Bloem (Teil 2)

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16 – Erbarme dich!​

Nachdem Pieter sein Jackett über den Schreibtischstuhl gehangen hatte, ließ er den Tonarm auf den Rand der Schallplatte sinken. Die Diamantnadel tastete das Vinyl ab, glitt durch die Rille. Ein leises Knistern durchflutete die Luft.
Er legte sich auf die Couch, die in der Ecke des Arbeitszimmers stand, schloss die Augen und genoss die sanften, vom Klavier begleiteten Violinklänge.
Bilder von früher schwebten vor ihm. Da war sie wieder – die anhaltende Konzentration, die in der Philharmonie vorherrschte, als er mit Juliana bei der Aufführung von Erbarme dich aus der Matthäus-Passion war. Die Aufmerksamkeit, die Stille. Dann begann das erste Weinen des Chores. Er hörte die Worte seiner Frau: „Jede einzelne Träne ein Juwel, gefüllt mit Licht.“ Ihr gelang es stets, in allem das Schöne zu sehen und es mit Poesie auszudrücken. Er genoss ihre Worte, verstand sie oft aber nicht.
Es folgte das zweite, das mittlere Weinen. Gänsehaut huschte über Pieters Körper. Er fühlte, wie sein Leben mit seiner Frau und seiner Tochter – den beiden Menschen, die er verloren hatte – in der Zeit stehen blieb.
Dann kamen die Tränen.

Im Halbschlaf kreisten ihm Gedanken durch den Kopf. Über das Leben. Den Tod. Über seine Schuld. Dann folgte das letzte, das abschließende Weinen des Chores.
Erbarmen. Herr, erbarme Dich meiner.
Es wurde ruhig.
Eine Zeit lang lag er noch da, bevor er die Augen öffnete und erschrak. Warum hatte er die Hände wie zum Gebet gefaltet? Er schüttelte den Kopf, wischte sich die Tränen von den Wangen.
Jetzt kam der schwierige Teil.

Am Schreibtisch blieb er stehen und zog sich das Jackett wieder an. Seit Montag hatte er hier nicht mehr gesessen. Briefe und Zeitungen stapelten sich; die dünne Staubschicht auf dem Monitor wirkte wie ein Schutzfilm. Er hatte nicht mal am Computer nachgeschaut, wie die Kurse standen, in welchen Fällen er zügig kaufen oder verkaufen musste. Die beim Juwelier auf ihn wartenden Millionen machten vieles bedeutungslos.
Die Wohnung hatte er vernachlässigt. Das Putzen, Aufräumen, Saugen und alles andere wollte er Ruben übergeben. Auch ein neuer Job würde ihn ablenken. Sein Sohn musste auf andere Gedanken kommen; er versteifte sich zu sehr auf seine Suche.
Das würde in Kürze abrupt enden.
Ihm war noch immer nicht eingefallen, wie er es seinem Sohn am besten beibringen sollte. Beibringen. Das klang in seinen Ohren so, als ob ihm Rubens Lieblingstasse auf die Fliesen gefallen und dabei eine Ecke vom Porzellan abgesprungen wäre. Dabei ging es um so viel mehr.

Er kniff die Lippen zusammen, starrte auf den Tresor, der da wie eine uneinnehmbare Festung stand, eingerahmt von Akten- und Barschrank. Kurz zögerte er, öffnete dann die Bar, schüttete sich einen dreifachen Whisky ein.
The Macallan, destilliert in seinem Geburtsjahr, viertausend Euro die Flasche, aufbewahrt für besondere Momente. Zuletzt hatte er zu Bloems Schulabschluss davon getrunken und an dem Abend, bevor er sich auf dem Weg nach Venlo gemacht hatte. Jene Nacht, in der alles schief gelaufen war.
Er schmeckte den harzigen Geschmack, spürte, wie der Whisky seinen Gaumen kitzelte. Er hatte mal gehört, dass Gaumen auf Rumänisch Mundhimmel hieß, und genauso fühlte es sich an. Ganz langsam schluckte er die Flüssigkeit hinunter.
Der Alkohol, einst sein bester Freund, der ihn über die schwere Zeit hinweggeholfen hatte, war schuld daran, was passiert war. Und schuld an dem, was käme. Doch es gab weder einen anderen Weg noch ein Zurück.

Er verstaute Kristallglas und Flasche im Barschrank, hob den auf dem Schrank liegenden Papierstapel an und wischte mit einem Taschentuch über das Mahagoniholz. Er stutzte. Ruben legte hier schon mal Werbeprospekte oder andere Beilagen ab, wenn er sich Zeitungen aus dem Arbeitszimmer schnappte. Doch das Papier in seiner Hand war viel stärker, steifer und nur einseitig bedruckt.
Er drehte es um. Schwarze, fette Lettern und ein blattfüllendes, farbiges Foto. Bloems schönstes Lächeln. Die Vermisstenmeldung, von der Ruben gesprochen hatte. Pieter steckte sich einen Flyer in die Innentasche und stierte wieder auf den Tresor.

Am Montag, direkt nach seiner Rückkehr vom Juwelier im Einkaufscenter, hatte er zunächst überlegt, die Prozedur abzukürzen und den Geldschrank sofort zu öffnen. Er wollte tatsächlich die junge Deutsche einfach an der Uni abfangen oder ihre Adresse im Telefonbuch heraussuchen und sie auf der Straße überraschen. So, als wäre er rein zufällig in der Nähe des Campus gewesen oder hätte Viktoria beim Spaziergang vor ihrem Haus getroffen. Im Café arbeitete sie nicht mehr, die Ferien waren vorbei, und bis Donnerstag wollte er nicht mehr warten.
Verrückte Idee. Unsinn. Auffällig und verräterisch. Auf die paar Tage kam es nicht mehr an.

Er kaute an den Nägeln, Wangenröte stieg ihm ins Gesicht. Rasch drehte er sich um, holte den Whisky erneut aus dem Barschrank, und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Nicht zu viel. Ein Rest sollte für den letzten besonderen Abend übrig bleiben. Alles musste unverändert sein. Das kleinste Detail war wichtig.
Er prustete, schüttelte den Kopf und schritt, die Knie weich, zum Tresor.
Heute. Heute musste er es tun. Noch länger könnte er nicht warten. Rotterdam würde ihm nicht mehr viel Zeit geben.
Sein Schädel pochte, der Alkohol brannte im Magen. Er kniff die Augen zu. Undeutliche Bilder kreisten vor ihm. Bloems Gesicht. Mehr und mehr vermischte es sich mit dem Gesicht einer anderen.
Langsam wurde es ihm klar und er versuchte, einem imaginären Fragesteller zu erklären, was er sah und vorhatte.
„Heute Abend sehe ich sie.“
„Wen siehst du heute, Pieter? Deine Tochter? Weißt du, wo sie ist?“
„Nein, ich weiß es nicht. Ich sehe sie.“
„Gut, und was dann?“
„Ich werde besser vorbereitet sein. Die Familie wird wieder vereint.“
„Auch deine Frau?“
„Nein. Juliana ist für immer verloren. Aber, aber …“ Seine Atmung wurde immer schneller, heftiger. „Am Ort ihres Todes wird Bloem auferstehen.“


17 – Kieselsteine​

Ein Quietschen durchschnitt die Ruhe, als Ruben die verrostete Metalltür öffnete. Erschöpft brachte er das Rad in den Flur, lehnte es an die Wand und rastete das Speichenschloss ein.
Einige Zeit hielt er den Fahrradschlüssel und strich mit dem Daumen über den kleinen Stoffanhänger, den ihm seine Schwester voriges Jahr geschenkt hatte. Damals war er überrascht, dass keine Blumen auf dem Stoff aufgedruckt waren, sondern Herzen.
„Mal was anderes“, meinte sie. „Ist zwar auch kitschig, aber ich werde langsam zu alt für die Blümchensache.“
An jenem Tag wurde ihm klar, dass Bloem nicht mehr die kleine Süße war, die stolperte, die er am Ufer festhalten musste, die Blümchensticker sammelte. Sie schien lebhafter, stärker und selbstbewusster geworden zu sein.

Ruben fühlte Hitze vom Magen hochsteigen, sein Herz holperte, als er an heute Mittag dachte. Wie fremdgesteuert war er zum wiederholten Mal zum Loft hinaufgeeilt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, und hatte sich in Bloems Zimmer umgeschaut.
Alle Bücher, Fotoalben, DVDs und Schulsachen ergriff er. Öffnete ihre Schränke und Schubläden, schaute noch genauer als zuvor in Taschen und Kartons. Unter dem Bett, hinter den Schränken, in jeder noch so kleinen Spalte. Er fand nichts, was ihm weiterhalf.
Außer der Kette, die er ihr geschenkt hatte, fehlte nicht viel. Soweit er das beurteilen konnte, hatte sie weder Kosmetik noch Bürste oder Handtasche mitgenommen. Was genau fehlte, wusste er nicht. Er glaubte nicht, dass Bloem zu ihrer Freundin gegangen war. Wenn er für ein paar Tage untertauchen oder allein sein wollte, weihte er Koenraad ein. Bloems Freundinnen wussten von nichts.

Er schnappte sich die Trinkflasche aus der Rahmenhalterung, schloss leise die Tür und überquerte den Kiesweg.
Die Ellenbogen auf den Rand der Kaimauer gestützt, schaute er auf den Kanal. Bloems Sticker spiegelten sich auf der Wasseroberfläche. Im Arbeitszimmer brannte Vaters Schreibtischlampe. Wahrscheinlich recherchierte er im Internet, las Zeitungen – auf der Suche nach der kleinsten Spur. Oder er telefonierte mit Luschinski. Wie weit er wohl mit seinen Nachforschungen war? Vater war verbittert, wortkarg, wich aus. Heute wird Ruben es erneut versuchen. Ganz behutsam. Schließlich war sein Vater ein verzweifelter Mann, der seine Frau verloren hatte und jetzt auf der Suche nach seiner Tochter war.
Sehnsüchtig blickte er auf das stille Wasser im Kanal und die verfallenen Gebäude rundherum. Die schweren Baumaschinen ein paar Blöcke weiter schliefen bloß. Wenn sie aufwachten, kamen mit ihnen auch die Ausleger der Krane, die wie lange, um sich greifende Arme wirkten, Meter um Meter näher.
Das Einzige, was die Stadt in den letzten Jahren hier erneuert hatte, war das beschädigte Geländer auf der niedrigen Mauer. Aus Sicherheitsgründen. Eisendiebe, Metallsammler hatten es aus der Verankerung gerissen, als sie am Hafen in der Zeit des Niedergangs ihr Unwesen trieben und versuchten, alles mitzunehmen, was nicht niet- und nagelfest war.
Der Kanal war tief, außerdem waren an der Innenseite Metallbügel für das Anlegen der Boote eingelassen, auf die seine kleine Schwester damals hätte kopfüber aufschlagen können.
Bloem hatte Glück gehabt. Er war bei ihr, hatte sie beschützt.

Er bückte sich und suchte den Weg nach geeigneten Kieselsteinen ab. Weit holte er aus, warf einen großen Stein in Richtung der Baustelle, wünschte sich, alles verjagen zu können, die Planierraupen solange aufzuhalten, bis seine Schwester heimkehrte.
Schnell nacheinander warf er Kiesel über die Wasseroberfläche. Ein paar Mal sprangen sie auf, bevor sie untergingen. Einen besonders geeigneten Stein behielt er in der Hand, beobachtete die in der abendlichen Brise wehende Windfahne des Kais und fixierte einen imaginären Punkt auf dem Wasser.
Sein Vater war es, der ihm beigebracht hatte, wie der Stein, die Strömung und der Wind sein mussten, was die beste Wurftechnik war. Der ihm sagte, es immer neu zu probieren, niemals aufgeben zu dürfen.
Er legte die geschlossene Hand, den Handrücken zum Wasser gerichtet, an seine rechte Brust. Hielt die Luft an, hob den Ellenbogen hinauf und stieß die Hand schlagartig wie ein Katapult nach vorn.
Achtmal titschte der Stein auf.
Vielleicht war es die Wut im Bauch, die ihn antrieb. Die Wut, die er zusammen mit dem Stein von sich schleudern wollte. Die Wut auf sich selbst, nicht für Bloem dagewesen zu sein.
Seit ihrem Verschwinden war nur ein einziges Mal ein Funken Hoffnung aufgekeimt, als er am Abend mit dem Mann im Kino gesprochen hatte.
Bloem als Kellnerin in einem Café? Dann noch hier in Nijmegen, nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt? Nein. Das konnte nicht sein. Nein und nochmals nein. Der Weg ins Café hätte nichts gebracht, außer weiterer Enttäuschung.
Einem Phantom wäre er nachgeeilt, einer Frau, die der Typ im Kino für Bloem gehalten hätte. Der Typ, der wahrscheinlich allen blonden Frauen nachstieg und für den alle Blondinen gleich waren.
Er drehte sich um, trat Kieselsteine beiseite und öffnete die Metalltür. Das gleiche Quietschen, nur lauter.
Wütend warf er die Tür hinter sich zu und eilte die Treppe hinauf. Irgendwelche Hinweise musste er doch finden. Er musste nur gründlicher suchen.


18 – Eingesperrt​

Nicht nur im eisigen Tresor lag etwas verschlossen, auch in ihm – tief im Inneren – war eine Qual weggesperrt, fraß an ihm, zerkratzte die Gedärme und riss an den Eingeweiden.
Pieter fasste sich an den Bauch, stöhnte auf. Die immer gleiche Szene der sternenklaren Nacht von Venlo lief wie in einem Film vor seinen Augen ab. Ein Streifschuss, ein Querschläger, was immer es gewesen war, was Bloem getroffen hatte.
Sie hatte sich nicht an den Plan gehalten. Niemals hätte sie aus dem Auto steigen dürfen, um ihm zur Hilfe zu eilen. Sein Rufen war zu spät gekommen.

