Ausgebrannt

Ona, eine achtunddreißigjährige Frau, sitzt am Tisch. Sie wird gleich Besuch bekommen, männlichen Besuch. Ona ist seit fünf Jahren offiziell Witwe, sie selbst zweifelt daran. Ihr Ehemann Jökop ist 1941 direkt vom Feld abgeholt worden. Es hieß, er sei ein Volksfeind, genau so wie auch dutzend andere Männer, dir von der Miliz (Polizei) mitgenommen wurden.
Sie geht in die große Stube und holt von der Wand, hinter dem Vorhang, ein sauberes Kleid und ein helles Kopftuch hervor, sie trägt sonst immer dunkle Sachen, und zieht sich um.
Ob sie sich über den Besuch freue, oder vielleicht aufgeregt ist? Sie weiß es nicht. Ihre Gefühle sind seit den schrecklichen Hungernöten durcheinander geraten. Sie nimmt wieder ihren Platz am Tisch ein und beobachtet die Straße. Ihre Augen auf die Dorfstraße gerichtet, gehen ihre Gedanken zurück zu Jökop. Er war ein großer, gut aussehender Mann, aber auch ein Schürzenjäger gewesen. Ob er wohl noch lebt? Sie hatte nur eine einzige Nachricht, aus dem Gefängnis, von ihm bekommen. Da hatte er sie um Essen angefleht. Ona hatte aus den letzten Vorräten ein Brot gebacken und mit einer Frau, deren Mann auch einsaß, mitgegeben. Die Frau konnte Jökop das Brot heimlich übergeben und berichtete, dass die Männer in den Gulag, der weit in der russischen Taiga lag, deportiert werden sollten. Vielleicht hatte er da geheiratet und lebt glücklich und zufrieden mir seiner neuen Frau zusammen.
Durch das klopfen an der Tür wird Ona aus ihren Gedanken gerissen. Ein Mann , um die vierzig, trat ein.
Er beginnt seine Rede mit dem Zustand seiner Wirtschaft, dem Vieh und kommt dann auf den Tod seiner Frau zu sprechen. Ona geht mit ihrer Frage dazwischen. ,,Ja- sagt er- fünf an der Zahl, der Älteste ist dreizehn und das jüngste Kind ist zwei Jahre alt".
,, Ich kann nicht"- meint Ona und bittet ihn zu gehen.
Draußen ist ein schöner Sommertag, aber Ona friert. Sie friert eigentlich immer, sie friert seit dem Winter 1942.

Die Wölfe haben Knochen auf ihrem Hof hinterlassen, abgenagte und teilweise zerbissene menschliche Knochen. Ona weiß woher diese stammen. Die Dorfbewohner, aus bitterer Erfahrung gelernt , hatten im Herbst zwei Gräber ausgehoben und mit Brettern abgedeckt und jetzt schaffen die Angehörigen ihre Verstorbenen zum Friedhof und legen sie im Erdloch ab. Um im Winter ein Grab auszuheben, fehlt allen die Kraft. Nun haben die Wölfe das Massengrab entdeckt.
Ona sammelte die Knochen ein, um sie in die Scheune zu tragen. Im Frühjahr, wenn der Schnee wegtaute, würde sie die Gebeine zum Friedhof bringen. Als sie in die Scheune kommt, hört sie plötzlich ein leises gurren. Blitzschnell schlägt Ona die Tür hinter sich zu. Die Taube hatte wahrscheinlich Schutz vor der bitterkalten, sibirischen Nacht gesucht und diesen hier gefunden. Ona wunderte sich, dass es diese Taube überhaupt noch gab, denn alle Katzen, Hunde, Raten waren längst in den Kochtöpfen verschwunden. Der Vogel hatte kaum Fleisch an seinem kleinen Körper, dafür aber einen Kropf voller aufgequollenen Weizenkörner. Sie würde sofort eine Suppe aus ihrem Glücksfund kochen und ihre beiden Kinder würden einen weiteren Tag überleben.
Peter, der vom Knistern des Holzes im Ofen aufwachte, lächelte sie an. Gerhard reagierte nicht, aber er lebte, das hörte Ona an seinen Atemzügen.. Als die Suppe fertig war, hob Ona ihren Ältesten an und flößte ihm etwas von der Brühe ein. Gott sei dank, schluckte er. Hoffnung keimte auf, ihr Junge wird es schaffen. Peter, der Jüngste , trank seine Blechtasse in wenigen Zügen aus, setzte sich vor den Ofen und spielte mit dem Holzscheit. Er war Onas Sonnenschein, nie klagte er, nie machte er Kummer.
Nachts brach ein Schneesturm los, der Wind toste durch den Schornstein, schlug gegen die Fensterscheiben und wirbelte den losen Schnee durch die Gegend. Ona hatte auf dieses Unwetter gewartet, sie schlich sich, als die Kinder eingeschlafen waren , aus dem Haus Richtung Getreidespeicher. Früher wurde das Getreide von einem alten Russen bewacht, der Mitleid mit den hungrigen deutschen Frauen und Kindern hatte und ließ sie ab und zu eine Handvoll Weizenkörner mitnehmen. Jetzt aber hielt ein anderer, ein böser hasserfüllter Mann Wache. Er hatte ständig den Finger am Abzug, er würde auch schießen, ohne weiteres, denn die Deutschen, ob klein oder groß, waren Feinde. Ona vermutete, dass der Sturm den Wächter in eine windstille Ecke gedrängt hatte und schlich sich an eine kleine Luke, am anderen Ende der Scheune. Ihr gelang es die Luke geräuschlos zu öffnen und ein paar Mal mit der Hand in das Getreide zu langen. Den Weizen ließ sie in die Taschen gleiten, die sie speziell für solche Fälle in der Innenseite ihrer knielangen Unterhose genäht hatte. Ihre Jackentaschen wurden schon oft durchsucht, aber den Röck musste sie noch nie anheben. Ein Schrei: ,,Stoj! streljatj budu! Halt! Ich schieße!" ließ Ona zusammenzucken und in den Schneesturm verschwinden.
Essen für drei Tage- Ona jubelte. Morgen früh wird sie Brei kochen, die Körner vorher mit dem Mörser ganz klein zerstampfen und dann kochen. Für Gerhard etwas flüssiger und für Peter und sie schön sämig.
Am Morgen ,der Schneesturm hatte an Kraft gewonnen, holte Ona Schnee von draußen rein ( zum Brunnen zu gehen wäre reine Kraftverschwendung) um ihn dann auf dem heißen Ofen schmelzen zu lassen.
Peter schaute ihr beim Mörsern zu, Gerhard schlief noch. Ona hatte den Strohsack, auf dem sie alle drei schliefen, dicht an den Ofen geschoben, die Ziegelsteine speicherten lange die Wärme und das tat ihrem Sohn gut.
Gerhard hatte von dem Brei nichts mehr essen können, er war tot. Mit nicht mal acht Jahren. Solange Peter, mit dem Essen abgelenkt war, hob Ona den federleichten Körper ihres Kindes von der Strohmatte und trug ihn in die große Stube. Dieser Raum wurde seit Winteranfang nicht mehr beheizt. Ona musste an Holz sparen, die Winter in Sibirien sind lang und sehr kalt. Die Wände waren mit Eiskristallen bedeckt, auf dem Fußboden lag eine feine Schneestaubschicht. Ona ging bis zum Fenster, das kaum noch Licht durchließ, so zugeschneit und zugefroren war es, bückte sich und schlug ein altes, zerschlissenes Bettlaken auseinander. Das war die vorübergehende Ruhestätte von Abrahm, zehn Jahre alt, verhungert. Jetzt lagen die Brüder beieinander. Sobald der Schneesturm nachlässt, wollte sie ihre Kinder zum Friedhof bringen. Abends, als sie mit Peter auf dem Strohlager ruhten, erzählte Ona ihm wie gut es ihnen im Frühjahr gehen würde, es würden Sauerampfer und Bärlauch sprießen, man könnte liegengebliebene Ähren von letzten Jahr auf den Feldern suchen gehen, Vogeleier sammeln. Und der Frühling würde bald kommen, sie müssten nur noch ein wenig durchhalten.

