• Liebe Forenmitglieder,

    das Redaktionsteam sucht Verstärkung. Einige von uns wollen nach vielen Jahren emsiger Sorge für ein gepflegtes Lupen-Leben in die Lupen-Rente gehen, anderen wird schlichtweg die Zeit für dieses Ehrenamt knapp. Deshalb suchen wir Nachwuchs.

    Interesse? Mehr Infos finden sich hier.

Auf See mit Frau Klabunke

3,00 Stern(e) 4 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
„Square Dance“, antwortete die rundliche kleine Gestalt neben mir an der Reling, und ihre Augen leuchteten, als habe sie soeben den Namen eines neuen Liebhabers ausgesprochen.
‚Square Dance? Ist das nicht dieser amerikanische Ringelpiez in alberner Kostümierung?‘, dachte ich und sagte, nachdem ich einige Sekunden an den Einstellungen meiner Kamera herumgespielt hatte:
„Oh, wie interessant!“
Hätte ich mich bloß nicht auf ein Gespräch mit ihr eingelassen und sie auch noch nach ihren Hobbys gefragt. Ich überlegte fieberhaft, was mir zu Square Dance noch einfiel, und taxierte derweil die überbordenden Rundungen, die sich unter der dicken Steppjacke abzeichneten. Im Geiste sah ich die Dame in Cowboystiefeln und kurzem Rüschenröckchen. Aber da fuhr sie schon fort:
„Ja, das macht wirklich Spaß. Wir trainieren zweimal die Woche und treffen uns deutschlandweit mit vielen anderen Gruppen.“
„Interessant!“, sagte ich und dachte: ‚Hoffentlich nicht in Kiel.‘
„Und was machen Sie in Ihrer Freizeit?“
Ich war reiseerfahren genug, um für jede persönliche Frage ein geistiges Notfallset dabei zu haben, deshalb antwortete ich spontan: „Früher hab ich Squash gespielt, heute hab ich leider keine adäquate Partnerin mehr.“
Jetzt scannte sie meine Figur, und ihr prüfender Blick konnte nicht verhehlen, was sie dachte. Bevor sie einhaken konnte, setzte ich nach. „Jetzt gehe ich zwei- bis dreimal pro Woche ins Fitness-Studio, schwimme und lese gern, na ja, was man eben so macht, wenn man viel Zeit hat.“
„Sind Sie denn nicht berufstätig?“
Ich überlegte kurz, welche Variante besser taugen würde:
A. Mein Mann verdient gut, ich muss nicht arbeiten.
B. Ich habe einen tollen Job in Teilzeit.
Ich entschied mich für C. „Ich bin freiberuflich tätig“, obwohl B. etwas näher an der Wahrheit lag.
In ihr begann es zu arbeiten. „Und was machen Sie da genau?“
„Verschiedenes, meistens Übersetzungen. Nebenbei schreibe ich gerade an meinem dritten Roman.“
Meine Gesprächspartnerin schnappte hörbar nach Luft, und bevor sie die nächste Frage stellen konnte, verabschiedete ich mich mit den Worten „Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss mal schnell ein anderes Objektiv aus der Kabine holen.“
Immerhin hatte es auf dieser Reise ganze drei Tage gedauert, bis mir die neue Frau Klabunke begegnete.

Das Klabunke-Phänomen begleitet uns seit etwa dreißig Jahren. Dabei kennen wir die Klabunkes gar nicht persönlich, und ich möchte auch keinen Träger dieses Namens diskriminieren. Genauso gut könnte ich es Hinterhuber- oder Sörensen-Phänomen nennen, nur klingt das halt nicht so gut.
Auf einer Wanderreise sahen wir Herrn und Frau Klabunke zum ersten Mal, abgebildet in einer Regionalzeitung als treue Gäste des Ferienortes, ausgezeichnet für soundsoviel Übernachtungen über die Jahrzehnte. Auf dem Foto wirkten sie ganz sympathisch, wenn auch reichlich spießig.
Von da an trafen wir die unsympathische und meistens lästige Variante regelmäßig in jedem Urlaub. Wohin wir auch kamen, die Klabunkes (beziehungsweise ein Pärchen, das ihnen sehr ähnelte und von denen es unzählige geben musste) waren schon da:
Zum Beispiel im Urlaub auf einer Mittelmeerinsel. Wir fuhren mit dem Zug in die nächste Stadt: Die Klabunkes, die wir schon aus dem Hotel kannten, saßen im selben Zug. Wir spazierten durch ebendiese Stadt und suchten ein ruhiges Restaurant: Herr und Frau Klabunke verspeisten gerade in einem der schönsten Restaurants eine Pizza.
Oder wir befanden uns auf einer Busrundreise durch ein heißes exotisches Land … In diesem Fall hieß Herr Klabunke mit Vornamen Gerhard. Er filmte den ganzen Tag und überall mit einer uralten Videokamera, wobei die Motive von seiner Frau vorgegeben wurden. Noch heute klingt uns ihre hundertmal am Tag gestellte Frage: „Gerhard, hast du’s?“ in den Ohren. Auf Busrundreisen gibt es kein Entrinnen.

Nun also mit Frau Klabunke auf See, ohne einen Herrn Klabunke, eine neue Variante.