Eine Weile stand er am Tresor gelehnt, drehte sich dann zur Zimmertür um. „Papa, kannst du mir bei den Hausaufgaben helfen?“ Mit diesen Worten war Bloem oft in sein Arbeitszimmer hereingeplatzt. Er hatte nie die Tür verschlossen, bloß angelehnt, wollte immer für seine Kinder mit ihren Wehwehchen da sein. Auch wenn das Geschäft viel Konzentration abverlangte und die richtige Entscheidung manchmal nur eine Frage von Sekunden war. Seine Familie ging vor. Das höchste Gut in seinem Leben.
Heute hatte er die Tür überhaupt erst zum zweiten Male abgeschlossen. Das erste Mal war es, als er mit dem Schmuck vom Bruch und Bloems Habseligkeiten heimgekehrt war, obwohl er wusste, dass außer ihm niemand im Haus war.
Hätte er doch besser die Tür sofort geschlossen, als Rotterdam damals angerufen hatte, und nicht erst mitten im Telefonat. Der Anruf überraschte ihn auf seinem separaten Anschluss im Arbeitszimmer, einer Nummer, die nirgendwo eingetragen war. Pieter hörte zu und berichtete dann von seinem Plan, wie er das Geld besorgen wolle. Es war ihnen egal, wie. Die Frist war sehr kurz, der Preis, der verlangt wurde, unbezahlbar.
Er war schockiert, welche Details sie über seine Tochter wussten und von dem, was sie ihm androhten.
„Papa, was wollten die von dir?“, fragte Bloem skeptisch, als er aus dem Zimmer gekommen war. Er blickte sie verwundert an, biss sich auf die zitternde Lippe, wusste nicht, was sie vom Telefonat mitbekommen hatte.
„Sie wollen mir das Wertvollste nehmen, was ich habe.“ Seine Stimme drohte zu versagen. Er hoffte, nicht die falschen Worte gewählt zu haben.
„So weit darfst du es nicht kommen lassen!“ Ihm verschlug es den Atem, als sie das sagte.
„Papa, ich bin nicht dumm. Ich merke doch, dass du Scheiße gebaut hast!“ Ihr Gesicht hatte etwas Trotziges. Entschlossenheit, Stärke. „Wenn ich dir helfen kann, sag es mir.“
Das hatte er nie im Leben gewollt. Wäre sein Kompagnon Frans doch bloß nicht kurz vor der Fahrt nach Venlo hochgenommen worden.
Während Frans jetzt bei bester Gesundheit auf Staatskosten seine drei Jahre absaß, lagen Bloems Sachen im Tresor und sie selbst irgendwo an einem trostlosen Ort verbuddelt.
Das verdiente Bloem nicht! Wenn alles vorbei war, findet er womöglich die Kraft, zu erfahren, wohin Luschinski sie gebracht hatte, wo er sie besuchen konnte. Wenn die Familie wieder komplett wäre.

Er umfasste das Zahlenschloss, versuchte sich zu erinnern. Vergebens. Seine Augen flackerten, er fasste sich an die Stirn. Ihm fiel ein, dass er in jener Nacht nach seiner Rückkehr die Kombination geändert hatte. Die Zahlen entsprachen seitdem nicht mehr Bloems Geburtsdatum.
Der Geldschrank war aufgeräumt. Er hätte jederzeit blind hineingreifen und jedes beliebige Dokument herausfischen können. Im oberen Fach lagen Wertpapiere und ein Umschlag mit Bargeld – seine eiserne Reserve; eine kleine Rücklage, die für eine rasche Flucht allemal reichen würde, für ein kurzfristiges Untertauchen. Auch für drei Personen? Kaum.
Unten, zwischen den Aktenordnern mit den Policen, Kaufverträgen und anderen Unterlagen, steckte er: Der braune Baumwollbeutel. Bloems Lieblingstasche, die sie früher nach dem Einkauf im Spielwarengeschäft oder Süßigkeitenladen aufgeregt in ihr Zimmer getragen hatte.
Er holte seine dünnen Lederhandschuhe hervor und streifte sie über, zog vorsichtig den Beutel heraus, legte ihn auf den Boden und trat einen Schritt zurück.
Ihm war bewusst, dass sich seine Fingerabdrücke sowieso auf dem Stoff befanden. Aber er hoffte, so wenigstens Luschinskis Fingerabdrücke nicht zu zerstören. Falls das später mal eine Rolle spielen sollte.
Er bückte sich, atmete tief ein und wischte sich Schweiß von der Stirn. Es war der Duft, den er lange nicht mehr gerochen hatte, der jetzt aus dem Beutel in seine Nase stieg.
Nie hätte er gedacht, dass der Geruch noch derartig intensiv war, so stark an ihren Sachen haften würde. Es war, als stünde Bloem direkt vor ihm, wühlte mit den Händen durch ihre Haare, würfe die Locken schwungvoll über den Nacken und gäbe dabei diesen eindringlichen, blumigen Duft frei.
Das Gesicht sacht abgewandt hielt er mit einer Hand den Beutel auf und durchsuchte mit der anderen vorsichtig den Inhalt.
Dann beeilte er sich, als ein Quietschen von unten die Stille jäh durchtrennte.


19 – Hinterhergewunken​

„Ich bin zuhause!“, rief Ruben in den Flur hinein. Keine Reaktion. Sein Vater musste wohl vor dem Computer, in irgendwelchen Selbstgesprächen oder Schuldzuweisungen versunken sein.
Vor Bloems Zimmer blieb er stehen, öffnete leise die Tür und schaute sich um. Alles war unverändert, dennoch - oder gerade deshalb - bekam er das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte.

Er hing seine Jacke über die Garderobe, klopfte gegen die angelehnte Tür des Arbeitszimmers und drückte sie ein Stück weiter auf. „Oh, Entschuldigung, ich wusste nicht …“
Es kam sonst nicht vor, dass er seinen Vater gekleidet in Anzughose und Oberhemd samt Krawatte auf der Couch liegen sah. Achtete er doch immer darauf, keine einzige Falte in seiner Kleidung zu haben.
„Ist gut, mein Junge.“ Er rieb sich die Augen. „Ich muss wohl eingeschlafen sein.“ Langsam richtete er sich auf, streckte die Arme und atmete einmal tief ein und aus. „Hast … hast du was Neues gehört, Ruben?“ Er gähnte und schaute dabei auf die Uhr über dem Barschrank. „Oh, so spät. Ich muss noch weg.“
Ruben ballte die Hände hinter dem Rücken zu Fäusten. „Ich muss mit dir reden.“
„Komm“, sagte Pieter, „in die Küche.“

„Möchtest du wirklich keinen Kaffee? Ich mach dir gerne einen“, sagte Pieter und drückte einen Schalter am Kaffeeautomaten. „Setz dich erst mal.“
Ruben schüttelte den Kopf. Früher war alles anders gewesen. Da hätte er gerne am Tisch Platz genommen und bei heißem Kakao oder frischem Kaffee über seine Zukunftspläne gesprochen. Seit ihrem Verschwinden weigerte er sich, dort zu sitzen. Der ausladende runde Tisch, an dem sie gemeinsam gesessen hatten, wenn er von der Schule oder Ausbildung heimgekommen war, war tabu. Zuerst war ein Stuhl leer geblieben. Jetzt auch der seiner Schwester.
Pieter holte einen Löffel aus der Schublade und pfiff fröhlich eine Melodie. Im Grunde war er genauso traurig und niedergeschlagen wie er selbst, die vorgeschobene Fröhlichkeit nichts weiter als seine Art, alles zu verarbeiten.
„Ich hab nicht viel Zeit. Also, was hast du, mein Junge?“
„Ich … ich frage dich wirklich ungern, Papa, aber das Arbeitslosengeld reicht vorne und hinten nicht“, brachte er hervor. „Den ganzen Tag bin ich unterwegs. Das Fahrgeld, hier und da was essen, Eintrittsgeld. Und die Jungs haben auch Unkosten.“
Pieter zog einige Geldscheine aus dem Portemonnaie und legte sie nebeneinander auf die Küchentheke. „Reichen dir dreihundert Euro?“ Dann deutete er auf die Spüle, in der schmutzige Gläser und Tassen standen. „Und wenn du ab und zu reine machst, gebe ich dir noch mehr.“ Er schmunzelte, nahm das Kaffeeglas, rührte um und trank einen kleinen Schluck.
War das sein Ernst? Offensichtlich war sein Vater mit den Gedanken ganz woanders. Kein einziges Mal suchte er Augenkontakt mit ihm, hatte sich die ganze Zeit bloß umgedreht, gegähnt und gestreckt. „Ich brauche deinen Wagen, Papa. Wir haben die ganze Umgebung abgeklappert. Wir müssen …“
„Ich spreche mit Luschinski, der übernimmt das“, unterbrach er ihn und strich über die Bundfalte in seiner Hose. „Ich zahle ihm genug Geld dafür. Sag mir einfach, welche Orte er aufsuchen soll. Er klappert dann alles ab.“
„Für was bezahlst du ihn eigentlich genau?“ Ruben wollte nicht vorwurfsvoll klingen, eher so, als erkundigte er sich beiläufig nach den Halbzeitresultaten aus der Eredivisie. „Du hast mir nie erzählt, ob er was herausgefunden hat.“
Pieter legte einen Arm über Rubens Schulter, schaute ihm in die Augen und verzog seinen Mund zu einem winzigen Lächeln. „Ruben, du siehst fertig aus. Mach mal Pause. Stöber in deinen Büchern, beobachte das abendliche Treiben am Hafen, wie früher. Luschinski und ich kümmern uns. Glaube mir: Die Familie wird wieder vereint.“ Dann begann er, Rubens Schulter zu massieren.
Ruben nahm den Alkoholgeruch in seinem Atem wahr, trat zurück und zog die Brauen zusammen. „Papa. Das Auto?“
„Ich muss jetzt wirklich los, mich zuerst um etwas anderes kümmern.“ Hastig trank er vom Kaffee, zupfte sich wiederholt am Hemdkragen und winkte dann ab. „Ach, es ist nicht wirklich etwas anderes. Es hängt alles irgendwie zusammen.“ Dann lächelte er und breitete die Arme in der Luft aus, als hätte er an der Schießbude einen großen Teddybären für seinen kleinen Sohn geschossen. „Du bekommst bald einen eigenen Wagen mit Trailer, richtest dir eine Werkstatt ein, machst dich selbstständig. So, wie du es dir immer gewünscht hast.“ Er trank den Rest aus und knallte das Glas auf die Ablage. „Alles wird gut.“
„Was ist es diesmal?“ Ruben versuchte, das ärgerliche Schnauben zu unterdrücken. „Gold? Seltene Erden? Oder Bitcoins?“ Er ballte die Fäuste mehrmals und öffnete sie wieder.
„Bit… was?“, fragte er. „Geduld. Vielleicht gehen wir morgen zum Italiener, wo wir früher immer waren. Du magst doch so gerne Spaghetti Carbonara“, sagte er. „Dann reden wir in Ruhe über unsere nächsten Schritte, über Bloem, über unsere Familie, über den Plan, den ich habe.“
„Ich mag keine Carbonara.“ Ruben räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. „Soll ich dich nicht besser fahren?“
„Kommt nicht in Frage. Ich hab mir nur einen Klitzekleinen genehmigt. Die Nerven, Ruben“, stammelte er. „Es geht wieder.“ Wie zum Beweis hielt er seine ausgestreckten Finger vor sich. Dann drehte er sich suchend um. „Ach, meine Jacke ist noch im Arbeitszimmer. Und mein Hut muss da auch liegen.“

Ruben sah ihm nach, wie er die Tür hinter sich schloss. Einen Moment später kam Pieter wieder heraus, ging ohne sich umzudrehen zum Ausgang und rief noch: „Im Kühlschrank findest du Fleisch und Fassbrause. Ich hab dir im Wohnzimmer ein neues Bootsmagazin hingelegt. Mach es dir gemütlich!“
Dann war er verschwunden.
Ruben umfasste den Griff von Bloems Tür, überlegte kurz und schnappte sich dann seine Jacke vom Haken. Schnell steckte er das Geld ein und murmelte: „Ich finde dich.“

Auf der Treppe nach unten kramte er den Fahrradschlüssel hervor und fuhr in Gedanken den Weg ab, den Vater mit dem Auto an den Baustellen vorbei nehmen musste, um das Hafengelände zu verlassen.
Früher war Ruben mit dem Rad durch schmale Gassen und über Fabrikgrundstücke oft schneller in der Innenstadt angekommen als sein Vater mit dem Auto. Am Marktplatz oben hatte er auf ihn gewartet und ihm hinterhergewunken, bevor er mit dem Mercedes auf die Hauptstraße abgebogen war.
Aber da war es helllichter Tag gewesen und das Kopfsteinpflaster nicht so rutschig wie heute bei dem Nieselregen. Außerdem fuhr er damals ein wendiges BMX-Rad und war nicht wochenlang den ganzen Tag über auf den Beinen gewesen. Dennoch: So eine Chance bekam er so schnell nicht wieder.


20 – Psychologie? Pah!​

Viktoria prüfte die Datumsangaben van minimale houdbaarheid auf den Papiertüten, sortierte ein Schinkensandwich und eines mit Käse und Salat aus und legte sie für später an den Rand der Kühlung. Ihr Chef hatte ihnen erlaubt, die abgelaufenen Snacks selbst zu verzehren, sie mussten es bloß notieren. Viel lieber wäre es ihr allerdings, er würde mehr für den Job zahlen.

Als sie wieder hinter der Kasse Platz nahm, sah sie aus dem Augenwinkel ein dunkles Fahrzeug an den Tanksäulen vorbeifahren. Nichts Ungewöhnliches, nutzten doch einige Autofahrer das Gelände zum Wenden oder fuhren an der anderen Ausfahrt wieder heraus, um die lange Rotphase an der Kreuzung zu umgehen. Doch dann stoppte das Auto plötzlich, fuhr rückwärts durch die Pfützen und hielt vor einer Zapfstelle an.
Im Schein der Beleuchtung sah sie einen Mann im Anzug und mit Hut aussteigen. Er ging auf eine Tanksäule zu, blickte in ihre Richtung und entnahm dann den Schlauch.
Nach kurzer Zeit hängte der Mann den Schlauch zurück in die Halterung und schloss den Tankdeckel. Stirnrunzelnd schaute sie auf die Anzeige an der Kasse und fragte sich, wer in eine große Limousine nur knapp zwei Liter Super tanke. Und dann noch bei strömenden Regen an einer nicht vollständig überdachten Tanksäule.
Auf dem Überwachungsmonitor erkannte sie, wie der Mann am Papierspender ein Blatt herauszog, bevor sie ihn für einen Moment aus den Augen verlor. Dann trat er zu den Plastikeimern vor dem Gebäude, in denen die letzten Blumensträuße des Tages auf neue Besitzer warteten, und wählte einen aus.

Jetzt, wo das Licht der Reklame auf den Mann fiel, nur durch das Glas getrennt und keine drei Meter von ihr entfernt, verflogen ihre Zweifel. Den Anzug und besonders diesen Hut mit der Blume kannte sie. Auch diese geschmeidigen Bewegungen.
Noch wusste sie nicht, ob sie sich freuen sollte. Vielleicht war es ja herbeigesehnt, schließlich hatte sie ihm ja gesagt, wo sie donnerstags zu finden sei.

