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Ciconia

Mitglied
Du hast die Melodie vergessen,
die unser Leben einst verband.
Dein eignes Lied summst du stattdessen,
irrst traumverlorn durchs Niemandsland.

Das Gestern siehst du nur im Nebel,
die Gegenwart kaum aufgehellt.
Selbst Worte werden dir zum Knebel,
daran erstickt auch meine Welt.

Lass uns zum Strand hinunterfahren,
vielleicht erinnert dich das Meer,
dass wir hier früher glücklich waren
in Zeiten ohne Wiederkehr.

Und während wir zur Sandbank laufen,
umarmst du mich, jagst aufgewühlt
nach Möwen, die um Beute raufen.
Der Sturm hat Seetang angespült.

Beim Abendrot entspanntes Lächeln
auf deinem faltigen Gesicht.
Am Horizont versinkt dein Schwächeln.
Noch bist du da. Mehr brauch ich nicht.
 

Mondnein

Mitglied
Das lyrische Ich dieser Klage, Ciconia,

schwelgt in Klischees. Am meisten wundert mich, wie es seinen Partner zu Strandläufen aufrufen kann. Offensichtlich hat er keine Arbeit, macht den unbegrenzten Urlaub der Rentner und hat noch nicht begriffen, daß er gefälligst die Melodie des lyrischen Ichs als die beiden gemeinsame auffassen muß, während seine "eigene" von eben diesem übergreifenden Ich nicht mitgesungen wird.

grusz, hansz
 
Hallo Ciconia,

das lyrische Ich betrauert die Demenz seines Partners und findet am Strand eine mögliche Spur des Trostes. So lese ich es. Mutig, ein so konkretes Problem zu verdichten.

Gruß,
Artbeck
 

molly

Mitglied
Hallo Ciconia,

ich kann Artbeck nur zustimmen. Man spürt die Verzweiflung , die Suche nach Erinnerungen, die geweckt werden könnten. Hier heißt es "das gemeinsame Lied". Das könnte auch ein Fotoalbum von gemeinsamen Feiern, Ferien ...sein. Der Strand birgt die Hoffnung, dass der Partner sich daran erinnert. Es ist für das L.Ich ein Trost, dass er sich dort wohlfühlt.

Viele Grüße

molly
 

Ciconia

Mitglied
Offensichtlich hat er keine Arbeit, macht den unbegrenzten Urlaub der Rentner
Recht hast Du, mondnein, welch eine Schande, im Rentenalter nach 45 – 50 Arbeitsjahren noch am Strand herumzulaufen, statt sich stillschweigend zu verabschieden. Bei Demenz könnte man ja auch ein wenig nachhelfen.

Ich hoffe für Dich, dass Du nie davon betroffen sein wirst.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Richtig gelesen, Artbeck, danke. Aber mutig? Vielleicht, wenn ich selbst betroffen wäre, aber das bin ich glücklicherweise (noch) nicht.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Danke, liebe molly, das hast Du sehr gut erkannt. Es freut mich, dass dieses Gedicht wohl doch verständlich rüberkommt.

Gruß Ciconia
 

Mondnein

Mitglied
Ich habe nichts gegen Rentner. Es war mir nur nicht klar, daß Dein Lied nur Rentner ansprechen soll.

Du hast völlig recht: Es war ein Fehler von mir, den Zustand eines arbeitenden Menschen, der gar keine Zeit für Strandläufe hat, und der vielleicht gar nicht mal in Küstennähe wohnt, für normal zu halten. Wir sind schließlich in der Leselupe, diesem Altenheim erfolgloser Möchtegernliteraten, die den Jüngeren keinen Platz freigeben können.

Um so mehr muß ich den Mangel an Weisheit in Deinem Altenlied bemängeln. Die Deutungshoheit über das "gemeinsame Lied" hat die beleidigte Leberwurst ("Ich"), und sie akzeptiert das "Lied" des Partner-Individuums nicht als "gemeinsam". Dieser Mangel bleibt. Aber klar, es ist ja nur das "lyrische Ich". Eine Rolle, eine selbstsüchtige. Meinetwegen auch eine greisenhafte. Wie Du willst, Ciconia.
 