Beim Abendessen hatte ich meine Ruhe, denn Frau Klabunke war offensichtlich in einer anderen Sitzung als ich, wie ich erleichtert feststellte. Dafür traf es mich am nächsten Morgen, als ich ein wenig müde nach einer unruhigen Nacht ins Restaurant schlurfte und gleich am zweiten Tisch neben dem Eingang abgefangen wurde. Eine fröhliche Frauenstimme begrüßte mich: „Guten Morgen, wollen Sie sich nicht zu mir setzen?“ Wie gesagt, ich fühlte mich zu angeschlagen, um abzulehnen, und stellte mich auf eine weitere interessante und lehrreiche Unterhaltung ein.
„Machen Sie übermorgen auch den Ausflug zum Nordkapp mit?“, begann Frau Klabunke, kaum dass ich den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte.
„Nein, da war ich schon.“
„Ach, Sie sind wohl schon öfter diese Route gefahren.“
„Ja, mehrmals!“
Ihre Stirnfalten signalisierten: Sie addierte im Geiste die Kosten für mindestens drei Reisen.
Ich machte mich auf zum Buffet und ließ mir Zeit, in der Hoffnung, dass Frau Klabunke in der Zwischenzeit ihre dick belegten Semmeln zu Ende gegessen haben und bald das Weite suchen würde, wurde aber enttäuscht. „Ich hol mir auch noch eine Portion Lachs, der ist ja so lecker, nicht wahr?“
Während ich lustlos meinen Obstsalat löffelte und Frau Klabunke ihre nächste Semmel (mit Lachs) in sich hineinstopfte, verkündete sie plötzlich: „Ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Irma Klawuttke aus Frankfurt.“
Vielleicht war es wirklich ein Apfel- oder Apfelsinenkernchen, das mir im Hals stecken blieb. Ich musste stark husten, und bis der Anfall zurückging, hatte ich meinen internen Zettelkasten neu gemischt.
„Ich bin Klara Wimmer aus München.“
„Oh, München, da wollte ich immer schon mal hin! Da lebt es sich sicher schön, nicht wahr?“
‚Weiß ich nicht‘, dachte ich und sagte: „Ja, ich lebe gerne dort. Die Stadt hat ja so viel zu bieten!“
„Dann sind sie sicher auch alleinstehend, oder?“ Ihr Blick suchte meine Hände nach einem Ehering ab, doch Schmuck trug ich auf solchen Reisen grundsätzlich nicht. Dann fügte sie mit leiser Stimme hinzu: „Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben, und dies ist nun meine erste Reise ohne ihn.“
„Das tut mir leid“, antwortete ich, meinte es wirklich so und umschiffte damit ihre Frage. Mein Mann erfreute sich übrigens bester Gesundheit, nur weigerte er sich seit Jahren beharrlich, ein Schiff zu betreten. Inzwischen genoss ich das Alleinreisen, man konnte so herrlich vom Alltag abschalten. Wenn man in Ruhe gelassen wurde. Aber all das musste ich Frau Klabunke-Krawuttke ja nicht unbedingt auf die Nase binden.
Wir näherten uns dem nächsten Hafen, darum verabschiedete ich mich mit der Bemerkung, dass ich nun unbedingt zum Fotografieren an Deck müsse. Obwohl ich mich selbst nicht mehr als besonders sportlich bezeichnen würde, war ich immer noch schneller als sie. Und wendiger, denn für den Rest des Tages gelang es mir mehrmals, ihr durch Haken schlagen oder Deckswechsel aus dem Weg zu gehen.

Am nächsten Morgen saß ich sehr früh beim Frühstück und blieb allein. Allerdings traf ich später bei meinen Deckswanderungen mehrmals auf Frau Klabunke und erfuhr so im Laufe des Tages viel über ihr Leben, ihren unerfüllten Kinderwunsch, ihren herzensguten Mann, der leider sehr früh an Krebs gestorben war, ihren eintönigen Beruf als Buchhalterin, ihre letzte Zahnoperation, na ja, was man so erzählt in Klabunke-Kreisen. Ich versorgte sie ebenfalls mit einigen Geschichten, empfand es dabei aber als zunehmend lästig, mir das Gesagte genau merken zu müssen. Als Frau Klabunke mich am Nachmittag ansprach: „Hallo, Frau Wimmer, ist das nicht eine schöne Aussicht!“ reagierte ich zunächst nicht, bis mir einfiel, dass ich selbst diesen Namen genannt hatte. Aufpassen musste ich auch, dass sie meine Kabinenkarte mit dem Aufdruck „Gudrun Jensen“ nicht zu sehen bekam.

Den Abend verbrachte ich entspannt mit ein, zwei Absackern im Salon und genoss das Alleinsein. Im Hinausgehen blickte ich später kurz in die Bar nebenan, aus der dezente Tanzmusik drang. Eine nicht mehr ganz taufrische Sängerin nudelte wie jeden Abend das Standardprogramm ab, soeben war sie bei „Killing me softly“ angelangt. Drei Tanzpaare wiegten sich in mehr oder weniger gekonnten Tanzschritten. Ich traute meinen Augen nicht: Frau Klabunke-Krawuttke tanzte federleicht in den Armen eines bärtigen, spindeldürren Seniors, der sie um Haupteslänge überragte. Gerade sah sie selig lächelnd zu ihm auf, worauf er sie fest an sich drückte.

So war das Klabunke-Problem für mich auf dieser Reise schneller gelöst als erwartet. Beim Frühstück würdigte mich Frau Krawuttke keines Blickes, sie war zu sehr in das Gespräch mit ihrem Tischgefährten vertieft. Ich gönnte ihr diese unvorhergesehene Wendung in ihrem Leben. Ehrlich.
 
A

aligaga

Gast
Ja, das ist schon sehr lustig, wenn wir attraktive, gebildete, fitnesstudierte und wohlsituierte Alleinreisende von unattraktiven, ungebildeten und unförmigen Lurchen plump angemacht werden, ganz gleich, wo auf dieser Welt. Wir sind wer und können von hoher Warte auf dieses Nichts herabsehen: Haha, fünf zu null!

Auch ein Sport. Nur - die Goldmedaille gibt's dafür nicht. Allenfalls eine Schwarze Petra! @Ali hofft, die AutorIn sähe ihre Protagonistin ebenso und habe uns lediglich deren Einsamkeit aufzeigen wollen.

Für diesen Fall: Eine recht gelungene Charakterisierung!

Gruß

aligaga
 
Nur eins, geschätzte Ciconia, habe ich zu bemängeln: Das Nordkap hat ein P zu viel. Ansonsten satirisch amüsant und in einer von mir geschätzten Tradition stehend, ohne epigonal zu wirken.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Danke, lieber Arno, das tröstet!
Über das Nordkap(p) könnte man sicher streiten, will ich aber gar nicht: Im Norwegischen schreibt man es mit Doppel-P, daher meine Tendenz zu dieser Schreibweise. Aber wenn das der einzige Minuspunkt war, bin ich froh …

