Auf ein Neues!

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Ciconia

Mitglied
Zum Weihnachtsmarkt bist du diesmal ausnahmsweise mitgegangen – aber nur, um den Kollegen zu signalisieren, dass du Weihnachten mit all seinem Brimborium locker siehst. Natürlich findest du keinen Spaß daran. Nach einer Stunde verabschiedest du dich mit den dahingenuschelten Worten „Hab noch was Wichtiges vor“. Danach geht der Abend für die Anderen erst richtig los, wie sie dir am nächsten Tag erzählen werden. Zuhause wartet natürlich niemand auf dich. Du siehst dir einen Fernsehfilm an und gehst früh ins Bett.

Für Heiligabend steht dasselbe wie immer auf dem Speiseplan: Eine Babypute, die auch noch für mindestens zwei weitere Tage reicht. Das Rezept hast du von deiner Mutter, es ist so einfach, dass es jeder hinbekommt. Dazu Rotkraut aus dem Glas und Fertigknödel. Das reicht dir. Eine Flasche Rotwein, am liebsten der einfache Dornfelder, darf allerdings nicht fehlen.

Du vermisst nichts an diesem Abend. Nur ab und zu denkst du daran, wie es in manchen Familien jetzt zugehen mag: Zank und Streit, Alkohol, Familienzwiste - eben so, wie du es aus deiner Kindheit kennst. Der Alte betrunken und aggressiv, die Mutter betrübt, die Großeltern still leidend ob dieser neuerlichen Entgleisung. Dazwischen du und deine Schwester, schwankend zwischen kindlicher Freude an den Geschenken und der untrüglichen Ahnung, dass sich in dieser Familie nichts mehr zum Guten wenden wird. So etwas brauchst du nie wieder.

Am 1. Feiertag schläfst du lange, machst einen ausgedehnten Spaziergang und igelst dich nachmittags mit einem Buch und einem guten Cognac auf dem Sofa ein. Abends dann wieder Pute und eine weitere Flasche Dornfelder.

Am 2. Feiertag wachst du gereizt auf. Draußen herrscht Schneegrieseln, es wird den ganzen Tag nicht richtig hell. Du versuchst, dein Buch weiterzulesen, kannst dich aber nicht recht konzentrieren. Du überlegst, mal deinen alten Freund Karsten anzurufen, verwirfst diesen Gedanken aber schnell. Nicht an Weihnachten. Du hast keinen Appetit mehr auf die Pute und beschließt, am Abend essen zu gehen. Als du siehst, dass die meisten Restaurants überfüllt sind, wendest du dich angewidert ab und gehst ins nächste Kino. Ein Becher Popkorn tut’s auch, und der Film ist wirklich gut.

Wie immer hast du dich bereiterklärt, zwischen den Feiertagen zu arbeiten. Die Anderen haben ja alle Familie und sollen ihre freien Tage genießen. Dir ist Ablenkung ganz recht.

Dann lädt man dich überraschend in letzter Minute zu einer Silvesterfeier ein. Dein Kollege Armin möchte seine neue Dachterrassenwohnung einweihen. Eigentlich hast du wenig Lust, doch du möchtest ihn nicht brüskieren. Du unterhältst dich erstaunlich gut und lässt dich von der lockeren Art der Feiernden anstecken. Als ihr um Mitternacht mit dem obligatorischen Gläschen Sekt auf der Dachterrasse steht und das Feuerwerk über dem Stadtpark bestaunt, geschieht etwas mir dir: Die Schwägerin des Gastgebers, eine aparte Brünette, steht unvermittelt neben dir, schaut dir tief in die Augen und möchte mir dir anstoßen. Du überlegst nicht lange und küsst sie, einfach so.

Und plötzlich wünschst du dir, dass das nächste Weihnachtsfest ganz anders ausfallen möge als alle bisherigen.
 
A

aligaga

Gast
Die arme, aparte, brünette Schwägerin! Hoffentlich phällt sie nicht auf diese(n) langweilige(n), sauertöpfische(n) PutenfresserIn herein!

