Begriffen fürs Leben

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blackout

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Begriffen fürs Leben

Das Jahr Einundvierzig.
Da holte die Hebamme mich.
Die Schattenjahre. Nachtbomber,
Bunkertage, Bunkernächte.
Die Wände zitterten
beim Einschlag der Bomben.

Das Jahr Neunundneunzig.
Jetzt war ich eine "richtige" Deutsche.
Und Deutsche bombten in Serbien.
Da saß, vielleicht, in Belgrad
ein kleines Mädchen im Keller.
Mehr als die Wand
beim Einschlag der Bomben
zitterte die Hand der Mutter.

Nun sollte ich stolz sein. Dass die da
zitterten vor deutschen Bomben,
im Halbjahrhundert das zweite Mal.
"Nie wieder Auschwitz!", keuchte
der Minister.

Das Jahr Zweitausendfünf.
Die Zeit hat mich eingeholt. Erdteile
verschoben sich, Deutschland liegt jetzt
am Hindukusch, Afghanistan
an der Spree.

Das Jahr Zweitausendneunzehn.
Richtung Russland donnern Panzer
über die Straßen. Wir registrieren
es noch nicht mal.

Was ich begriff, das begriff ich
fürs Leben. Und wenn ich gehe
dereinst, gehe ich mit
dieser Gewissheit.
 

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