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
„Square Dance“, antwortete die rundliche kleine Gestalt neben mir an der Reling, und ihre Augen leuchteten, als habe sie soeben den Namen eines neuen Liebhabers ausgesprochen.
‚Square Dance? Ist das nicht dieser amerikanische Ringelpiez in alberner Kostümierung?‘, dachte ich und sagte, nachdem ich einige Sekunden an den Einstellungen meiner Kamera herumgespielt hatte:
„Oh, wie interessant!“
Hätte ich mich bloß nicht auf ein Gespräch mit ihr eingelassen und sie auch noch nach ihren Hobbys gefragt. Ich überlegte fieberhaft, was mir zu Square Dance noch einfiel, und taxierte derweil die überbordenden Rundungen, die sich unter der dicken Steppjacke abzeichneten. Im Geiste sah ich die Dame in Cowboystiefeln und kurzem Rüschenröckchen. Aber da fuhr sie schon fort:
„Ja, das macht wirklich Spaß. Wir trainieren zweimal die Woche und treffen uns deutschlandweit mit vielen anderen Gruppen.“
„Interessant!“, sagte ich und dachte: ‚Hoffentlich nicht in Kiel.‘
„Und was machen Sie in Ihrer Freizeit?“
Ich war reiseerfahren genug, um für jede persönliche Frage ein geistiges Notfallset dabei zu haben, deshalb antwortete ich spontan: „Früher hab ich Squash gespielt, heute hab ich leider keine adäquate Partnerin mehr.“
Jetzt scannte sie meine Figur, und ihr prüfender Blick konnte nicht verhehlen, was sie dachte. Bevor sie einhaken konnte, setzte ich nach. „Jetzt gehe ich zwei- bis dreimal pro Woche ins Fitness-Studio, schwimme und lese gern, na ja, was man eben so macht, wenn man viel Zeit hat.“
„Sind Sie denn nicht berufstätig?“
Ich überlegte kurz, welche Variante besser taugen würde:
A. Mein Mann verdient gut, ich muss nicht arbeiten.
B. Ich habe einen tollen Job in Teilzeit.
Ich entschied mich für C. „Ich bin freiberuflich tätig“, obwohl B. etwas näher an der Wahrheit lag.
In ihr begann es zu arbeiten. „Und was machen Sie da genau?“
„Verschiedenes, meistens Übersetzungen. Nebenbei schreibe ich gerade an meinem dritten Roman.“
Meine Gesprächspartnerin schnappte hörbar nach Luft, und bevor sie die nächste Frage stellen konnte, verabschiedete ich mich mit den Worten „Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss mal schnell ein anderes Objektiv aus der Kabine holen.“
Immerhin hatte es auf dieser Reise ganze drei Tage gedauert, bis mir die neue Frau Klabunke begegnete.

Das Klabunke-Phänomen begleitet meinen Mann und mich seit etwa dreißig Jahren. Dabei kennen wir die Klabunkes gar nicht persönlich, und ich möchte auch keinen Träger dieses Namens diskriminieren. Genauso gut könnte ich es Hinterhuber- oder Sörensen-Phänomen nennen, nur klingt das halt nicht so gut.
Auf einer Wanderreise sahen wir Herrn und Frau Klabunke zum ersten Mal, abgebildet in einer Regionalzeitung als treue Gäste des Ferienortes, ausgezeichnet für soundsoviel Übernachtungen über die Jahrzehnte. Auf dem Foto wirkten sie ganz sympathisch, wenn auch reichlich spießig.
Von da an trafen wir die unsympathische und meistens lästige Variante regelmäßig in jedem Urlaub. Wohin wir auch kamen, die Klabunkes (beziehungsweise ein Pärchen, das ihnen sehr ähnelte und von denen es unzählige geben musste) waren schon da:
Zum Beispiel im Urlaub auf einer Mittelmeerinsel. Wir fuhren mit dem Zug in die nächste Stadt: Die Klabunkes, die wir schon aus dem Hotel kannten, saßen im selben Zug. Wir spazierten durch ebendiese Stadt und suchten ein ruhiges Restaurant: Herr und Frau Klabunke verspeisten gerade in einem der schönsten Restaurants eine Pizza.
Oder wir befanden uns auf einer Busrundreise durch ein heißes exotisches Land … In diesem Fall hieß Herr Klabunke mit Vornamen Gerhard. Er filmte den ganzen Tag und überall mit einer uralten Videokamera, wobei die Motive von seiner Frau vorgegeben wurden. Noch heute klingt uns ihre hundertmal am Tag gestellte Frage: „Gerhard, hast du’s?“ in den Ohren. Auf Busrundreisen gibt es kein Entrinnen.

Nun also mit Frau Klabunke auf See, ohne einen Herrn Klabunke, eine neue Variante.

Beim Abendessen hatte ich meine Ruhe, denn Frau Klabunke war offensichtlich in einer anderen Sitzung als ich, wie ich erleichtert feststellte. Dafür traf es mich am nächsten Morgen, als ich ein wenig müde nach einer unruhigen Nacht ins Restaurant schlurfte und gleich am zweiten Tisch neben dem Eingang abgefangen wurde. Eine fröhliche Frauenstimme begrüßte mich: „Guten Morgen, wollen Sie sich nicht zu mir setzen?“ Wie gesagt, ich fühlte mich zu angeschlagen, um abzulehnen, und stellte mich auf eine weitere interessante und lehrreiche Unterhaltung ein.
„Machen Sie übermorgen auch den Ausflug zum Nordkap mit?“, begann Frau Klabunke, kaum dass ich den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte.
„Nein, da war ich schon.“
„Ach, Sie sind wohl schon öfter diese Route gefahren.“
„Ja, mehrmals!“
Ihre Stirnfalten signalisierten: Sie addierte im Geiste die Kosten für mindestens drei Reisen.
Ich machte mich auf zum Buffet und ließ mir Zeit, in der Hoffnung, dass Frau Klabunke in der Zwischenzeit ihre dick belegten Semmeln zu Ende gegessen haben und bald das Weite suchen würde, wurde aber enttäuscht. „Ich hol mir auch noch eine Portion Lachs, der ist ja so lecker, nicht wahr?“
Während ich lustlos meinen Obstsalat löffelte und Frau Klabunke ihre nächste Semmel (mit Lachs) in sich hineinstopfte, verkündete sie plötzlich: „Ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Irma Klawuttke aus Frankfurt.“
Vielleicht war es wirklich ein Apfel- oder Apfelsinenkernchen, das mir im Hals stecken blieb. Ich musste stark husten, und bis der Anfall zurückging, hatte ich meinen internen Zettelkasten neu gemischt.
„Ich bin Klara Wimmer aus München.“
„Oh, München, da wollte ich immer schon mal hin! Da lebt es sich sicher schön, nicht wahr?“
‚Weiß ich nicht‘, dachte ich und sagte: „Ja, ich lebe gerne dort. Die Stadt hat ja so viel zu bieten!“
„Dann sind sie sicher auch alleinstehend, oder?“ Ihr Blick suchte meine Hände nach einem Ehering ab, doch Schmuck trug ich auf solchen Reisen grundsätzlich nicht. Dann fügte sie mit leiser Stimme hinzu: „Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben, und dies ist nun meine erste Reise ohne ihn.“
„Das tut mir leid“, antwortete ich, meinte es wirklich so und umschiffte damit ihre Frage. Mein Mann erfreute sich übrigens bester Gesundheit, nur weigerte er sich seit Jahren beharrlich, ein Schiff zu betreten. Inzwischen genoss ich das Alleinreisen, man konnte so herrlich vom Alltag abschalten. Wenn man in Ruhe gelassen wurde. Aber all das musste ich Frau Klabunke-Krawuttke ja nicht unbedingt auf die Nase binden.
Wir näherten uns dem nächsten Hafen, darum verabschiedete ich mich mit der Bemerkung, dass ich nun unbedingt zum Fotografieren an Deck müsse. Obwohl ich mich selbst nicht mehr als besonders sportlich bezeichnen würde, war ich immer noch schneller als sie. Und wendiger, denn für den Rest des Tages gelang es mir mehrmals, ihr durch Haken schlagen oder Deckswechsel aus dem Weg zu gehen.