Pieter van Houten trat ein, hob kurz den Fedora an und lächelte verschmitzt. „Guten Abend, Fräulein Lehmann.“ Er schritt an die Theke. „Entschuldigen Sie, aber ich war mir nicht sicher, ob ich an der richtigen ESSO war. Ich hatte schon an einer anderen fast vollgetankt. Ich hoffe, das geht in Ordnung?“
„Äh, hallo. Ja, ist okay.“ Verlegen wischte sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und richtete den Kragen ihres Poloshirts.
„Das ist gut.“ Van Houtens lächelte erleichterte. Dann roch er am Strauß. „Ist zwar nicht so toll wie aus einem Blumenladen oder vom Markt, aber ich habe den schönsten ausgesucht. Haben Sie eine Vase?“ Er verneigte sich übertrieben und hielt die Blumen über die Theke. „Sind für Sie.“
„Ich weiß nicht …“, murmelte Viktoria und schaute ins Regal, warf einen Blick in den hinteren Teil des Ladens.
Er winkte ab. „Kein Problem, Fräulein Lehmann. Ich bringe die Blumen einfach heute Abend wieder mit.“ Grinsend warf er einen Blick über die Kühltheke mit den Snacks und die Regale, in denen Süßigkeiten und andere Knabbereien ausgelegt waren. „Sind Sie auch hungrig? Nur eine Kleinigkeit, direkt nach Ihrem Feierabend?“
Sie schaute an van Houten vorbei durch die große Scheibe. Blickte auf den Bürgersteig, wo ein Pärchen Arm in Arm unter einem Regenschirm dem Wetter trotzte, wo ein Radfahrer Pfützen auswich und schließlich unter dem Dach einer Bushaltestelle Schutz vor dem starken Schauer fand. Sie stellte sich vor, wie sie nach Feierabend zur Haltestelle eilte und im Bus in die alten Sandwiches biss, die in der Kühltheke auf sie warteten, während zuhause niemand auf sie wartete, außer Schulbücher und schlimme Erinnerungen.
Richtig klar, warum sie ihn wiedersehen wollte, wurde es ihr erst jetzt. Seine sanfte, ruhige, aber auch selbstbewusste Art und die eleganten Bewegungen erinnerten sie an ihren Vater. Die ausgefallene, scharfe Barbecuesauce im Restaurant – ein lustiger Zufall.
Die traurigen Augen waren es. Vater hatte den gleichen Blick bis zum Ende beibehalten. Es war ihre Schuld. Sie hatte Vater damals nicht helfen können. Jetzt war sie reifer, erfahrener, und studierte Psychologie. Pah! Psychologie. Wer hätte gedacht, dass ihr das später mal nutzen sollte? So meinte sie, bei van Houten starke Verlustängste gespürt zu haben. Womöglich hatte er schon einen schweren Verlust erleiden müssen.
Maaike hatte mit ihrer Mahnung aufzupassen völlig übertrieben. Etwas Zurückhaltung oder Vorsicht war natürlich geboten, so wie bei allen Leuten, die sie noch nicht näher kannte. Van Houten war harmlos. Er brauchte bloß Hilfe.


21 – Kette​

„Die dritte Straße rechts, direkt an der Ecke“, sagte Viktoria zu van Houten, der durch die Windschutzscheibe starrte und sich auf den Verkehr konzentrierte. Selbst im Auto trug er den Hut und hatte das Jackett nur geöffnet, nicht abgelegt. Er runzelte die Stirn, der ganze Körper wirkte steif, ab und an bewegten sich seine Daumen zur klassischen Musik aus den Lautsprechern – obwohl sie bei den vereinzelten Paukenschlägen und Trommelwirbeln keinen Rhythmus ausmachen konnte.

Laut Tacho war der Mercedes knapp zweihunderttausend Kilometer gelaufen, er wirkte aber trotzdem wie ein Neuwagen. Sauber und gepflegt, kein einziger Staubkorn. Bloß ein langes blondes Haar, das Viktoria auf ihrem Sitz gefunden und abgestrichen hatte.
Nach ihrem Feierabend an der Tankstelle, als van Houten kam, um mit ihr zum Pannenkoekenhuis auf der Waalkade zu fahren, hatte sie zunächst gezögert, sich mit ihrer Arbeitskleidung überhaupt ins Auto zu setzen. „Ist okay“, sagte van Houten bloß, und es schien tatsächlich so, als machten ihm die alte Jeans und das schmierige Shirt nichts aus. Dabei hätte sie wetten können, dass im Kofferraum ein Handstaubsauger sowie mehrere Lappen samt Putzmittel bereit lagen, mit denen er den Wagen penibel sauber hielt.

Sie roch es wieder. In wiederholten kurzen Zügen zog sie die Nase herauf. Da schwebte ein Duft im Fond; dabei hatte van Houten die ganze Zeit über sein Fenster ein Stück heruntergelassen und die Lüftung der Klimaanlage lief auf Maximum. Von ihm konnte es nicht stammen. Er hatte heute ausnahmsweise kein Aftershave aufgelegt und im Pannenkoekenhuis zu seinem Omelette nur einen starken Espresso und später drei Glas Vittel bestellt und sonst nicht den Eindruck gemacht, als hätte er vorher Alkohol getrunken. Sie hatte erwartet, dass er sich einen kleinen Aperitif gönnte. Er war wohl ein Genussmensch, der edle Tropfen nur im entsprechenden Ambiente trank – wie zuletzt in dem teuren Restaurant. Oder jemand, der den Abend mit magenschonendem stillem Wasser abschloss oder einfach auf die Promillegrenze achtete. Sie wusste es nicht.
Wieder zog Viktoria die Nase herauf. Es war kein Lufterfrischer, wie diese kleinen Duftbäume, die sie in der Tankstelle für zwei Euro im Doppelpack verkaufte. So einen hätte sie längst entdeckt. Jemand mit dem gleichen oder ähnlichen Parfüm, wie sie es sonst benutzte, musste vorher im Auto gesessen haben. Das lange Haar – wohl eine Frau.
Sie schüttelte den Kopf. Was machte sie sich so derart viele Gedanken wegen eines Parfüms, wegen einer anderen Frau?
„Soll ich die Musik leiser stellen?“, fragte er.
„Ne, ne. Ist okay.“
Van Houten blickte wieder geradeaus. In den Momenten, in denen er sich unbeobachtet fühlte – so wie in diesem, beim Warten vor der Ampel – sah er besonders versonnen, traurig aus. Vielleicht stammten Duft und Haar von seiner Frau, die ihn verlassen hatte, an die er unaufhörlich dachte. Doch das passte alles nicht zusammen, wo er seinen Wagen doch so penibel zu reinigen scheint.
Im Studium hatte sie davon gehört, dass es Leute gab, die zur Trauerbewältigung die unglaublichsten oder gar peinlichsten Dinge taten. Die alles Mögliche mit dem Parfüm ihrer Verflossenen oder Ex-Partner einsprühten, ihre Kleidung trugen, andere Rituale ausübten.
Sie wusste, wie es sich anfühlte, alleine gelassen zu werden. Sollte sie ihn einfach geradewegs darauf ansprechen? Reden war immer gut, immer der erste Schritt. Das A und O in der Praxis einer Therapeutin.

Die Ampelphase dauerte lange, er streckte mehrmals die Finger am Lenkrad aus, blickte sie kurz an, lächelte.
„Zum Glück regnet es nicht mehr“, sagte sie.
„Das mit Ihren Eltern tut mir echt leid.“
„Äh, ja … Danke.“ Sie blickte auf ihre Handtasche, die sie auf dem Schoß abgelegt hatte. Ich habe keine Eltern mehr, hatte sie ihn im Pannenkoekenhuis angeflunkert.
Es ging ihn nichts an, dass Mutter ihre Familie alleingelassen hatte. Zur schwersten Stunde. Das musste nicht jeder wissen. Außer Maaike hatte sie es niemandem anvertraut.

Auf dem Parkplatz an der Waalkade hatte er sie um den Gefallen gebeten, den Wagen ein kurzes Stück zu fahren. Er wolle ein kurz zuvor bemerktes, klapperndes Geräusch unter dem Fußraum des Beifahrerplatzes gehört haben, das er nicht einordnen könne, und die Werkstätten waren geschlossen.
„Ich habe überhaupt nichts gehört“, hatte sie geantwortet und behauptet: „Außerdem bin ich schon lange nicht mehr gefahren.“ Es ging ihm ebenso nichts an, dass sie seit dem Bootsunfall kein motorisiertes Gefährt mehr steuern wollte.

Er setzte den Blinker und bog in ihre Straße ein. „Ich lasse Sie da vorne raus, okay?“
Er reduzierte die Geschwindigkeit, steuerte den Wagen in eine Parkbucht und machte den Motor aus. Verdutzt sah sie ihm hinterher, wie er ausstieg, sein Jackett schloss, den Hut richtete und um die Motorhaube herumlief. Dann öffnete er die Beifahrertür und streckte ihr den Arm entgegen.
Sie folgte seinem kurzen Blick auf das Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich das Chinarestaurant befand. Die in den Fenstern hängenden Girlanden waren verblichen, die roten, ein kleines Vordach stützenden Säulen, mit Graffiti beschmiert.
Er rümpfte die Nase. „Ich hoffe, die haben eine vernünftige Abluftanlage. In welcher Etage wohnen Sie denn, Fräulein Lehmann?“
„Nicht da“, sagte sie, zog sich an seiner Hand hinauf und hielt sie weiterhin umschlungen, als sie längst mit beiden Füßen auf dem Bürgersteig stand. „Ich weiß, Nijmegen ist die älteste Stadt der Niederlande und ich muss ausgerechnet im ältesten Haus wohnen.“ Sie ließ seine Hand los und zeigte auf den Altbau neben dem Restaurant. „In der zweiten Etage. Das Fenster da ist meine Wohnküche.“
Sie öffnete ihre Handtasche. Als suche sie ihren Schlüssel, wühlte sie darin und überlegte, ob sie sich auf den Weg zum Haus machen oder kurz warten sollte, ob er noch etwas sagen würde. Es war womöglich eine Chance, ihn näher kennenzulernen, festzustellen, was er genau hatte. Es war nicht nur pure Neugier, das war sie ihm schuldig, sie konnte ihn nicht einfach gehen lassen, ihn so zurücklassen. Vielleicht war es ein Versuch der Wiedergutmachung, wo sie für Vater nichts hatte tun können. Oder ein plötzlich aufkommendes Helfersyndrom. Oder Seelenverwandtschaft?
Als sie ihren Schlüssel herausholte, sagte er: „Einen Moment noch, bitte.“ Er öffnete den Kofferraum und kramte umständlich unter einer Wolldecke herum, räumte dabei Warndreieck, Warnweste und etliches Putzzeug beiseite.
Dann hielt er ihr eine überdimensionierte Einkaufstasche entgegen. „Ich habe da was für Sie.“
Zögerlich ergriff Viktoria die Tasche, die mit dem Namen einer Boutique bedruckt war. „Das muss doch nicht sein“, sagte sie, nachdem sie einen Blick in die Tasche geworfen hatte. Sie schaute auf ihr Tankstellen-Shirt, die alten Jeans und die Turnschuhe hinab. „Gefallen Ihnen meine Klamotten etwa nicht?“ Dann musste sie grinsen.
Van Houtens Miene wirkte angespannt, aber auch erwartungsvoll. „Ich denke, die Sachen stehen Ihnen ganz gut. Hoffentlich passen sie Ihnen auch! Früher musste ich auch jeden Gulden zweimal umdrehen.“ Kaum hatte er ausgesprochen, da klingelte sein Handy.
„Gehen Sie ruhig dran“, sagte sie und stellte die Tasche neben sich auf den Boden. Beim nächsten Mal …, hatte er gemeint.
„Entschuldigung.“ Er nahm das Telefon aus der Jackentasche, schaute aufs Display und runzelte die Stirn. Nachdem er sich ein paar Schritte von ihr entfernt hatte, sprach er so leise ins Telefon, dass sie nicht verstand, was er sagte. Sie überlegte, ob sie sich in der Zwischenzeit einige Kleidungsstücke anschauen sollte.
Dann sah sie gegenüber aus dem Coffeeshop zwei Gestalten heraustreten, die unter einer Laterne stehenblieben, sich Joints anzündeten und herüberblickten. Im Dunkeln ging Viktoria nur ungern hier entlang. An ihrer Wohnungstür hatte sie zudem eine dicke Kette anbringen lassen, nachdem in der Gegend öfter eingebrochen worden war.
Wie automatisch schritt sie näher zum Auto und klemmte die Tasche zwischen ihre Beine. Sie schaute van Houten an und hörte ihn noch „Geben Sie mir noch ein paar Tage. Bitte.“ sagen, bevor er etwas Unverständliches ins Telefon hauchte, es wegsteckte und einen kurzen, suchenden Blick über die Straße warf.
„Entschuldigen Sie. Die Geschäfte“, sagte er und wischte sich Schweiß von der Stirn. Er drehte sich ein wenig zur Seite und ihr kam es fast so vor, als schirmte er sie mit dem Rücken vor etwas ab. Sie war seinem Blick über die Straße gefolgt. Nicht die beiden Junkies waren der Grund. Es war dieser weiße BMW, der kurz nach ihrer Ankunft am gegenüberliegenden Straßenrand angehalten hatte, keine zehn Meter entfernt, und in diesem Augenblick davonbrauste. Aus dem heruntergelassenen Fenster hatte zuvor ein Mann, mit struppigem, braunen Haar und einem spärlichen Schnurrbart, herüber geschaut.
„Wo war ich stehengeblieben? Ach ja … Der Italiener auf der Waalkade. Direkt neben dem Waffelhaus, wo wir gerade waren. Ich bin da jeden Freitag ab achtzehn Uhr. Also, wenn Sie Morgen Zeit haben. Ich würde mich sehr freuen.“
Viktoria meinte, diesen Gesichtsausdruck und das nervöse Schnippen mit den Fingern zu kennen. Erst kürzlich war eine Mimikresonanz-Trainerin an der Uni, um in Sachen Mimik, Gestik und Körpersprache zu unterrichten. Es war Unsicherheit und Angst, die er versuchte, zu verbergen. „Alles okay?“, fragte sie.
„Ja, klar.“ Er kratzte sich an der Wange und schaute kurz auf die leere Straße. „Und, gefallen Ihnen die Sachen?“, fragte er.
„Ich schaue später rein. Hoffentlich haben Sie die Kassenzettel aufbewahrt, denn ich weiß nicht …“
„Ich würde mich freuen, wenn Sie es annähmen. Hm?“ Er legte den Kopf schief.
Schief gelegter Kopf. Eigentlich ein Zeichen von Überlegenheit. Dazu der fast schon hypnotisierende Blick. Nein. Nicht alle Merkmale waren zweifelsfrei zu deuten, das hatte auch die Trainerin erklärt.
Noch immer schaute er sie an. Schließlich gab sie nach und nickte.
Er biss sich auf die Unterlippe, kramte umständlich in der Innentasche des Jacketts und holte eine Schatulle heraus.
Vehement schüttelte sie den Kopf. „Nein, das geht wirklich zu weit.“
Unbeirrt öffnete er das Kästchen. Eine goldene Kette kam zum Vorschein. Er kam noch näher und hielt sie vor ihrem Hals, als würde er Maß nehmen oder ihr die Kette jeden Augenblick anlegen wollen.
Sie trat einen Schritt zurück, nicht sicher, ob sie ihn abweisen sollte. „Ich finde das nicht lustig. Ich glaube, ich …“
„Nein, sag jetzt nichts, Viktoria.“
Seine Stimme war belegt, die Augen schimmerten feucht. „Ich darf doch Viktoria sagen, ja?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fasste er sie sachte am Arm. „Bitte, tue mir den Gefallen und nimm die Kette.“ Es war mehr ein Flehen als eine Bitte.
Dann steckte er das Schmuckstück wieder in die Schatulle und ließ sie in die Einkaufstasche gleiten. „Die Kette gehörte einem ganz lieben Menschen, den ich sehr vermisse.“ Er wischte sich eine Träne aus dem Auge und fuhr mit zitternder Stimme fort. „Ich bringe es einfach nicht übers Herz, das Schmuckstück zuhause herumliegen zu lassen. Es muss getragen werden. Verstehst du?“
Viktoria seufzte. Er wandte sich ab und vergrub sein Gesicht in den Händen. Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie ihn, wie er anfing, hemmungslos zu schluchzen. Das hatte sie nicht erwartet.

