Bitte keine Spoiler!

Es gilt als unfein, in Buch- oder Filmrezensionen alle Details der Handlung auszuplaudern. Ich habe mich dieses Vergehens schon wiederholt schuldig gemacht. Zu meiner Entlastung kann ich anführen: Gewöhnlich schreibe ich über Werke, die schon länger auf dem Markt sind, ihr ungefährer Inhalt ist, das setze ich voraus, den meisten am Stoff Interessierten bekannt. Ja, ich stelle mir beim Schreiben einen Leser vor, der das Werk kennt und dem ich es in seinen Einzelheiten ins Gedächtnis zurückrufen kann. Und dann sehe ich es auch nicht ein, die Sache mit den Spoilern nämlich …

Wer den Plot vor Spoilern unbedingt in Sicherheit bringen will, legt das Schwergewicht damit auf den äußeren Handlungsablauf. Ihm gibt er den Vorzug vor allem anderen: den Charakteren, der Darstellungsweise, der Atmosphäre – kurz allem, was das Kunstwerk erst zu einem solchen macht. Es wird im Kern auf den Informationsgehalt einer Vier-Zeilen-Meldung reduziert und das Verhalten des rezipierenden Zuschauers oder Lesers auf dasjenige einer Ratte in einem Versuchslabor: Er soll den Brocken erst mal runterwürgen.

Die Vertriebsfirmen sollten ihr Publikum kennen. Ist es wirklich so flach, so denkfaul, so leicht zu verschrecken? Ich kann es nicht glauben. Und ich ärgere mich nicht selten, wenn ich selbst durch den Text auf einer DVD-Hülle genasführt werde. Da wird mir der Amoklauf eines eifersüchtigen Psychopathen als amüsanter Party- und Beziehungsspaß verkauft oder die Geschichte des unvermeidlichen Scheiterns einer Beziehung als noch offen dargestellt. Oft lege ich die Ware zurück ins Regal: zu seicht – und erfahre später: Es ist ein mitreißendes Drama.

Tragödien, im wirklichen Leben nicht selten, scheinen, wenn von vornherein als solche erkennbar, die absoluten Verkaufsbremsen zu sein. Dürfen die kathartischen Mittel nur in homöopathischen Dosen verabreicht werden? Das bringt mich auf einen Einfall, eine Geschäftsidee … Man nehme einen alten Dichter und eines seiner tragischen Werke und preise sie neu an. Zum Beispiel so:

Shakespeare, Romeo und Julia: Eine anrührende Geschichte vor der atemberaubend schönen Kulisse Veronas: Ein Spiel um Macht und die Macht der Liebe. Der unerschrockene Romeo und die hingebungsvolle Julia setzen alle Mittel ein - und sie haben starke Verbündete. Werden sie gemeinsam das Schicksal bezwingen?

Goethe, Faust: Er ist rastlos auf der Suche nach der Weltformel – Doktor Faustus. An seiner Seite der geheimnisvolle M … Wer ist er und was hat er mit Faust vor? Als die kindlich-reizvolle Margret ins Spiel kommt, überstürzt sich die Handlung …

Schiller, Die Jungfrau von Orléans: Ein moderner Stoff in historischem Gewand. Johanna, eine Alice Schwarzer des Mittelalters, akzeptiert die zementierten Geschlechterrollen nicht. länger. Sie will teilhaben am Kampf um Freiheit und in vorderster Reihe stehen, will kämpfen und führen, gerade wie ein Mann. Doch dann kommt ihr ein anderes großes Gefühl in die Quere …

Tolstoj, Krieg und Frieden
: Eine Welt im Umbruch. Stolze Adlige, berückend schöne Frauen, starke Gefühle. Ein großer Kaiser führt Krieg. Ein Kontinent in Flammen. Und dann brennt auch noch Moskau. Wird Napoleon diese Schicksalsprobe bestehen?

Thomas Mann, Buddenbrooks: Eine alte Familie in großen Schwierigkeiten: Finanzkrise, Missernte, soziale Unruhe, gescheiterte Existenzen. Doch Senator Buddenbrook gibt noch nicht auf. An seiner Seite die rätselhaft schöne, rothaarige Gerda aus Amsterdam. Als ihr kleiner Hanno an Typhus erkrankt, steht das Schicksal der Buddenbrooks auf Messers Schneide. Fiebern Sie mit …

Das Neue Testament: Gott schuf die Welt in nur sieben Tagen, ein göttlicher Rekord. Später zeigt sich ein kleiner Konstruktionsfehler: der Mensch. Gott bessert nach und schickt seinen Sohn als Erlöser. In den Nebenrollen zwölf attraktive junge Männer. Grandiose Besetzungen. Erschütternde Szenen. Alle Raffinessen neuester Aufnahmetechnik. Lassen Sie sich verzaubern, lassen Sie sich bekehren … GOTT SPOILT NICHT.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Kommt schon noch, ich hatte nur grad keine Zeit. ;) Nein, so harsch ist die Kritik nicht.