Ciconia

Mitglied
Offensichtlich hat er keine Arbeit, macht den unbegrenzten Urlaub der Rentner
Der Begriff Rentner kam von Dir, mondnein. Neid ist immer ein schlechter Ratgeber. Wisch Dir doch erst einmal den Schaum vom Mund, bevor Du hier weitere Fehlinterpretationen lieferst. So begriffsstutzig kann doch niemand sein.

Fassungslos
Ciconia
 

Schreibfan

Mitglied
Liebe Ciconia.
Ich habe dein Gedicht zunächst gar nicht auf Demenz bezogen, eher auf ein älteres Paar, das Gefahr läuft, sich auseinander zu leben. Auch dann singt manchmal einer eine ganz andere Lebensmelodie und es ist kein Durchkommen mehr.
Unter dem Aspekt Demenz betrachtet, bekommt das Gedicht noch eine viel tiefere Bedeutung und du hast die Tragweite dieser Krankheit sehr dicht und gut dargestellt. Einzig wuerde ich "so erstickt auch meine Welt" schreiben, rein des Metrums wegen.
Lg Schreibfan
 

Ciconia

Mitglied
Du hast die Melodie vergessen,
die unser Leben einst verband.
Dein eignes Lied summst du stattdessen,
irrst traumverlorn durchs Niemandsland.

Das Gestern siehst du nur im Nebel,
die Gegenwart kaum aufgehellt.
Selbst Worte werden dir zum Knebel,
und so erstickt auch meine Welt.

Lass uns zum Strand hinunterfahren,
vielleicht erinnert dich das Meer,
dass wir hier früher glücklich waren
in Zeiten ohne Wiederkehr.

Und während wir zur Sandbank laufen,
umarmst du mich, jagst aufgewühlt
nach Möwen, die um Beute raufen.
Der Sturm hat Seetang angespült.

Beim Abendrot entspanntes Lächeln
auf deinem faltigen Gesicht.
Am Horizont versinkt dein Schwächeln.
Noch bist du da. Mehr brauch ich nicht.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Schreibfan,

danke für Kommentar und Wertung. Schade, dass Du die Demenz nicht gleich erkennen konntest. Ich glaubte, besonders in diesen Zeilen
Das Gestern siehst du nur im Nebel,
die Gegenwart kaum aufgehellt.
darauf hingewiesen zu haben. Deinen Änderungsvorschlag nehme ich gern an.

Gruß Ciconia
 
Liebe Ciconia,

schuldbewusst bekenne ich, dass auch ich den für die Aussage des Werks wesentlichen gegenwärtigen Zustand des Partners bei erstmaligem Lesen vor Tagen völlig falsch eingeschätzt habe. Aber ich habe kein Problem damit, das auf mein hastiges Lesen damals zurückzuführen. Zum Glück habe ich, weichherzig oder hasenfüßig, erstmal geschwiegen. Nun aufgeklärt finde ich das Gedicht durchaus gelungen. Und der Inhalt geht mir sogar ein bisschen nahe. Das ist eine von den vielen stillen Tragödien, die ertragen werden müssen, allenfalls abgemildert werden können.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Danke für Deine offenen Worte, lieber Arno.

Wenn mehrere Leser die eigentliche Aussage eines Gedichtes nicht sofort erkennen, hat der/die Autor/in wahrscheinlich etwas falsch gemacht. Andererseits findet man als Leser aber auch nicht immer die Zeit, sich intensiv mit jedem Text zu befassen. Deshalb freut es mich, dass Du im zweiten Anlauf doch noch Zugang zu diesem Gedicht gefunden hast.
Das ist eine von den vielen stillen Tragödien, die ertragen werden müssen, allenfalls abgemildert werden können.
Das ist wohl wahr. Ab einem bestimmten Alter beschäftigt man sich schon mal mit diesem Thema – und hofft, dass es nie so weit kommen möge, für den Partner und einen selbst.

Gruß Ciconia

Danke auch für die gute Wertung!
 

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