Für einen Moment schaute sie sich um. An der Ampel wartete der Linienbus. Eine alte Frau gaffte aus einem beschlagenen Fenster. Ungläubig sah Viktoria genauer hin. Das Gesicht der Alten verzog sich mehr und mehr zu der grinsenden Fratze ihrer Mutter. Weiter hinten waren die beiden Männer aus dem Coffeeshop, die sich bewegten, als ständen sie auf Wakeboards. Aus dem Restaurant trat eine junge Frau im gelben T-Shirt heraus. Erst eine, dann wurden es immer mehr. Dutzende, hunderte, vollständig in quietschgelb gekleidete Frauen, strömten über die Straße.
Ihr Kopf pochte, sie schloss die Augen, hörte das Blut in den Ohren rauschen. Tief atmete sie ein und aus, versuchte, die schwirrenden Bilder zu vertreiben. Sie betrachtete wieder die Umgebung. Die Alte blickte weiterhin durch die Scheibe des Busses. Eine freundlich dreinblickende Frau. Die beiden rauchenden Männer waren längst weitergezogen, die Frau im gelben Shirt hatte die Straße überquert und verschwand um die Ecke. Van Houten stand unverändert am Auto gelehnt und trocknete seine Tränen mit einem Taschentuch.

Im Pannenkoekenhuis hatte er wiederholt gesagt, die Familie sei das höchste Gut im Leben. Ständig dahergeredet klang es so, als spräche er gar nicht von seiner eigenen Familie.
In dieser Sekunde wurde ihr bewusst, dass auch Pieter van Houten tatsächlich etwas widerfahren war, das sein Leben entscheidend beeinflusst hatte.
Das Blättern in dem Fotoalbum, die Blumen, das lange blonde Haar auf dem Autositz, das er nicht entfernt hatte. Der Duft nach Blüten. Die Kette. Alles passte zusammen.
Dass er die Kette weitergeben wollte, konnte sie nicht verstehen. Und warum gerade ihr? Einer Studentin, die er kaum kannte. Erinnerte sie ihn an seine verlorene Liebe? Fragen, die sie ihm hätte stellen müssen.
Doch es war der falsche Zeitpunkt dafür, wo er in Tränen aufgelöst vor ihr gestanden hatte. Es war bloß eine Kette, die sie jederzeit zurückgeben könnte, und er hatte bisher keine Anstalten gemacht, ihr zu nahe zu treten. Ganz im Gegenteil: Freundschaftlich, höflich, fast zurückhaltend war er ihr gegenüber.
Und ihre Sinne spielten verrückt, weil sie übermüdet war. Mutter. Vaters Tod, ihre Schuldgefühle. Das leidige Studium, das Ausweichen vor ihrer Tante. Das ständige Ausweichen vor allem und jedem.
Viktoria seufzte erneut und berührte van Houten sacht am Ärmel.

Mit so einem Gefühlsausbruch hatte sie bei ihm nicht gerechnet. Die ganzen Wochen über, seit sie ihn zum ersten Mal im Café gesehen hatte, musste er diese Last mit sich getragen haben. Bis zum heutigen Abend hatte er gewartet und ihr schließlich die Kette anvertraut. Warum ihr?
Maaike, damals eine ihr unbekannte Studentin mit Liebeskummer, hatte sie ein Taschentuch gegeben, weil sie es schlicht für normal hielt und es besser war, als gar nichts zu tun. Heute würde Viktoria Freundinnen oder Mitstudentinnen sicher auch in den Arm nehmen. Aber einen älteren, etwas merkwürdigen Mann, der ihr Vater sein könnte? Van Houten war kein Freund, auch wenn er es sich wahrscheinlich gewünscht hätte.
Wie ein Häufchen Elend stand er da. Sie überlegte, was sie mit ihm anstellen sollte, sagte schließlich „Warten Sie. Ich hole Ihnen am Kiosk schnell eine Flasche Wasser, okay?“, obwohl ihr Inneres gesagt hatte, sie solle in seiner Nähe bleiben.
„Danke, aber es geht schon wieder. Ich lege mich sofort ins Bett, sobald ich zuhause bin.“
Fast unmerklich nach vorne gebeugt, und ohne ihr die Hand zu geben, schlich er ums Auto und murmelte: „Dann vielleicht bis morgen.“ Kraftlos schlug er die Tür zu, ließ sich in den Sitz fallen und straffte den Sicherheitsgurt.
Unter dem Vordach ihres Hauses blieb sie noch eine Weile stehen, schaute hinüber und überlegte, zurückzugehen. Zwischendurch blickte er mehrmals in ihre Richtung, als erwarte er, dass sie retour käme. Doch was hätte sie tun sollen?


22 – Viel Größeres​

Pieter tupfte sich mit seinem Taschentuch über die Augenpartie, richtete den Hut und hielt eine Zeit inne. Er hatte es tatsächlich getan: die wertvollste Erinnerung, die er besaß, aus den Händen gegeben. Voller Hoffnung hatte er sie einer ihm unbekannten Frau anvertraut. Wirklich unbekannt war sie für ihn nicht, aber umgekehrt war es auf jeden Fall so.
Als er Viktoria außer Sichtweite wähnte, öffnete er das Handschuhfach. Das Parfümflakon, das er zum Einsprühen des Autos verwendete, und den mit Whiskey gefüllten Flachmann schob er zur Seite, holte das Fotoalbum heraus, schlug es auf und küsste sein Lieblingsbild.
Weiterhin auf das Foto schauend, kramte er sein Handy aus der Innentasche hervor und drückte auf Wahlwiederholung. Er wünschte sich, dass diesmal nicht die Mailbox dran ging.
Nach mehrmaligem Klingeln hörte er tatsächlich ein abgehacktes „Hallo?“
„Endlich habe ich dich an der Strippe! Wieso rufst du nicht zurück?“, zischte er. „Ich dachte, wir sind Freunde, Lulu.“ Seine Stimme klang nicht anklagend, eher enttäuscht oder traurig, obwohl sein Herz raste und er das Telefon so fest in der Hand hielt, dass seine Adern hervortraten. „Wo hast du gesteckt?“
„Piet? Langsam, langsam …“, erwiderte Luschinski, „lass mich kurz anhalten. Will keinen Strafzettel kriegen.“ Sein Lachen klang nervös. Vielleicht bildete sich Pieter das nur ein.
Die dröhnenden Motorengeräusche waren verstummt. „So, jetzt aber. Alles beim alten. Ich war ein paar Tage unterwegs, mich vergnügen. Wollte schon längst zurückruf…“
„Wir müssen uns sehen“, unterbrach Pieter. „Ich brauche wieder deine Hilfe. Bitte.“ Er musste ihn für sich gewinnen. „Ist dringend. Es geht um viel!“
„Bezahl erst deine Schulden! Ich krieg noch fuffzig Mäuse!“, blaffte Luschinski, hustete einmal kräftig aus. „Jetzt mal ehrlich, Piet, nach dem Desaster von Venlo. Ich kann warten, komme auch so über die Runden und du solltest besser versuchen, das Geld anders …“
„Es geht nicht nur ums Geld.“ Pieter betrachtete wieder das Foto, verzog das Gesicht zu einem Lächeln und blickte hinauf zum Altbau, in dem Viktoria wohnte. Durch das Fenster, auf das sie gezeigt hatte, schimmerte kein Licht. An der Haustür nahm er einen Schatten wahr. Es war Viktoria. Warum stand sie noch im Eingang? Er steckte das Fotoalbum zurück, schaute erneut zur Haustür. „Es geht um etwas viel Größeres“, fuhr er fort. „Ich brauche dich! Es muss nämlich alles … Ach, vergiss es!“ Als ob jemand mithören könnte, hielt er schützend die Hand vor den Mund. „Ich kann es dir am Telefon nicht sagen. Komm nach Nijmegen! Diesmal darfst du auch die Location auswählen.“
Keine Reaktion.
Pieter lauschte am Hörer, vernahm ein leises Grummeln, ein Knistern. Er hatte Luschinski bildlich vor Augen, wie er in seinem alten, gelben Porsche saß und in der Schachtel nach einer Zigarette fingerte. Luschinskis Art, nachzudenken.
„Bist du noch dran, Lulu?“
„Ich schick dir ´ne SMS.“


23 – Beobachtet​

Ruben lehnte sein Rad an einen Ständer, schloss es ab und hastete unters Vordach der Billardhalle, wo er die Regenjacke auszog und sie kurz ausschüttelte.
Behutsam strich er sich über die Stirn. Etwas Blut haftete an seinem Finger.

„Mensch, wie siehst du denn aus? Pitschenass!“, begrüßte ihn Koenraad. Er stellte seinen Queue weg und zeigte auf Rubens Schramme. „Und das? Ärger gehabt?“
Ruben tastete über die Stirn, schaute auf die Finger und wischte sie an der Jeans ab. „Ach, nichts Besonderes.“
„Hol dir vorne beim Gerrit ein Pflaster!“ Koenraad deutete auf den Billardtisch, an dem sein Mitspieler gerade die vorletzte Kugel versenkte. „Wir sind gleich fertig mit der Runde. Dann erzählst du mal.“

„Wie, bei der ersten Tankstelle? Er hat an mehreren gehalten? Vielleicht hat er sich ja nach Bloem erkundigt.“
„Und wieso gerade an Tankstellen? Wochen später? Glaube ich kaum. Er hat auf jeden Fall überall getankt.“ Ruben trank einen Schluck von seiner Cola, stellte sie zurück auf den Tisch. „Er hätte in seinem Zustand nicht fahren dürfen.“
Koenraad verzog die Stirn. „Ich verstehe das nicht. Warum bist du ihm überhaupt gefolgt?“
Ruben schaute auf die Cola, als wäre das stumpfe Glas mit dem kolorierten Zuckerwasser das allwissende Orakel. „An der ersten Tanke hab ich ihn aus den Augen verloren und bin den kürzesten Weg zurück nach Hause gefahren. Oder vielmehr: wollte es. Der Regen wurde stärker und ich habe mich unter das Dach einer Bushaltestelle gestellt, an einer anderen Tankstelle. Und stell dir das mal vor: da stand sein Auto! Ich hab gesehen, wie er mit einem Blumenstrauß aus dem Shop herauskam.“
„Vielleicht gab es ja bei der ersten Tanke keine Blumen mehr. Hat er denn ‘ne Neue? Du hast mir nichts davon erzählt.“ Koenraad friemelte weiter den Tabak ins Zigarettenpapier. „Es geht gar nicht um Bloem …“, murmelte er.
„Weiß nicht, kann sein.“ Darüber hatte er noch nicht nachgedacht. War tatsächlich eine Frau der Grund für Vaters Zerstreutheit? „Sieht ihm nicht ähnlich, dass er Blumen an Tankstellen kauft …“
„Die Blumenläden waren bestimmt geschlossen.“
„… oder er hatte eine kurzfristige Verabredung.“ Dann fiel es ihm wieder ein. „Er ist ja auf der Couch eingeschlafen, war spät dran und die Blumenläden waren geschlossen. Genau.“
Koenraad blickte auf. „Hab ich doch gesagt. Vergiss die ollen Blumen. Noch mal: warum bist du ihm überhaupt gefolgt? Ein Gefühl, ein Gedanke?“
„Keine Ahnung. Er ist seit Tagen so … anders, … ausweichend? Er sagt kaum was, und wenn, dann nur wirres Zeug. Das Leben geht weiter, und so einen Kram. Tag und Nacht. Außerdem trinkt er wieder. Entweder führt er irgendetwas im Schilde oder er dreht vollkommen durch.“
„Erzähl weiter!“ Koenraad zog genüsslich an seinem Joint und schob sich Tabakbrösel von der Hose.
„Er ist weitergefahren. Zwei-, dreimal um den gleichen Häuserblock herum. Ja, und dann“, Ruben deutete auf das Pflaster, das ihm der Wirt über die Wunde geklebt hatte, „bin ich auf dem nassen Kopfsteinpflaster ins Schliddern gekommen …“
„Hoffentlich bleibt keine Narbe zurück, Süßer.“ Koenraad blies einen Rauchkreis aus, schloss kurz die Augen und formte einen Kussmund.
„Ich bin jetzt nicht zu Späßen aufgelegt. Wenn es wieder trocken ist, fahr ich nach Hause.“
„Ja, dein Schönheitsschlaf“, erwiderte Koenraad und wich grinsend ein Stück zurück, um dem erwarteten, angedeuteten Schlag auszuweichen.
Doch Ruben schaute nur auf den Fernseher an der Wand, als erwarte er überraschende positive Neuigkeiten vom Anchorman der Nachrichtensendung. Der gleiche Mann, der kürzlich von Bloems Verschwinden berichtet hatte, las jetzt mit demselben gleichgültigen Gesicht die Sportergebnisse und Börsenkurse vor. Sport und die Börse – Bloems Verschwinden war längst nicht mehr Thema.
Ruben nahm das Glas samt Bierdeckel und stand auf. „Morgen will Vater mit mir zum Italiener, wo wir früher mit Bloem und Mama immer waren. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“ Er rückte den Stuhl an den Tisch. „So, Kumpel. Ich bin dann weg.“
Es konnte kein Zufall sein, dass Vater gerade dieses Restaurant ausgesucht hatte, in dem sie zuletzt zu Viert gewesen waren. Mit der damals noch vollständigen Familie.


24 – Maßgeschneidert​

Viktoria stellte ihre Einkaufstasche an die Seite und verriegelte die Wohnungstür mit der schweren Sicherheitskette. Für einen Moment blieb sie an der Zarge gelehnt stehen und atmete kräftig aus.
Hirngespinste hatten sie übermannt. Das konnte nicht länger gutgehen. Das Liebesaus mit ihrem Freund, der Anruf von Tante Ursula, die Erinnerungen an den Unfall. Sie schüttelte den Kopf, presste sich die Hand gegen die Schläfen. Das dumme Studium, wo doch zuhause in Deutschland das Leben auf sie wartete, oder warten sollte. Und schlussendlich: Pieter van Houten.

Sie warf Jacke und Handtasche auf die Garderobe, blickte in den Spiegel und strich sich über die roten Wangen. Pieter, dachte sie. Es würde ihr schwer fallen, sich an diese Anrede zu gewöhnen.
Zwar duzten und siezten sich Niederländer, aber eben als Deutsche. Das war das Erste, was sie gelernt hatte. Oft wechselten sie mitten im Gespräch mit Unbekannten auf das du um, was ganz normal war und nicht unbedingt als Zeichen für freundschaftliche Verbundenheit galt. Bei Pieter hatte sie allerdings ein anderes Gefühl.
Sie blickte auf die Einkaufstasche, als befände sich darin eine giftige Schlange. Er hatte das Schmuckkästchen ohne sie zu fragen dort hineingetan. Sie hätte natürlich protestieren oder die Tasche auf der Erde zurücklassen können, doch sie hatte es nicht getan. Warum ignorierte sie ihre eigenen Bedürfnisse? War es Neugier, irgendein Reiz?

