Betörte Toren - Sonett

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Walther

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Betörte Toren

Der „Wind of Change“ zerbrach schon oft die Mauern.
Er trug sie fort, um anderswo zu bauen,
Von deren Zinnen heute Menschen schauen,
Die auf den Feind und auf den Angriff lauern.

Die Mauern in den Köpfen überdauern.
Sie dienen dazu, Altes zu vertäuen,
Das Gestrige als neu zu wiederkäuen
Und ängstlich als Gefangene zu kauern.

Der Mantel der Geschichte kann nicht kleiden.
Man kann ihn allenfalls beschwören.
Wen er berührt, den sollten nur beneiden,

Die wahr und nicht wahr auseinander hören:
Es werden nicht nur jene furchtbar leiden,
Die falsche Predigten zur Tat betören.
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es hält sich, lieber Walther,

ziemlich dicht an den Neoprenanzug des stromlinienförmig kommunizierenden common sense: Wer will Mauern? Niemand. In unserer Kulturblase. Schon gar nicht die in den Köpfen. Das wäre doch ganz schön blöd.

Mit dem Umbruch zum Terzettenpaar wirds schwer, das Mauernmotiv mit dem vom Mantel der Geschichte und dann als drittes mit dem Motiv von den wahren und falschen Predigten logisch sinnvoll zusammenzubringen. Etwa als Antithese des kritisch durchmusterten Mantels zu der kritikfeindlichen Abschirmungen (Mauern)? Fügt sich schwer.
Der Mantel der Geschichte kann in einer Selbstglorifizierung der Tradition bestehen, das wäre die in einen Vers komprimierte Mauer-Umkleidung des Traditionsträgers. Es springt aber um, in eine andere Reflexionsebene, zu einem übergeordneten Gesichtspunkt. Wo zwischen Wahr und Falsch unterschieden wird, in kritischer Betrachtung der Handlungsfolgen der falschen Traditionalisten-Rede.

Liest sich wie eine von einer Mauer herabgehaltene Warnungs-Rede.

Die Reimsymmetrie ABBA AB`B`A, also
1. mit fast einer Wiederholung der Rahmenverse der ersten Strophe, einer gering abweichenden Variation des ersten (und vierten) im Reimschluß der zweiten (und natürlich dritten), und
2. mit wiederum fast einer Wiederholung der Mittelversenden der ersten Strophe (die schon den Rahmenversklauseln der beiden Quartette so sehr entsprechen, daß sie "bloß" deren Variation sind) in den Mittelversklauseln der zweiten, - hier aber weiter variiert, nämlich umgelautet (a zu ä), - - klingt wie eine bildhafte Umsetzung oder gar Selbstabbildung der Wiederholung des Gestrigen im scheinverschiedenen Neuen, gestützt durch einen Binnenreim:
Das Gestrige als neu zu wiederkäuen
grusz, hansz
 
Zuletzt bearbeitet:

Walther

Mitglied
Es hält sich, lieber Walther,

ziemlich dicht an den Neoprenanzug des stromlinienförmig kommunizierenden common sense: Wer will Mauern? Niemand. In unserer Kulturblase. Schon gar nicht die in den Köpfen. Das wäre doch ganz schön blöd.

Mit dem Umbruch zum Terzettenpaar wirds schwer, das Mauernmotiv mit dem vom Mantel der Geschichte und dann als drittes mit dem Motiv von den wahren und falschen Predigten logisch sinnvoll zusammenzubringen. Etwa als Antithese des kritisch durchmusterten Mantels zu der kritikfeindlichen Abschirmungen (Mauern)? Fügt sich schwer.
Der Mantel der Geschichte kann in einer Selbstglorifizierung der Tradition bestehen, das wäre die in einen Vers komprimierte Mauer-Umkleidung des Traditionsträgers. Es springt aber um, in eine andere Reflexionsebene, zu einem übergeordneten Gesichtspunkt. Wo zwischen Wahr und Falsch unterschieden wird, in kritischer Betrachtung der Handlungsfolgen der falschen Traditionalisten-Rede.

Liest sich wie eine von einer Mauer herabgehaltene Warnungs-Rede.

Die Reimsymmetrie ABBA AB`B`A, also
1. mit fast einer Wiederholung der Rahmenverse der ersten Strophe, einer gering abweichenden Variation des ersten (und vierten) im Reimschluß der zweiten (und natürlich dritten), und
2. mit wiederum fast einer Wiederholung der Mittelversenden der ersten Strophe (die schon den Rahmenversklauseln der beiden Quartette so sehr entsprechen, daß sie "bloß" deren Variation sind) in den Mittelversklauseln der zweiten, - hier aber weiter variiert, nämlich umgelautet (a zu ä), - - klingt wie eine bildhafte Umsetzung oder gar Selbstabbildung der Wiederholung des Gestrigen im scheinverschiedenen Neuen, gestützt durch einen Binnenreim:

grusz, hansz
Hi Hansz,
danke fürs lesen und analysieren. dieses sonett spielt bildern, die mehrere, verwandte, bedeutungsebenen haben. zum einem verbindet der fall der mauer sich mit dem mantel der geschichte. zum anderen reißen physischen mauern nicht die im denken ein. die erfahren sehen wir gerade in der Ukraine bestätigt. und natürlich entsteht dadurch das dialogische des sonetts (körperliche mauer vs. geistige mauer) und findet über die synthese mantel der geschichte, die auf den fall der mauer wie auf die revision der geschichte verweist (wahr und falsch auseinanderhören).
mir ist bewusst, dass der text in einigen punkten leser und leserin tendenziell überfordern kann. damit muss man als dichter leben.
ich habe das sonett mit klangelementen versehen, die das umschlagen aus dem warmen au- in den eher krieschend/quietschenden ö-vokal in den reimsilben bereits in s2 vorbereitet. der binnenreim hat dieses reizvolle element mit resonanz versehen. die optimierung dieses verses ist aus dieser sicht sicherlich eine verbesserung.
lg W.
der dichter dankt @Aufschreiber für die leseempfehlung!
 



 
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