Apfelland

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Ciconia

Mitglied
Ende der Saison

Durch Obstplantagen wabern Nebelschwaden,
vom nahen Strom ertönt ein Schiffssignal.
Gedieg'ner Fachwerkschmuck ziert Hausfassaden,
zum Hofgut führt der Weg durchs Prunkportal.

Vor hohen Scheunen stapeln Apfelkisten,
erneut wurd‘ reiche Ernte eingebracht.
Hier zeugen Türme leerer Holzstatisten
von jahrelangem Bauernfleiß und Macht.

Kein Blättchen stört im aufgeräumten Garten,
fast jede Hofstatt wirkt betont gepflegt.
Indes kann man alljährlich darauf warten,
dass Schwermut sich in kalten Herzen regt.

Die dunkle Muttererde klebt am Trecker,
den Stanislav entlang des Deiches fährt.
Ab morgen braucht er vorerst keinen Wecker,
weil seine Zeit als Knecht nicht ewig währt.



https://www.abendblatt.de/hamburg/article207817643/Altes-Land-jeden-Tag-ein-neuer-Ausflug.html
 
Liebe Ciconia,

darf ich für "auf kalte Herzen legt" plädieren? Das klingt flüssiger als zweimal hintereinander die Wortendung -en.

Das Gedicht habe ich schon am späten Vormittag gelesen und aus Zeitmangel anonym bewertet. Es gefällt mir auch aufgrund seines Inhaltsreichtums besonders. Außerdem ist mir diese Gegend aus meinen Hamburger Jahrzehnten noch gut in Erinnerung. Eine ähnlich problematische Mentalität und Sozialstruktur sagt man auch der bäuerlichen Bevölkerung in den Vierlanden nach. ("Man" ist hier mein früherer Zahnarzt in HH-Winterhude, der vorher lange in den Vierlanden praktiziert hatte.)

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Ende der Saison

Durch Obstplantagen wabern Nebelschwaden,
vom nahen Strom ertönt ein Schiffssignal.
Gedieg'ner Fachwerkschmuck ziert Hausfassaden,
zum Hofgut führt der Weg durchs Prunkportal.

Vor hohen Scheunen stapeln Apfelkisten,
erneut wurd‘ reiche Ernte eingebracht.
Hier zeugen Türme leerer Holzstatisten
von jahrelangem Bauernfleiß und Macht.

Kein Blättchen stört im aufgeräumten Garten,
fast jede Hofstatt wirkt betont gepflegt.
Indes kann man alljährlich darauf warten,
dass Schwermut sich auf kalte Herzen legt.

Die dunkle Muttererde klebt am Trecker,
den Stanislav entlang des Deiches fährt.
Ab morgen braucht er vorerst keinen Wecker,
weil seine Zeit als Knecht nicht ewig währt.



https://www.abendblatt.de/hamburg/article207817643/Altes-Land-jeden-Tag-ein-neuer-Ausflug.html
 

Ciconia

Mitglied
Lieber Arno,

diese Variante gefällt mir mittlerweile auch besser. Gut, dass ich noch einmal nachgefragt habe.

Die Vierlande sind ja praktisch „Nachbarn“ des Alten Landes, da ist es nicht verwunderlich, dass der Menschenschlag sich ähnelt. Eigentlich hatte ich auch eine viel bösere Darstellung geplant, habe mich dann aber zurückgehalten. Ist ja bald Weihnachten …

Der Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen, den Du sicher zumindest aus den Bestsellerlisten kennst, schildert übrigens in Teilen ganz gut die dortige Mentalität.

Danke für Deinen Kommentar!

Gruß Ciconia
 
T

Trainee

Gast
Hallo Ciconia,
ein wirklich stimmungsvolles, klangschönes Gedicht! :)
Einzig die "wabernden Nebelschwaden" wirken arg abgenutzt auf mich. Und Stanislaw taucht vielleicht ein wenig unvermittelt am Deich auf ...
Das Alte Land indes kommt super an die Leserin.

Mit freundlichen Grüßen
Trainee
 

Mondnein

Mitglied
Und dann gibts noch einen "Knecht" - sag mal, wo sind wir denn hier? In Deiner Heimat?

Ist aber nicht meine. Das haben solche Heimaten an sich. Geht mir am unteren Rücken vorbei.
 