Sie kramte die Schatulle heraus, wog sie in der Hand, überlegte kurz, ging zu ihrem Schlafbereich und legte sie auf das Nachtschränkchen. Sogleich schüttete sie den Inhalt der Tasche aufs Bett aus: mehrere Blusen, zwei Röcke, ein Pulli, Halstücher. Sogar eine karierte Mütze aus rauer Schurwolle. Zum Glück hatte er sie vor der Peinlichkeit bewahrt und ihr keine Wäsche gekauft.
Teure Klamotten, wie die Preisschilder verrieten. Die Waffel vorhin, mit allen Extras schon extrem teuer, war bloß die Spitze des Eisberges. Das Mehrgänge-Menü im edlen Restaurant letzte Woche, nun die exquisite Kleidung aus Deutschland – eine Damenboutique in Mönchengladbach, wie auf der Tasche aufgedruckt war. Dabei gab es doch genügend Läden in Holland, selbst in der Provinz Gelderland.
Viktoria setzte das Tweed Cap mit dem Fischgrätenmuster auf, schaute in den Spiegel an dem Kleiderschrank und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Sie musste zugeben: mal etwas ganz anderes als Baseballkappen oder die selbstgestrickten Wollmützen von ihrer Tante.
Nach und nach probierte sie alle Sachen an. Auch wenn sie die Kleidung nicht unbedingt an der Uni tragen würde: Pieter van Houten hatte nicht nur ihren Geschmack getroffen, sondern sogar ihre Konfektionsmaße gewusst.

Nachdem sie alles zurück in die Tasche gesteckt hatte, zog sie ihren Jogginganzug an. Eine Stunde würde sie in ihre Bücher schauen, für die morgige Klausur lernen und sich dann ins Bett gehen. Im Schlaf hatte sie immer die besten Ideen. Ihr würde schon einfallen, was zu tun wäre, wie sie mit van Houten umgehen sollte. Vielleicht sollte sie vorher ihre beste Freundin anrufen. Ihre einzige Freundin in den Niederlanden.

Als sie zum Handy greifen wollte, fiel ihr Blick wieder auf die Schatulle. Sie rieb sich am Nacken und fragte sich, was an dem Stück so besonderes war, dass van Houten es ihr unten auf der Straße am liebsten sofort um den Hals gelegt hätte. Beinahe überfallartig, obwohl er die Kette zuvor recht zögerlich aus seiner Jacke hervorgeholt hatte.
Wie ein Magnet, dem man nicht widerstehen kann, nahm sie das Schmuckstück vorsichtig heraus. Das goldene Teil war mit mehreren Diamanten besetzt – auf jeden Fall wirkten sie wie echte Diamanten – und hatte einen Anhänger in Form einer Blüte. So genau hatte sie es auf der Straße gar nicht gesehen. Solche Schmuckstücke hatte sie bisher nur bei sündhaft teuren Juwelieren in der Auslage bestaunt, sich nie getraut, sie anzuprobieren. Mit dem Gegenwert würde sie bestimmt durch mehrere Semester kommen. Gebühren, Fahrgeld, Bücher, Materialien und alles andere, was anfiel. Oder alles in einen Neuanfang stecken können.
Sie muss getragen werden, hatte er bloß gemeint. Was versprach er sich davon, wenn sie die Kette besaß oder gar in seiner Anwesenheit trüge? Anstelle einer anderen Frau - seiner Frau, so hatte er es sich wohl vorgestellt, obwohl er es nicht ausgesprochen hatte. Vielleicht würde van Houten sich tatsächlich besser fühlen, wenn sie ihm den Gefallen täte.
Was käme danach?

Sie schaltete die Nachttischlampe an und begutachte die Kette näher, als ob sie so mehr über die bisherige Trägerin herausfinden könnte. Wie alt war die Trägerin? Wie sah sie aus? Was hatte sie mit van Houten zu tun? Ein Schaudern kroch ihr den Nacken hinauf. War sie noch am Leben?
Das Schmuckstück gefiel ihr, das musste sie zugeben. Sie wusste trotzdem, dass sie die Kostbarkeit auf keinen Fall behalten oder tragen dürfte. Da hafteten viel zu viele Erinnerungen an ihr, die sie nichts angingen. Dabei nachdenkend strich sie über den Blumenanhänger. In van Houtens Hutband steckte eine Blüte, unübersehbar, auch wenn es keine echte war. Selbst seine altmodische Geldklammer war mit einer Blumengravur versehen. Er hatte auch von einem Wiedererblühen gesprochen. Was immer er damit gemeint hatte.
Blumen waren nicht ungewöhnlich, erst recht nicht bei Schmuck oder Düften. Auch Viktorias eigenes Parfüm, das sie zuletzt im edlen Restaurant aufgelegt hatte, roch nach Blüten. Sandelholz. Und im Auto: der ähnliche oder gleiche Geruch.
Van Houten war Wertpapierhändler, fuhr mit dem Wagen sicherlich zu Kunden, Banken oder Börsen und nahm dann auch Frauen mit. Der Duft stammte von einer Kollegin oder Geschäftspartnerin.
Wieder erwischte sich Viktoria bei Gedanken über Dinge, die sie nichts angingen. Zügig steckte sie die Kette zurück in die Schatulle und verstaute sie im Kleiderschrank unter den Pullis. Dort, wo auch das quietschgelbe Shirt lag.

„Nochmal für mich zum Mitschreiben“, sagte Maaike. „Er rollt mit dem Auto über das Gelände hin und her, tankt ein paar Tropfen Super, holt dir einen dieser welken Blumensträuße aus dem Eimer und du gehst, mir nichts, dir nichts, mit ihm Waffeln essen? Er pikfein gekleidet, du in deiner schmierigen Tankstellen-Kluft? Richtig?“
„Ja …“
„Und was passierte dann? Hat er dich etwa bloß zu Hause abgesetzt oder dir die Klamotten vom Leib gerissen und versucht, dich …?“
„Maaike! Da war nichts.“
„Wir haben doch schon tausend Mal darüber gesprochen, Vicky! Wieso hörst du nicht auf mich? Die vermissten Frauen. Glaub mir: Da rennt draußen jemand rum, der auf Typen wie dich steht!“
„Ich muss es ihm zurückgeben“, flüsterte Viktoria.
Was? Was zurückgeben?“
„Er … er hat mir Kleidung gekauft, schicke, teure Klamotten und …“
„Dessous? Der erwartet wohl, dass du ihm mehr hältst, als bloß diesen schlaffen Gummischlauch an der Zapfsäule.“ Maaike lachte laut auf.
„Oberbekleidung, keine Wäsche. Außerdem haben wir bei ESSO nur Selbstbedienung, ich muss nichts halten.“ Viktoria überlegte kurz, dann fuhr sie fort. „Die Kette. Ich meine die Kette. Gold, mit Diamanten. Sie gehörte bestimmt seiner Frau. Ich kann sie nicht behalten.“
„Eine Kette?“
„Ich muss sie zurückgeben.“
„Warte, warte. Mit echten Diamanten? Ich will sie sehen. Und ab jetzt will ich über jeden deiner Schritte Bescheid wissen. Wann und wo siehst du ihn wieder?”


25 – Schwarz​

Ruben kramte den Fahrradschlüssel aus der Hosentasche und schaute in die dunklen Wolken, die sich immer weiter gen Osten schoben. Er roch den aufziehenden Regen, der ihn bis auf die Haut durchnässen würde und beschloss zurück zur Billardhalle zu eilen.

Sein Blick fiel auf das Fenster von Gerrits kleiner Küche. Er erkannte nur dunkle Schatten. Wahrscheinlich der Koch in seiner schwarzen Kochjacke. Der Gedanke an einen heißen Kaffee und eine Portion Pommes Frites ließ ihn automatisch ein paar Schritte näher ans Fenster treten.
Plötzlich fühlte er sich müde, steif und erschöpft. Es wäre besser, neue Kraft zu tanken, eine Runde Billard mit Koenraad zu spielen und mit ihm über Vater zu sprechen.
Sollte sein Vater tatsächlich eine neue Freundin haben, eine Geliebte? Der Gedanke ließ ihn nicht los. Vielleicht war das ein Grund, warum er mit ihm zum Italiener gehen wollte.
Aber würde er ausgerechnet an dem Ort, an dem ihre Familie so viele gemeinsame Stunden verbracht hatte, eine neue Frau präsentieren? Koenraads Vermutung war einfach nur Quatsch.

Er schaute genauer auf das Küchenfester. In diesem Moment erkannte er es: Die Scheibe war nicht trübe oder vom Wasserdampf beschlagen, wie er vermutet hatte. Es war bloß ein aufs Glas geklebter Sichtschutz. Jahrelang war er an dem Küchenfenster vorbeigegangen und hatte es nie bemerkt. War da noch mehr, was er nicht richtig beachtet oder falsch interpretiert hatte, etwas, das er bei genauem Hinschauen längst hätte erkennen müssen?
Und tatsächlich: hatte er nicht erst vor wenigen Stunden das Gefühl gehabt, irgendetwas in Bloems Zimmer übersehen zu haben? Er musste nur die Augen öffnen. Nachdenken. Eins und eins zusammenzählen. Jede Einzelheit über Bloem war bedeutsam. Womit sie in den letzten Stunden vor ihrem Verschwinden beschäftigt war, wen sie vorher getroffen hatte. Vater hatte ihm darüber nichts sagen können.
Er war sich sicher, das fehlende Puzzleteil beim nächsten Mal zu finden. Er musste sich kontrollieren.

Ruben betrat den Vorraum der Billardhalle und blieb vor den Zigarettenautomaten stehen. Er schloss die Augen und versuchte, sich auf alle Einzelheiten zu konzentrieren. Er vernahm das Klicken der Kugeln, roch den Zigarettenqualm und den süßlichen Duft von Joints. Der dumpfe Bass der Musik schlug ihm in den Magen; von den vorderen Tischen hallte Gelächter herüber.
Ob es möglich war, mit geschlossenen Augen nach hinten bis zu ihrem Platz durchzugehen, ohne irgendwo anzustoßen? Wahrscheinlich schaffte er es, weil er den Weg schon hunderte Male gegangen war und die Geräuschkulisse und Gerüche ihn lenken würden.
Aber hatte er sich auch sonst alles richtig eingeprägt? Kleinigkeiten, die er nur kurze Zeit vorher gesehen hatte? Waren Koenraads Haare heute gegelt, hatte er sich rasiert? Ganz schlichte Fragen. Wirklich?
Er senkte die Lider, bis Finsternis ihn umgab. Doch es waren bloß verschwommene Bilder, die vor seinem Kopf schwebten. Er öffnete die Augen. Ihm war nicht einmal eingefallen, welche Kleidung sein Freund heute trug.

Ruben stellte sich in den Gang, der zu den Toiletten führte. Von dort aus sah er, wie Koenraad sich über den Billardtisch beugte, um die Kugeln mit dem Dreieck anzuordnen. Sein Haar war gegelt, und ihm schmückte ein Dreitagebart; schwarze Kleidung. Schuhe, Jeans, T-Shirt - alles schwarz. Ruben hätte schwören können, er trüge helle Schuhe, seine Destroyed Bluejeans mit den Löchern an den Knien und ein blaues Shirt.
Einen Moment hielt er inne und versuchte sich an die Kleidung in Bloems Schrank zu erinnern, die er sich mehrmals angeschaut hatte. Das Kleid mit dem Blümchenmuster, die farbenfrohen Shirts und Pullis. Es war, als würde er die Kleidungsstücke in den Händen halten. Er stockte, rieb sich über die Stirn. Hatte Bloem nicht auch schwarze Sachen getragen? Schuhe, Hosen, Pullis, Shirts? Was war mit den Mützen, Käppis und Schals? Nachdenklich schaute er auf den Boden und bemerkte erst, dass Koenraad vor ihm stand, als er wieder aufblickte.
„Hast’s dir anders überlegt?“ Genüsslich zog er an seinem Joint.
Ruben schaute ihn von oben nach unten an und flüsterte: „Kein einziges schwarzes Kleidungsstück.“
„Wie? Was meinst du?“, fragte Koenraad und blickte an sich hinunter.
„Das kann doch kein Zufall sein!“
Koenraad trat einen Schritt zurück. „Bist du jetzt auch übergeschnappt?“


26 – Gut versteckt​

Viktoria war zehn Minuten zu spät, als sie das Pannenkoekenhuis erreichte, das direkt am Restaurant angrenzte. Auf Zehenspitzen stehend spähte sie über die bepflanzte Trennwand. Nebenan, vor dem Eingang, stand niemand. Ihr war es recht, dass er drinnen auf sie wartete. So konnte sie ihren Plan noch einmal im Kopf durchgehen.
Suchend blickte sie sich auf der Waalkade um. Ein Pärchen schlenderte Arm in Arm vorbei, weiter hinten führte eine Frau einen Hund aus, von der anderen Seite kamen zwei Jugendliche angeradelt.
Auch der Strand war recht leer, nur wenige Sonnenhungrige genossen die letzten Strahlen der Abendsonne. Ein braungebrannter, junger Mann in Badehose sammelte Liegen ein und stapelte sie vor einem Gerätehaus, an dem Wasserskier angelehnt waren. Aus der Ferne hörte sie das Tuten des Rundfahrtschiffes.
Strand, Wasserski, Boote. In ihrem Magen begann es zu rumoren.

Wo war Maaike? Sie musste doch auf einer der Bänke sitzen. Sie hatte sich zwischen den Laternen, Sonnenschirmen und Papierkörben wirklich gut versteckt, obwohl es ja unsinnig war, schließlich kannten sie und van Houten sich gar nicht. Maaike wusste nur, wie er aussah – es war auch einfach, ihn zu beschreiben.
Viktoria fragte sich, was ihre Freundin genau vorhatte. Wollte sie sich van Houten ansehen, um sich dann zu entscheiden, ob er ein Vergewaltiger oder bloß ein harmloser Alter war? Und was dann? Viktoria musste sich entscheiden, wie es weiterging. Und sie meinte, es endlich geschafft zu haben.
„Keine Sorge, Maaike“, so ihre Worte am Vormittag an der Uni. „Ich gebe alles zurück und dann ist Schluss.“ Es sollte entschlossen klingen, obwohl sie weiterhin zweifelte.
„Hoffentlich auch! Und steig nicht zu ihm ins Auto, Vicky! Lass dich nicht überreden! Auch wenn es draußen wie aus Kübeln pisst!“ Dann hatte sie „Ich hätte die Kette aber schon gerne gesehen“ gesagt, und ihr wurde klar, dass Maaike keine Ruhe geben würde und sie die Kette so schnell wie möglich wieder loswerden müsste. Und am besten auch van Houten.
Doch dürfte sie einen gebrochenen Menschen, der sich ihr mehr und mehr anzuvertrauen schien, einfach so fallen lassen? War es nicht ihre Pflicht, zu helfen?

Sie warf einen letzten Blick in die Handtasche und ging in Gedanken die Worte durch, die sie sich den ganzen Tag über zurechtgelegt hatte. Tut mir leid, Herr van Houten. Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Kette zurückzugeben. Es ist besser, wenn Sie die Erinnerungen aufbewahren.
Oder sollte sie ihn doch lieber Pieter nennen? Nein, van Houten klang nach mehr Abstand. Nein, danke. Ich möchte nichts essen, ich gehe sofort wieder.
Wie dumm. Wäre sie nur früher gekommen, dann hätte sie ihn vor der Tür abfangen können und er würde nicht auf die Idee kommen, ihr etwas zu bestellen.
Ob wir uns wiedersehen? Tut mir wirklich leid, aber das Studium und … Das Studium. So eine billige Ausrede. Als ob das wirklich wichtiger war als - als was eigentlich? Ach ja, die Kleidung. Besser, wenn Sie alles umtauschen.
Die Kleidung. Verdammt! Sie hatte die Tasche daheim vergessen. Warum war sie derart schlecht vorbereitet? Gerade als sie mit dem Gedanken spielte, wieder nach Hause zu fahren, vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht. Soll ich etwa ewig warten? Ich hab noch ‘n Date heute Abend.
Wieder blickte sich Viktoria um. Nichts. Maaike war nirgendwo zu sehen.