Schreib-Handwerk:
Das Verhältnis von Text und Beispielen ist unausgewogen. Die Beispiele/"Illustrationen" treffen meiner Meinung nach nicht – was ist (Bibel siehe gleich) an solchen Klappentexten so schlimm?
Der Bibel-Klappentext ist falsch (und deshalb nicht gut als Illustration), denn weder stimmt bei der Bibel "NEUESTE Aufnahmetechnik" noch ergibt der letzte Satz viel Sinn in so einem Klappentext. Auch die "grandiosen Besetzungen" mögen auf eien Film aber nicht auf das Buch zutreffen. – Oder meinst du das alles als Film-Klappentexte? Dann passen hier die Aufnahemtechniken udn die Besetzungen, der letzte Satz ist jedoch trotzdem nicht sinnvoll. Und ob der Klappentext zum diesem Bibel-Film ok ist, käme auf den Film an.

Schreibhandwerk – Inhaltsseite:
Bei journalistischen Texten gehört Logik und ein gewisses Maß an Päzision zum Handwerk, denn ein Text, bei dem es da hapert, der wird eher Diskussionen um dieses Fehlerstellen auslösen als um das Thema selbst. Hier ist wäre so ein Manko die wilde Vermischung von Text-Arten (im andern Thread "Absicht") genannt. Ob Spolier "schlimm" sind oder nicht, hängt vom "Einsatzgebiet" des Textes ab. Manko zwei: In dem Zusammenhang "Klappenetxte" auf Filmen hinzuziehen, ist weit übers Ziel geschossen. Die sollen nur eins: Den Film verkaufen. Deshalb dürfen sie nicht spoilern. Dass sie allerdings oft genug ein ganz falsches Bild erzeugen (Komödie statt Tradödie, Thriller statt Psychdrama …) ist ein anderes Thema und hat mit Spiolern nichts zu tun.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Rein inhaltlich (also keine Textarbeit mehr, sondern Themendiskussion):

1.: Nehmen wir mal die zwei Extreme "Lexikon" (keine Lücke) und "Klappentext" (Spannung maximal erhalten) aus dem Rennen.
Der Lexikoneintrag ist für Leute, die etwas nachsehen wollen, da muss (je nach Art und Umfang des Lexikos) "alles" über die Handlung drin stehen. (Angelina Knatterton fährt wie jeden Mittwoch nach Buxtehude, um ihren Onkel Egon zu besuchen. Wie immer macht sie noch ein Schwätzchen mit Hilde, der Hundbeseitzerin, die in dem Haus wohnt, in dem Egon Hausmeister ist. Diesmal ist Dackel Alfons kaum zu beruhigen, er bellt wie verrückt ein Fahrrad an, das im Flur steht. Als dessen Besitzer kommt, kann Hilde Alfons nur noch durch pure Gewalt abhalten, den Mann anzufallen. Sie geht mit dem Hund in ihre Wohnung zurück und Angelina klingelt bei ihrem Onkel. Niemand öffnet. Angelina ruft ihn per Handy an und hört drinnen des Onkels Handy klingeln. Sie … )
Beim Klappentext darf fast "nichts" über die Handlung drin stehen, es darf nur kurz angerissen werden, in welcher "Sorte Film" sich der Streifen bewegt. (Hausmeister Egon wurde ermordet. Seine Nichte traut dem tapsigen Kommissar Frederich nicht zu, den Mörder zu finden, und setzt sich selbst auf dessen Spur. Frederich ist genervt.)

2.: So, nun bleiben die Gelegenheiten, die sich zwischen Filmtipp und Essay bewegen.
Ob Spoiler (und was das überhaupt ist), ist "Absichts-" und Ansichtsache. Bei einem Krimi schmälert es den Genuss oft ganz erheblich, wenn man vorher weiß, wer es war. Vielleicht sogar noch, warum und wie. Oder (manchmal macht ein Krimi ja daraus keinen Hehl), wie der Inspektor den Täter erwischt. Oder dass er ihn nicht dingfest machen kann. Man kann – wenn man es gekonnt macht – trotzdem solche Details als besonders gelungen markieren oder in der Rezension dies "Pointe" als "Anlass" für eine ganz andere Aussage nehmen (Eine so fassungslosen Inspektor wie Fredrich, als der Mörder im letzten Moment entwischt, hab ich noch nie gesehen. Fast möchte man ihn tröstend in die Arme nehmen.). Man muss sich allerdings bewusst sein, wen man damit verprellt und wen "anlockt".
Es ist – bitte entschuldige! – eine Frage des Könnens, mit Spiolern umzugehen. Dein Text über "Dem Himmel so fern" zum Beispiel ersetzt den Spoiler-Nachteil nicht wirklich durch etwas anderes Spannendes/Interessantes. Was du im Anfang dieses Textes den Spoiler-Phobikern vorwirft (Reduktion auf "äußere" Handlung), machst du dort auch – und zwar ausgiebig. Gut für ein Lexikon, aber nicht gut für einen interessanten Text über den Film. Weder im Sinne vonneugierig machen auf den Film (Erst- und Nach langem-wieder-Seher) noch im Sinne, ihn neu (in einem bisher unbekannten/ungesehene Zusammenhang) zu sehen (und auch nicht als "nur in Erinnerung bringen").
Im Übrigen finde ich es nicht so unangemessen schwer, nicht oder nur wenig zu spoilern. Wollte man (in einem guten Film) nämlich alle Wendungen und interessanten Details verraten, müsste man ein Büchlein schreiben. Dazu noch die "Würdigung" all der guten Dinge, dann wird schon fast ein Buch draus. Und das ist dann doch eher selten der Fall.
 
