Arno Geigers neuer Roman liest sich leicht, doch er wirkt tief

Rezension zu:

Arno Geiger, Selbstporträt mit Flusspferd, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24761-1

Der neue, lange erwartete Roman von Arno Geiger erzählt von einem jungen Mann, der sein Sohn sein könnte. Hatte Geiger sich in seinem 2011 erschienenen Buch „Der alte König in seinem Exil“ noch mit seinem alten Vater und dessen Demenz, mit der Hinfälligkeit am Ende des Lebens und mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt, geht es in „Selbstporträt mit Flusspferd“ um die Sinn- und Identitätsfragen am Beginn eines Erwachsenenlebens, ja, um das Erwachsenwerden insgesamt.

Denn obwohl in unserem Land kaum eine Generation vorher so behütet und mit so viel Bildungsangeboten aufgewachsen ist, wie die der heute 20-30 Jährigen, tun sich viele junge Menschen schwer, ihren Platz zu finden in Beruf und Gesellschaft. Von der Gründung einer Familie und der Weitergabe ihres Potentials an eigene Kinder einmal ganz abgesehen. Allein in meiner direkten Nachbarschaft und Bekanntschaft in unserer kleinen Stadt kenne ich etwa ein halbes Dutzend junge Menschen, Frauen und Männer, alle im Alter des Geiger`schen Protagonisten Julian, die zum Teil schon seit zwei Jahren nach abgeschlossenem und erfolgreichem Abitur oder Berufsausbildung immer noch „chillen“. Das heißt, sie nehmen weder ein Studium noch eine regelmäßige Arbeit auf, leben nach wie vor zu Hause bei den Eltern, bzw. beim Vater oder der Mutter und lassen sich weiter von ihnen alimentieren. Wenn sie nach den Gründen für diese „Auszeit“, wie sie das nennen, gefragt werden, geben sie an, noch nichts Passendes gefunden zu haben, sich noch orientieren zu wollen, oder auch ganz ehrlich, sie hätten keinen Bock auf so einen Lebensentwurf wie ihre Eltern, mit Arbeit, Anstrengung und auch gelegentlichem Verzicht. Sie wollten ihr Leben genießen.

Julian denkt an einer Stelle gegen Ende von „Selbstporträt mit Flusspferd“ über diese Fragen an der schwierigen Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenen nach: „Gehe ich nach rechts oder links? Wird eine stabile Persönlichkeit aus mir oder ein Niemand, der nichts auf die Reihe kriegt? Finde ich meinen Platz oder gehe ich unter?“
Warum haben sich meine Eltern oder etwa meine Schwiegermutter in diesem Alter solche Fragen nie gestellt? Warum hat diese gegenwärtige Generation, jedenfalls viele unter ihnen, solchew Probleme, in der Welt eine eigenen Platz zu finden? Das fragt sich auch Arno Geiger, der seinen Julian an einer Stelle sagen lässt: „Ich hatte Angst, dass mein Leben im Sand verlief. Ich hatte Angst, dass alles sinnlos war. Ich wusste, was mir fehlte, war ein Mensch.“

Das Buch spielt im Sommer 2004 in Wien und erzählt, wie der 22-jährige Student der Tiermedizin Julian nach dem Scheitern seiner Beziehung mit Judith und seinem Rauswurf aus deren Wohnung durch die Hilfe seines Freundes Tibor einen Sommerjob und eine damit verbundene Unterkunft findet. Der an Krebs erkrankte emeritierte Professor Beham, der im Rollstuhl sitzt, hat einem Zwergflusspferd eine vorübergehende Heimat gegeben, und die Aufgabe von Julian ist es, sich um dieses Tier zu kümmern.

Mit im Haus ist über den Sommer die Tochter des Professors, Aiko, die aus Paris nach Hause gekommen ist. Diese Frau, zu der sich Julian hingezogen fühlt, ist mindestens so ungewöhnlich und eigenwillig wie ihr Name. Langsam nehmen sie miteinander eine Beziehung auf, die Geiger seinen Ich-Erzähler in alle Schattierungen beschreiben lässt. Doch die beiden leben auch in einer Welt, in der einiges passiert. In Athen finden die Olympischen Spiele statt, in Beslan sterben bei einem Attentat hunderte von Kindern.