Am nächsten Morgen, der Sturm hatte sich gelegt, packte Ona das alte Betttuch mit ihren Söhnen auf den Kinderschlitten und fuhr zum Friedhof. Vor dem Massengrab blieb sie kurz stehen, führ dann aber weiter. Bis Mittag hatte sie ein Loch aus dem hartgefrorenen Boden geschlagen, dabei unzählige Pausen einlegen müssen, legte das Bündel in die Erde und sprach ein kurzes Gebet. Über den Erdhügel schaufelte Ona noch etwas Schnee, damit die Tiere die Witterung nicht aufnehmen könnten und machte sich auf den Rückweg.
Peter hatte den Frühling erlebt, er hatte Sauerampfer und Bärlauch gegessen, Vogeleier gesammelt und nach Hause gebracht, er hatte glücklich gelacht und Pläne für den Sommer geschmiedet.
Dann bekam er die Masern. Drei Tage und drei Nächte trug Ona ihr totes Kind im Arm und schrie, schrie und schrie.

Ona hängt ihr Sonntagskleid zurück unter den Vorhang, zieht wieder ihre dunklen Sachen an und geht nach draußen. Holzhacken. Sie braucht viel Holz, denn die sibirischen Winter sind lang und kalt.
 

petrasmiles

Mitglied
Eine sehr traurige Geschichte und gut geschrieben.
Ich komme nur durcheinander, welche Jahreszeit denn nun ist, wann der Mann kam, wann die Kinder starben. Du schreibst viel Im Präsenz, daher sagt es nichts über die Vor- oder Nachzeitigkeit aus.
Das ist ja wichtig, denn wenn der Tod ihrer Kinder vor dem Besuch des Witwers war, kann sie keine Kinder mehr ertragen, weil sie ihre eigenen verlor.

Liebe Grüße
Petra.
 
Eine sehr traurige Geschichte und gut geschrieben.
Ich komme nur durcheinander, welche Jahreszeit denn nun ist, wann der Mann kam, wann die Kinder starben. Du schreibst viel Im Präsenz, daher sagt es nichts über die Vor- oder Nachzeitigkeit aus.
Das ist ja wichtig, denn wenn der Tod ihrer Kinder vor dem Besuch des Witwers war, kann sie keine Kinder mehr ertragen, weil sie ihre eigenen verlor.

Liebe Grüße
Petra.
Eine sehr traurige Geschichte und gut geschrieben.
Ich komme nur durcheinander, welche Jahreszeit denn nun ist, wann der Mann kam, wann die Kinder starben. Du schreibst viel Im Präsenz, daher sagt es nichts über die Vor- oder Nachzeitigkeit aus.
Das ist ja wichtig, denn wenn der Tod ihrer Kinder vor dem Besuch des Witwers war, kann sie keine Kinder mehr ertragen, weil sie ihre eigenen verlor.

Liebe Grüße
Petra.
 



 
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