@Ali wünschte der Schwägerin jemanden, der aussähe wie das Christkind, singen könnte wie ein Rauschgoldengel und bei jeder schnellen Bewegung Goldflitterspuren hinterließe. Jemanden, bei dem's wie ein Glöckchen kläng, wenn er/sie lachte, und bei dem ihr sofort warm würd', wenn sie ihn/sie nur säh' oder gar etwas Nettes sagen hörte.

@Ali amüsiert sich darob, wie ausgerechnet die Putenvertilger dieser Welt immer wieder auf die Idee kommen, sie fänden - wuppdich! - gleich nach Weihnachten die Erlösung aus ihrem vermurksten Dasein. O jemine - eher göng doch das berühmte Kamel durch's Nadelöhr ...

Sehr, sehr heiter an einem Spekulatius knabbernd

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
[strike]Sie mich auch[/strike]
Ihnen auch ein erfolgreiches, glückliches neues Jahr bei bester Gesundheit.
Auf dass Ihnen noch ein paar unverwüstliche Lupinen erhalten bleiben mögen!

Grüße nach München
Ciconia
 

Wipfel

Mitglied
Hallo Ciconia, ich habe deinen kleinen Text gern gelesen - und mir zuckt es zugleich in den Fingern. Kannst du nicht eine Version ohne die DU-Ansprache daneben stellen? Wirst dir was dabei gedacht haben, doch das klingt so, wie die große Schwester, die für den kleinen Bruder alles nochmal zusammen fasst.

Zudem verpasst du dadurch eine mögliche Tiefe. Das wäre toll zu erfahren, was den ollen Schnösel dazu bewegt immer vor dem Höhepunkt zurückzuziehen. Sein Leben - nichts anderes als ein andauernder Coitus interruptus. Erzähl mir warum.

Grüße von wipfel
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Wipfel,

danke für Deine Überlegungen.
Jetzt hast Du mich aber ein klein wenig verunsichert … Macht es wirklich einen großen Unterschied, ob ich das DU oder ein ER verwende?
Erzähl mir warum.
Der „olle Schnösel“ (für mich eher Knösel) ist in Bezug auf Weihnachten halt ein gebranntes Kind – siehe seine Reflexion über Kindheitsweihnachten.
So etwas brauchst du nie wieder.
Deshalb versucht er die Weihnachtszeit zu umgehen. Was letztlich nicht wirklich gelingt.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Für den böhsen @ali ist offen, ob das lührische "Du" ein männliches oder weibliches sei. Ihn stört die alberne Anmuthung, das schiere Signalement einer "Schwägerin" (und ein bisserl Alk) reichten aus, die beklagte, während der letzten 55 Jahre gewachsene psychische Lordose der/des Lührdu geradezurichten.

Das können sie selbstverständlich nicht. Am Morgen danach wird die hübsche Schwägerin feststellen müssen, dass sie mit einer ??????? ins Bett gehopst ist, derweil's im Stall nach kaltem Putenfett, aufgewärmtem Rotkohl und verschüttetem Sonderangebotsrotwein müffelt.

Wie schon gesagt: @Alis Herz schlägt für die Unschuld dieser Schwägerin. Das Mädel wüsste offenbar, wie man feierte, und hätte bestimmt was Bess'res verdient als eine Blindschleiche nach Art der uns vorgestellten.

Quietschvergnügt

aligaga
 

Lord Nelson

Mitglied
Hi Ciciona,

hab deine gut nachvollziehbare Geschichte über den Weihnachtsblues gerne gelesen. Der versöhnliche Lichtblick am Ende passt einfach in die allgemeine weihnachtliche Stimmung.
Das “Du” finde ich in diesem Zusammenhang recht geschickt. Dadurch bleibt das Geschlecht des Prota fast bis zum Schluss offen, so dass sich männliche wie weibliche Leser in die Figur hineinversetzen können.

Was mir allerdings äußerst realitätsfern erscheint ist die Vorstellung, dass der Prota sich - und sei er noch so masochistisch veranlagt - in dieser für ihn eher deprimierenden Zeit ausgerechnet ein Trumm Putenbraten in den Ofen schieben sollte, an dem er als Einzelperson auch noch tagelang zu “knabbern” hat.

die DU-Ansprache ...
...Zudem verpasst du dadurch eine mögliche Tiefe.
Diese Kritik verstehe ich nicht. Kannst das vielleicht noch ein wenig erläutern, Wipfel?