Mondnein, deine Kritik ist bezeichnend. Du pickst dir ein Wort heraus, das du als störend empfindest, und hängst daran deine gesamte Einschätzung auf, ohne den Zusammenhang der Verwendung dieses Begriffs auch nur annähernd zu würdigen. Jeder, der mal was von den Zuständen im großbäuerlichen Obstbau und dem Einsatz osteuropäischer Erntehelfer auf den Höfen erfahren hat, weiß sofort, wie "Knecht" gemeint ist: kritisch-ironisch. (Und genau das klang ja in früheren Kommentaren hier auch schon an.) Du aber konstruierst gegen den Sinn des gesamten Gedichtes eine reaktionäre Tendenz. Wie finde ich das denn bei einem, den ich nicht für unintelligent halte? Im Hinblick auf die Netiquette behalte ich das jetzt lieber für mich ...

Dein Kommentar ist typisch für eine ganze Richtung in der heutigen Diskussionsunkultur. Sie will niedermachen, indem sie rein reflexhaft Wortklauberei gegen den sprachlich-begrifflichen Sinn und Textzusammenhang betreibt. Im Übrigen ist das Beispiel hier noch besonders interessant: Es verrät wieder einmal, wie gering das Interesse am Sozialen, an realen Lebensbedingungen tatsächlich sein kann bei jenen, die sich so gern als liberal und progressiv darstellen.

Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Danke und großes Lob für diesen Beitrag, lieber Arno. Mondnein fällt ja nicht zum ersten Mal durch Realitätsverweigerung auf. Ich weiß das seit seinem Kommentar zu meinem Gedicht „Weihnachtsmarkt anno '16“ vom Dezember letzten Jahres.

Mittlerweile neigt sich übrigens die Ära der osteuropäischen Erntehelfer auch dem Ende zu – es geht immer noch billiger.

Gruß Ciconia
 
Falls ich missverstanden worden sein sollte - ich verdeutliche es gern noch und beschränke mich dabei strikt auf Textvorlage und auf ein Detail reiner Textkritik im Kommentar von Mondnein.

Also: Die Bezeichnung "Knecht" ist im Zusammenhang des gesamten Gedichtes zu sehen. Es zeigt uns deutlich distanzierend Prosperität, Neigung zum Protzentum und peinliche Ordnungsliebe auf Seiten der Grundeigentümer. Dann kommt ganz am Schluss die damit kontrastierende Rolle des abhängig Beschäftigten auf dem Hof zur Sprache: sozial prekär, marginalisiert. Ihn jetzt als "Knecht" zu bezeichnen, hat auch ironische Färbung. Damit wird zugleich Partei genommen für ihn, ein wenig Anteilnahme für ihn zu erwecken versucht.

Fazit: Das Gedicht beschäftigt sich kritisch mit ökonomischen und sozialen Verhältnissen auf dem Land. Die Verwendung des Wortes "Knecht" entgegen seinem Sinn hier zu interpretieren und einen affirmativen Gehalt des Werks zu suggerieren, halte ich für abwegig.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Lieber Arno,

so wollte ich dieses Gedicht verstanden wissen. Nochmals herzlichen Dank für Deine ausgezeichnete Interpretation.

Gruß Ciconia
 

Mondnein

Mitglied
Schnee von gestern.

die damit kontrastierende Rolle des abhängig Beschäftigten auf dem Hof
eben, neunzehntes Jahrhundert, "Knecht", aber nicht polnische Saisonarbeiterin oder sozialversicherungspflichtiger Mitarbeiter.

Wenn ein einzelnes Wort in einem Gedicht kein absolutes Gewicht hat, dann gehört es nicht in selbiges. Wenn nicht jedes einzelne Wort herausgelöst und für sich betrachtet werden kann, gehört es nicht in ein Gedicht. Dann muß man verknappen, zusammenstreichen, verdichten.

Ich habe, Ciconia, noch einmal nachgelesen, was Du nach einem Jahr noch nachhakst.

Längst geschmolzen.
 

Ciconia

Mitglied
Ich glaube, Mondnein, Du bringst hier nicht nur die Jahrhunderte durcheinander, sondern willst auch in der Bezeichnung „Knecht“ nicht die Bedeutung
jemand, der Befehlen oder Zwängen zu gehorchen hat
erkennen.

Es ist doch völlig egal, ob sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter (welch ein Hohn bei Saisonarbeit im Akkord!) oder osteuropäischer Saisonarbeiter. Wer so arbeitet, ist und bleibt ein Knecht.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Auch auf die Gefahr hin, wieder ausradiert zu werden: Hier hat der Kritiker recht. Nicht nur der Knecht ist retro, sondern eine ganze Reihe weiterer, in dem Text verwendeter Begriffe.

