Apropos Konsens

blackout

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Konsens ist das, worauf ein jeder setzt.
Sei es der Staat, sei es der kleinste Kreis.
Die Welt stagniert, das ist der teure Preis,
so bleibt sie, wie sie leider ist zuletzt.

Doch Leben, das ist immer Widerspruch.
Erst er gibt unserm Dasein einen Sinn,
darin liegt doch des Widerspruchs Gewinn.
Jedoch, wenn’s geht, vermeiden wir den Bruch.

Wir wollen nämlich keine Kollision,
wir sind die Friedenstauben dieser Welt,
die niemals Krach und Ärger machen, gelt?
Das bringt, wir wissen es, bloß Frustration.

Viel teurer ist uns doch die Harmonie.
Ein Volk von Brüdern wolln wir gerne sein,
und nichts gesagt auch gegen Schwesterlein.
Es wird schon, es geht immer irgendwie.
 
Hallo blackout,

diesem Postulat des Widerspruchs, seine Überhöhung durch das lyrische Ich, mag sie auch eventuell einer augenzwinkernden literarischen Überspitzung dienen, möchte ich gerne widersprechen:).

Konsens ist per se nichts Gutes oder Schlechtes.

Er ist nur über seinen Inhalt zu bewerten. Herrscht Konsens unter einer Clique von Despoten, beispielsweise was sie einer Minderheit oder Andersdenkenden antun wollen, so ist er schrecklich; gibt es einen Konsens darüber, dass es nach dem Ende der Corona-Krise ein Umdenken in vielen sozialen und gesellschaftlichen Bereichen stattfinden muss, so kann er Gutes bewirken. Der Inhalt definiert ihn.

Bloße Harmoniesucht ist ebenso kritikwürdig wie prinzipielles Dagegenhalten sinnentleert ist. Kreative Impulse sind von beiden Extremen nicht zu erwarten. Und überhaupt - es ist doch eher Lobbyismus denn Sucht nach Konsens zu beobachten. Harmoniesüchtige Herden? Ich sehe sie nicht!

Konsens, was gute Lyrik - geschweige denn ein Sonett,“ausmacht“ - gibt es wohl auch kaum, verfolgt man z. B. die unterschiedlichsten Ansätze in diesem Forum.

Gruß,
Artbeck
 

blackout

Mitglied
Hallo Artbeck,

ich nehme mit großer Sicherheit an, du hast den gestrigen Tag brav im Hause verbracht und damit dein Einverständnis mit der von unserer Obrigkeit verordneten Solidarität mit ihr geliefert. Hast du das getan, bist du im Konsens mit ihr. Nicht nur, dass die Obrigkeit einen Begriff aus der Arbeiterkultur missbraucht für ihre Zwecke, sie verlangt absoluten Gehorsam, wenn sie von Solidarität spricht. Zu diesem Gehorsam gehört auch der Konsens, wenn zwei sagen wir mal Interessen sich gegenüberstehen, die entgegengesetzte Ziele verfolgen. Einer von beiden muss aufgeben, und zwar der Schwächere, um den Konsens herstellen zu können. Oder glaubst du, der Stärkere würde aufgeben, damit er seinen Konsens kriegt? So gesehen würde ich Konsens auch als Erpressung bezeichnen, und zwar im Fall Corona unter dem Motto "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht", ansonsten setzt der Staat seine Gewaltinstrumente ein. Indem wir folgsam sind, ist der Konsens zwischen Obrigkeit und untertänigem Volk hergestellt. An diesem Beispiel solltest du deine Theorie mal überprüfen. Es müssen nicht immer zwei Despoten sein.

Unter Konsens fällt auch der Begriff der Versöhnung. Ich erinnere mich noch, wie ich mich für Gauck in dem von der EU ausgepowerten Griechenland geschämt habe, als er statt der Entschädigungen für die Verbrechen der Nazis im zweiten Weltkrieg mit Bibber in der Stimme von "Versöhnung" gelabert hatte. Auch in diesem Fall hat der Stärkere "gesiegt". Was die Griechen von diesem "Sieg" halten, steht auf einem anderen Blatt.

Mit Konsens im Zusammenhang steht aber auch der Widerspruch. Erst wenn er aufgelöst ist, und das gewöhnlich nach konsequentem Kampf bis zum Sieg, gibt es eine Weiterentwicklung. Konsens wäre in diesem Fall Opportunismus und der Weiterentwicklung schädlich. Allzuoft ruft die Forderung nach Konsens den Opportunismus und seine faulen Kompromisse hervor.

Was aber nun die Sonettproduktion angeht, so ist sie mit dem Begriff Konsens kaum zu fassen. Die einzelnen Schreiber haben einen unterschiedlichen Stand ihrer sowohl inhaltlichen als auch handwerklichen Entwicklung erreicht, und dementsprechend sehen dann auch ihre lyrischen Erzeugnisse aus. Und wenn ich sehe, es ist gar zu schlimm, was da gepostet ist, enthalte ich mich jeder Meinung, sonst wird mir vielleicht noch "bewiesen", dass der Autor bemüht war, die Lyrik "weiterzuentwickeln". So stelle ich auf meine Art Konsens und damit Harmonie her.

Das ist ein weites Thema, das hier nicht ausführlich behandelt werden kann, aber Ich hoffe, dass ich dir meinen Standpunkt verständlich dargelegt habe.

Gruß, blackout
 

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