Bei Abfahrt des Zuges

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blackout

Mitglied
Die ganze Welt reist mit an solchem Tag,
es ist, als führe sie und nicht der Zug.
Fragst dich, woran denn das bloß liegen mag,
wirst erst im Nachhinein so richtig klug.

Du greifst zur Morgenzeitung auf dem Sitz,
du liest die Titel dann mit einem Blick,
lachst über manchen dummen Aberwitz
und lehnst dich in das Polster leicht zurück.

Und du begreifst die Lügen dieser Welt,
in der ein Armer reich, der Reiche arm,
man hat sie dir bloß auf den Kopf gestellt,
und du verstehst, so hat sie etwas Charme.

Du schlägst die Zeitung zu, wirfst einen Blick
hinaus auf die Station, die menschenleer.
Der Zug drückt dich ins Polster schwer zurück,
du fährst – dir selber ständig hinterher.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20969

Gast
Doch ein bisschen Kästner, Verehrte: "Das Eisenbahngleichnis". Ein bisschen. Aber erstens lesbar, zweitens handwerklich gut gearbeitet.
 

blackout

Mitglied
Danke fürs Reinsehen, litbons. Das "Eisenbahngleichnis" von Kästner kenne ich gar nicht, aber ich kenne natürlich viele Gedichte von Kästner.
Nee, das hier ist ganz und gar auf meinem Mist gewachsen. Ich habe dieses Gleichnis tatsächlich mal selbst auf einer Eisenbahnfahrt erlebt, die Umkehrung der Wirklichkeit, die Irrationalität. Du kennst ja meine anderen gereimten Gedichte nicht, die würde mir die Reaktion vielleicht gar nicht durchgehen lassen. Ich kann ja mal einen Test machen. Ich muss so eine gewisse Dosis Kästner-Gen in mir haben, allerdings hat meine liebe Mutter über ihre Fehltritte ihr Lebenlang geschwiegen. Ich gebe aber zu, dass mich Kästner mit seiner Menschenkenntnis und seinem entlarvenden bitteren Humor ein wenig inspiriert hat, was ja nicht gleichbedeutend ist mit Abklatsch oder so. Ich würde nie eine Formulierung von ihm klauen. Ich mag den Kästner schlicht, mit dem habe ich einfach so eine Art Wellenlinie. Dabei gibt es Leute, die ihn gar nicht mögen, weil er immer den Finger ins Schlimme getunkt hat. Und dann gibt es Empörung und Abscheu. Übrigens ist mir meine Kästner-Affinität noch gar nicht aufgefallen.

Aber wo finde ich denn das "Eisenbahngleichnis"? In den Büchern, die ich habe, ist es nicht enthalten. Würde mich echt interessieren, wie Kästner das Thema angepackt hat. Kannst du es mir als Nachricht schicken?

Gruß, blackout
 
G

Gelöschtes Mitglied 20969

Gast
Als Nachricht – wenn ich wüsste, wie das geht; mit den technischen Geheimnissen des Forums habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich stelle den Kästner einfach mal hier ab, dann ist es keine Veröffentlichung mit Copyrightanspruch (hoffe ich). Du findest ihn aber auch hier: http://www.literarisches-cafe.de/viewliteratur.php?niID=321

Das Eisenbahngleichnis
(Erich Kästner)


Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus, wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft. Ein andrer klagt.
Der dritte redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür hinein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm,
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit.
Und niemand weiß, warum.

Die erste Klasse ist fast leer.
Ein dicker Mensch sitzt stolz,
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und fühlt das sehr.
Die Menschheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in Spe.
Wir sehen hinaus, wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug.
Und viele im falschen Coupé.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

James Blond

Mitglied
Das „Wir“ in Kästners Zugbetrachtung öffnet die Tür zu einer großen Allegorie des Lebens. Als Reisende in der Zeit sind wir alle gemeinsam unterwegs, wenn auch in verschiedenen Abteilen und Sitzklassen. Nur die Toten steigen aus und verbleiben auf dem Bahnsteig der Vergangenheit. Ein ergreifendes, in sich stimmiges Bild der Lebensbetrachtung.

In „Bei Abfahrt des Zuges“ ist hingegen von einem „Du“ die Rede, um einer monologischen Selbstbetrachtung in die Allgemeingültigkeit zu verhelfen. Wenn hier die ganz Welt (scheinbar) mitreist, stellt sich automatisch die Frage, was dann zurückbliebe. Die bleibt allerdings auch im „Nachhinein“ offen.

Nein, so „richtig klug“ werde ich aus dieser Zugbetrachtung nicht. Der einsichtsvolle Blick in die Zeitung als Blick in die Welt mit ihren Lügen und Widersprüchen steht nicht erkennbar im Zusammenhang mit der Bahnfahrt. Was hat dem duzenden LyrIch gerade dort zu der Erkenntnis verholfen, dass „man“ ihm die Welt auf den Kopf gestellt hat? Es scheint, als wäre es mit jener Weisheit bereits eingestiegen und finde sie nun mit jedem Blick bestätigt, m.a.W.: es fährt – sich „selber ständig hinterher“. Genau dies scheint mir aber lediglich das persönliche Schicksal der Autorin, die ihren verfestigten Einsichten nur noch hinterher fährt, indem sie ihre üblichen Wahrheitstitel abruft, anstatt sie auszuführen. Ob ihr tatsächlich zu viel „auf den Kopf gestellt“ wurde, lässt sich dabei nur vermuten, doch bleibt von dem allzu oft Gehörten ein fader Nachgeschmack.

