Aron Manfeld: Mal wieder nur ein Tag vorbei

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AbrakadabrA

Mitglied
Ein Tag vorbei getan was man von mir
Erwartet schwimm ich um mich selbst herum
Wie geile Haie grau im Blut taubstumm
Schreit alles geh doch endlich fort von hier

Such etwas das Dich hoch zur Sonne hebt
Dich wieder fliegen macht ins Himmelblau
Voll bunter Farben stirbt das Todesgrau
Wenn Frühling frisch in Deine Sinne schwebt

Hier auf dem Tisch lockt Lachs auf Vollkornbrot
Gefühle kommen und vergehen schnell
Wer weiss ob Neues nicht ein neuer Tod

Nur ist da draussen wird es langsam hell
Mal wieder nichts als Träumerei und Wort
Doch für Sekunden war ich wirklich fort
 
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Tula

Mitglied
Hallo Aron
Gutes Gedicht, mit einem sehr feinen Abschluss, der das fünfte Sternchen gibt. Beim Tod ginge es weniger dramatisch, aber gut, Geschmackssache. Man kann ja auf viele Weise sterben.

LG
Tula
 

Oscarchen

Mitglied
Moin,
Ja Aron, da kann ich was mit anfangen. Erinnert mich von der Machart etwas an Werke von Hansz. Gut gemacht.
LG
Oscarchen
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hi Wolfgang,
man nennt sowas "Sonett".
Hätte neben den Titel geschrieben werden sollen. Aber man siehts auch so.
grusz, hansz
 

James Blond

Mitglied
Ein Sonett soll es sein, soviel steht fest – auch wenn das Wort im Titel nicht auftaucht. Das ist ja auch nur eine freiwillige Leselupenvereinbarung, damit das Gedicht später auch über die Suchfunktion als Sonett gefunden werden kann.

Sonett heißt übrigens Klanggedicht (von sonare), dieses hier klingt z. B. wie feuchte Pappe.
Sämtliche Verse enden betont, das Reimschema abba - cddc - efe - fgg geizt nicht mit verschiedenen Reimen, zusammen mit den zahlreichen Enjambements (4) sorgt das für eine gewisse Unruhe, die Reime selbst zwar simpel und gewöhnlich (mir - hier, hebt - schwebt, grau - blau, Brot - Tod, schnell - hell, Wort - fort), dafür nicht frei von Beugungen (herum - taubstumm).

Auch inhaltlich schlägt der Text eine andere Richtung ein, als es ein Sonett erwarten ließe. Anstelle einer sich entwickelnden Betrachtung gegensätzlicher Gedanken findet das allzubekannte Stochern im Mulch der eigenen Befindlichkeiten statt, hier treffend als das Herumschwimmen um sich selbst bedichtelt.
Dem geilen Hai im ersten Quartett folgt im zweiten ein Wunsch nach dem Sprung ins Himmelblau (nicht etwa ins Himmelsblau) als Frühlingskur der Sinne: Todesgrau soll da zu bunt sterben.

Im ersten Terzett erfolgt dann ein Schwenk (vom Hai) auf die Frühstücksstulle, die mit Lachs auf Vollkornbrot lockt. Da kommen nun doch Gefühle und vergehen auch gleich wieder. Folgerichtig stellt sich dann in der letzten Strophe die Frage, ob "Neues nicht ein neuer Tod Nur ist" und das Lyrische Ich schließt ab mit der Einsicht in Träumerei und Wort und sekundenweiser Abwesenheit.

Nun frage ich frage mich ernsthaft, was vermag ein Text, der klanglich so flach, sprachlich so platt und gedanklich so binsenmäßig daherkommt, dem Leser zu bieten? Meine Antwort lautet: Er überfordert ihn nicht – und das ist auch schon mal eine ganze Menge. Ein tolles Sonett.
;)

Liebe Grüße
JB
 
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AbrakadabrA

Mitglied
Ich hatte hier mit einer gnadenlosen Abfuhr der DichterkollegInnen gerechnet, da ständige Dopplungen auftreten.

Der Hai wird zum Lachs, die durchwachte Nacht zum kleinbürgerlichen Morgen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Mich erinnert es an expressionistische Sonette in moderner Form.
Der gewählte Hakenstil in der erszen Strophe passt zum Inhalt und macht ihn eindringlicher.