Am nächsten Morgen saß ich sehr früh beim Frühstück und blieb allein. Allerdings traf ich später bei meinen Deckswanderungen mehrmals auf Frau Klabunke und erfuhr so im Laufe des Tages viel über ihr Leben, ihren unerfüllten Kinderwunsch, ihren herzensguten Mann, der leider sehr früh an Krebs gestorben war, ihren eintönigen Beruf als Buchhalterin, ihre letzte Zahnoperation, na ja, was man so erzählt in Klabunke-Kreisen. Ich versorgte sie ebenfalls mit einigen Geschichten, empfand es dabei aber als zunehmend lästig, mir das Gesagte genau merken zu müssen. Als Frau Klabunke mich am Nachmittag ansprach: „Hallo, Frau Wimmer, ist das nicht eine schöne Aussicht!“ reagierte ich zunächst nicht, bis mir einfiel, dass ich selbst diesen Namen genannt hatte. Aufpassen musste ich auch, dass sie meine Kabinenkarte mit dem Aufdruck „Gudrun Jensen“ nicht zu sehen bekam.

Den Abend verbrachte ich entspannt mit ein, zwei Absackern im Salon und genoss das Alleinsein. Im Hinausgehen blickte ich später kurz in die Bar nebenan, aus der dezente Tanzmusik drang. Eine nicht mehr ganz taufrische Sängerin nudelte wie jeden Abend das Standardprogramm ab, soeben war sie bei „Killing me softly“ angelangt. Drei Tanzpaare wiegten sich in mehr oder weniger gekonnten Tanzschritten. Ich traute meinen Augen nicht: Frau Klabunke-Krawuttke tanzte federleicht in den Armen eines bärtigen, spindeldürren Seniors, der sie um Haupteslänge überragte. Gerade sah sie selig lächelnd zu ihm auf, worauf er sie fest an sich drückte.

So war das Klabunke-Problem für mich auf dieser Reise schneller gelöst als erwartet. Beim Frühstück würdigte mich Frau Krawuttke keines Blickes, sie war zu sehr in das Gespräch mit ihrem Tischgefährten vertieft. Ich gönnte ihr diese unvorhergesehene Wendung in ihrem Leben. Ehrlich.
 

Ciconia

Mitglied
„Square Dance“, antwortete die rundliche kleine Gestalt neben mir an der Reling, und ihre Augen leuchteten, als habe sie soeben den Namen eines neuen Liebhabers ausgesprochen.
‚Square Dance? Ist das nicht dieser amerikanische Ringelpiez in alberner Kostümierung?‘, dachte ich und sagte, nachdem ich einige Sekunden an den Einstellungen meiner Kamera herumgespielt hatte:
„Oh, wie interessant!“
Hätte ich mich bloß nicht auf ein Gespräch mit ihr eingelassen und sie auch noch nach ihren Hobbys gefragt. Ich überlegte fieberhaft, was mir zu Square Dance noch einfiel, und taxierte derweil die überbordenden Rundungen, die sich unter der dicken Steppjacke abzeichneten. Im Geiste sah ich die Dame in Cowboystiefeln und kurzem Rüschenröckchen. Aber da fuhr sie schon fort:
„Ja, das macht wirklich Spaß. Wir trainieren zweimal die Woche und treffen uns deutschlandweit mit vielen anderen Gruppen.“
„Interessant!“, sagte ich und dachte: ‚Hoffentlich nicht in Kiel.‘
„Und was machen Sie in Ihrer Freizeit?“
Ich war reiseerfahren genug, um für jede persönliche Frage ein geistiges Notfallset dabei zu haben, deshalb antwortete ich spontan:
„Früher hab ich Squash gespielt, heute hab ich leider keine adäquate Partnerin mehr.“
Jetzt scannte sie meine Figur, und ihr prüfender Blick konnte nicht verhehlen, was sie dachte. Bevor sie einhaken konnte, setzte ich nach.
„Jetzt gehe ich zwei- bis dreimal pro Woche ins Fitness-Studio, schwimme und lese gern, na ja, was man eben so macht, wenn man viel Zeit hat.“
„Sind Sie denn nicht berufstätig?“
Ich überlegte kurz, welche Variante besser taugen würde:
A. Mein Mann verdient gut, ich muss nicht arbeiten.
B. Ich habe einen tollen Job in Teilzeit.
Ich entschied mich für C. „Ich bin freiberuflich tätig“, obwohl B. etwas näher an der Wahrheit lag.
In ihr begann es zu arbeiten.
„Und was machen Sie da genau?“
„Verschiedenes, meistens Übersetzungen. Nebenbei schreibe ich gerade an meinem dritten Roman.“
Meine Gesprächspartnerin schnappte hörbar nach Luft, und bevor sie die nächste Frage stellen konnte, verabschiedete ich mich mit den Worten „Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss mal schnell ein anderes Objektiv aus der Kabine holen.“
Immerhin hatte es auf dieser Reise ganze drei Tage gedauert, bis mir die neue Frau Klabunke begegnete.

