Andre Gorz`letztes Buch: ein literarisches und auch philosophisches Kleinod

Rezension zu:

Andre Gorz, Brief an D., Rotpunktverlag 2017, ISBN 978-3-85869-725-7

Der französische Philosoph und Soziologe Andre Gorz war einer der produktivsten und originellsten Kapitalismuskritiker des 20. Jahrhunderts. Besonders sein Werk "Abschied vom Proletariat - jenseits des Sozialismus", das 1980 in Deutschland veröffentlicht wurde, brach lange vor dem Zusammenbruch des Ostblocks einem neuen Denken Bahn und hat die intellektuelle Auseinandersetzung innerhalb der Linken, die letztlich zu der Gründung der "Grünen" führte, nachhaltig beeinflusst.

Im September 2007 hat sich Andre Gorz zusammen mit seiner Frau Dorine das Leben genommen, ein, wie sie es verstanden, letzter Akt der gemeinsamen Freiheit angesichts eines drohenden qualvollen Siechtums. Sechzig Jahre war er mit seiner Frau verheiratet. Kurz vor dem gemeinsamen Freitod hat Andre Gorz unter dem Titel "Brief an D." die Geschichte seiner Liebe zu Dorine veröffentlicht. Darin bekennt er zum ersten Mal öffentlich, dass er ohne die Liebe zu seiner Frau niemals als Schriftsteller hätte erfolgreich werden können. Immer habe er diese Tatsache verleugnet. Begonnen habe diese Verdrängung, wie er das nennt, schon mit seinem ersten Buch "Der Verräter", in der er sich zu allem möglichen bekannt habe, nur nicht zu seiner Frau Dorine.

Sie ging arbeiten und brachte das Geld nach Hause, während er seine Studien betreiben konnte. "Lange Zeit konnte ich es nicht ertragen, auf der Welt zu sein, oder ich selbst zu sein. Dorines Arbeit bestand jahrelang darin, mich mit mir selbst zu versöhnen. Das ist ihr gelungen, indem ich sie liebte."
Dorine ist ein Leben lang seine erste Leserin und Kritikerin. Seine Liebe zu Dorine, so sagt er in seinem letzten Brief an sie, war das produktivste Element, das seine Theorien ermöglicht habe und er bedauert es nachträglich außerordentlich, dass er diese Tatsache in seinen Schriften und Interviews nie erwähnt habe.

Und so ist dieses kleine, achtzigseitige Büchlein nicht nur ein wichtiges autobiographisches Dokument eines der bedeutendsten Sozialphilosophen der letzten Jahrzehnte, sondern auch eine der schönsten veröffentlichten Liebeserklärungen seit langem.

"Brief an D." ist Gorz' letztes Buch. Er wollte damit noch einmal auf die Gefahr hinweisen, die dem ungestümen Fortschritt innewohnt: Man kann einen Überschuss an Theorie haben und ein Defizit an Menschlichem. Aber so, meint Gorz, komme man nicht weiter. Ernst Bloch hat diese Einsicht schon Jahrzehnte vorher formuliert, als er zwischen Wärmestrom und Kältestrom unterschied, aber ich glaube nicht, dass Andre Gorz Bloch wirklich rezipiert hat.

Ein wunderschönes Buch, ein literarisches und auch philosophisches Kleinod
 

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