Im Sonett wird Zeilenstil (wie hier in den hinteren Strophen) häufiger verwendet, mit Hakenstil (mit Enjambement, Fortsetzung des Satzes im folgenden Vers) wirkt es eindringlicher.
 

James Blond

Mitglied
Lieber Bernd,
ich kann diese Mär vom sog. "expressionistischen Stil" langsam nicht mehr hören. Das ist vollkommener Unsinn. Ich habe es auch schon zu oft in deinen Kommentaren gelesen. Und die "eindringliche Wirkung" des Enjambements kann ich hier nicht bestätigen, es wirkt auf mich zerrupft.

Und dass der Verfasser grundsätzlich nicht auf Kommentare eingeht, stattdessen immer neue Baustellen aufreißt, macht die Sache auch nicht besser. Ich bin hier raus. :(
 

AbrakadabrA

Mitglied
Lieber James,

welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen?

Ich muss bei Wolfgang, Tula, Oscar, Hans, Bernd, Patrick und Wüstenrose nicht gleich über jedes Stöckchen springen, es sind allesamt erfahrene Dichter, die mein sofortiges Schulterklopfen kaum nötig haben.

Dein Kommentar, in den Du richtig Arbeit gesteckt hast, ist durchaus richtig. Am Ende ein tolles Sonett. Aber nur am Ende.

Wie sagte Erich Maria Remarque im Westen nichts Neues?

Wir armen Leute beteuern nicht gern, was wir ohnehin schon wissen

Jetzt hätte ich gern Mein Herbstmädchen hier gebracht, doch ist es im Geplänkel völlig untergegangen.

Ich hoffe, Du bist mir nicht mehr böse und bleibst mein Dichterfreund.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Vergleichen: Trakl: Gedichte

Ans Blumenfenster wieder kehrt des Kirchturms Schatten
Und Goldnes. Die heiße Stirn verglüht in Ruh und Schweigen.
Und nächtens stürzen sie aus roten Schauern
Des Sternenwinds, gleich rasenden Mänaden.
Hier ist es Tragödie, im Gedicht oben grotesker banaler Alltag.
 

James Blond

Mitglied
Dein Trakl-Vergleich, bester Bernd, ist nur ein schlechter Witz.
Trakls Verse liegen meilenweit über diesem Gestammel hier.

Auf mich wirkt es zerrupft.
Das soll er auch. Es ist seine Funktion.
Das ist hier die Standard-Ausrede für jeden Mist: Er ist beabsichtigt.
im Gedicht oben grotesker banaler Alltag.
Banal mag noch hinkommen, aber grotesk mögen hier bestenfalls deine Vergleiche sein.
 

wüstenrose

Mitglied
Liebe Sonettisten,
wie ihr wisst, bin ich sontett-technisch nicht so gut aufgestellt :(.
Bewertet habe ich das Werk dennoch. Es ist schlicht das Atmosphärische, was mich anspricht. In seiner dumpfen Banalität, in seiner unoriginellen Stumpfheit schafft es eine Atmosphäre, die mich alsogleich insbesondere an meine Kindheit erinnert, so dass ich zustimmend nicke: Ja, so wars. Gut eingefangen!
Meiner Meinung nach kann ein Werk, das sich in Flachheit, Plattheit und "Binsenmäßigkeit" erschöpft, kaum Wirkung entfalten. Da dieses Werk auf mich wirkt, würde ich sagen: hier gelingt es, den Zugang zu einer Art innerer Wahrheit herzustellen. Mich spricht es an.

Mit Wortbeiträgen unter deinen Texten, Aron, bin ich vorsichtig geworden. Da mag es mir ähnlich wie oben beschrieben gehen: ich rede von Punkt A und du antwortest, indem du auf Punkt B eingehst. So entsteht durchgängig eine "immer-knapp-daneben-Kommunikation", methodisch gewollt (so mein Eindruck). Für mich ermüdend, da ziehe ich mich dann raus.

lg wüstenrose
 

James Blond

Mitglied
Es gibt hinsichtlich der Bedichtung von den Krankheiten des Lebens zwei Arten: Die eine stellt Diagnosen, die andere liefert Symptome. Wer es gut machen will, der versucht beides unter einen Hut zu bringen: Im Ausdruck das Symptom, in der Aussage die Diagnose. Ich denke da z. B. an Irene Dische, die ihren 90-jährigen Protagonisten in „Der Doktor braucht ein Heim“ von der "Altersheimer Krankheit" sprechen lässt.