Immerhin hat die Verfasserin gegen Ende die Physik auf den Kopf gestellt, wenn der Zug sie bei der Anfahrt „ins Polster schwer zurück“„drückt“, denn das ist nicht der Zug, sondern die eigene Trägheit. Und genau dies könnte zum Beginn einer wunderbaren Einsicht werden ... ;)


Grüße
JB
 
G

Gelöschtes Mitglied 20969

Gast
Widerspruch! Über den Kästner ist alles gesagt. Längst ehe er in dieses Forum gerutscht ist. Die letzte Zeile des blackout-Gedichts bietet etwas über den Kästner hinaus: etwas Albtraumhaftes. «Du fähst dir selber ständig hinterher.» Ein tolles Bild. Vielleicht im Vorspann nicht schlagend genug vorbereitet (kann man drüber streiten), aber als Schlussbild schlagend. Ich kenne kein Gedicht (und ich kenne hunderte), in dem dieses Sich-selbst-hinterherfahren zum Bild geworden wäre. Darum: Widerspruch. litbons
 

James Blond

Mitglied
Na, sowas!
Ich lese hier gleich zweimal "Widerspruch"! Aber wo bleibt er denn nun, der Widerspruch?

Den Kästner, der nicht in dieses Forum gerutscht ist, sondern von dir dort hinein getragen wurde, habe ich genutzt, um im vorliegenden Text (irgend)eine Parabel oder Allegorie über das Zugfahren zu vermissen, aber nicht, um etwas Neues bei Kästner aufzuspüren.

Und was das "tolle Bild" des 'sich selber ständig Hinterherfahrens' anbelangt, so mag es dir albtraumhaft erscheinen, mir erschien es zu unvermittelt und ohne Bezug zum Rest, als dass es ein deutliches Schlussbild abgeben könnte. Ich mutmaßte es selbst als das persönliche Schicksal der Autorin, die hier im Forum ihren Einsichten ständig hinterher fährt, indem sie sie lediglich abruft.

Ganz neu ist das Bild auch nicht in der Lyrik: Die Katze, die ihrem eigenen Schwanz nachjagt, ist sprichwörtlich. Ich erlaube mir stattdessen, aus eigenem Fundus einen Wurm zu zitieren:
JB schrieb:
Philosophenturmwurm

Ein Wurm, der sich zum Ringe kringelt,
fühlt sich dadurch von sich umzingelt,
nun gründelt er von früh bis spät
am Grund der Rekursivität.
;)
Grüße
JB
 
G

Gelöschtes Mitglied 20969

Gast
Widerspruch zielt auf den Ton deiner Erwiderung, JB, Richtung blackout. Dieser Ton fiel mir auf – denn: Ob sich bei dir ein Wurm kringelt oder irgendwo eine Katze sich in den Schwanz beißt, und wenn schon. Dass sich aber ein Mensch in der Sitution sehen kann (ob in der Realität oder im Traum), dass er sich ein Leben lang selbst hinterhergefahren ist … muss ich weiterreden? Du hast womöglich überlesen, dass ich hinzugefügt habe: "Vielleicht im Vorspann nicht schlagend genug vorbereitet". In der Tat: Zu der Zeile fehlt die schlagende Vorgeschichte, die müsste noch geschrieben werden. Ich bleibe aber dabei: Die Zeile «Du fährst dir selber ständig hinterher.» ist ein starkes Bild. Und klar, den Kästner habe ich hereingetragen, und, klar, blackout kritisiert hin und wieder Texte anderer mit dem albernen Hinweis "Ist lesbar" und schreibt sich so immer mal wieder selber hinterher. Gruß litbons.
 

James Blond

Mitglied
... und inzwischen vermutet sie ein Kästner-Gen im Erbgut. ;)

litbons schrieb:
muss ich weiterreden?
Ja, bitte. Meine Interpretation kennst du ja inzwischen.

du fährst – dir selber ständig hinterher.
Was bedeutet es für dich?

Und was gefällt dir an meinem Ton nicht?

Grüße
JB
 
G

Gelöschtes Mitglied 20969

Gast
Geschrieben habe ich: "Dieser Ton fiel mir auf" – von gefällt mir nicht, steht da nix. Und beim "Bedeuten" kann ich nicht mitreden. Wenn ich Gedichte lese, suche ich nach Bildern, spüre Gefühlen nach, und so gesehen, frag ich dann nicht nach der "Bedeutung" einer Zeile, ich lass die Zeile (den Vers, die Strophe, das Gedicht) an mich ran – und entweder, es passiert dann was, oder ich blättere um. Und jetzt machen wir hier ein Ende, schlage ich vor, das Gedicht gehört blackout.
 