LG Lord Nelson
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Lord Nelson,

vielen Dank für Deinen wohlwollenden Kommentar. ;)

Zur Pute: Es ist ja von einer Babypute die Rede, da kann man nicht von einem Trumm Putenbraten sprechen. Und es ist ein Rezept der Mutter, was zu denken geben sollte.

Mittlerweile bin ich mehr als neulich von der Erzählperspektive in der Du-Form überzeugt, nachdem ich speziell dazu eine längere Abhandlung fand, die ich hier aber wegen deren Länge nicht verlinken möchte.
Und was das Geschlecht der/des Prota angeht, bin ich nachträglich sogar der Meinung, dass in der Du-Form alles offen bleibt – es könnte sich ja auch um eine Frau handeln, die Frauen liebt …

Gruß Ciconia
 

Wipfel

Mitglied
@Lord - der allwissende Erzähler hat mehr Möglichkeiten. Das ist alles. Er könnte hinter die Fassade schauen und die Gedanken- und Gefühlswelt des Prot. uns näher bringen. Gedankenlesen kann das Du nicht. Viele nachträgliche Erklärungen würden sich erübrigen. Daher muss sich der/die Texter/in zunächst die Frage stellen: wat will ich mit dem Geschriebsel? Kommt dann das Du heraus - dann ist das so. In diesem Fall will Ciconia offenbar nicht mehr und nicht weniger. Ist doch okay.

Welche Rolle welche Person in der Geschichte übernimmt und wer wem un- oder sympatisch ist, bleibt unbenommen. Der Leser lebt in seinen eigenen Bildern, in seiner eigenen Welt und verknüpft diese mit der Geschichte.

@Ciconia: Wäre es meine Geschichte, würde ich experimentieren. Nicht mehr wollte ich mit meiner Kritik ausdrücken. Du bist doch eine routinierte und starke Schreiberin. Kannst das.

Grüße von wipfel
 

Ciconia

Mitglied
Danke für die Vorschusslorbeeren, Wipfel! ;)

Ja, natürlich könnte man experimentieren. Das habe ich früher, als ich hier noch unbehelligt längere Geschichten schreiben konnte, häufig gemacht, sowohl in Bezug auf Tempus als auch Erzählperspektive. Oft fand ich dann die 1. Person am treffendsten, manchmal passte auch die 3. Person besser. Mit dem DU habe ich in der Prosa noch nicht experimentiert, deshalb wollte ich es mal versuchen.

Ich meine auch, dass ein „Näherbringen der Gedanken- und Gefühlswelt“ des/der Prota den Rahmen einer Kurzprosa sprengen würde. Es ist ja auch so schon einiges in dem kurzen Text versteckt, was den/die Prota berührt.

Gruß Ciconia
 

Lord Nelson

Mitglied
Hi Ciciona,

Und es ist ein Rezept der Mutter, was zu denken geben sollte.
ja eben. Ich persönlich würde angesichts des zuvor geschilderten Erinnerungswertes (ich stelle mir einfach mal vor, dass es dieses Gericht zur unerfreulichen Familienweihnacht gab) Bratkartoffeln bevorzugen. Aber jeder Jeck ist anders...

@Wipfel:

Das “Du” ist doch gar nicht der Erzähler. Demnach muss es auch nicht Gedanken lesen. Die liest, wie immer, der (allmächtige) Erzähler. Der kann somit durchaus Einblick in die Gedanken und Gefühle des “Du” geben, oder liege ich damit falsch?

Der obige Text demonstriert es doch schon. “Du hast keinen Spaß daran” “Du denkst daran, wie es...”, “du wachst gereizt auf”, sind nur einige Beispiele.

Gut, mit der direkten Rede könnte es hakelig werden. Obwohl Ciciona auch dies Problem im ersten Abschnitt elegant gelöst hat.

LG Lord Nelson
 

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