Das Klabunke-Phänomen begleitet meinen Mann und mich seit etwa dreißig Jahren. Dabei kennen wir die Klabunkes gar nicht persönlich, und ich möchte auch keinen Träger dieses Namens diskriminieren. Genauso gut könnte ich es Hinterhuber- oder Sörensen-Phänomen nennen, nur klingt das halt nicht so gut.
Auf einer Wanderreise sahen wir Herrn und Frau Klabunke zum ersten Mal, abgebildet in einer Regionalzeitung als treue Gäste des Ferienortes, ausgezeichnet für soundsoviel Übernachtungen über die Jahrzehnte. Auf dem Foto wirkten sie ganz sympathisch, wenn auch reichlich spießig.
Von da an trafen wir die unsympathische und meistens lästige Variante regelmäßig in jedem Urlaub. Wohin wir auch kamen, die Klabunkes (beziehungsweise ein Pärchen, das ihnen sehr ähnelte und von denen es unzählige geben musste) waren schon da:
Zum Beispiel im Urlaub auf einer Mittelmeerinsel. Wir fuhren mit dem Zug in die nächste Stadt: Die Klabunkes, die wir schon aus dem Hotel kannten, saßen im selben Zug. Wir spazierten durch ebendiese Stadt und suchten ein ruhiges Restaurant: Herr und Frau Klabunke verspeisten gerade in einem der schönsten Restaurants eine Pizza.
Oder wir befanden uns auf einer Busrundreise durch ein heißes exotisches Land … In diesem Fall hieß Herr Klabunke mit Vornamen Gerhard. Er filmte den ganzen Tag und überall mit einer uralten Videokamera, wobei die Motive von seiner Frau vorgegeben wurden. Noch heute klingt uns ihre hundertmal am Tag gestellte Frage: „Gerhard, hast du’s?“ in den Ohren. Auf Busrundreisen gibt es kein Entrinnen.

Nun also mit Frau Klabunke auf See, ohne einen Herrn Klabunke, eine neue Variante.

Beim Abendessen hatte ich meine Ruhe, denn Frau Klabunke war offensichtlich in einer anderen Sitzung als ich, wie ich erleichtert feststellte. Dafür traf es mich am nächsten Morgen, als ich ein wenig müde nach einer unruhigen Nacht ins Restaurant schlurfte und gleich am zweiten Tisch neben dem Eingang abgefangen wurde. Eine fröhliche Frauenstimme begrüßte mich: „Guten Morgen, wollen Sie sich nicht zu mir setzen?“ Wie gesagt, ich fühlte mich zu angeschlagen, um abzulehnen, und stellte mich auf eine weitere interessante und lehrreiche Unterhaltung ein.
„Machen Sie übermorgen auch den Ausflug zum Nordkap mit?“, begann Frau Klabunke, kaum dass ich den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte.
„Nein, da war ich schon.“
„Ach, Sie sind wohl schon öfter diese Route gefahren.“
„Ja, mehrmals!“
Ihre Stirnfalten signalisierten: Sie addierte im Geiste die Kosten für mindestens drei Reisen.
Ich machte mich auf zum Buffet und ließ mir Zeit, in der Hoffnung, dass Frau Klabunke in der Zwischenzeit ihre dick belegten Semmeln zu Ende gegessen haben und bald das Weite suchen würde, wurde aber enttäuscht.
„Ich hol mir auch noch eine Portion Lachs, der ist ja so lecker, nicht wahr?“
Während ich lustlos meinen Obstsalat löffelte und Frau Klabunke ihre nächste Semmel (mit Lachs) in sich hineinstopfte, verkündete sie plötzlich:
„Ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Irma Klawuttke aus Frankfurt.“
Vielleicht war es wirklich ein Apfel- oder Apfelsinenkernchen, das mir im Hals stecken blieb. Ich musste stark husten, und bis der Anfall zurückging, hatte ich meinen internen Zettelkasten neu gemischt.
„Ich bin Klara Wimmer aus München.“
„Oh, München, da wollte ich immer schon mal hin! Da lebt es sich sicher schön, nicht wahr?“
‚Weiß ich nicht‘, dachte ich und sagte: „Ja, ich lebe gerne dort. Die Stadt hat ja so viel zu bieten!“
„Dann sind sie sicher auch alleinstehend, oder?“ Ihr Blick suchte meine Hände nach einem Ehering ab, doch Schmuck trug ich auf solchen Reisen grundsätzlich nicht. Dann fügte sie mit leiser Stimme hinzu:
„Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben, und dies ist nun meine erste Reise ohne ihn.“
„Das tut mir leid“, antwortete ich, meinte es wirklich so und umschiffte damit ihre Frage. Mein Mann erfreute sich übrigens bester Gesundheit, nur weigerte er sich seit Jahren beharrlich, ein Schiff zu betreten. Inzwischen genoss ich das Alleinreisen, man konnte so herrlich vom Alltag abschalten. Wenn man in Ruhe gelassen wurde. Aber all das musste ich Frau Klabunke-Krawuttke ja nicht unbedingt auf die Nase binden.
Wir näherten uns dem nächsten Hafen, darum verabschiedete ich mich mit der Bemerkung, dass ich nun unbedingt zum Fotografieren an Deck müsse. Obwohl ich mich selbst nicht mehr als besonders sportlich bezeichnen würde, war ich immer noch schneller als sie. Und wendiger, denn für den Rest des Tages gelang es mir mehrmals, ihr durch Haken schlagen oder Deckswechsel aus dem Weg zu gehen.

Am nächsten Morgen saß ich sehr früh beim Frühstück und blieb allein. Allerdings traf ich später bei meinen Deckswanderungen mehrmals auf Frau Klabunke und erfuhr so im Laufe des Tages viel über ihr Leben, ihren unerfüllten Kinderwunsch, ihren herzensguten Mann, der leider sehr früh an Krebs gestorben war, ihren eintönigen Beruf als Buchhalterin, ihre letzte Zahnoperation, na ja, was man so erzählt in Klabunke-Kreisen. Ich versorgte sie ebenfalls mit einigen Geschichten, empfand es dabei aber als zunehmend lästig, mir das Gesagte genau merken zu müssen. Als Frau Klabunke mich am Nachmittag ansprach: „Hallo, Frau Wimmer, ist das nicht eine schöne Aussicht!“ reagierte ich zunächst nicht, bis mir einfiel, dass ich selbst diesen Namen genannt hatte. Aufpassen musste ich auch, dass sie meine Kabinenkarte mit dem Aufdruck „Gudrun Jensen“ nicht zu sehen bekam.

