben, dass ich es als Aufforderung oder Ratschlag verstehen würde. Ich kam gar nicht drauf, dass das bei einem Leser so ankommen könnte. Ich war über den „Sturm im Wasserglas" gestern bass erstaunt.
Ursprünglich wollte ich den Text „Erziehung" nennen - das fand ich dann doch zu langweilig.

Betrachte den Text mal so: Hier macht sich ein LI Gedanken über Erziehung und greift auf die Erfahrungen der Autorin zurück.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 



 
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