Gewiss stand ihre Freundin nicht auf ältere Herren, da sie doch jeden Typen an der Uni um den Finger wickeln konnte. Erst kürzlich musste sie sich wieder ein neues Abenteuer von Maaike anhören, als sie nach dem Baden am Strand mit einem Studenten aus dem Biokurs nach Hause gegangen war.
Die gleiche Maaike saß bestimmt unauffällig im Restaurant an einem günstig gelegenen Tisch, von dem aus sie van Houten anstarrte, während sie auf ihre Pizza Margherita wartete. Nein, nicht der Mann an und für sich interessierte sie.
Hatte Maaike nicht kürzlich erwähnt, sich mit ihren neuen Möbeln verschuldet zu haben? Wünschte sie sich nicht ein eigenes Auto? Sie besaß auch sicher keine Scheu, sich in Bars und Restaurant von spendablen Herren aushalten zu lassen.
War es eine gute Idee, auf ihre Freundin gehört zu haben? Aus der Nähe einen Blick zu werfen war ja okay, aber hoffentlich käme Maaike nicht gleich zum Tisch herübergeeilt. Was für ein Zufall, Vicky. Du hier? Möchtest du mir deine Begleitung nicht vorstellen? Ist der Platz hier noch frei?
Das hatte van Houten nicht verdient. Aber würde Maaike tatsächlich so handeln oder kam da bloß ein Beschützerinstinkt in ihr auf? Jedoch hatte Maaike viel zu oft nach der Kette gefragt und wissen wollen, wie teuer die Klamotten waren. Gestern Abend am Telefon, heute an der Uni. Unentwegt. Als gäbe es nichts anderes mehr. Viktoria hatte ihr den Gefallen aber nicht getan, ihr die Kette zu zeigen, an der van Houtens Erinnerungen hafteten. Erinnerungen, die nur ihm was angingen und die er wiederhaben musste.

Sie wischte sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn, roch die frischen Waffeln und ärgerte sich, vorher nichts gegessen zu haben. Es wurde Zeit, sie musste endlich rüber, Nägel mit Köpfen machen. Sollte sich jemand anderes um den Mann kümmern, ihm ein paar Pflaster auf seine kaputte Seele kleben.
Geradewegs ging sie auf den Eingang des Restaurants zu. Dann wurden sie immer langsamer und blieb schließlich vor dem Glaskasten an der Hauswand stehen, als suche sie sich von der verblichenen Speisekarte etwas aus.
Sie schreckte auf, als das Glöckchen an der Eingangstür bimmelte und ein Junge mit zwei Pizzakartons in der Hand heraustrat. Viktoria schaute ihm hinterher. Eine Zeitlang blickte sie über die menschenleere Terrasse. Die einfachen Stühle und die Tische mit den abwaschbaren Plastiktischdecken erinnerten sie an die Pizzeria, die sie früher mit ihren Eltern besucht hatte. Mutter hatte immer die Nummer 18, Vater die 22 mit viel Knoblauch und extra scharf bestellt, sie selbst einen großen Insalata Mista ohne Peperoni.
Sie verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere. Nein, an ihre Familie durfte sie jetzt nicht denken. Zögerlich blickte sie am Glaskasten vorbei durch die Scheibe des Restaurants. Das Glas war dick und gewölbt, drinnen war es spärlich beleuchtet, kaum etwas erkennbar. Dann bemerkte sie einen Schatten neben sich vorbeihuschen, drehte sich um, aber hörte nur wieder das Glöckchen bimmeln.

Lange genug hatte sie hier gestanden. Was, wenn van Houten sie bemerkt hatte? Sie wollte entschlossen wirken. Letztmalig zog sie sich ihre Bluse straff und spürte dann ihr Handy vibrieren. Sicher wieder Maaike. Was, wenn sie weg musste? Käme sie auch ohne Maaike im Rücken zurecht? Wieso hatte sie dermaßen lange gezögert?
Mit einer Mischung aus Panik und Hoffnung holte sie das Handy hervor und schaute auf das Display. Ich hab mein Date soeben abgesagt. Hier drinnen wartet was viel Besseres auf mich.


27 – Unerwartet​

Ein Geruch aus Pizza, Gegrilltem und Schweiß hing ihr in der Nase. Viktoria schaute sich um. Über der Theke flatterte eine Italien-Flagge im Luftzug des Ventilators, aus den Lautsprechern krächzte Gianna Nanninis Rockstimme. Weiter hinten erhob sich jemand und winkte. Sie erkannte ihn an seinem Anzug. Van Houten war nicht allein.

„Schön, dich zu sehen, Viktoria.“ Er umschloss ihre Hand und lächelte. Seine Stimme klang erleichtert, sanftmütig, und fast vergaß sie, wie sie mit allem gehadert hatte.
„Hallo … hallo Pieter.“
„Ich freue mich“, sagte er und nickte dem jungen Mann zu, der daraufhin zögernd vom Tisch aufstand. „Ik ben Ruben“, sprach dieser mit einer warmen Stimme und reichte ihr die Hand.
Viktoria bemerke, wie er blinzelte und gleichzeitig ein paarmal schluckte. Sie brachte keinen Ton heraus, schüttelte die kräftige Hand, und hätte am liebsten gar nicht mehr losgelassen. Er schien nur unwesentlich älter als sie zu sein, trug ein weißes Hemd und ein graues Sakko zur Blue Jeans, das schulterlange, blonde Haar umrahmte sein sonnengegerbtes Gesicht. Ein buntes Pflaster zierte seine Stirn, das Viktoria an ein Trostpflästerchen für kleine Kinder erinnerte. Stoppeln auf dem Kinn, die seit Tagen wohl keinen Rasierer gesehen hatten. Hitze stieg ihr auf. Eine undefinierbare Hitze, die sogar ihre Kehle trockenlegte. „Warm hier drin“, sagte sie mehr zu sich.
„Man könnte tatsächlich lüften“, sagte van Houten, schritt zur Wand und kippte ein Fenster. „Bitte, setzt euch.“
Viktoria umfasste ihre Handtasche, griff nach der Stuhllehne.
„Bitte nicht dort“, sagte van Houten. „Da … da zieht es zu sehr. Bitte hier.“
Viktoria nahm den anderen Platz ein, und der junge Mann hing sein Sakko über seine Stuhllehne.
Muskulöse Arme kamen zum Vorschein. Unter dem Hemdsärmel blitzte ein kleines Tattoo hervor. Eine bläulich schimmernde Blume.
Viktorias Blick verengte sich. In geschwungener Schrift stand Bloem darunter tätowiert, ähnlich dem Bloom aus dem Niederrheinischen, das ihre Großeltern auf dem Hof sprachen und Blum ausgesprochen wurde. Im Niederländischen das Wort für Blume oder Blüte.
„Ich habe dir immer erzählt, wie wichtig Familie ist“, sagte van Houten. „Und ich dachte mir, du solltest Ruben kennenlernen.“ Er machte eine kleine Pause, die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam. „Er ist mein Sohn.“ Van Houten sprach weiter und blickte dabei abwechselnd Ruben und sie an. „Ich habe Viktoria im Zomer kennengelernt. Sie macht ihren Master of Science auf der Radboud. Psychologie.“ Seine Augen glitzerten vergnügt. „Sie hat mich mehrmals zum Essen begleitet. Spricht übrigens hervorragend Niederländisch für eine Deutsche.“
Viktoria ertappte sich dabei, wie sie am Halstuch herumzupfte. Sie brachte nicht mehr als ein verlegenes Glucksen zustande.
„Ah, du trägst dieses nette Accessoire. Sehr schön.“ Van Houten zeigte auf die Speisekarten. „Möchtet ihr euch schon mal etwas aussuchen?“
Viktoria streifte Ruben mit einem flüchtigen Seitenblick, der sich auf die Unterlippe biss und sich mit der Hand durchs kräftige Haar fuhr. Sie nahm die Handtasche vom Schoß, stellte sie neben sich auf den Boden und rückte mit dem Stuhl näher an den Tisch heran. Für einen Moment schloss sie die Augen. Ihr spukte die Frage im Kopf herum, ob es richtig oder falsch war, das alles zuzulassen.
Sie bemerkte, dass Ruben an der Karte vorbeischielte und spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Ihr Puls begann zu rasen, in den Schläfen pochte es. Für einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke. In seinen müden, traurigen Augen funkelte etwas Unbestimmtes. Es kam ihr vor, als kommunizierte er auf stummer Ebene mit ihr. Sie konnte sich kaum dagegen wehren.
Ganz nah hielt sie die Speisekarte vor die Nase und drückte die Knie zusammen, um das Zittern zu unterbinden. Sie presste die Lippen und fummelte an ihrem Zopf herum. Warum hatte sie kein Make-up aufgelegt?
Keiner sagte etwas. Als schließlich Gianna Nanninis kraftvolle Stimme ausblendete, waren nur das Surren eines Deckenventilators und das Klappern von Besteck zu hören.
Viktoria kam es merkwürdig still vor. Sie fühlte sich wie in einem luftleeren Raum gefangen, spürte nur das pochende Blut im Kopf. Sollte sie Reißaus nehmen? Keine Chance – sie konnte sich kaum von der Stelle rühren.
Ein neues Lied begann mit Trompeten und Gitarren. Adriano Celentanos Reibeisenstimme setzte ein und befreite Viktoria aus ihrer Leere. Sie konnte sich nicht erklären warum, doch auf einmal musste sie an Vaters alte Songtext-Hefte denken, in denen jenes Lied, Azzurro, übersetzt war. Es handelte von Fernweh und Tagträumen sowie der Sehnsucht nach einer fernen Liebschaft, so viel wusste sie noch. Das kitschige Lied, das früher zuhause rauf und runter lief, hatte sie immer genervt. Jetzt kam es ihr so vertraut vor. Etwas Vertrautes, das Halt in einer fremden Umgebung gab. So ähnlich hatte es sich auch angefühlt, als sie Rubens Hand umklammert hatte.
Es ist nur ein Lied! Vergiss nicht, warum du hier bist!
Van Houten räusperte sich. „Obwohl ich so oft hier gewesen bin, muss ich jedes Mal in die Karte schauen. Als ob ich etwas Neues entdecken könnte.“
Viktoria meinte, im flackernden Schein der Kerze einen Hauch von Melancholie in seinen Zügen zu erkennen.
„In diesem Restaurant waren wir früher jeden Freitag mit der Familie. Wir behielten dieses Ritual auch dann bei, als es uns … ähm … finanziell besser ging – nichts gegen diese hervorragende Ambiente hier – ähm … und auch später …“, er schaute auf den freien Platz, „nach dem Tod meiner Frau.“ Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und putzte sich die Nase.
Verstohlen blickte Viktoria auf den gegenüberliegenden Stuhl, auf dem sie sich zunächst setzen wollte.
Unvermittelt knallte Ruben die Karte auf den Tisch. „Vater! Was soll das?“ Sein Niederländisch klang scharf, die Kerzenflamme zuckte.
„Was ist denn? Hast du keinen Hunger?“
„Du weißt, was ich meine!“, erwiderte Ruben.
„Entschuldigung. Wo sind die Toiletten?“ Ohne auf die Antwort zu warten, schnappte Viktoria sich die Handtasche und stand auf.
„Ich bestell dir schon mal eine Flasche Wasser“, sagte van Houten und zeigte über die Schulter.

Im Gang zu den Toiletten blieb sie stehen, lehnte sie sich an die Wand. Ihr fröstelte es. Wieso hatte Pieter seinen Sohn verschwiegen und ausgerechnet jetzt mitgebracht? Was herrschte da für eine nervöse Stimmung zwischen Vater und Sohn? In was war sie da hineingeraten?
„Vicky“, hörte sie eine halblaute Frauenstimme. Es war Maaike, die in den Gang kam. „Vicky, was ist los?“
„Wo bist du? Ich meine, wo warst du? Wo …“
„Ist gut, beruhige dich. Ich sitze drüben in der Nische“, sagte Maaike, deutete hinter sich und umfasste Viktorias Arm. „Was ist passiert? Warum bist du plötzlich aufgesprungen? Wo hast du die Einkaufstasche mit den Klamotten? Die Kette hast du aber bei, oder?“
Viktoria blickte auf ihre Handtasche „Ja, ich …“
„Wer ist der Blonde?“
„Ruben.“
„Ruben wer?“
„Sein Sohn.“
„Oh.“ Maaikes Wangen liefen rot an. „Das ist ja ein Ding.“
„Was … was meinst du?“
„Er war es bei McDonald´s, der mit der Suchmeldung herumlief. Hab ich dir doch von erzählt.“
„Äh …“ Ihre Stimme schwankte. „Ne, hast du nicht.“
„Versteh doch! Es ist seine Schwester, die vermisst wird. Van Houtens Tochter ist verschwunden!“
In Viktorias Kopf begann es zu rattern. Das Nicken war zögernd und mechanisch. Vater, Sohn, Tochter. Vermisst. Bloem - ein Mädchenname! Das bedeutete der Schriftzug!
„Das ist völlig abgefahren. Halt dich da raus, Vicky. Wer weiß, wo du da hineingezogen wirst. Gib dem Alten die Kette zurück und verschwinde.“
„Ich …“
„Ist wirklich alles okay mit dir? Oder soll ich dich besser nach Hause bringen?“
„Ist schon gut. Was soll daran … oder …“, grübelte sie, „du hast vielleicht doch recht. Ich gebe die Kette einfach ab und …“
„Und besorg mir die Nummer von dem Blonden. Oder schreib ihm meine Nummer auf. Sag … sag, deine Freundin bringt die Klamotten zurück.“ Maaike legte den Arm um Viktoria. „Ich sehe doch, wie dich das alles mitnimmt, Süße. Die Sache ist für dich beendet. Basta. Finito. Ich kümmere mich.“


28 – Krümel​

Ruben schaute Viktoria noch hinterher, bis sie aus dem Blickfeld verschwunden war. Sein Herz schlug unregelmäßig; er nahm einen tiefen Atemzug und wischte sich die schweißnassen Hände an der Jeans ab.
Die Zeit war knapp, jeden Moment konnte sie zurückkommen. Er würde anschließend noch mit Vater sprechen können, der sich immer noch hinter der Speisekarte verbarg. Bis dahin würde er den lieben und netten Sohn spielen. Viktoria musste nichts von all seinen Ängsten und Zweifeln mitbekommen.
Im Zomer will Vater Viktoria also kennengelernt haben. Der Mann im Kino hatte dieses Café auch erwähnt. Es war nicht Bloem, die der Mann dort gesehen hatte, das war ihm nun klar.
Der Kellner trat an den Tisch. „Möchten Sie schon Getränke bestellen?“
„Bringen Sie bitte eine Flasche Wasser mit Gas, eine Cola für meinen Sohn und eine Karaffe süßen Rotwein, die Nummer 28.“

„Was hast du dir dabei gedacht?“
„Ich weiß nicht, was du meinst“, antwortete Pieter.
Ruben ballte die Hand zur Faust und schlug sie auf die Tischplatte. „Jetzt schau mich an, wenn ich mit dir rede!“
Behutsam legte Pieter die Speisekarte ab und warf Ruben einen erbosten Blick zu. „Nicht in diesem Ton!“ Er schaute sich um, als schämte er sich für seinen Sohn. „Beruhige dich, mein Junge“, sagte er mit sanfter Stimme. „Sie ist nur eine arme Studentin, die ich zum Essen ausführe und der ich ab und zu was Nettes kaufe. Nichts weiter.“
Ruben stützte sich auf die Ellenbogen und beugte sich vor. „Nichts weiter? Ich hab doch Augen im Kopf!“
„Viktoria ist nett und scheint dir zu gefallen, hm?“ Sein Lächeln drang nicht bis zu den Augen vor. „Ruben, für mich ist es doch auch schwer.“ Dann sprach er leiser weiter. „Da hinten kommt sie wieder. Du tust mir jetzt den Gefallen und zeigst dich von deiner besten Seite. Deiner allerbesten. Und kein Ton vor ihr. Ich erkläre dir später alles. Bitte.“
Ruben lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Was, wenn ich nicht den braven Sohn spiele?“
Für einen Moment fixierte Pieter seinen Sohn. „Ich würde mir das an deiner Stelle genau überlegen.“ Er senkte den Blick und entfernte mit einer fächelnden Handbewegung einige unsichtbare Krümel von der Plastiktischdecke.
Das war typisch Vater. Immer das Unliebsame beiseite schieben. Sollte er doch ruhig meinen, damit durchzukommen. Schlußendlich würde es ihm nicht gelingen.
Das Kerzenlicht flackerte auf, ließ schwarze Schatten über die Wände huschen. Hinten rief ein Gast nach dem Kellner.