Den Abend verbrachte ich entspannt mit ein, zwei Absackern im Salon und genoss das Alleinsein. Im Hinausgehen blickte ich später kurz in die Bar nebenan, aus der dezente Tanzmusik drang. Eine nicht mehr ganz taufrische Sängerin nudelte wie jeden Abend das Standardprogramm ab, soeben war sie bei „Killing me softly“ angelangt. Drei Tanzpaare wiegten sich in mehr oder weniger gekonnten Tanzschritten. Ich traute meinen Augen nicht: Frau Klabunke-Krawuttke tanzte federleicht in den Armen eines bärtigen, spindeldürren Seniors, der sie um Haupteslänge überragte. Gerade sah sie selig lächelnd zu ihm auf, worauf er sie fest an sich drückte.

So war das Klabunke-Problem für mich auf dieser Reise schneller gelöst als erwartet. Beim Frühstück würdigte mich Frau Krawuttke keines Blickes, sie war zu sehr in das Gespräch mit ihrem Tischgefährten vertieft. Ich gönnte ihr diese unvorhergesehene Wendung in ihrem Leben. Ehrlich.
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo ciconia!

Mal sehen ob ich mit meiner Interpretation deiner Geschichte richtig liege.
Sie liest sich (auf dem ersten Blick) wie die Reisenotizen einer versierten Alleinreisenden und wirkt daher sehr realistisch. Allerdings hast du sie in der Rubrik "Humor und Satire" eingeordnet, so dass ich annehme, dass du einen zweiten, tiefer gehenden Blick erwartest.
Und dann sehe ich eine ätzende Charakterisierung zweier Menschentypen: Zum einen den unbedarften, mitteilsamen Typ, der sich gerne anbiedert,zum anderen den überheblichen, beobachtenden Typ, der sich dem ersten überlegen fühlt.

Wenn das deine Absicht war, so ist es dir gut gelungen.

Was mir fehlt, ist das Quäntchen Humor, das eine Satire erträglich macht.

Gruß, Hyazinthe
 

Aligator

Mitglied
Hi Ciconia! Hat mich gut unterhalten, deine Satire mit Happy End. Konnte mich wiederfinden. Finde es allzu menschlich, an seinem wohlverdienten Urlaub etwas egoistischer sein zu dürfen. Und genau das hast du glaubwürdig rübergebracht.
Grüße, Aligator
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Hyazinthe,

so ganz mag ich Deiner Interpretation nicht folgen, denn richtig unsympathisch sehe ich die Prota nicht. Vielleicht ist sie einfach nur genervt, weil ihr schon wieder eine Frau Klabunke über den Weg läuft. Und „Reisenotizen“ würden (zumindest bei mir) sicherlich nicht über Mitreisende gefertigt.

Den Humor aller Leser zu treffen ist, wie wir alle wissen, so gut wie unmöglich. Der eine liebt es ein wenig derber, der anderer liest lieber zwischen den Zeilen, und jemand, der auf Reisen, egal ob allein oder zu zweit, noch nie auf nervige, anstrengende Klabunkes getroffen ist, wird den Frust der Prota vielleicht gar nicht nachvollziehen können und daher auch ihr Verhalten nicht witzig finden.

Es freut mich, dass Du wenigstens die Charakterisierung als gelungen betrachtest.
Danke, dass Du Dich mit diesem Text auseinandergesetzt hast.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Aligator,

ich sehe, Du verstehst meine Prota! Vielleicht bist Du auf Reisen ja auch schon den Klabunkes begegnet. Wenn nicht: achte beim nächsten Urlaub mal darauf. Glaub mir: Sie sind überall!

Gruß Ciconia
 

FrankK

Mitglied
Hallo, Ciconia
Wenn ich ehrlich sein soll - wir sind auf Reisen noch nie den Klabunkes begegnet.
Bei uns heißen sie immer "Krause". ;)

Gerne gelesen.


Grüße aus Westfalen
Frank
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Frank,

da bist Du aber nicht mehr auf dem Laufenden: Krause war der Mädchenname von Frau Klabunke. ;)

Fröhliche Grüße
Ciconia
 

molly

Mitglied
Hallo Ciconia,

Diesen Satz finde ich sehr gut, anerkennt doch die etwas hochnäsige Reisende bei der etwas "Biederen" eine Gabe .

"Ich traute meinen Augen nicht: Frau Klabunke-Krawuttke tanzte federleicht",
Gern gelesen.

Gruß

molly
 

Ciconia

Mitglied
Hallo molly,

ein interessanter Aspekt, der mir selbst gar nicht so bewusst war. Das rehabilitiert die "hochnäsige" Prota doch ein wenig.
Vielen Dank für Dein aufmerksames Lesen!

Gruß Ciconia
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ciconia,
Die Klabunkes und Krawuttkes kenne auch ich. Irgendiwe locke ich sie immer an, egal wo ich bin. Komm jedoch nicht umher, ihnen mit einem Schmunzeln zu begegnen. Deine Geschichte finde ich sehr gut geschrieben – das hat mir sehr gut gefallen. Bin mir jedoch sicher, dass du hier noch viel mehr hättest rausholen können. Ganz besonders, wenn ich an die Intensität deines Textes Gundi und Dunkelmann denke. Natürlich haben beide Geschichten nichts miteinander zu tun. Aber die Klabunkes und Krawuttkes tauchen auf so einer Schiffsfahrt meistens sogar im Frühstücksmüsli auf.
Gern gelesen!
Amüsierte Grüsse,
Ji
 

Ciconia

Mitglied
Hallo JiRina,

ich sehe: Es wurde höchste Zeit, das Klabunke-Phänomen einmal zu thematisieren, denn es scheint doch weiter verbreitet, als ich vermutet hatte. :D
Ob man mehr hätte herausholen können? Vielleicht, aber ich denke, sooo viel gibt dieses Thema dann doch nicht her ... es könnte dann leicht zu eintönig werden.