Doch anders als vielleicht zu früheren Zeiten, von denen so mancher klassischer Bildungsroman berichtet, kann Julian seine Erfahrung der Welt nicht verarbeiten und integrieren. Sie wirkt auf ihn nur extrem verstörend. Zwischen seinen Zweifeln an sich selbst und den barbarischen Bildern im Fernsehen kann er keine sinnvolle Verbindung finden.

Geigers Roman liest sich leicht, doch er wirkt tief. Denn das, was Julian 2004 so irritiert, was seine Zukunft in einen undurchsichtigen Nebel hüllt, das ist für viele junge Menschen im Jahr 2014, als er das Buch schrieb, noch viel drängender geworden.

Das Hängen zwischen den Zeiten und Identitäten, die Lethargie, die dennoch keine Ruhe kennt, ist für nicht wenige zwischen 20 und 30 ein großes Problem. Es ist ein Phänomen, von dessen Wahrheit man nicht loskommt, und die einen das angebliche „Chillen“ vielleicht noch einmal in einem anderen Licht betrachten lässt.

Ich habe daraus gelernt, dass unsere Kinder, die erst in einem oder zwei Jahrzehnten in dieses Alter kommen (was wird dann sein, wie wird die Welt, wie wird unser Land dann aussehen? – niemand weiß das wirklich) uns Erwachsene brauchen, als Vorbilder, als Menschen, die sich selbst diesen schwierigen Fragen stellen und ab einem bestimmten Alter mit ihnen darüber ins Gespräch kommen. Wir dürfen sie nicht im Netz allein lassen, sondern können ihnen zeigen, dass auch wir um Orientierung ringen. Erziehung zur Selbständigkeit, frühe Übernahme von Verantwortung, Verzicht auf Helikopterelternschaft, die ja nur ein Ausdruck ist der Angst der Eltern davor, dass es ihren Kindern irgendwann so geht wie Julian, und viel, viel Zuwendung und Zeit. Das ist meine bescheidene Hoffnung. Das, woran ich mich festhalte und orientiere. Ob das hilft, weiß ich auch nicht.
 
A

aligaga

Gast
Wer Arno Geigers „Selbstportrait mit Flusspferd“ liest, stellt als erstes fest, dass sein Autor tatsächlich „was drauf“ hat, wenn es um die Beobachtung Dritter und deren Charakterisierungen geht; Anleihen bei Eichendorff, beim hundertjährigen Fensterspringer und bei „Greenpeace“ sind dabei wohl unvermeidlich und seien verziehen.

Dass Geiger (gottlob!) kein kompletter Autobiograph ist, erweist sich schon auf der dritten Seite des Romans, wo in der Tierarztpraxis „Schwestern“ hantieren und die Einschläferung eines Uhus kostenfrei vorgenommen wird – beides Undinge, wie die Fachleute wissen.

@Winfried schreibt in seiner Rezension gleich zu Beginn weit ausladend:
Denn obwohl in unserem Land kaum eine Generation vorher so behütet und mit so viel Bildungsangeboten aufgewachsen ist, wie die der heute 20-30 Jährigen, tun sich viele junge Menschen schwer, ihren Platz zu finden in Beruf und Gesellschaft. Von der Gründung einer Familie und der Weitergabe ihres Potentials an eigene Kinder einmal ganz abgesehen. Allein in meiner direkten Nachbarschaft und Bekanntschaft in unserer kleinen Stadt kenne ich etwa ein halbes Dutzend junge Menschen, Frauen und Männer, alle im Alter des Geiger`schen Protagonisten Julian, die zum Teil schon seit zwei Jahren nach abgeschlossenem und erfolgreichem Abitur oder Berufsausbildung immer noch „chillen“. Das heißt, sie nehmen weder ein Studium noch eine regelmäßige Arbeit auf, leben nach wie vor zu Hause bei den Eltern, bzw. beim Vater oder der Mutter und lassen sich weiter von ihnen alimentieren. Wenn sie nach den Gründen für diese „Auszeit“, wie sie das nennen, gefragt werden, geben sie an, noch nichts Passendes gefunden zu haben, sich noch orientieren zu wollen, oder auch ganz ehrlich, sie hätten keinen Bock auf so einen Lebensentwurf wie ihre Eltern, mit Arbeit, Anstrengung und auch gelegentlichem Verzicht. Sie wollten ihr Leben genießen.
Nichts von alledem findet sich in dem Roman. Wir stoßen vielmehr auf eine Reihe weiblicher und männlicher Studenten, die keineswegs bei Mami und Pappi herumhocken und „chillen“, sondern in Kommunen hausen, neben dem Studium arbeiten und recht klare Vorstellungen haben. Nur der Protagonist hat sie nicht, so gibt er zumindest vor; er kompensiert die Minderwertigkeitsgefühle, die ihm daraus erwachsen, mit einer reichlich geringschätzigen Sicht auf alles Menschliche, das ihn umgibt. Ausnahmen sind - erstens - ein Zwergflusspferd, in dem Julian ganz offensichtlich sich selbst als kleinen Jungen erkennt, der dicklich gewesen und ohne Hilfe von außen zum Sterben verurteilt war, und - zweitens - nach einigen Anlaufschwierigkeiten eine ihm nicht nur altersmäßig überlegene Halbexotin, die sich weniger durch Schönheit als durch ihre Sprödigkeit interessant macht.