29 – Umgepolt​

Nach ein paar Schritten blieb Viktoria stehen und drehte sich zu Maaike um, die immer noch im Toilettengang stand, sich mit dem Finger am Hals entlangfuhr und mit der anderen Hand ein Telefon andeutete. Viktoria straffte ihre Bluse glatt, richtete das Halstuch und strich sich Strähnen aus der Stirn, bevor sie zurück zum Tisch schlich.
Die Kette. Van Houten hatte gesagt, sie gehöre einem ganz lieben Menschen, den er sehr vermisse. Und die Blumen. Am Hutband, auf der Geldklammer; der Kettenanhänger hatte eine Blütenform. Ruben hatte die gleiche Blüte auf dem Arm tätowiert und sogar das Wort Bloem, das Blüte bedeutete und ein Mädchenname war.
Warum kam sie da nicht von allein drauf? Wieso ging sie die ganze Zeit davon aus, van Houtens Verhalten und Trauer bezögen sich auf seine Frau? Welchen Grund besaß er, ihr die ganze Zeit nichts von seiner Tochter erzählt zu haben? Vielleicht wird er es heute, im Beisammensein mit Ruben. Hatte er ihn deshalb so unvermittelt mitgebracht? Jedenfalls schien sein Sohn überrascht von dem Treffen zu sein. Oder von der Frau, die sein Vater ihm vorgestellt hatte. Von ihr …
Im Augenblick drehten sich ihre Gedanken um etwas ganz anderes, das ihre Gedanken durcheinandergebracht hatte. Keine fünf Minuten war es her, als ihre Knie zitterten, ihr ganz heiß wurde, sie zu frösteln begann.
Ruben, durch dessen müde Augen sie meinte, tief in seine Seele blicken zu können. Er hatte bloß seinen Namen gesagt. Allein seine Stimme, sein Aussehen und Auftreten hatte sie sofort auf eine besondere Art emotional aufgewühlt. Ein Gefühl, das sie nicht einzuordnen wusste. Als wäre da etwas tief in ihm, das danach schrie, ergründet zu werden.
Dann hatte Ruben aus heiterem Himmel seinen Vater angefahren, als ob ihm irgendetwas gewaltig nicht passte. Glaubte er etwa, sein Vater hätte eine Beziehung mit ihr? Mit einer viel zu jungen Frau, die seine Tochter sein könnte. Und das nach dem Tod der geliebten Mutter.
So war es doch nicht. Nur ein freundschaftliches Verhältnis. Falls man es überhaupt so nennen konnte. Oder was war es wirklich? Dies musste sie klarstellen, auch für sich selbst. Ruben hatte keinen Grund, seinen Vater zu hassen, oder gar sie zu hassen. Wieder fragte sie sich, in was sie da nur hineingeraten war. Wie würde sie sich fühlen, wenn ihre Schwester verschwunden wäre? Wenn es noch zumindest eine Chance gäbe, dass sie zurückkäme?
Noch immer hatte sie die Kette in der Handtasche. Wie viel lag van Houten an der Kette seiner Tochter – wenn sie denn von Bloem war, wovon sie mehr und mehr ausging.

„Ah, da bist du ja wieder“, sagte van Houten. „Du kannst dir gerne aus der Karte etwas aussuchen.“
Viktoria nickte und stieß beim Hinsetzen mit dem Fuß versehentlich gegen ein Tischbein, die Kerzenflamme schlug kurz hin und her. Der sanfte Schimmer, den sie verbreitete, ließ van Houtens Gesicht entspannter erscheinen und gab ihm den Ausdruck väterlicher Milde. War es Einbildung? Oder gespielt? Hatte er ihr die ganze Zeit nur etwas vorgemacht?
„Gut. So, wo waren wir stehen geblieben?“ Van Houten sprach, als säße er Geschäftspartnern gegenüber, blickte sich im Restaurant um und schaute dann Ruben an. „Erzähl mal ein wenig von dir, bis der Kellner kommt.“
„Was soll das denn jetzt?“
„Das war keine Frage … Bitte!“
Ruben schaute auf seine Hände, die er wie zu einem Gebet gefaltet hatte und begann zögernd: „Ich … ich bin Schiffsmechaniker, war einige Jahre bei der Koninklijke Marine.“ Seine Stimme hatte einen scharfen Akzent, war nicht so geschmeidig wie die von Pieter. Wahrscheinlich hatte er sein Schuldeutsch nicht so oft eingesetzt. „Seit die Reederei die Luken für immer dichtgemacht hat – sagt man das so?“, suchte er nach den richtigen Worten, „brauche ich was Neues. Vater hält mich so lange übers Wasser.“ Er verzog die Mundwinkel und starrte van Houten an, der ihm ein amüsiertes Lächeln schenkte und mehrmals nickte. „Ich wohne vorübergehend bei ihm, bis ich einen festen Job habe.“ Mit sehnsüchtigen Augen deutete er nach Westen. „Die Loft hat einen super Blick auf den Kanaal. Erinnert mich an die große Weite. An die Noordzee.“ Seine Unterlippe begann zu zittern. „An die Vrijheid, äh, Freiheit. An …“
„Ist ja gut, Ruben. Alles gut.“ Van Houten lächelte verlegen und streichelte Ruben über die Hand. Dann schaute er Viktoria an. „Ruben liebt die Seefahrt, das Meer … Ich möchte ihm eine kleine Bootsreparaturwerkstatt einrichten. Tut mir leid, Vicky, dir nicht eher von meinem Sohn erzählt zu haben. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt und … Ich hoffe, du verzeihst mir.“
Dann rief er dem Kellner zu, der auf dem Gang vorbeilief: „Wir möchten gerne bestellen!“

„Ich wollte früher auch studieren, doch es hat nicht gereicht. Wohnst du alleine oder in einer Gemeente? Wie heißt es auf Duits? Wohnengemeinschaft? Und was treibst du abends so?“
„Ruben!“, sagte Pieter, „jetzt frag sie nicht so aus! Außerdem beherrscht sie Niederländisch.“
„Ist gut“, entgegnete Viktoria. Wieder stieg eine undefinierbare Hitze in ihr hoch. Diesmal war sie wohlig, umtobte das Herz, flammte sich über ihren Unterleib, zog bis in die Haarspitzen. „Ich wohne alleine in einem kleinen Appartement oben am Eiermarkt. Neben einem Chinarestaurant. Na ja und abends, wenn die Arbeiten für die Uni erledigt sind, schlaf ich meistens vor dem Fernseher ein, wenn ich nicht zuvor über meinen Büchern eingenickt bin.“
Sie schaute Ruben an, der auf dem Stuhl hin und her rutschte, ein Zucken um seinen Mund.
„Weit nach Deutschland ist es ja nicht. Was machen deine Eltern?“, fragte er.
Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, zögerte einen Moment. „Meine Mutter ist Psychiaterin und mein Vater hat … hatte eine Wassersportschule.“
Wie, als wollte sie ihre ganze Unentschlossenheit mit einem Male von sich stoßen, schlug sie mit der flachen Hand auf den Tisch. „Anderes Thema: Welche Musik magst du? Ich war ewig nicht mehr in einen der Clubs auf der Waalkade oder in der Altstadt!“
Sie war mehr erschrocken als überrascht, wie gelöst sie sich plötzlich fühlte, wie es aus ihr heraussprudelte. Außerdem war sie noch nie in einem der Clubs oder in der Altstadt feiern gewesen. Egal. Sie verzog eine Braue und schaute Ruben fragend an. Reden war immer gut.

Während sich Ruben und Viktoria weiter bei Pizza, Fisch und Salat, sowie Cola und Sprudelwasser angeregt über Studium, Musik, Filme und Altstadt unterhielten – wobei Ruben sich mit allem außer Studium besser auskannte als Viktoria und sie das Thema Eltern und Wassersport aussparte –, verspeiste Pieter van Houten genüsslich seine Spaghetti mit Garnelen und füllte immer wieder sein Weinglas nach. Zwischendurch nickte er zustimmend, trug ein paar warme Worte bei oder lachte mit den beiden gemeinsam.
Viktoria hatte ihn zwischendurch ein paar Mal aus dem Augenwinkel beobachtet. Tatsächlich hatte sie sich von seinem väterlichen Charme angezogen gefühlt. Doch es fiel ihr zunehmend schwieriger, ihn richtig einzuschätzen.Es schien so, als verbarg er sein Gesicht mehr und mehr im Halbdunkel des Kerzenscheins. Sich zurückziehen, bloß der Unterhaltung zweier junger Leute folgen, über Dinge, bei denen er wahrscheinlich nicht so richtig mitreden wollte oder konnte. Seine vermisste Tochter, von der sie nichts wissen konnte, durfte sie hier und jetzt auf keinen Fall von selbst ansprechen.

Als van Houten seine Spaghetti aufgegessen hatte, wischte er sich den Mund ab, erhob er sich, zog sein Jackett aus und hing es über den Stuhl. „Sorry, geh mich mal kurz etwas frisch machen“, sagte er und ging Richtung Toiletten. Schnell wühlte Viktoria in der Handtasche nach einem Kugelschreiber. Hoffentlich liefen ihre Ohren nicht rot an, dachte sie, als sie etwas auf einer Serviette kritzelte.
Ohne einen Blick darauf geworfen zu haben, ließ Ruben sie augenzwinkernd in seiner Hosentasche verschwinden, rechtzeitig, bevor van Houtens Stimme erklang, der auf einmal wieder am Tisch stand und in der Innentasche seines Jacketts wühlte. „Ich habe doch tatsächlich mein Geld vergessen. Wollte ein paar Münzen in die Schale am Waschtisch legen …“


30 – Ich habe mich im Griff​

„Wir haben da hinten geparkt, sollen wir dich mitnehmen?“, fragte van Houten, während er Viktorias Hand umfasste.
„Ich …“, überlegte sie und schaute auf den Bus, der gerade an der Haltestelle zum Stehen kam. „Danke, keine Umstände. Da steht mein Bus. Sind nur ein paar Stationen!“
Flüchtig umarmte sie van Houten und lächelte Ruben an. „Vielen Dank nochmal! Tschüss.“ Dann lief sie über die Straße, stieg ein und sah noch, wie die beiden um die Ecke abbogen.

Der Bus machte ein mahlendes Geräusch, als er losrollte.
Sie setzte sich in die Nähe der Tür und warf noch einen Blick nach hinten. Vor dem Restaurant war Maaike aus ihrer Deckung herausgetreten, gestikulierte nun wild mit den Armen und holte ihr Handy heraus.
Viktoria schaltete das Handy stumm, wies den eingehenden Anruf ab und lehnte sich an die Rückbank. Maaike war ihr im Augenblick egal. „Ich kümmere mich.“ Von wegen. Die Nummer von Ruben wollte sie haben.
Sollte sie ruhig sauer sein. Dieses Gehabe – wo sollte das bei Maaikes berüchtigter Art hinführen, außer in ihr Bett? Von dem, was sie über ihre Beziehungen wusste, waren es eher Affären, nichts Festes. Ruben brauchte etwas anderes, als das warme Bett einer frivolen Frau, die jeden Mann um den Finger wickeln konnte.
Zudem schien es Maaike bloß aufs Geld abgesehen zu haben. Hätte sie doch besser nichts von der wertvollen Kette und Pieters Großzügigkeit erzählt.

Als der Schriftzug volgende stop am Knopf der Haltestange vor ihr aufblinkte, drückte Viktoria rasch darauf.
Sie bekam das Gefühl nicht los, die letzte Zeit mit geschlossenen Augen durch die Gegend gegeistert zu sein. Sie konnte unmöglich nach Hause fahren, bevor sie sich nicht selbst überzeugt hatte.

oOo​

Ruben setzte sich auf den Beifahrerplatz, zog den Gurt enger und schnaufte: „Was hast du dir dabei gedacht, Papa?“
„Ich weiß nicht, was du meinst“, antwortete Pieter und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. „Ich habe heute Abend noch etwas vor …“, grummelte er, „und setze dich kurz zu Hause ab, hm?“
Ruben ballte die auf dem Schoß liegende Hand zur Faust, verkniff den Mund und schaute herüber. „Du weißt, wovon ich rede!“
„Hast du die leere Flasche im Handschuhfach gefunden? Keine Sorge, ich habe mich im Griff“, antwortete Pieter, ohne den Blick von der Straße zu lassen. „Brauche ich nur noch in besonderen Fällen. Ist übrigens ein echt guter, teurer …“
„Darum geht es nicht!“ Ruben schlug mit der Hand auf die Armaturenablage vor sich.
„Beruhige dich, mein Junge“, sprach Pieter sanft weiter, „sonst geht noch der Airbag an.“ Er grinste, als hätte er einen guten Witz gemacht. „Im Ernst: Sie ist eine arme Studentin, die ich mal zum Essen ausführe und der ich ab und zu was Nettes kaufe.“
Ruben schüttelte den Kopf, schluckte. „Ich will nur nicht, dass du dich da in etwas hineinsteigerst. Warum hast du sie mir überhaupt vorgestellt? Was bezweckst du damit?“
„Ich vermisse sie genauso wie du. Ihr Lächeln, ihre Unbekümmertheit, ihre …“
„Halt bitte da vorne an und lass mich raus!“
Pieter steuerte den Straßenrand an, schaltete runter und stoppte den Wagen. „Wo willst du denn jetzt noch hin?“
„Zu den Jungs in die Billardhalle. Vielleicht haben sie was Neues über deine vermisste Tochter gehört. Dir scheint sie ja völlig egal geworden zu sein! Du und dein dämlicher Freund, was tut ihr eigentlich, um Bloem zu finden? Nichts! Stattdessen besorgst du dir eine Neue!“
„Ruben!“
Ruben schnallte sich ab und stieg aus. „Wie willst du mich daran hindern, ihr alles zu erzählen?“, rief er durch die offenstehende Tür. „Schmeiß mich doch raus! Ich kann das leere Haus sowieso nicht mehr länger ertragen!“
Ein dumpfer Knall, als die Tür zuschlug.