Es freut mich, dass Du Dich amüsieren konntest!

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
„Square Dance“, antwortete die rundliche kleine Gestalt neben mir an der Reling, und ihre Augen leuchteten, als habe sie soeben den Namen eines neuen Liebhabers ausgesprochen.
‚Square Dance? Ist das nicht dieser amerikanische Ringelpiez in alberner Kostümierung?‘, dachte ich und sagte, nachdem ich einige Sekunden an den Einstellungen meiner Kamera herumgespielt hatte:
„Oh, wie interessant!“
Hätte ich mich bloß nicht auf ein Gespräch mit ihr eingelassen und sie auch noch nach ihren Hobbys gefragt. Ich überlegte fieberhaft, was mir zu Square Dance noch einfiel, und taxierte derweil die überbordenden Rundungen, die sich unter der dicken Steppjacke abzeichneten. Im Geiste sah ich die Dame in Cowboystiefeln und kurzem Rüschenröckchen. Aber da fuhr sie schon fort:
„Ja, das macht wirklich Spaß. Wir trainieren zweimal die Woche und treffen uns deutschlandweit mit vielen anderen Gruppen.“
„Interessant!“, sagte ich und dachte: ‚Hoffentlich nicht in Kiel.‘
„Und was machen Sie in Ihrer Freizeit?“
Ich war reiseerfahren genug, um für jede persönliche Frage ein geistiges Notfallset dabei zu haben, deshalb antwortete ich spontan:
„Früher hab ich Squash gespielt, heute hab ich leider keine adäquate Partnerin mehr.“
Jetzt scannte sie meine Figur, und ihr prüfender Blick konnte nicht verhehlen, was sie dachte. Bevor sie einhaken konnte, setzte ich nach.
„Jetzt gehe ich zwei- bis dreimal pro Woche ins Fitness-Studio, schwimme und lese gern, na ja, was man eben so macht, wenn man viel Zeit hat.“
„Sind Sie denn nicht berufstätig?“
Ich überlegte kurz, welche Variante besser taugen würde:
A. Mein Mann verdient gut, ich muss nicht arbeiten.
B. Ich habe einen tollen Job in Teilzeit.
Ich entschied mich für C. „Ich bin freiberuflich tätig“, obwohl B. etwas näher an der Wahrheit lag.
In ihr begann es zu arbeiten.
„Und was machen Sie da genau?“
„Verschiedenes, meistens Übersetzungen. Nebenbei schreibe ich gerade an meinem dritten Roman.“
Meine Gesprächspartnerin schnappte hörbar nach Luft, und bevor sie die nächste Frage stellen konnte, verabschiedete ich mich mit den Worten „Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss mal schnell ein anderes Objektiv aus der Kabine holen.“
Immerhin hatte es auf dieser Reise ganze drei Tage gedauert, bis mir die neue Frau Klabunke begegnete.

Das Klabunke-Phänomen begleitet meinen Mann und mich seit etwa dreißig Jahren. Dabei kennen wir die Klabunkes gar nicht persönlich, und ich möchte auch keinen Träger dieses Namens diskriminieren. Genauso gut könnte ich es Hinterhuber- oder Sörensen-Phänomen nennen, nur klingt das halt nicht so gut.
Auf einer Wanderreise sahen wir Herrn und Frau Klabunke zum ersten Mal, abgebildet in einer Regionalzeitung als treue Gäste des Ferienortes, ausgezeichnet für soundsoviel Übernachtungen über die Jahrzehnte. Auf dem Foto wirkten sie ganz sympathisch, wenn auch reichlich spießig.
Von da an trafen wir die unsympathische und meistens lästige Variante regelmäßig in jedem Urlaub. Wohin wir auch kamen, die Klabunkes (beziehungsweise ein Pärchen, das ihnen sehr ähnelte und von denen es unzählige geben musste) waren schon da:
Zum Beispiel im Urlaub auf einer Mittelmeerinsel. Wir fuhren mit dem Zug in die nächste Stadt: Die Klabunkes, die wir schon aus dem Hotel kannten, saßen im selben Zug. Wir spazierten durch ebendiese Stadt und suchten ein ruhiges Restaurant: Herr und Frau Klabunke verspeisten gerade in einem der schönsten Restaurants eine Pizza.
Oder wir befanden uns auf einer Busrundreise durch ein heißes exotisches Land … In diesem Fall hieß Herr Klabunke mit Vornamen Gerhard. Er filmte den ganzen Tag und überall mit einer uralten Videokamera, wobei die Motive von seiner Frau vorgegeben wurden. Noch heute klingt uns ihre hundertmal am Tag gestellte Frage: „Gerhard, hast du’s?“ in den Ohren. Auf Busrundreisen gibt es kein Entrinnen.

Nun also mit Frau Klabunke auf See, ohne einen Herrn Klabunke, eine neue Variante.