Danke, Jon, für die aufgewandte Mühe.

Du nimmst da einen soliden handwerklichen Standpunkt ein, und wenn ich dir dorthin folge, muss ich dir wohl in den meisten Punkten Recht geben. Ich will es aber nicht, vielmehr meine ich, dass du hier schon im Ansatz fehlgehst. Allerdings habe ich es dir dabei auch leicht gemacht, denn der Text ist insgesamt tatsächlich eine Stilmischung. Er beginnt wie eine ernsthafte Abhandlung über ein Sachthema und fliegt dann sozusagen aus der Kurve und wird zu einem satirischen Pamphlet. Selbstverständlich ist dann alles verzerrt und übertrieben - mit Absicht. Was dich am letzten Beispiel stört, zeigt mir, dass du genau und kritisch liest. Gerade die Details zu einer Werbung für die Bibel sind jedoch so überzogen, dass jede ernsthafte Kritik daran ebenso wie eine folgende Rechtfertigung von mir ihrerseits nicht frei von Komik sein können.

Einen Fingerzeig auf die satirische Absicht gibt, meine ich, schon der Titel: Bitte keine Spoiler! Im Text werden dann ja gerade sie verteidigt ...

Ich will mich jetzt nicht herausreden, das Problematische an meinem Verfahren ist mir selbst bewusst, und wenn es einer unzweckmäßig findet, einen solchen Wechselbalg zu produzieren, ist das in Ordnung. Mir hat es damals Spaß gemacht, den Text so zu schreiben. Er wurde schon hier und da eingestellt und hat, den Kommentaren nach, überwiegend amüsiert - gerade auch die, die zu Spoilern bei ihrer ablehnenden Haltung geblieben sind.

Arno Abendschön
 
Nur kurz zu deinen inhaltlichen Bedenken, Jon.

Wir werden uns in Bezug auf Spoiler nicht wirklich einigen können. Aber das will ich doch herausstellen: Eine Filmnacherzählung ist kein Spoiler. Sie ist zwangsläufig auf die Darstellung der wesentlichen Details der Handlung angewiesen. Insofern finde ich es nicht gerechtfertigt, wenn du genau dies jetzt an meinem Text über "Far from heaven" nachträglich monierst. Mir scheint, die Debatte dreht sich da etwas im Kreis. Ich wehre mich gegen Spoilerkritik, und nach langem Hin und Her wiederholst du den anfänglichen Vorwurf.

Im Übrigen verstehe ich durchaus, dass die detaillierte Nacherzählung für dich als Leser keinen zusätzlichen Anreiz zum Ansehen des Films geboten hat. Allerdings kann ich mir auch anders geartete Leser vorstellen. Wer besonderes Interesse an den Themen Melodram, Rassismus, Homosexualität usw. hat, wird möglicherweise anders reagieren. Es gibt eben keinen Einheitsleser. Auch aus diesem Grund ist die Spoilerdenunziation letztlich nur vordergründig.

Arno Abendschön
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich hab nicht generell was gegen Spoiler, mein Tipp besteht "nur" darin, als Ersatz andere "Muss ich (mal wieder) sehen!"-Elemente zu präsentieren.

Zum Bibel-Klappentext: Auch Ironie und Satire müssen noch Berührungspunkte mit dem Objekt haben, alles andere ist Klamauk. Und Klamauk mag Spaß machen, bewegt aber nicht viel.
Angenommen, mich stört, dass bei booklooker Bücher ohne Bild eingestellt werden, dann muss ich so einen Vergleich machen: "Ebensogut könnte man sich im Modekatalog auf Text-Angaben." und nicht so einen: "Das ist ja wie beim Bäcker, der mir acht verschiedene Sorten Torte anbietet!"



(Zu "andere Interesse": Ich bin zwar nicht speziell an Meldodram, an Homesualität etc interessiert, aber an "Menschen" sehr. Rein vom Inhalt her könnte das also ein Film für mich sein. Um so mehr fiel mir auf, dass ich trotzdem (obwohl die Story gut klingt) mich nicht angelockt fühlte.)
 

Oben Unten