Beim Entrümpeln entdeckt

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Ciconia

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I. Sechs Geburtstagsfotos eines Mädchens, an das ich mich kaum erinnere

1. Foto, schwarz-weiß, 6 x 9 cm – 2. Geburtstag

Das kleine Mädchen blickt äußerst skeptisch, als habe die Mutter ihm gesagt, dass gleich ein Vögelchen aus der Agfa-Clack herausfliegen werde. Seine strammen wollstrumpfbedeckten Beinchen stecken in robusten Schnürschuhen. Man wird ihm später erzählen, dass es sehr stolz auf diese angeblich roten Schuhe war, ebenso wie auf die kleine Handtasche in derselben Farbe, die es fest umklammert hält. Eine grotesk große Schleife ziert das feine Haar. Strickjacke und Strickrock mit Trägern stammen wohl wie die gesamte Kleidung der ersten Lebensjahre aus der Produktion von Mutter und Oma.

2. Foto, schwarz-weiß, 9 x 13 cm – 4. Geburtstag
Warum es ausgerechnet zum 4. Geburtstag ein Porträtfoto vom Fotografen sein musste, erschließt sich nicht. Das Kind trägt ein Kleid im Schottenmuster mit adrettem doppeltem Kragen in kariert und weiß, die Ohrringe in Herzchenform sind wahrscheinlich ein Geburtstagsgeschenk. Den Kopf ziert eine Kammtolle. Der scheue Blick ist aufmerksam direkt in die Kamera gerichtet, als sei sich das Mädchen der Besonderheit dieses Fototermins bewusst.

3. Foto, schwarz-weiß, 6 x 9 cm - 10. Geburtstag
Inzwischen trägt das Mädchen dicke, straff geflochtene Zöpfe. Vier Freundinnen albern beim Fotografieren mit aufgeblasenen Luftballons herum, während das Geburtstagskind ein wenig abwesend und bedrückt aussieht. Es wird sich ein Leben lang daran erinnern, dass der Vater am Vorabend mal wieder ausgerastet war, weil er sich übergangen fühlte bei den Geburtstagsvorbereitungen. Als stärkster Eindruck bleibt das Blut an der Küchentür von den Fäusten des Vaters.

4. Foto, schwarz-weiß, 6 x 9 cm – 12. Geburtstag
Immer noch die schweren Zöpfe. Zu den alten Freundinnen ist eine neue hinzugekommen. Auch zwei Nachbarsjungen und deren Hund sind auf dem Foto vor dem dörflichen Anwesen dabei. Wieder wirkt das Mädchen sehr ernst. Am Vortag wurde es von einem erschreckenden Ereignis aufgewühlt, welchem die Mutter mit der lapidaren Erklärung „Das haben alle Frauen“ begegnete. Offensichtlich fühlt sich das Kind unwohl im Freundeskreis. Erst Monate später wird es sich seiner besten Freundin anvertrauen.

5. Foto, schwarz-weiß, 8 x 10 cm – 15. Geburtstag
Diesmal geht es lustig zu. Auf dem Foto tanzen drei Teenager mit praktischen Kurzhaarfrisuren in einer engen Stube und prosten sich mit Likörgläschen zu. Noch nach Jahren erinnert sich das Mädchen, dass alle vom Marillenlikör einen gehörigen Schwips hatten.

6. Foto, farbig, 8 x 10 cm – 21. Geburtstag
Kollegen haben der jungen Frau für das Foto eine große gemalte
21
auf die Schreibmaschine gestellt. Sie sitzt am Schreibtisch, in einem sehr kurzen karierten Minirock mit gelber Bluse und Kniestrümpfen im selben Ton. Sie wirkt entspannt und glücklich, scheint angekommen im großstädtischen Leben - endlich volljährig und vollkommen unabhängig. Jetzt können die bunten Jahre beginnen.


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Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,

erst am Wochenende habe ich auch in einer Schachtel mit alten Fotos gewühlt.
Auch ich hatte das Gefühl, einen Menschen und eine Zeit zu betrachten, die mir irgendwie entglitten sind.

Liebe Grüße
Manfred
 

molly

Mitglied
Hallo Ciconia,

einige der Geburtstage auf Deinen entdeckten Fotos könnten auch meine sein.
Gern gelesen
Mit Gruß
molly
 
Hallo Ciconia,

oh, ja, eine kleine Zeitreise durch die eigene Vergangenheit bringt schon mal Erstaunliches zutage. Da fragt man sich: War das wirklich so? :oops:

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Ciconia

Mitglied
II. Fahrkarte ins Leben

In einer Hülle mit abgelaufenen Ausweisen (aufgehoben wegen der Fotos) und alten Reisepässen (wegen der vielen bunten Stempel) liegt eine kleine unscheinbare Bahnfahrkarte.