Beim Abendessen hatte ich meine Ruhe, denn Frau Klabunke war offensichtlich in einer anderen Sitzung als ich, wie ich erleichtert feststellte. Dafür traf es mich am nächsten Morgen, als ich ein wenig müde nach einer unruhigen Nacht ins Restaurant schlurfte und gleich am zweiten Tisch neben dem Eingang abgefangen wurde. Eine fröhliche Frauenstimme begrüßte mich: „Guten Morgen, wollen Sie sich nicht zu mir setzen?“ Wie gesagt, ich fühlte mich zu angeschlagen, um abzulehnen, und stellte mich auf eine weitere interessante und lehrreiche Unterhaltung ein.
„Machen Sie übermorgen auch den Ausflug zum Nordkap mit?“, begann Frau Klabunke, kaum dass ich den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte.
„Nein, da war ich schon.“
„Ach, Sie sind wohl schon öfter diese Route gefahren.“
„Ja, mehrmals!“
Ihre Stirnfalten signalisierten: Sie addierte im Geiste die Kosten für mindestens drei Reisen.
Ich machte mich auf zum Buffet und ließ mir Zeit, in der Hoffnung, dass Frau Klabunke in der Zwischenzeit ihre dick belegten Semmeln zu Ende gegessen haben und bald das Weite suchen würde, wurde aber enttäuscht.
„Ich hol mir auch noch eine Portion Lachs, der ist ja so lecker, nicht wahr?“
Während ich lustlos meinen Obstsalat löffelte und Frau Klabunke ihre nächste Semmel (mit Lachs) in sich hineinstopfte, verkündete sie plötzlich:
„Ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Irma Krawuttke aus Frankfurt.“
Vielleicht war es wirklich ein Apfel- oder Apfelsinenkernchen, das mir im Hals stecken blieb. Ich musste stark husten, und bis der Anfall zurückging, hatte ich meinen internen Zettelkasten neu gemischt.
„Ich bin Klara Wimmer aus München.“
„Oh, München, da wollte ich immer schon mal hin! Da lebt es sich sicher schön, nicht wahr?“
‚Weiß ich nicht‘, dachte ich und sagte: „Ja, ich lebe gerne dort. Die Stadt hat ja so viel zu bieten!“
„Dann sind sie sicher auch alleinstehend, oder?“ Ihr Blick suchte meine Hände nach einem Ehering ab, doch Schmuck trug ich auf solchen Reisen grundsätzlich nicht. Dann fügte sie mit leiser Stimme hinzu:
„Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben, und dies ist nun meine erste Reise ohne ihn.“
„Das tut mir leid“, antwortete ich, meinte es wirklich so und umschiffte damit ihre Frage. Mein Mann erfreute sich übrigens bester Gesundheit, nur weigerte er sich seit Jahren beharrlich, ein Schiff zu betreten. Inzwischen genoss ich das Alleinreisen, man konnte so herrlich vom Alltag abschalten. Wenn man in Ruhe gelassen wurde. Aber all das musste ich Frau Klabunke-Krawuttke ja nicht unbedingt auf die Nase binden.
Wir näherten uns dem nächsten Hafen, darum verabschiedete ich mich mit der Bemerkung, dass ich nun unbedingt zum Fotografieren an Deck müsse. Obwohl ich mich selbst nicht mehr als besonders sportlich bezeichnen würde, war ich immer noch schneller als sie. Und wendiger, denn für den Rest des Tages gelang es mir mehrmals, ihr durch Haken schlagen oder Deckswechsel aus dem Weg zu gehen.

Am nächsten Morgen saß ich sehr früh beim Frühstück und blieb allein. Allerdings traf ich später bei meinen Deckswanderungen mehrmals auf Frau Klabunke und erfuhr so im Laufe des Tages viel über ihr Leben, ihren unerfüllten Kinderwunsch, ihren herzensguten Mann, der leider sehr früh an Krebs gestorben war, ihren eintönigen Beruf als Buchhalterin, ihre letzte Zahnoperation, na ja, was man so erzählt in Klabunke-Kreisen. Ich versorgte sie ebenfalls mit einigen Geschichten, empfand es dabei aber als zunehmend lästig, mir das Gesagte genau merken zu müssen. Als Frau Klabunke mich am Nachmittag ansprach: „Hallo, Frau Wimmer, ist das nicht eine schöne Aussicht!“ reagierte ich zunächst nicht, bis mir einfiel, dass ich selbst diesen Namen genannt hatte. Aufpassen musste ich auch, dass sie meine Kabinenkarte mit dem Aufdruck „Gudrun Jensen“ nicht zu sehen bekam.

Den Abend verbrachte ich entspannt mit ein, zwei Absackern im Salon und genoss das Alleinsein. Im Hinausgehen blickte ich später kurz in die Bar nebenan, aus der dezente Tanzmusik drang. Eine nicht mehr ganz taufrische Sängerin nudelte wie jeden Abend das Standardprogramm ab, soeben war sie bei „Killing me softly“ angelangt. Drei Tanzpaare wiegten sich in mehr oder weniger gekonnten Tanzschritten. Ich traute meinen Augen nicht: Frau Klabunke-Krawuttke tanzte federleicht in den Armen eines bärtigen, spindeldürren Seniors, der sie um Haupteslänge überragte. Gerade sah sie selig lächelnd zu ihm auf, worauf er sie fest an sich drückte.

So war das Klabunke-Problem für mich auf dieser Reise schneller gelöst als erwartet. Beim Frühstück würdigte mich Frau Krawuttke keines Blickes, sie war zu sehr in das Gespräch mit ihrem Tischgefährten vertieft. Ich gönnte ihr diese unvorhergesehene Wendung in ihrem Leben. Ehrlich.
 
A

alskardinal

Gast
xxx

Mein Humor ist es nicht und ich fürchte, man muss gegen Leserschienenbeine treten, bis sich dort gute Laune einstellt. Auch dieser Text ist viel zu lang, es gibt nirgends eine reizvolle Idee. Man kann den Text nicht genießen, man quält sich durch und befürchtet alles war vergebens, weil nichts Reizvolles mehr kommt. Tja und so ist dann auch, es kommt nichts mehr. Es plätschert, versickert, dann plätschert es wieder, bis alles in viel zu weiter Ferne endlich in Ödnis vertrocknet.
Ich entdecke einen unfreiwilligen Humor. Der Text könnte von Frau Klabunke selbst sein. Grüße.
 

Ciconia

Mitglied
Immer mal wieder gern genommen: Trittbrett-Bewertungen

Da schreibt nachts ein durchgeknallter Amokläufer innerhalb einer Stunde vier vernichtende Kommentare zu vier meiner besten Geschichten und vergibt dazu zwei 1er und eine 3. Die vierte Geschichte, nämlich diese hier, bewertet er nicht. Am nächsten Morgen nutzt jemand die Gunst der Stunde und setzt hier eine 1 nach, natürlich anonym und ohne Begründung.

Merkt ja keiner!? Doch, in diesem Falle schon, denn die Bewertungen des ausgeschiedenen Amokläufers wurden allesamt gelöscht.

Wie nennt man das? Ich drück’s mal vorsichtig aus: Allerunterste Schublade!

Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Lieber anonmymer Bewerter,

ich freue mich, dass diese Geschichte auch nach längerer Zeit noch einen Leser gefunden hat, auch wenn sie Dir überhaupt nicht gefallen hat. Ein, zwei Sätze dazu wären nett gewesen, damit ich die Gründe für diese schlechte Wertung verstehen könnte. Ich habe mittlerweile den Verdacht, dass eine selbständige alleinreisende Prota bei einigen älteren Herren nicht so gut ankommt.

Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß in der Leselupe!
Ciconia
 

Oben Unten