Pieter fuhr nicht sofort weiter, sondern sah seinem Sohn hinterher, bis dieser sich schließlich außer Sichtweite wähnte und einen Weg einschlug, der überall hinführte. Bloß keinesfalls zu den Billardhallen.
So hatte Pieter seinen Sohn noch nie erlebt. Er mochte Viktoria tatsächlich. Es war mehr als ein Mögen. Wie sehr er sie mochte, würde Ruben ihm noch früh genug beweisen können.
Zufrieden lächelte er, gab Gas und fädelte sich im Verkehr ein.

Fortsetzung folgt
 
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ahorn

Mitglied
Hallo Franklyn Francis,

runde Sache.


Ein leises Knistern lag erfüllte / flutete / durchflutete in der Luft.

Da war sie wieder – die große ? (Gib es kein passenderes Wort ;) . ) Konzentration, die in der Philharmonie vorherrschte, als er mit Juliana bei der Aufführung von erbarme dich aus der Matthäus-Passion war.
‚als er mit Juliana bei der Aufführung von erbarme dich aus der Matthäus-Passion war‘ ???

Ihr gelang es immer (stets – nict immer ‚immer‘ :) ) , in allem das Schöne zu sehen und es mit Poesie auszudrücken.

Er fühlte, wie das Leben mit seiner Frau und seiner Tochter – den beiden Menschen, die er verloren hatte – in der Zeit stehen blieb.
Wie ‚das Leben mit …‘? Ist es nicht ‚sein‘ Leben?

Er hatte noch nicht mal am Computer nachgeschaut, wie die Kurse standen, in welchen Fällen er schnell (zügig, rasch) kaufen oder verkaufen musste. Die beim Juwelier auf ihn wartenden Millionen machten vieles bedeutungslos.
Die Wohnung hatte er vernachlässigt. Das Putzen, Aufräumen, Saugen und alles andere würde wollte er Ruben übergeben.

Kurz zögerte er, öffnete dann die Bar und KOMMA schüttete sich einen dreifachen Whisky ein.

…, spürte, wie sein Gaumen gekitzelt wurde (wie der Saft seinen Gaumen kitzelte. ;) ) .

…, und genauso fühlte es sich jetzt an. Ganz langsam schluckte er die Flüssigkeit hinunter.

Und schuld an dem, was noch (Es ist ein ‚bestimmtes Kommen‘ kein allgemeines.) käme. Doch es gab weder einen anderen Weg KEIN KOMMA <-- LINK noch ein Zurück.
Er verstaute Kristallglas und Flasche im Barschrank, hob den kleinen (Vergleich bloß in Fällen, in denen es vonnöten ist.) , auf dem Schrank liegenden Papierstapel an und wischte mit einem Taschentuch über das Mahagoniholz. Er stutzte. Ruben legte hier schon mal Werbeprospekte oder andere Beilagen ab, wenn er sich Zeitungen aus dem Arbeitszimmer schnappte. Doch das Papier in seiner Hand war viel dicker stärker (Papierstärke) , steifer und nur einseitig bedruckt.
Er drehte es um. Schwarze, fette Lettern und ein großes (blattfüllendes), farbiges Foto sprangen ihm ins Auge.
Wie leicht kannst du das springende Foto anders in sein Auge befördern?

Am Montag, direkt nach seiner Rückkehr vom Juwelier im Einkaufscenter, hatte er zunächst noch (Im Kontext ‚noch‘ ohne ‚dann‘) überlegt, die Prozedur abzukürzen und den Geldschrank sofort zu öffnen.

Er kaute auf an ;) den Nägeln, …

Kleine (Zeige mir ein ‚großes‘ Detail?) Details waren wichtig.
Er prustete, schüttelte den Kopf und schritt (die Knie weich – es sei denn, er robbt auf allen vieren.) mit weichen Knien zum Tresor.


Liebe Grüße
Ahorn
 

ahorn

Mitglied
Hallo Franklyn Francis,

extrem blutiges Kapitel.


Ein quietschender Laut Quietschen (Quietschen ist ein Laut. ) durchschnitt die Ruhe, als Ruben die verrostete Metalltür öffnete. Erschöpft schob (Erschöpft schob er?) er das Rad in den Flur, lehnte es an die Wand und rastete das Speichenschloss ein.
Einige Zeit lang hielt er den Fahrradschlüssel in der Hand (Hand wo sonst? Kannst du streichen. ) und strich mit dem Daumen über den kleinen Stoffanhänger …

…, als er an heute Mittag denken musste dachte . Wie fremdgesteuert war er zum wiederholten Mal zum Loft hinaufgeeilt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, und hatte sich in Bloems Zimmer umgeschaut.
Alle Bücher, Fotoalben, DVDs und Schulsachen nahm er in die Hand (ergriff er) . Öffnete ihre Schränke und Schubläden, schaute noch genauer als zuvor in Taschen und Kartons. Unter dem Bett, hinter den Schränken, in jeder m noch so kleinen Spalte. Er fand nichts, was ihm weiterhelfen konnte weiterhalf .
Außer der Kette, die er ihr geschenkt hatte, fehlte nicht viel. Soweit er das beurteilen konnte, hatte sie weder Kosmetik , (Weder-noch ohne Komma) noch Bürste oder Handtasche mitgenommen.

Im Arbeitszimmer brannte schwaches Licht (Abgedroschene Phrase, wie brennt schwaches Licht). Vaters Schreibtischlampe.

Wie weit er wohl schon mit seinen Nachforschungen war? Vater war verbittert, wortkarg, wich aus. Heute wird Ruben es erneut versuchen.

Sehnsüchtig blickte er auf das stille Wasser und die verfallenen Gebäude rund um den Kanal.
Hoppla. Stilles Wasser rund um den Kanal? Ist das Wasser nicht im Kanal?

Das Einzige, was die Stadt in den letzten Jahren durch die Stadt hier erneuert wurde erneuert hatte

Das Wasser im Kanal war hier besonders tief (Das mit dem ‚tiefen Wasser‘ hatten wir bereits. Der Kanal war tief.) , außerdem waren an der Innenseite Stufen für das Anlegen der Boote eingelassen (Kanalmauer, Stufen eingelassen? Sind das nicht eher Metallbügell?) , auf die seine kleine Schwester damals hätte kopfüber aufschlagen können.

Schnell nacheinander warf er weitere (Weitere in dem Zusammenhang ‚missdeutig‘, da er die ersten gen Baustelle geworfen hat) Kiesel über die Wasseroberfläche.

…, beobachtete die in der abendlichen Brise wehende Windfahne weiter hinten des Kais und fixierte einen imaginären Punkt auf dem Wasser.

Er legte die geschlossene Hand aufs Herz (Nachdem er seinen Brustkorb geöffnet hatte – man wie blutrünstig. ) den Handrücken zum Wasser gerichtet an seine rechte Brust . Hielt die Luft an, zog den Ellenbogen etwas hoch hob den Ellenbogen hinauf und stieß die Hand schlagartig wie ein Katapult nach vorn e weg (Es sei denn, er hat dermaßen viel Schwung, dass die Hand am Stein bleibt. Erneut blutrünstig. ) .
Achtmal hüpfte der Stein auf (Auftitschen, das geht. Wäre jedoch Umgangssprache.) .

Er drehte sich um, trat Kieselsteine beiseite und öffnete die Metalltür.
Ist die Tür zugefallen? Geschlossen hat er sie zumindest nicht.

Irgendwelche Hinweise musste er doch finden. Er musste nur besser gründlicher suchen.


Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Ahorn,

Danke fürs Lesen und Kommentieren.
Habe die Korrekturen durchgeführt.

Quietschen ist ein Laut.
Ja, danke!

Abgedroschene Phrase, wie brennt schwaches Licht
Stimmt.

Weitere in dem Zusammenhang ‚missdeutig‘, da er die ersten gen Baustelle geworfen hat
Sehr aufmerksam.

Auftitschen, das geht. Wäre jedoch Umgangssprache.
Gefällt mir, habe ich genommen.

Ist die Tür zugefallen? Geschlossen hat er sie zumindest nicht.
Er hatte die Tür zuvor wieder leise geschlossen.

Danke für die super Hinweise.

Schönen Abend und liebe Grüße,
Franklyn
 
Hallo Franklyn,

bin auch noch da, aber Ahorn war immer schneller ... ;)

Pieter legte einen Arm über Rubens Schulter und schaute ihm in die Augen.

Ahorn findet garantiert auch noch ein paar Erbsen ...;)

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,

wenn du Langeweile hast, Begegnungen in Südamerika von Context ist eine sehr vielversprechende Geschichte. So mal etwas anderes. Ansonsten wäre ich froh zurzeit mehr Zeit zu haben, aber mein Garten lockt. :D

Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Ahorn,

Langeweile? Nie! Auch mein Garten verlangt nach Aufmerksamkeit. Durch den Regen in den letzten Tagen ist das Unkraut wieder geradezu hochgeschossen.
Außerdem muss ich die aufgenommenen Platten (30x30) neu verlegen. Die Abwasserleitung ist jetzt wieder in Ordnung.

Du weißt doch, dass ich ein Langsamleser bin. Da habe ich echt nicht so viel Zeit. Habe genug eigene Produktionen, die ich bearbeiten muss.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 
Hallo Franklyn,

klar, es ist schon etwas voller geworden, aber die Probleme liegen ganz woanders. Würde jetzt zu weit führen ...

Deine Geschichte entwickelt sich. Bin schon sehr gespannt, ob Bloem tatsächlich wieder auftaucht.

Auch Dir einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

ahorn

Mitglied
Hallo Franklyn Francis,

schön und informativ erzählt.


Nicht nur im kalten (Frostig / eisig ) Tresor lag etwas verschlossen KOMMA auch in ihm war die Qual weggesperrt, fraß an ihm, zerkratzte die Gedärme und riss an den Eingeweiden.
‘Die‘ Qual? Gibt es eine ganz bestimmte? Was hat der kalte Tresor mit dieser Qual zu schaffen? Ich kann es mir zwar vorstellen, allerdings würde ich präziser analysieren.

Wie im Film lief die immer gleiche Szene der sternenklaren Nacht von Venlo vor seinen Augen ab.
Im Film läuft immer die gleiche Szene ab? Flog er übers Kuckucksnest?
Die immer gleiche Szene der sternenklaren Nacht von Venlo lief wie in einem Film vor seinen Augen ab.



Eine Weile stand er noch am Tresor gelehnt (Spielt es eine entschiedene Rolle, dass er sich anlehnt? Wenn ja, ist das ‚noch‘ fehl am Platz, da du zuvor nicht geschrieben hast, dass er sich anlehnt.) , drehte sich dann letztmalig (Wie oft hat er sich bereits gedreht?) zur Zimmertür um.

Das höchste Gut im (in seinem) Leben.
Heute hatte er (überhaupt) die Tür (‚oder hier‘ überhaupt) erst zum zweiten Male überhaupt ( nicht hier ) abgeschlossen. Das erste Mal war es, als er mit dem Schmuck vom Juwelier (Woher sonst? Meinst du nicht eher Bruch?) und Bloems Habseligkeiten heimgekehrt war KOMMA obwohl er wusste, dass außer ihm niemand im Haus war.

„Papa, was wollten die von dir?“, fragte Bloem mit wachsamen Augen (Bitte? Sie fragt mit wachsamen ...), als er aus dem Zimmer gekommen war.

Doch dann wurde sein Kompagnon Frans kurz vor der Fahrt nach Venlo hochgenommen und es gab keine Alternative mehr.
Wer erzählt das und wem? Bis hier ist der Text in erlebter Rede gehalten. Soll es eine Erklärung des Erzählers sein?

Das verdiente Bloem nicht! Wenn alles vorbei ist (Falsche Zeit! Das ‚jetzt‘ hat wohl dein Zeitgefühl verwirrt? :cool:) , ...

Er umfasste das Zahlenschloss, drehte es mehrmals. Vergebens.
Was glaubt er, was passiert, wenn er ein Zahlenschloss dreht?
Seine Augen flackerten unruhig, er fasste sich an die Stirn.
Der Gegensatz zu ‚unruhig‘ ist ‚ruhig‘. ‚Ruhiges Flackern gleich pulsieren, lodern ... daher lass vom ‚unruhig‘ ab. ;)

Ihm fiel ein, dass er noch (Was hat er ‚noch‘ alles getan? Der Leser will es wissen oder streiche das ‚noch‘) in jener Nacht nach seiner Rückkehr die Kombination geändert hatte. D
..., unversteuertes Geld (Ist das wichtig?) , ...

..., dass der Geruch noch so intensiv war, so (Ein ‚so‘ gegen ‚derart‘ tauschen.) stark an ihren Sachen haften würde. Es war, als stünde Bloem direkt vor ihm, wühlte mit den Händen durch ihre Haare, würfe die Locken schwungvoll über den Nacken und gäbe dabei diesen eindringlichen, blumigen Duft frei.
Die Locke? Hat sie nur eine? Ist es ein ganz bestimmt, eine Auszeichnung, ein Orden?
Das Gesicht leicht (Was wäre schwer abgewandt? Wenn räumlich, dann ‚sacht‘) abgewandt hielt er mit einer Hand den Beutel auf und durchsuchte mit der anderen vorsichtig den Inhalt.
Dann beeilte er sich, als ein quietschendes Geräusch (Quietschen genügt ;). Hatten wir, glaube ich bereits :) ) von unten die Stille jäh (Jäh – Super :). Kommt in meinen Sack: ‚zu selten verwendet‘. ) durchtrennte.

Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Ahorn,

vielen Dank für deinen Kommentar mit den vielen Hinweisen und Vorschlägen.

schön und informativ erzählt.
Danke.

Die Locke? Hat sie nur eine?
Aber da steht doch "Locken" ...

Nicht nur im kalten (Frostig / eisig ) Tresor lag etwas verschlossen KOMMA auch in ihm war die Qual weggesperrt, fraß an ihm, zerkratzte die Gedärme und riss an den Eingeweiden.
‘Die‘ Qual? Gibt es eine ganz bestimmte? Was hat der kalte Tresor mit dieser Qual zu schaffen? Ich kann es mir zwar vorstellen, allerdings würde ich präziser analysieren.
Habe das ein wenig geändert. Zufrieden bin ich noch nicht damit.

Deine Hinweise waren wie immer wertvoll. Habe ich gerne übernommen.

Wünsche dir einen tollen Abend.
Liebe Grüße, Franklyn
 
Hallo Franklyn,

wie immer kurz und knapp:

Verdutzt sah sie ihm verdutzt hinterher ...
Fragen, die sie ihm hätte stellen müssen.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 



 
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