James Blond

Mitglied
Nein, jetzt noch nicht, es wird ja gerade erst interessant.

Bitte keine Haarspaltereien: Wenn mein "Ton" dich zum "Widerspruch" anregt, dann scheint er dir auch nicht zu gefallen. Oder was sonst?

Du magst bei dem besagtem Bild des Sichnachreisens deinen Gefühlen nachgespürt haben und es hat dir etwas anders als mir vermittelt. Wenn du dann aber mittels "Widerspruch" auf die Groß- und Einzigartigkeit des Bildes hinweist und bei Rückfrage dich auf die ganz eigene Gefühlsspäre berufst - wozu dann das ganze?
Sicher kann hier jeder sein "Gefällt mir" fallen lassen, aber wozu dann dein Widerspruch?

Natürlich gehört das Gedicht weiterhin blackout ( - ich will's ja gar nicht haben), aber dieses Forum ist zur gemeinsamen (und eben nicht "einsamen") Textarbeit gedacht, was voraussetzt, dass man auch in der Lage ist, sein Empfinden zu beschreiben, sein Urteil zu begründen. Sich in Worten mitzuteilen sollte für Dichter wie dich eigentlich kein Problem darstellen. Erst kam der große Widerspruch - jetzt kommt nichts. Du kneifst.

Grüße
JB
 
G

Gelöschtes Mitglied 20969

Gast
Du wirst mich nicht zum Gedichtedeuten überreden können, JB. Ich stelle dir einen Enzensberger-Text ins Forum – darin wird zwar auf die Schulsitution Bezug genommen, aber für mich gilt der Text bis ins Greisenalter. litbons

Hans Magnus Enzensberger
zur Interpretation von Gedichten

“ ... Was aber die Literatur betrifft, so verdankt sie ihren Charme nicht zuletzt der Tatsache, dass es jedermann frei steht, sie zu ignorieren – ein Recht, von dem bekanntlich die Mehrheit unserer Mitbürger entschiedenen Gebrauch macht. Nur für die Minderjährigen unter unseren Mitbürgern hat das Recht auf freie Lektüre keine Geltung. Sie, die ohnehin täglich in Betonbunkern gefangengehalten werden, welche das Gemeinwesen eigens zu diesem Zweck errichtet hat, zwingt man fortgesetzt, Gedichte zu lesen; und was noch viel entsetzlicher ist, zu interpretieren, Gedichte, an denen unsere minderjährigen Mitbürger in den meisten Fällen keinerlei Interesse bekundet haben.
Wohl weiß ich, dass die Deutschlehrer diesen widerwärtigen Zustand, unter dem sie vermutlich selber schwer leiden, durchaus nicht mutwillig herbeigeführt haben. Die wahren Schuldigen sind im Unterholz von Instituten zu suchen, die von einer gewöhnlichen Schule so weit entfernt sind wie Kafkas Schloss.
Es handelt sich um eine Horde von Bürokraten und Curriculum-Forschern, die außerordentlich schwer dingfest zu machen ist. Ihre wahren Absichten liegen im Dunkeln. Was sie zu dem Projekt bewegt, in unseren Oberschulen Hunderttausende von Sub-Germanisten heranzuzüchten und die Interpretation von Gedichten als Zwangsarbeit zu verhängen, das wissen wir nicht. Wir werden es nie erraten.

Appell an die Deutschlehrer:
Sabotieren sie die Beschlüsse der Ständigen Konferenz der Kultusminister, wo immer sie können! Bekämpfen Sie das hässliche Laster der Interpretation! Bekämpfen sie das noch viel hässlichere Laster der richtigen Interpretation! Zwingen sie nie einen wehrlosen Menschen, den Mund aufzusperren und ein Gedicht hinunterzuschlingen, auf das er keine Lust hat! Üben Sie den jungen Menschen gegenüber, die Ihnen anvertraut sind, die Tugend der Barmherzigkeit. Denken Sie immer daran: Quäle nie ein Kind zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.”
 

James Blond

Mitglied
Zieht hier ein Deutschlehrer "seinen" Enzensberger aus der Tasche, um gegen den eigenen Unterricht zu polemisieren? Fast scheint es so. Denn dann bräuchte es hier auch keine Kommentarfunktion – dann macht jeder sein(e) Sternchen und fertig.

Aber

  1. sind wir keine Schüler und Lehrer im Deutschunterricht

  2. geht es hier nicht um richtige Interpretationen, sondern um die Beschreibung von Textwirkungen und

  3. sollte hier, wer lauthals "Widerspruch - Widerspruch" ruft, auch einem anschließenden Disput nicht aus dem Wege gehen.

Ich verstehe immer noch nicht, warum derjenige, der vom Bild des Sichselbstnachfahrens so beeindruckt ist, dies nicht auch mit seinen eigenen Worten darlegen kann (oder will), um es für andere nachvollziehbar, begreifbar zu machen. Liegt's gar an Goethe:"Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen," ?

Grüße
JB
 

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