Den "Knecht Rupprecht", der dem Nikolaus im vorigen Jahrhundert noch rutenschwingend assistierte, den gibt's auch schon lang nicht mehr. Er fiel der modernen Sozialpädagogik zum Opfer.

Heiter, sehr heiter

aligaga
 
F

Frodomir

Gast
Hallo Ciconia,

meiner Meinung nach hat dein Gedicht Ende der Saison eine interessante Thematik, welche sprachlich gewandt in einem sowohl schönen als auch melancholischen Stimmungsbild verarbeitet wird.

Doch auch, wenn ich aus deinen Kommentaren herausgelesen habe, dass du mit diesem Gedicht die Situation polnischer Gastarbeiter in Deutschland aufgreifst, sodass deine Verse neben ihrem romantisierenden Stil eine realistische Untermalung bekommen, kann ich mich einer weiteren Bedeutungsebene deines Gedichtes nicht verschließen. Diese umfasst, wenn man sich die lyrische Person Stanislav nicht in seiner Funktion als Gastarbeiter, sondern in der eines traditionellen Feldarbeiters denkt, das große Thema der Dichotomie zwischen Kultur und Natur auf der einen und das genauso große Thema des sogenannten technischen Fortschritts auf der anderen Seite.
Diesem Gedanken nachgehend kongruiert der romantische und damit heute bisweilen anachronistisch wirkende Sprachstil mit der Beschreibung eines heute nur noch selten vorfindbaren Modells traditioneller Landwirtschaft. Das Ende der Saison fungiert vor diesem Hintergrund als metaphorischer Verweis auf ein Ende dieses Modells und lässt gleichsam Raum zu Interpretationen, weil auf eine Saison in einem seriellen Rhythmus immer eine nächste folgen sollte, sodass hier unausgesprochen der Wunsch nach einer Wiederbelebung des Traditionellen in der Zukunft durchschimmert.

Die letzte Strophe holt dabei mit ihrem Aufgreifen der zeitlichen Dimension noch weiter aus, weil sie den Menschen nun neben dem kulturellen Aspekt, der auf eine Menschheit als Gesamtheit anspielt, auch auf individueller Ebene anspricht und damit als endliches weil sterbliches Wesen einordnet. Stanislav könnte in diesem Sinne aber nicht nur als Personifikation der aussterbenden bäuerlichen Traditionen gedeutet werden, sondern im Hinblick auf die seit der griechischen Antike überlieferten Unterscheidung zwischen Natur und Kultur auch als - je nach Lesart - ein der Natur untergeordnetes und vergängliches Wesen bzw. als ein posthumanes Individuum, das durch den technischen Fortschritt eine immense Aufwertung seiner bisher als Knecht definierten Rolle gegenüber der Natur erfährt.

Nun, Ciconia, du kannst dieser Interpretation freilich entgegnen, dass sie vollständig an deiner Intention vorbei zielt, doch hoffe ich mit ihr die Verständnisebenen deines Textes noch weiter ausgelotet zu haben.

Ich wünsche dir frohe Weihnachten!
Frodomir
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Frodomir,

ich bin (angenehm) überrascht, wie viele interessante Aspekte Du in diesem kleinen Gedicht erkennst – mehr, als mir wahrscheinlich selbst beim Schreiben bewusst waren.
Deine Interpretation zielt nicht wesentlich von meiner Intention ab. Nur ein paar Kleinigkeiten möchte ich geraderücken.
die Situation polnischer Gastarbeiter in Deutschland
„Stanislav“ steht hier natürlich pars pro toto, unabhängig von jedweder Nationalität. Früher war es eben der einheimische Tagelöhner (Knecht!) Jan-Hinnerk, der nach dem Ende der Saison gehen musste und bis zum Frühjahr Stempelgeld bezog. Alle diese Arbeiter, wie auch immer man sie bezeichnet, haben auch durch ihre Arbeit bei meist magerer Bezahlung und ihren Fleiß zum Wohlstand dieses Landstrichs beigetragen. Daran hat sich in den 700 Jahren, in denen hier Obstanbau betrieben wird, kaum etwas geändert.

Das Stimmungsbild einer solchen mit jahrhundertealten Traditionen behafteten Gegend konnte ich nur in einem etwas altmodischen Stil zeichnen. Wir erleben doch heute täglich, dass unsere schöne deutsche Sprache verarmt und geschliffen wird. Dem versuche ich manchmal ein wenig entgegenzuwirken.

Vielen Dank für diese ausführliche Interpretation und auch Dir frohe Weihnachten!

Gruß Ciconia
 

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