Dass @Winfried aus dem Klappentext des Buches zitiert, legt den Schluss nahe, er habe es nicht wirklich durchgängig gelesen. So erklärt sich wohl auch, dass er Julian bei der Tochter Professor Behams „wohnen“ lässt – dabei haust der Junge in einer Wohngemeinschaft mit anderen Studenten zusammen und nächtigt nur stundenweise bei Aiko, um ihrem Vater das Verhältnis zu verheimlichen, das sie ihn mit sich anfangen lässt.

In dem Roman geht es um nichts weniger als die Probleme einer ganzen Generation, sondern vielmehr darum, ab wann ein Individuum sich für „erwachsen“ halten darf. Einen der Schlüsselsätze dazu spricht Aiko, die meint,
dass sie beim Sex jemanden brauche, der mit ihr mache, was er wolle. Das sei ihre Art, sich fallen zu lassen. Sie sei neugierig, was mit ihr passiere, wenn jemand tun und lassen könne, was ihm gefalle. Und schon gar nicht wolle sie jemandem etwas beibringen.
Am Ende bekommt der Kleine die Dusche, die ihm bis dato offenbar gefehlt hat, von seiner Ex. Sie sagt ihm zwar auch nicht, wie’s geht, aber wenigstens ganz genau, wie nicht, und zwar im „Sonnenklar-Tonfall“:
„Du schimpfst auf alles und schaust auf alle herab. Wo sonst bist du etwas Besonderes? Wo? Bitte, wo? Sag es mir! Ein bisschen Karate und ein paar angelesene Phrasen. Was sonst noch? Sag es mir! Nur weil du besser Müll trennst, glaubst du, du bist der bessere Mensch! Was ist sonst noch? Was? Komm, sag’s mir! Alles nur Behauptung! Du bist ein Miesmacher und Pessimist, der vor dem Schlafengehen unters Bett schaut, ob sich dort ein Klimasünder versteckt. Du hast schon richtig gehört! Ich steh wenigstens dazu, dass ich ein schönes Leben haben will. Und ich habe ein schönes Leben. Aber bei dir sehe ich nichts, nur Behauptungen und ein bisschen Karate. Sich gut fühlen, weil man sich über andere stellt! Mit dem Finger auf andere zeigen, darin bist du gut. Von dir hört man nur: Das ist mir zu bieder! Das ist mir zu spießig! Das ist mir zu dumm! Das ist mir zu oberflächlich! Das ist mir zu verlogen! Das ist mir zu heuchlerisch! Und was bist du? Du bist leer. Einer, der an nichts eine Freude hat.“
Am Schluss der Tirade richtet sie ihm noch den verwurstelten Hemdkragen, dann läuft Julian zu Fuß los bis nach Paris zu einer Aiko, die von ihm oder einem anderen schwanger ist.

Zehn Jahre später sind wir am Anfange des Buches angelangt und wissen, dass Julian nicht wirklich weit gekommen ist.

Erwachsen werden und erwachsen sein war nicht nur heutzutage, sondern immer schon eine ziemlich schwierige Sache, @Winfried. Arno Geiger weiß das und hat ein sehr hübsches Buch darüber geschrieben.

Du solltest es nicht bloß durchblättern, sondern wirklich lesen, bevor du es eventuell noch einmal rezensierst. Es geht nämlich gar nicht in eine (moralinsaure) Tiefe, sondern ist eher ein Spiegel, in dem sich erkennen kann, wer den Mut dazu hat.

Gruß

aligaga
 

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