Sie besteht aus stabiler Pappe und ist kaum größer als eine Briefmarke. Für 847 km, laut Aufdruck, kostete eine Rückfahrkarte in der 2. Klasse damals DM 108,00. Dafür dauerte die Fahrt mindestens zwei Stunden länger als heute, denn IC-Züge waren noch nicht eingeführt. Die Deutsche Bundesbahn fuhr mit D- oder Eilzügen. Zugnummern und Daten sind auf diesem winzigen Billett bis heute gut leserlich.

Abgestempelt wurde die Fahrkarte zum ersten Mal an einem 28. September. Auf Einladung einer Bekannten fuhr ich damit nach München. Ich erinnere mich an tagelanges herrliches Wetter, weiß-blauen Himmel, der so ganz anders wirkte als in Norddeutschland, die herbstliche Atmosphäre mit bunten Kastanienbäumen in der kleinen Schwabinger Seitenstraße, das Bimmeln der Trambahnen – und natürlich die Wiesn und abends Schwabinger Discos. Eine Woche lang schwebte ich in einer anderen Welt und wusste sehr schnell: Das sollte auch meine werden. Ich wollte schon lange ganz weit weg von Zuhause.

Kurz nach der Rückkehr am 6. Oktober begann ich Bewerbungen zu schreiben. Im November war ich schon wieder zu einem Vorstellungsgespräch in München, diesmal auf Kosten des späteren Arbeitgebers. Nach langen Debatten mit den Eltern zog ich am 2. Januar des Folgejahres mit zwei großen Koffern in die Freiheit. Diese Fahrkarte hob ich nicht mehr auf. Sie und viele andere, die ich im Laufe der nächsten Jahre für „Heimat“-Besuche kaufte, hatten nicht mehr dieselbe Bedeutung wie diejenige für den ersten, alles entscheidenden Aufenthalt.


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Ciconia

Mitglied
III. Klassenliebe

Am schwierigsten sind Bücher zu entsorgen – für mich fast unmöglich. In regelmäßigen Abständen versuche ich, Seichteres, Überholtes auszusortieren, doch die Lücken, die dadurch kurzzeitig entstehen, sind sehr schnell wieder gefüllt. Ein hoffnungsloses Unterfangen.
Denn an fast jedem interessanten Buch hängt auch eine Erinnerung – gelesen damals in einer gewissen Gemütsverfassung, am Strand oder im Krankenhaus. Wirft man das Buch weg, hätte man den Eindruck, auch die dazugehörige Erinnerung zu entsorgen.

Neulich stieß ich beim vergeblichen Versuch, Platz zu schaffen, auf ein ganz besonderes Buch: Klassenliebe von Karin Struck. Ein Buch, mit dem ich mich einst wochenlang beschäftigte, auch weil ich es zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht vorgeschlagen hatte - in der Bildungseinrichtung, die mir (vor allem dank des gerade eingeführten Bafög) mit Anfang Zwanzig doch noch den Weg zum Abitur ermöglichte. Unsere Deutschlehrerin war leicht zu überzeugen, sie bemühte sich sehr, uns jungen Erwachsenen gerecht zu werden, obwohl sie aufgrund ihrer großbürgerlichen Herkunft und ihrer sanften Art eher in ein Mädchenpensionat als in den Unterricht mit zielstrebigen, selbstbewussten jungen Leuten gepasst hätte.

Die Schüler unserer Klasse kamen etwa zur Hälfte aus gutem bis sehr gutem Hause; sie hatten das Gymnasium abgebrochen oder abbrechen müssen und nun – nach einer kaufmännischen Lehre – verspätet die Notwendigkeit eines Studiums erkannt oder mit leichtem Druck der Eltern erkennen müssen. Eine konservative politische Einstellung war ihnen in den meisten Fällen klar vorgegeben. In der anderen Hälfte fanden sich überwiegend äußerst Ehrgeizige aus Elternhäusern, in denen eine höhere Schulbildung aus finanziellen Gründen gar nicht erst möglich gewesen war - Anfang/Mitte der Siebzigerjahre kein Makel, über den 2. Bildungsweg erhielt jetzt jeder eine Chance. Politisch dachten diese Klassenkameraden mindestens sozialdemokratisch, in einigen Fällen ließ sich aber schon eine extrem linke Ausprägung erkennen. Unsere Lehrerin wurde immer wieder in Diskussionen verwickelt, denen sie kaum standhalten konnte. Was wusste sie von einfacher Herkunft!

Auch aufgrund einer ganz anderen Form von Klassenliebe interessierte ich mich plötzlich für Politik. Karin Strucks Roman erschien mir wie eine Offenbarung: Der Aufstieg einer jungen Frau aus einfachstem Milieu ins Bildungsbürgertum und die fortwährende Hassliebe zur Arbeiterklasse, um den Inhalt nur kurz anzureißen. Während einige Mitschüler dieses Buch verschlangen und heftigst diskutierten, zeigte sich die andere Hälfte nur mäßig interessiert. Was wussten sie!

Karin Strucks weitere Werke wurden nach diesem ersten Erfolgsroman sehr kontrovers behandelt. Ihr Leben verlief unstet, eine weitere Behandlung würde an dieser Stelle zu weit führen. 2006 verstarb sie im Alter von nur 59 Jahren.