Hier allerdings ertrinkt das Resumee vollständig im "mal wieder", es gibt kein Durchblitzen von Erkenntnis, nur das lamouryante Suhlen in den Coolen der Moderne: 'Ich will nicht, was ich muss; ich kann nicht, was ich will.' Ich weiß ja: depressiv ist in und unser Autor ist ein Meister aus Ost-Deutschland, dessen Bürger nach eigenem Bekunden eine weit höhere Sprachkompetenz ausweist, die sich hier nicht mehr unter Beweis zu stellen braucht. ;)

Die 'innere Wahrheit' liegt im Auge des Betrachters. Da kann schon mal ein Hundehäufchen zum Auslöser von Kindheitserinnerungen werden. Durch solch einen persönlichen Bezug eine Art von innerer Wahrheit herzustellen, gelingt sogar dem Konsumenten von Telefonbüchern, denn diese unzähligen Verbindungen von Namen und Nummern besitzen zweifelsohne einen Bezug zur Realität, zugleich unterstreichen sie den metaphorischen Appell von der Einzigartigkeit des menschlichen Lebens inmitten seiner unüberschaubaren Masse. Telefonbuchseiten als Sonette wären extrem expressionistisch! Aber macht das den Hund oder die Post zu Dichtern? ;)

Grüße
JB
 

wüstenrose

Mitglied
Hmm, mir fällt es hier schwer, James, deinen Ausführungen zu folgen, sie haben was Argumentatives, da steckt viel Reflexion drin.
Mir gefällt am Gedicht gerade der non-reflektive Sog, das bunte graue Chaos, die immergleiche Reproduktion der Orientierungslosigkeit, der ver-rückte Gesamteindruck, die gestaute Spannung hinter der Fassade ereignisloser Leere.
 

James Blond

Mitglied
Ja, es ist schon ergreifend,
wie hier das bedrängende Nichts von allen Seiten eingehend beleuchtet, wie die Verworfenheit der Unmittelbarkeit in ihrer Seinsmäßigkeit gebrochen in die Ausweglosigkeit kosmischen Chaos' gespiegelt wird. Mit der Expressivität eines Benns des Ostens hat hier der VEB-Lyrik Mechanismen ekzentrischer Entfremdung offengelegt. Wie konnte ich das nur übersehen haben! ;) :)

Ja, du hast Recht,
in meinen Ausführungen steckt bisweilen schon etwas Argumentatives, das macht es auch so schwer, ihnen zu folgen. Denn hier sind wir nicht unter Rezipienten von Literatur, wir sind unter Lesern, unter Konsumenten, deren Bewertungshorizont das Niveau subjektiver Geschmacksempfindungen kaum zu übersteigen vermag, die, sich dem täglichen Diktat der Clickchöre beugend, mit dem Daumen abstimmen, zu einem Urteil aber gar nicht mehr in der Lage sind.

Und wenn doch,
dann bemühen sie abgelutschte Versatzstücke eines ausrangierten lyrischen Restaurantführers "Expressionismus". Sooft ich das lese, wird mir übel, als hätte der Guide Michelin mich in eine Hamburger Labskotzküche gelotst. Für diese Leute ist selbst "modern" oder gar "zeitgemäß" noch ein Qualitätsurteil und keine abgelaufene Hysterie wie Naturalismus, Expressionismus, Romantizismus, Manierismus, Mussmus. Sie übersehen bei der Suche nach Bestätigung ihrer persönlichen Erfahrungen den Eklektizismus, die Abgegriffenheit der lyrischen Dystopien, die dem immergleichen Schemata sinnloser Existenz folgen: "mal wieder nichts".

Und nein,
es gibt jenseits individueller Selbstneurotisierungen auch ganz banale Tatsachen, die Tritt und Fehl bezeugen: Kling & Klang, Ausdruck & Ausssage. Da schmerzt mich schon eine Reimbeugung wie "taubstumm - herum", auch, weil sie hier niemanden sonst zu stören scheint. Ich habe fertig.

Grüße
JB
 


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