Bakterien Denken

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Bakterien Denken


© Rolf-Peter Wille


Denken, so sagte man uns, ist Analyse. Denken, so sagte man uns, ist Verstand, ist rational. Ordnung im Denken, so glauben wir, ist wie Ordnung im Raum. Hübsch säuberlich reihen wir die Dinge vor-, hinter-, neben- und was-weiß-ich -einander, und auch unsere Wohnverhältnisse, wenn wir nicht unseren studentisch bohemischen Gewohnheiten treu geblieben sind, müssen streng wissenschaftlich gegliedert sein. Das Sofa gehört ins Wohnzimmer und der Kühlschrank in die Küche und auf gar keinen Fall umgekehrt. Auch in einem anständigen Satze, wie zum Beispiel nicht diesem hier, springen kann nicht einfach herum das Prädikat.

Seit Aristoteles gleicht unser Gedächtnis einem Katalog: Säugetiere sind Säugetiere, Reptilien sind Reptilien, und Fische sind Fische. Alle diese letztgenannteren müssen sich zugliedern in jedem Falle der Familie der Wirbeltiere und man kann diese nicht vermischen zum Beispiel mit der Familie der Bakterien. Wir Wirbeltiere — homo sapiens gehört auch dazu — haben eine Wirbelsäule. Die Bakterien haben keine. Ergo: Bakterien sind keine Familienangehörigen. "Familie" ist vielleicht irreführend in diesem Zusammenhang. Vielleicht möchten wir uns einen gemütlichen Familientreff vorstellen. Aber von wegen: Nur dahinstellen dürfen wir die Dinge. Vorstellen sollen wir uns gar nichts. Es ist ganz schlicht und lakonisch: Wirbeltiere ins Wohnzimmer, Bakterien in die Küche!

Mußtest Du jetzt lachen? Was ist passiert? Nun wir haben uns etwas ausgedacht. Und das Ausdenken ist Denken, behaupte ich. Nicht rationales Denken natürlich. Wir haben zwei Beispiele miteinander vermischt: das "Sofa/Wohnzimmer ist nicht Kühlschrank/Küche" Beispiel einerseits, und andererseits das "Wirbeltiere sind nicht Bakterien" Beispiel. Ich habe das zweite Beispiel auf das erste projiziert, die Wirbeltiere ersetzen das Sofa (oder warum setzen wir sie nicht einfach darauf?) und die Bakterien zittern wie Espenlaub im Kühlschrank (sie haben es ja auch nicht besser verdient). So könnte es jetzt weitergehen: Wir können eine Geschichte erfinden. Wie die Bakterien ausbrechen (es gab einen Stromausfall, oder der Kühlschrank war "made in Taiwan"). Die Wirbeltiere, sagen wir es sind Krokodile, sind eingeschlafen auf dem Sofa und schlummern ihren Krokodilschlaf. Die Bakterien beginnen eine Invasion des Wohnzimmers. Aber es ist schon merkwürdig. Die Ideen überstürzen sich jetzt in meinem Kopf. Eine Injektion. Die Bakterien der Fantasie beginnen eine Invasion und der Krokodilschlaf meines Geistes scheint unterbrochen. Wie konnte das geschehen? Nun, wir haben nur eine "normale" Situation auf die andere projiziert. Man könnte das "metaphorische Projektion" nennen oder vielleicht noch besser "metaphorische Injektion". Das zweite Beispiel "Bakterien gegen Wirbeltiere" war die Metapher, wir füllten unsere Spritze mit einem "Bakterien/Wirbeltier" Serum und injizierten unsere gesitteten Wohnverhältnisse. Bakterien und Wirbeltiere machten sich breit in unserer Wohnung, die Sitte verschwand, die Einbildungskraft wuchs, und…, nun…, ist das nicht Denken?

Was aber machen wir nun mit unserem armen rationalen Denken? Laß’ mich eine Metapher gebrauchen. Vergleichen wir unser Denken mit unserem Verdauungssystem: Das metaphorische, das kreative Denken ist die Nahrung. Die Energie. Die Kalorien. Die Vitamine. Rationales Verstehen und Reflektion wären in dieser Analogie die Darmtätigkeit. Bakterien, schon wieder, aber die harmlosen Verdauungsbakterien. Vielleicht haben wir eine verfaulte Metapher geschluckt? Die Bakterien der Reflektion zersetzen sie in ihre harmlosen Bestandteile. Rationales Denken und Reflektieren kreïeren nichts, aber sie sind unsere Verteidigung, sie befreien unser Denken von der Sklaverei der Metapher.

Sklaverei der Metapher? Ja. Metaphern sind nur liebenswürdig in ihrer Kindheit. Einige von ihnen, wenn sie alt werden, gleichen faulen Krokodilen oder agressiven Bakterien. Hängen Dir meine Krokodile und Bakterien bereits zum Halse heraus? Kein Wunder! Diese Metapher ist nicht mehr frisch. Ich habe sie zu oft aufgewärmt in diesem Essay. Ich höre jetzt auf und Du fängst an zu denken und kochst Deine eigenen Metaphern. Bon appétit!


(English Version)
 

Schakim

Mitglied
"Sklaverei der Metapher"

Hallo, Rolf-Peter!

Du hast hier eine Riesenabhandlung geschrieben - ob nun in Deutsch oder Englisch - egal, doch das wäre vermutlich auch ein bisschen in kürzerer Form möglich gewesen... Bis dieser spannende Gedankengang von Dir durchgelesen ist, können sich ja die "Bakterien" in rasender Geschwindigkeit vermehren... und die "Krokodile" kümmern sich nicht darum!

Fröhliche Weihnachten!
Schakim
 
Hallo Schakim,

Dank fuer's Lesen! Ich hoffe, die Viren oder Bakterien etc. haben Dich nicht infiziert (eigentlich hoffe ich natuerlich, dass sich die Leser infizieren). Aber Du hast recht, dies ist eher ein Essay als Literatur.

Frohe Weihnacht auch an Dich!
Rolf-Peter
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Lieber Rolf-Peter, riesenlang finde ich es nicht.
Manche Gedanken bedürfen einer gewissen Ausführlichkeit und Entwicklung.
Ich denke auch, es ist eine Art literarisches Essay.

Vielleicht ist der Mensch eine Ansammlung von lauter zusammengeklebten Bakterien. Die sich zeitweise vermehren.

Viele Grüße von Bernd
 

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