Ich habe das magentafarbene Taschenbuch aus der Edition Suhrkamp noch einmal in die Hand genommen, ein paar Seiten gelesen und mich über Unterstreichungen und Anmerkungen aus jener Zeit gewundert. Mir gefällt heute weder der unruhige Stil noch kann ich Strucks permanentes Genöle um ihre Befindlichkeit und ihr schwieriges Liebesleben nachvollziehen. Trotzdem bleibt dieses Buch im Regal – als Erinnerung an einen kurzen, aber für mich wichtigen und wegweisenden Lebensabschnitt.


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Ciconia

Mitglied
IV. Glücksschwein

Silvester 1999 – Alle Welt hyperventilierte, Bekannte hatten schon vor Monaten Hotels oder Ferienwohnungen für den großen Jahreswechsel gebucht, „Es wird eng an der Küste“ titelten die Zeitungen, nur wir blieben noch unschlüssig.

Als die sehr, sehr ruhigen Weihnachtsfeiertage hinter uns lagen, überlegten wir dann doch … Da gab es doch diesen kleinen verschlafenen Ferienort an der Ostsee, der selbst im Sommer damals noch nicht überlaufen wirkte … und war dort nicht vor Kurzem ein neues Hotel eröffnet worden? Ich griff zum Telefon.
„Wir hätten da noch ein schönes Apartment frei. Wann möchten Sie denn kommen?“
Hatte mich schon diese Auskunft aus den Socken gehauen, fiel ich beim Preis endgültig vom Glauben ab – er war moderat und weit unter dem, was man in den letzten Monaten so gelesen hatte. Nur für das feierliche Silvesteressen gab es keine Plätze mehr. Darüber waren wir nicht besonders traurig.

Wir kamen am Tag vor Silvester. Das Apartment entpuppte sich als Maisonette mit sehr gut eingerichteter Küche und Balkon im 2. und 3. Stock. Gleich am selben Nachmittag stiefelten wir los, um die Restaurantszene vor Ort zu erkunden. Schon im zweiten Restaurant wurden wir fündig.
„Einen Tisch für zwei? Kein Problem. Wann möchten Sie denn kommen?“
Das Restaurant mag nicht das allerbeste am Ort gewesen sein, aber auch nicht das allerteuerste. Es war gut besetzt, aber keineswegs überfüllt. Die sehr solide Fischplatte schmeckte hervorragend, das Personal war ausnehmend freundlich. Anschließend genossen wir einen längeren Spaziergang auf der stillen Promenade, die Ostsee plätscherte beruhigend vor sich hin. Wir tranken noch etwas in unserem gemütlichen Apartment und schauten später auf ein bescheidenes Feuerwerk. So begann unser neues Jahrtausend.

Wir blieben noch weitere zwei Tage, das Wetter ließ ausgedehnte Spaziergänge zu. Beim Zeitungskauf am Morgen des 2. Januar fiel mein Blick auf ein winziges Glücksschwein aus Steingut, verziert mit einem Kleeblatt und einem Marienkäfer. Schnickschnack, gewiss, und Staubfänger. Aber ich musste es haben. Es sollte mir Glück bringen im neuen Jahrtausend.

Seitdem hat es einen festen Platz im Bücherregal. Ich habe mich nach all den Jahren immer noch nicht entschließen können, es wegzuwerfen, sondern erinnere mich bei seinem Anblick stets an ein paar unbeschwerte Tage. Ob es mir Glück gebracht hat? Na ja, zwanzig Jahre sind lang. Da kann man nicht immer nur Glück erwarten.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Schöne Erinnerungen!

Ja, die alten Fotos - neulich erst schickte eine Freundin Fotos vom Plätzchenbacken im Advent vor fast 50 Jahren.

So liefen wir damals rum? So haben unsere Mütter uns rumlaufen lassen?! Unfassbar!

:)

Und natürlich werden bestimmte "Stehrümchen" niemals entsorgt. Die Freiheitsstatue ohne Köpfchen, das Sissi-Radiergummi, der Handschmeichler von der Abiturfeier eines Kindes, die (hässliche) Steineule mit den leuchtenden Augen, der kleine Engel mit dem linken abgebrochenen Flügel, die Holzdose ohne Inhalt ...
Verbunden mit Ungesagtem.
 

Ciconia

Mitglied
Oh ja, Doc, Eulen hätte ich auch noch anzubieten …

Eine kleine Figur aus zwei aneinander gekuschelten Eulen, die ich schon als Kind bei meiner Großmutter immer bewundert habe. Sie ist garantiert aus Vorkriegszeiten, hat die Flucht mitgemacht und ging später als Erbstück an mich über. Leider habe ich die Oma nie gefragt, welche Bedeutung diese Eulen für sie hatten – wie man als Kind vieles nicht fragt, was man später gern gewusst hätte. Sie wird garantiert noch nicht entsorgt!

Gruß, Ciconia
 

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